Wie du

„Ich wäre gern wie du.“, sagte ich leise zu dem Elefanten, der sich nahezu lautlos an mich heranschlich. Doch meine Ohren sind groß, und ich bemerke viel. Der Elefant stank ein wenig, nicht viel, nur ein bisschen. Er hatte sich sogar gewaschen, bevor er hier eingedrungen war. Doch meine Nase ist lang, und ich bemerke viel.

„Ich wäre gerne wie du.“, sagte ich leise zu dem Elefanten, der mich verwundert anschaute.

„Du … du bist wach?“, frage er mich, und ich konnte fast fühlen, wie er erbleichte. Der Speer in seiner Hand fiel zu Boden, und ungeschickt hob er ihn wieder auf. Hielt die steinerne Spitze in meine Richtung.

„Du wolltest mich töten.“, stellte ich fest, sachlich, ruhig, wie es meine Art ist. „Im Schlaf.“
Der Elefant nickte betreten.
„Du wolltest mich töten!“ wiederholte ich und erhob mich langsam. „Mich – eine Tonne Muskeln und Fleisch. Mich – mit stärksten Zähnen bewaffnet! Mich – der dich mit einem Schwenk seines Schädels zerschmettern, mit einem Fuß zertreten könnte!“
Der Elefant nickt erneut.

„Und du bist allein.“, stellte ich fest, doch hatte mich bereits beruhigt. „Allein. Nur mit einem lächerlichen Holzstab bewaffnet.“
Der Elefant nickte wieder, dieses Mal jedoch energisch, fast kraftvoll.

„Ich muss essen.“, sagte er, und ich spürte, wie seine Stimme mit jeder Stimme an Stärke gewann. „Ich muss mich ernähren, muss meine Familie ernähren, muss meine Horde ernähren. Wir alle müssen essen.“
Er hob den Speer.
„Ich war bereit, dich zu töten, und bin es immer noch!“
„Ich weiß.“, sagte ich leise. „Und deshalb wäre ich gern wie du.“

Der Elefant hob den Kopf, schaute mir in die Augen und wartete darauf, dass ich fortfuhr. Er hat seine Angst überwunden, spürte ich. Jeder Muskel in seinem Leib war angespannt. Der Speer zeigte in meine Richtung, und zum ersten Mal begriff ich, dass er mir damit tätsächlich Wunden zufügen könnte. Und würde.

Ich war ein Koloss, ein König unter meinesgleichen, ein Gott für jene, die hier lebten. Ich ließ den Boden zittern, konnte Fels zermalmen. Sich mir entgegenzustellen, bedeutete den Tod. Und doch wagte es der Elefant, und doch stand er hier, bewaffnet mit Mut und Speer, und wartete auf meine Worte. Auf meine Entscheidung.

„Ich bewundere dich.“, sagte ich. „Bewundere den Funken, der dir innewohnt, bewundere den Willen, der dich vorantreibt, die unbändige Kraft deines Geistes. Du bist dumm und klug zugleich, bei aller Schwäche stark, ein wandelnder Widerspruch, ein Faszinosum der Schöpfung.“
Ich sah ihn an. Er begann zu verstehen.

„Ich überrage Bäume.“, fuhr ich fort. „Es ist leicht, mächtig zu sein, wenn man Bäume überragt. Wenn niemanden einen aufhalten kann. Wenn man Steine tragen und die Welt mit lautem Ruf erschüttern kann. Wenn niemand den eigenen Frieden zu stören wagt. Es ist leicht.“

Der Elefant flüsterte nun. Es klang wie ein Gebet, wie ein Mantra, ein immer wieder ausgestoßenes „Nein! Nein! Nein!“

Ich lächelte, und meine Worte waren voller Liebe.
„Du bist anders. Anders als wir alle. Du und deinesgleichen.“
„Bitte nicht.“, flüsterte der Elefant, und seine Augen waren schreckensgeweitet.

„Ich bewundere dich. Bewundere euch. Wäre gerne wie du. Wünschte, wir alle wären so wir ihr!“
Ich brüllte nun; meine Worte waren ein oOkan, fegten sich über die Steppe und ließen die Nacht verstummen.
„Und so sei es!“, posaunte ich heraus, und meine Stimme ballte sich zu einem Fluch.
„Nein!“, schrie der Elefant ein letztes Mal, hob schützend seine Hände vor das entsetzte Gesicht.
„So sei es!“, rief ich, und Donnerschläge stürzten vom Himmel herab, alle Wirklichkeit zu vernichten.

Als der Elefant erwachte, hatte sich die Welt weitergedreht. Sein Leib war nun der meine, sein Denken, sein Fühlen. Ein grauer Klotz mit langer Nase und riesigen Ohren. Ein faltiges Ungetüm, dem sich niemand entgegenzustellen wagte. Die Stoßzähne ragten furchteinflößend aus seinem Maul heraus, doch ich hatte alle Angst längst hinter mich gelassen.

Der Speer lag in meiner Hand, als wäre er dort geboren worden.
Ich hatte Hunger.

Das Kaninchenchen

Und dann sah ich den Hasen wieder.

Kein Hase, natürlich, Hasen gibt es hier selten. Wohl ein Kaninchen, und noch nicht einmal ein großes. Ein Kaninchenchen vielleicht.

Ich bewunderte es um seine Ruhe, seine Unbekümmertheit. Zwei, drei Hopser auf der Wiese, ein kurzes Innehalten, um desinteressiert das Grün zu beschnuppern, ein weiterer Hopser, und dann war es verschwunden.
Nicht wirklich, doch ein grauer Klotz verdeckte meine Sicht. Ich mochte ihn nicht, den Klotz, und seine einzige Funktion schien daraus zu bestehen, mir die Sicht auf das Kaninchenchen zu nehmen, es wie von Geisterhand erscheinen und verschwinden zu lassen. Der graue Klotz war ein magischer Hut. Sozusagen.

Und vielleicht stimmte es ja, vielleicht sollte der Klotz den ganzen Tag nichts weiter tun, als mir und meinen Kollegen das Draußen zu verhässlichen. Dies war schließlich ein Büro, kein Aussichtspunkt. Ich schmunzelte. Ein Kaninchenchen hatte man nicht berücksichtigt, nicht sein flauschiges Fell, nicht seine sich plötzlich aufrichtenden Ohren, nicht sein sporadisches Erscheinen und Verschwinden.

Ich hatte versucht, es zu füttern, hatte ihm Mohrrüben und teure Joghurtdropse aus der Tierfachhandlung hingelegt. Vielleicht, um es an mich zu gewöhnen. Vielleicht nur, um es häufiger zu sehen. Doch es wollte nicht, hatte mein Angebot verschmäht, und ich musste mich mit der Frage konfrontieren lassen, warum ich draußen Nahrungsmittel verstreute.

Dann eben nicht, hatte ich gedacht, und mich wieder vor den Rechner gesetzt, am Bildschirm vorbei auf den grauen Klotz gestarrt, der mich zu verhöhnen schien. Mistkerl.

Wochenlang hatte das Kaninchenchen sich nicht blicken lassen, als wollte es ein Zeichen setzen, als wollte es seine Unzähmbarkeit beweisen. Ich hatte verstanden, doch es kam nicht.

„Du musst doch was essen.“, hatte ich gemurmelt und im Geiste auf die Wiese gedeutet. Das war kein Gras, sondern Schnittlauch. Angeblich sei das pflegeleichter, hatte der Gärtner gesagt, und jedesmal, wenn er mit dem Rasenmäher vorbeikam, roch die ganze Firma nach Schnittlauch.
„Du kannst dich dich doch nicht nur von Schnittlauch ernähren.“, hatte ich gemurmelt und mir selber einen Halm abeknickt. Schmeckte gar nicht schlecht. Trotzdem.

Irgendwann, nach Tagen, hatte ich mich gefragt, ob es überhaupt existiert hatte, ob meine Sinne mir nur einen üblen Streich gespielt hatten, ob alles nur beginnender oder gar fortschreitender Wahnsinn war. Ich wusste es nicht mehr.

Und dann sah ich den Hasen wieder.

Kein Hase, natürlich, ein Kaninchen, ein Kaninchenchen, aber dennoch elegant, ungefangen, ungezähmt – wie ein Hase. Kein guter Vergleich, ich weiß. Adler wäre besser gewesen, doch Adler fressen kleine Nagetiere, und daran wollte ich erst gar nicht denken.

Ich sah es, und mein Herz hüpfte im Kaninchenchentakt. Da war es wieder! Mein Kaninchenchen!

Es hoppelte von dannen, hinter den grauen Klotz. ‚Zurecht‘, dachte ich beschämt. ‚Das Kaninchen gehört allein sich selber.‘ Und als hätte es meine Gedanken gelesen, kam es kurz zurück, hob den Kopf, streckte Ohren gespannt in die Höhe – und hopste wieder fort.

Ich schmunzelte. Dankte leise.
„Was grinst du denn so?“, fragte mein Kollege, und mein Schmunzeln verkroch sich nach innen.
„Nichts.“, sagte ich, schaute wieder auf den Bildschirm.

Als das Kaninchenchen das nächste Mal erschien, stahl sich jedoch erneut ein breites Lächeln auf mein Gesicht. Vorsichtig lugte es hinter dem grauen Klotz hervor. ‚Ich tu dir nichts.‘, dachte ich besänftigend, doch das Kaninchenchen blieb, wo es war. ‚Ich werde dich nicht verraten.‘, schwor ich. Das Kaninchenchen zögerte, doch dann hoppelte es heraus. Sonnenstrahlen wärmten sein Fell, es fand einen Grashalm, der sich zwischen den Schnittlauch verirrt hatte, und knabberte genüsslich.

Mein Lächeln blieb, und selbst, als das Kaninchenchen sich gemächlich wieder aus meinem Sichtbereich entfernt hatte, schien es nicht möglich, meine Mundwinkel in Normalposition zurückkehren zu lassen. Warum denn auch? Ich glühte innerlich vor Freude über dieses unscheinbare Wesen, das mich derart zu erfreuen wusste, gleißte förmlich im Angesicht meines klitzekleinen Geheimnisses, das ich – so wusste ich nun – mit niemandem teilen würde.

Und wem sollte ich es auch erzählen? Wir befanden uns im Dachgeschoss, in der vierzehnten Etage eines Bürogebäudes. Wer sollte mir da glauben, dass auf der Terrasse, jenseits der Schnittlauchbüschel, ein Hase lebte, der eigentlich ein unzähmbares Kaninchenchen war?

„Du grinst ja schon wieder.“, meinte mein Kollege, und ich zuckte mit den Schultern. Lächelnd.

A B C

„A B C, die Katze lief im Schnee. „, sang Peter, während er begeistert durch das weiße Rieseln wanderte. Und tatsächlich, dort huschte eine Katze vorbei, sprang von der Mauer auf den Fußweg und lief, ohne zu zögern, als ob sie Peters Liedchen verstanden hätte, in den Schnee hinein.

Schwarz war sie, kohlrabenschwarz, und Peter kicherte leise, als der schwarze Klecks, der die Katze war, immer tiefer in das weiche Weiß vordrang.

„Und als sie wieder raus kam…“, sang Peter weiter, und siehe da, die Katze drehte zu erst ihren Kopf, dann ihren ganzen Körper um und lief auf Peter zu. ‚Sie hält etwas im Mund.‘, stellte Peter fest, ‚Einen Strick vielleicht…‘

Vergnügt setzte er sein Lied fort: „…da hat sie weiße Stiefel an.“

Die Katze kam aus dem Schnee, und ihre schwarzen Pfötzchen waren ganz weiß. Peter kicherte, doch verstummte schnell wieder. Die Katze war weitergelaufen und zog etwas hinter sich her.
„Hey, das sind doch meine Winterstiefel!“, rief Peter. „Wo hast du denn die her?“

Die Katze rannte los, die weißen Stiefel hinter sich herziehend. Peter zögerte nicht lange und rannte hinterdrein. Doch die Katze war schnell, viel schneller als Peter, und selbst das zusätzliche Stiefelgewicht schien sie nicht merklich zu bremsen.

Dann war sie weg, und Peter hielt keuchend inne.
„Gib sie wieder her!“, rief er, ohne zu bemerken, dass er gerade ein weiteres Kinderlied zitierte.

Der Papagei

„Ich bin müde.“, sagte ich.
„Ich bin müde.“, krächzte der Papagei.
„Ich bin tatsächlich ziemlich müde.“, sagte ich und gähnte ausgiebig.
„Ich bin tatsächlich ziemlich müde.“, krächzte der Papagei und gähnte ausgiebig.
„Papageien können überhaupt nicht gähnen!“, beschwerte ich mich.
„Ich weiß.“, krächzte der Papagei grinsend.
„Ich weiß.“, sagte ich grinsend.
„Arschloch.“, krächzte der Papagei.

apfel

kacke, dass ich das vergaß:
mein apfel liegt doch noch im gras!
am morgen, als ich das begreif
sind gras und apfel schon voll reif.

Der Terrier

‚Alles wird gut.‘, dachte ich gerade, als der Terrier mich anfiel. ‚Anfiel‘ in wahrsten Wortsinn, denn er stürzte vom einem Baum hinab, direkt auf meinen Schädel. „Ich bin eine Zecke!“, bellte er vergnügt, doch weil Hundegebelltranslation nun einmal nicht zu meinen Fachgebieten gehört, verstand ich ihn nicht. Da die Temperaturen aber schon vor Tagen die große runde Schmelznull zurückgelassen hatten und sich nun mit einem dicken Minuszeichen vergnügten, fühlte sich der mich anfallende Terrier auf meinem Kopf sofort richtig an, fast, als hätte er dort seit jeher hingepasst: Mein schütter werdendes Haupthaar wurde nicht nur schützend verdeckt, sondern durch krauses, aber gut gepflegtes und vor allem dichtes Terrierhaar ersetzt; die Wärme des Hundeleibes bewahrte, falls er seine Beine im richtigen Winkel ausstreckte, meine lauschende Extremitäten vor potentiellem Frösteln; und die gute Laune, die das bis eben noch fallende Tier schwanzwedelnd mitbrachte, war nahezu ansteckend.

Ich bin ein Regenfreund, und so störte ich mich nicht am gelegentlichen Träufeln aus dem vorderen oder hinteren Ende der neugewonnenen Mütze, und wenn seine Beine im richtigen Winkel verblieben und mir flauschige Ruhe schenkten, war auch das hin und wieder auftretende Gekläff keine allzu immense Unfreude. Schließlich verhielt sich der Terrier meistens ruhig, verweilte stoisch auf meinem Kopf, als gelte es, der Welt mit besonnener Gelassenheit entgegenzublicken. „Ich bin eine Zecke!“, bellte er hin und wieder erfreut zu mir herab, und ich wünschte mir stets erneut, ihn endlich verstehen zu können.

Als der Winter von dannen floh und wir vergnügt dem blauen Band des Frühling nachjagten, fragte ich ihn, wie es mit uns weitergehen sollte. „Wie soll es denn mit uns weitergehen?“, fragte ich ihn, doch er bellte nur. Ich nahm es ihm nicht übel, denn Bellen war etwas, das Hunde gut können, und besäße ich eine Fähigkeit, die ich zu derartiger Perfektion vorangetrieben hätte, setzte ich sie sicherlich auch bei jeder Gelegenheit ein. „Wie soll es denn mit uns weitergehen?“, fragte ich ihn, und er bellte erneut. Lächelnd streichelte ich sein mittelgescheiteltes Fell, das ich seit ein paar Tagen als moderne Neufrisur trug.

Der Sommer kam und brachte Hitze mit, anderthalb Eimer für jeden von uns. „So geht das nicht weiter.“, sagte ich zu meiner Kopfbedeckung, während sich Schweißperlen auf meiner Stirn sammelten und allmählich mit dem Toten Meer konkurrierten. „Mir ist warm!“ Der Terrier schwieg, doch das Schweigen klang, als dächte er nach. Dann bellte er kurz „Ich bin eine Zecke!“ und schwieg erneut.

„Du hast recht!“, rief ich, obwohl ich kein einziges Wort begriffen hatte. „Du hast ja so recht!“ Ich rannte los, denn meine Genialität lechzte nach sofortiger Umsetzung. „Mir ist warm, im Schatten jedoch ist es kühl.“, erklärte ich schnaufend dem interessiert zuhörenden Hund. „Also brauche ich Schatten!“
Der Terrier stimmte mir zu: „Ich bin eine Zecke!“, und ich fuhr fort: „Was liegt also näher, als der Gedanke, dass ich mir eine Mütze besorge, eine Kopfbedeckung für meine Kopfbedeckung sozusagen?!“ Ich war begeistert von meiner Idee, rannte weiter und freute mich vor.

‚Alles wird gut.‘, dachte ich noch, als mich plötzlich das Zebra anfiel. ‚Anfiel‘ in wahrsten Wortsinn, denn es stürzte vom einem Baum hinab, direkt auf meinen Schädel. Beziehungsweise direkt auf den Terrier, der sich kurz wunderte, dann euphorisch kläffte und den neuen Gefährten freundlich willkommen hieß. „Eine lebendige Mütze!“, jubelte ich und ergänzte die beiden schon vorhandenen Grinsen um mein eigenes.

„Ich bin eine Zecke!“, wieherte das Zebra, doch niemand verstand es.

Ich erinnere mich

Und dann die Erinnerung. Daran, dass wir dir alles durchgehen ließen, damals, als du endlich genesen warst, als du dich befreit hattest. Wir trauten uns selber nicht, trauten nicht deiner Stärke und hofften doch. Verzweifelt und erleichtert flüchteten wir in den einzig verbliebenen Weg: Die Hoffnung, dass es gelungen war, ein kleines Allesistgut heraufzubeschwören, darauf, dass Angst und Heimlichkeiten, dass Lügen und Sorgen weniger werden, dass wir nicht länger an dir vorbeisehen, darauf, dass nicht länger Trauer und Mitleid unsere Blicke füllen würden.

Ich erinnere mich. Wie wir Schach spielten. Wie ich dich mehrfach besiegte, aber im Augenblick des Verlierens deine überwältigende Begeisterung zu tragen bereit war. Wie ich plötzlich, mittendrin, begriff, erkannte, wie wach dein Geist stets gewesen war, welche Intelligenz in dir schlummerte, wieviel Witz und Wissen all die Jahre unter tumbem Nebel begraben gewesen war. Ich hatte mich an dich gewöhnt, an dein Siechen, den physischen Abstieg, der den psychischen mit sich zog, an den Teufelskreis, den zu brechen wir niemals ernsthaft versucht hatten. Ich hatte dich eines Tages in dein Bett getragen, ich, schmächtig, muskelarm, dich, ein Vorbild, Hort meines Respekts, und etwas war in mir zerbrochen. Etwas, vielleicht alles.

Doch ich erinnere mich an den Funken. Daran, dass ich ihn bemerkte, dass er mich jäh überraschte und mich fassungslosem Staunen aussetzte. Daran, dass ich einen Augenblick lang begriff, wer du gewesen warst, wer du hättest sein können, was du im Nebel verlorst. Und wie gerne ich es dir gesagt hätte, wie gerne ich meine Freude, meine Begeisterung über deine Rückkehr, über dein Auftauchen, in Worte gepresst und sie dir überreicht hätte. Doch ich konnte nicht, wagte es nicht, zu groß war mein Respekt vor dir, deinem Handeln, zu riesig die Furcht vor deiner Zerbrechlichkeit, vor einer Änderung des plötzlich Bestehenden.

Wir ließen dich gewähren. Warum sollten wir nicht? Was schadete schon Schokolade in Anbetracht der bereits erfahrenen Schäden, in Anbetracht der Spuren, die Vergangenheit und Nebel auf dir hinterlassen hatten? Froh waren wir, entdeckten wir Begeisterung in deinen Augen, und nur zu gerne folgten wir ihr, war sie auch noch so unnütz und unsinnig. Begeisterung hieß Leben. Leben hieß Rückkehr. Zu uns. In die Wirklichkeit. Kauf doch Musik, die du nie zuvor hörtest, kauf doch eine Wohnzimmeruhr, die niemanden außer dich wirklich interessierte, kauf doch. Denn jeder Erwerb war ein Stück Echtheit, das du dir suchtest, ein Stück Dasein, das dir gehörte, das du umklammern konntest, falls irgendwann nichts mehr verblieb, das dir noch Halt gab.

Wir versuchten es, versuchten Halt zu sein, Antrieb und Begegnung, doch wir versagten, scheiterten an dir, der du dich noch immer verschlossen zeigtest, noch immer nicht imstande schien, sein Befinden zu offenbaren. Hin und wieder entsprang dir jener begeisterte Funke, der von uns gierig aufgesogen, gewürdigt, wurde, doch war er nur winziger Teil deiner Selbst, das uns wohl ewig ein Rätsel bleiben wird. Ich versuchte, zaghaft nur, dich zur Öffnung zu bewegen, dich mit Interessen zu benetzen, dir das Gefühl zu schenken, in dieser Welt noch immer, nach all den Jahren, willkommen zu sein, versuchte, dich inmitten des weichenden Nebels zu finden, wiederzuentdecken, doch versagte.

Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, wo all deine Freunde waren, wie du mit all der Monotonie umgehen würdest, erinnere mich an meine Angst, an meine nie endende Angst davor, dich in alten Formen wiederzufinden, wieder derjenige sein zu müssen, der dich ins Bett trägt. Als es so weit war, als der Nebel dich erneut gefunden hatte, war niemand überrascht. Wir sahen wieder weg, und irgendwie war ich noch immer imstande zu glauben, dass du den Weg zurück finden würdest, war imstande zu hoffen, zu hoffen, mich in Blindheit zu hüllen und zu hoffen.

Es gab keinen Weg zurück. Keinen Weg nach vorne. Du verließest alle Wege, ließest uns zurück, uns und eine Uhr, die im Wohnzimmer steht und Zeit vergehen lässt. Und die Erinnerung an Schokolade, an Herrenschokolade, die du mochtest, an Salmiakpastillen, die du mochtest, aber das war vorher, an dich auf dem Balkon rauchend, an dich vor den Kinderzimmern stehend, es mit Zigarette nicht betreten wollend, an dich, dessen Krankheit so viele Bilder in meinem Kopf bedecken, an ein Schachspiel, das ich verlor und einen Funken, den ich fand.

Ich erinnere mich.

„Guten Tag!“

Ich hätte dem Elefanten „Guten Tag!“ gesagt, doch er beachtete mich nich.

Na gut, ich hätte vermutlich abgewartet, ob er zuerst grüßt, denn üblicherweise sollte es doch so sein, dass jüngere Personen das Grüßritual einleiten, sozusagen ihren Respekt vor dem Alter bekunden, bevor der gnädige Ältere sich dazu herablässt, den Jungspund eines Grußes zu würdigen. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht sagen können, ob der Elefant nun jünger war als ich oder nicht. Sicherlich hatte seine Haut bereits viele Falten, doch die haben frisch geschlüpfte Origamifrösche auch, ohne dass damit das Alter preisgegeben würde.

Ich hätte also den Elefanten gegrüßt, wenn offensichtlich gewesen wäre, dass er der Ältere von uns beiden war. Doch das war es nicht. Außerdem beachtete er mich noch nicht einmal. Er ging an mir vorbei, als wäre ich nur ein in Tarnfarben gestrichender Müllcontainer, als schwebte er in irgendeiner höhere Sphäre und hätte es nicht nötig, mich zu beachten oder gar zu grüßen. Aus sicheren Quellen weiß ich, dass Elefanten im Allgemeinen Probleme mit dem Schweben haben. Dass ich tatsächlich ein in Tarnfarben gestrichener Müllcontainer bin, tut nichts zur Sache. Er hätte mich ja trotzdem grüßen können, der Herr Elefant.

Aber nein, stattdessen ging er an mir vorbei, natürlich mit erhobenem haupt, natürlich seinen Rüssel schwenkend, als wäre er sein Szepter, ignorierte mich, grüßte mich nicht, sah mich nicht einmal an. Nur kurz hielt er inne, sah sich um, sagte „Hallo, lieber in Tarnfarben gestrichener Müllcontainer!“ und ging dann weiter.

Unhöfliches Pack, diese Elefanten heutzutage.

Gedichtchen 23: Jungbrunnen

„Endlich!“ rief der alte Mann
Nach beinah zweiundsechzig Jahren!“
trat aus tiefstem Wald heraus
an das Ziel all seiner Reisen.

„Der Quell der Jugend!“, rief er dann
und sprang hinein, mit Haut und Haaren
ward wieder jung, sah prächtig aus.

Ein Schild mit Warnhinweisen
sagt: „Hallo mein Freund! Man kann
hier einmal nur ins Jungsein fahren.
Komm endlich aus dem Wasser raus!“

Der junge Alte seufzte. Leisen
Grußes ging er fort, begann
ein neues Leben, jung, erfahren
und doch hielt er es nicht aus
wollt nicht länger ruhig vergreisen
sodass die Suche neu begann.

Und nach zweiundsechzig Jahren
trat er aus dem Wald heraus
an das Ziel all seiner Reisen.