Haltestelle

Während der gestrigen Autobahnfahrt beschäftigte mich vor allem eine Frage:
Werden Englischsprechende nicht davon irritiert, dass überall an den Autobahnrändern Schilder aufgestellt wurden, die einen „Nothalt“ ankündigen – und somit für die Fremdsprachler eigentlich das Gegenteil dessen bedeuten, was sie bedeuten sollten?

Und: Würden Englischsprechende die Teilworte „Not“ und „Halt“ auseinanderhalten können oder zu einer mit einem netten Tie-Äitsch bestücken Einheit verschleifen?

Nebel

Regen!, denke ich, doch es regnet nicht. Ich wünsche es mir, erhoffe, dass sich der Himmel erbricht, dass schweres, kaltes Nass auf mich niederstürzt, um mich zu betäuben, alle Sinne zu lähmen – und mich zugleich aufzuwecken, der Lethargie zu entreißen, diesem Nebel, der mich umgibt. Ich wünsche mir, dass es regnet, damit auch ich regnen, weinen darf, verborgen unter feuchten Fäden dem Druck auf meiner Brust nachgeben darf.

Ich hocke kraftlos auf dem Boden irgendeines Hauseingangs, kalt und hart grüßt die Wirklichkeit unter mir, lenkt mich ab, für einen Augenblick lang fort von mir selbst, ich ziehe meinen Rucksack herbei, schiebe ihn unter mich, suche den Gedanken, den ich vorhin verlor, finde ihn nicht wieder, nur eine wirre Masse aus Trübsal, der ich nicht nachgehen, die ich nicht hinterfragen möchte, aus Angst, Antworten zu finden, aus Angst, keine Antworten entdecken zu können.

Ich darf nicht weinen, flüstere ich tonlos, halte zurück, was sich freikämpft, was die Kehle verkloßt, was mich menschlich machen würde in den Augen derer, die wieder und wieder den Eingang betreten, mich mit verwunderten Mienen mustern, als gäbe es keinen Grund hier, auf dem kalten Boden zu sitzen und gegen den Nebel zu kämpfen, der grundlos das Gemüt verschlang.

Ich stehe auf, trete ins Freie und suche den Regen in grauen Wolken. Ich warte auf dich, denke ich, und betrete die Wirklichkeit.

Bahnfahrt

Ich suche einen Sitzplatz. Straßenbahnen sind wundervoll, denke ich, weil ich dort endlich mal wieder zum Lesen komme, und beginne meine Suche. Die Suche, besser: das Finden, ist wichtig, denn im Stehen zu lesen ist zwar machbar, aber nicht sinnvoll, weil so mit jeder beschleunigenden oder abbremsenden Bewegung der Bahn das eigene Standgleichgewicht in Frage gestellt wird.

Durch die Tür drängeln sich ein Kinderwagen samt dazugehöriger Mutti und ein Rollator samt kleinwüchsiger Nutzerin. Hey, bin ich versucht der Mutti zuzurufen, die ohne Umsicht allen verfügbaren Stellplatz für sich und ihr Kindesgefährt annektiert, hey, pass doch auf, nimm doch mal Rücksicht! Schließlich wird die kleinwüchsige Frau ihren Rollator nicht ohne Grund mit sich herumschleppen und sich genug ärgern, dass Magdeburg noch immer angefüllt ist mit alten DDR-Straßenbahnkolossen, für deren Benutzung drei steile Metallstufen zu überwinden sind. Nimm Rücksicht auf Benachteiligte, will ich rufen, doch halte inne, weil ich mich frage, wer mehr Recht auf den Stellplatz des eigenen Gefährts hat: Kleinkind oder Kleinwüchsige.

Die beiden arrangieren sich irgendwie, und die Mutti schafft es, dabei nicht ein einziges Mal zu der Rollatorfrau zu blicken, ich drängle mich vorbei und suche einen Sitzplatz. Schnell werde ich fündig und finde gleichzeitig ein verzweifeltes Knurren in meinem Hals, das ausgestoßen werden möchte. Ich schweige, doch strafe zwei Sitzende mit unfreundlichen Blicken. Denn nicht genug, dass die beiden älteren Herrschaften zu zweit einen Viererplatz blockieren, nein, sie mußten sich auch noch auf den Plätzen am Gang platzieren, um zugleich mit ihren Leibern den Weg zu den anderen beiden zu versperren.

Ich habe keine Lust darauf, mich durch diese Enge zu pressen, mich an ihren Leibern und Taschen vorbeizuquetschen, habe keine Lust zu fragen, ob ich denn mal dürfe, ob die beiden möglicherweise, habe keine Lust, neben einen der beiden zu sitzen und zu versuchen, mich schmal zu machen, mich zu verdünnen, damit die Sitzbank für uns beide reiche, ohne dass ich mit ungewollter Körpernähe konfrontiert werde.

Ich gehe weiter und finde einen letzten freien Platz. Ich sehe sofort, warum dieser Platz frei ist, denn neben ihm befindet sich ein Mann mit wildem Haarwuchs, sowohl auf dem Haupt als auch im Gesicht. Er ist einer von denen, denen man den Bier- und Schweißgestank förmlich ansieht.
Ich zucke mit dem Schultern, gehe auf ihn zu; das Lesen ist mir wichtiger, und an Gestank kann man sich gewöhnen. Er starrt mich an, ahnt, dass ich neben ihm Platz nehmen werde, und ich frage mich, ob er sich darüber freut oder nicht.

Und kaum sehe ich mehr von ihm, kaum erblicke ich mehr als sein verzotteltes Gesicht, begreife ich, dass ich mich irrte, freue mich darüber, mein Vorurteil widerlegt zu bekommen, erkenne saubere, gepflegte Kleidung und rieche nichts, gar nichts. Ich wühle in meinem Rucksack, setze mich, klappe das Buch auf, lese, bis irgendwer zu telefonieren beginnt, jemanden anruft und die ganze Bahn über die Planung seines Wochenendes informiert.

Ich will das nicht wissen, möchte ich rufen und frage mich, warum er ausgerechnet an einem dieser menschbefüllten Orte, wo Leiber dicht gepackt und komprimiert beeinanderstehen und -sitzen, wo jeder imstande ist, sein Gespräch zu verfolgen, warum er ausgerechnet hier, wo das Tuckern der Bahn sich zu den Gesprächen der Passagiere gesellt, sein Mobiltelefon zückte und zu reden begann, warum er nicht leiser reden kann, zumindest so leise, dass ich ihm nicht zuhören muss, dass ich verschont bleibe und lesen, in meinem Buch versinken, darf.

Als er der Bahn entsteigt, noch immer telefonierend, entbrennen belustigte Dialoge über Straßenbahntelefonierer, mein Sitznachbar drängelt sich an mir vorbei, flieht im letztmöglichen Augenblick aus der Bahn, und ich genieße die Freiheit, mich ausbreiten und endlich lesen zu können, finde die Stelle wieder, an der ich unlängst innehalten musste und setze nun die Lektüre fort, führe die Handlung weiter, und sei es auch nur für ein paar Minuten, bis zur nächsten Haltestelle, wenn ich mein Buch zusammenklappe, im Rucksack verstaue und aussteige.

Sprich mich nicht an

Sicherlich, ich verstehe dich, begreife, dass du nur etwas Geld verdienen möchtest, um dein Studium zu finanzieren, um dein knappes BaföG aufzubessern, um in Zeiten allgemeiner Arbeitslosigkeit wenigstens irgendwie beschäftigt zu sein, um dir endlich ein neues Mobilfunkgerät, einen neuen iPod, leisten zu können, verstehe, dass dies für dich nur ein Job ist, irgendetwas, mit dem du dich eher unfreiwilligerweise beschäftigst, etwas, das du, wärest du in meiner Position, vermutlich als ebenso unschön erachten würdest wie ich es tue, doch es muss sein, selbst wenn es keinen Spaß macht, selbst wenn es niemandem Spaß macht, weder dir, noch deinen „Kunden“, noch deinem Arbeitgeber, selbst wenn du heimkehrst, diesen Job verfluchst und jeden weiteren Morgen, an dem du wegen dieser Scheiße aufzustehen hast.

Es ist nur ein Job, sagst du dir, sagst du mir, der ich dich mit grimmigen Blicken bedecke, wenn du mich ansprichst, der wortlos mit dem Kopf schüttelt oder andere, oft unwahre, Ausflüchte ersinnt, um dich loszuwerden, es ist nur ein Job, und wenn du ihn nicht machen würdest, käme jemand anderes daher und würde ihn machen, ich solle doch verstehen, begreifen, dass dir keine andere Wahl bleibt, dass du nur etwas Geld verdienen willst, dass du mich nicht belästigen, anpöbeln, möchtest, dass dieses Ansprechen keine Strafe, keine Belastung, ist, sondern vielleicht sogar eine Chance, dass es ja sogar etwas zu gewinnen gibt und dass, selbst wenn mich der Gewinn nicht interessiere, ich von unzähligen Vorteilen profitieren würde, die du mir gerne, nur ganz kurz, mal aufzählen würdest, nur kurz erläutern, was ich sparen könnte, wie genial dieses Angebot ist, wenn ich nur kurz warten, innehalten, kurz zuhören würde, meinen Namen, meine Kontaktdaten, auf einem logobedruckten A5-Kärtchen hinterließe, damit ich später über meinen Gewinn benachrichtigt werden, alle Vorteile vollends genießen kann.

Ich weiß, es ist nur ein Job, und du würdest vermutlich lieber etwas anderes machen, hast aber keine Wahl gehabt, stehst nun hier, vor der Bibliothek, in der Fußgängerzone, im Mensafoyer, im Einkaufszentrum, wartest auf mich und solche wie mich, um sie anzusprechen, zu überzeugen von Dingen, die dich selbst nicht überzeugten, um gute Quoten zu erzielen, deinen Umsatz zu erhöhen und Namen, Adressen, Daten zu sammeln, Willige, die bereit sind, sich in ein Gespräch, in absurde Verträge, ziehen zu lassen, wartest darauf, dass die Leute nicht an dir vorbeigehen, nicht wegsehen, wenn sie mit dir konfrontiert werden, dich nicht ignorieren, sondern dir zulächeln, neugierig sind, Interesse zeigen, wissen wollen, so dass du deinen Monolog, den du stundenlang probtest, herunterrasseln kannst, alle Vorteile und Gewinnmöglichkeiten nennen kannst, mich oder irgendwen überzeugen kannst und am Ende alle glücklich sein werden.

Ich bin nicht glücklich, nicht in diesem Augenblick, fühle mich belästigt von dir, von deinesgleichen, kann dich verstehen, doch will es nicht, es ist nur ein Job, such dir doch einen anderen, wenn das so einfach wäre, halt mich nicht auf, lass mich weitergehen, sprich mich nicht an, ich kenne dein Produkt, bin nicht an vermeintlichen Vorteilen, an Gewinnmöglichkeiten interessiert, will nichts mit dir zu tun haben, nicht, wenn du an diesem Stand stehst und Unnützes vertickst, nicht, wenn es nur ein Job ist, irgendetwas, das du machst, um ein wenig Geld zu verdienen, will mein sauerstes, bösestes Gesicht aufsetzen, um dich zu vertreiben, um dich nicht zu Wort kommen zu lassen, um mich vorbeizuschleichen, ohne von dir angesprochen, mit falschem Lächeln bestückt, aufgefordert zu werden, empfinde es als Eindringen, als Verletzen meiner privaten Sphäre, wenn du mich ansprichst, obwohl ich nicht mit dir reden willst, wenn du mir Fragen stellst, ob ich schon 18 sei, ob ich Student sei, ob ich dieses Produkt kenne, jene Eintrittskarte gewinnen, soundsoviel Euro sparen möchte, empfinde dich als Störenfried, als Unhold, der meine Laune verschlechtert, mein Leben eine winzige Nuance verdunkelt, als unnötiger Kraftaufwand, den ich betreiben muss, um dich loszuwerden oder zu ignorieren, als Mühe, die mir erspart werden könnte, wäre da nicht dieser Job, den du machst, machen mußt, der dir Geld bringt, diese alberne Idee deines Arbeitgebers, dich unter Leute zu schicken, um den Umsatz zu steigern, dich auf Fremde zu hetzen, sie, mit denen du vielleicht selbst nichts zu tun haben möchtest, zu belästigen, nur um ein paar Euro zu machen, um dein Leben ein wenig zu verbessern.

Ich verstehe dich, doch mag ich dich nicht, will dich anschreien, anbrüllen, du mögest mich in Ruhe lassen mit deiner lächerlichen Fragerei, mit deinen plumpen Versuchen, Aufmerksamkeit zu erheischen, wünsche, dich als nichtexistent, in Luft aufgelöst, betrachten zu können, verstehe dich und deine Motivation, doch kann und will es nicht gutheißen, dass du mich hier ansprichst, hier, in diesem Augenblick, wo ich Ruhe haben möchte, mit mir allein sein will, jetzt und hier, wo ich in Gedanken verloren durch die Straßen streife, wo ich mich mit anderen Dingen beschäftige als dem Gewinn irgendwelcher Eintrittskarten, mag dich nicht, weil du dich in mein Leben einmischst, dort eingreifst, wo du nichts zu suchen hast, weil du mich fragst, wieder und wieder fragst, und ich mich schäme, weil ich versuche vorbeizueilen, nicht zu sehen, nicht gesehen zu werden, weil ich versuche, dich zu boykottieren und darüber ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich dich nicht mag, obwohl ich dich nicht kenne, obwohl du privat, außerhalb des Jobs, vielleicht ganz nett bist, weil ich dich anschreien möchte, obwohl du nur das tust, was dir aufgetragen wurde, weil ich dich verstehe und gleichzeitig nicht verstehen kann, weil ich dich nicht bitten kann, mich in Ruhe zu lassen, weil das weitere Diskussionen, weitere Verteidigung meinerseits, weitere Aufzählungen von Gründen, weitere Beschäftigung mit der unliebsamen, eigentlich zu vermeidenden Thematik mit sich bringen würde, kann dich nicht bitten, mich jetzt und immer zu ignorieren, weil du immer irgendwer anders bist, weil du immer irgendein anderes Produkt bewirbst, weil du mich vielleicht verstehst, aber nicht verstehen darfst, denn dies ist ein Job, dein Job, nicht mehr, aber doch genug, um erledigt zu werden, und wenn du Leute dafür belästigen musst, tust du es eben, und wenn du ihnen ein wenig Lebensqualität rauben musst, tust du es eben, schließlich willst du ein bisschen Geld verdienen, nur ein bisschen, um deine eigene Lebensqualität zu steigern, nur ein bisschen, schliesslich ist das, was du tust, ja eigentlich nicht so schlimm, nur ein Job, nur eine kurze Frage, ein paar Daten, die man auf eine Pappkarte schreibt, nur ein kurzer Augenblick, der gleich vorüber ist.

Es ist nur ein Job, gebe ich dir recht, doch setze meine finsterste Miene auf, mein unfreundlichstes Gesicht, sprich mich nicht an, flüstere ich, mantraartig, und eile an dir vorüber, sehe dich nicht an, gebe dir keinen Grund, mich anzusprechen, sage „Nein!“, als du irgendetwas Unverständliches fragst, renne weiter und schäme mich dabei, schließlich ist es nur ein Job, mehr nicht.

Sonderbar

„Komm rein! Es gibt bald Mittag!“, rief Svens Mutter durch das geöffnete Küchenfenster hinaus in den Garten, doch Sven hörte sie nicht. Nur Minka, Svens kohlrabenschwarze Katze, ließ sich mit einer winzigen Drehung ihrer Ohren anmerken, dass ihr trotz vor Wonne geschlossener Augen nichts entging.
Sven hockte im Gras und kraulte Minka den Bauch. Minka mochte es, am Bauch gekrault zu werden, und hatte sich bereitwillig auf den Rücken gelegt, sämtliche Tatzen weit von sich gestreckt und die Krallen eingefahren. Sven kraulte und streichelte voller Hingabe, und die Katze schnurrte vor Vergnügen.
„Mittag!“, rief Svens Mutter lautstark durch das Fenster, und diesmal vernahm Sven ihren Ruf. „Mittag.“, wiederholte er, streichelte Minka noch kurz über das Fell, sprang auf und rannte ins Haus.
„Mama?“, fragte Sven Minuten später, während er an einer Kartoffel kaute, „Stimmt es, dass Herr Leonard geisteskrank ist?“
„Schschscht!“, antwortete Svens Mutter und schielte durch das Küchenfenster in den Garten, ob Herr Leonard diese Worte nicht zufällig vernommen hatte. „So etwas sagt man nicht.“, meinte sie schließlich in gedämpfter Lautstärke. „Herr Leonard ist unser Nachbar und ein freundlicher Mensch.“ Sie zögerte. „Nur manchmal ist er etwas sonderbar.“
„Sonderbar.“, wiederholte Sven und prüfte den Klang des ungewohnten Wortes. „Was heißt sonderbar?“
Svens Mutter seufzte. „Sonderbar heißt: merkwürdig, nicht normal, ungewöhnlich. Herr Leonard ist eben bisschen anders als wir.“
„Weil er mit Vögeln redet?“, fragte Sven neugierig, doch Svens Mutter antwortete nicht.
„Iß auf, bevor es kalt wird.“, sagte sie und ging zum Kühlschrank, um den Nachtisch zu holen.
Nach dem Essen durfte Sven wieder im Garten spielen. Minka erwartete ihn schon, doch Sven hatte anderes vor: Er schlich sich zum Zaun und spähte hinüber in Herrn Leonards Garten. Herr Leonard entdeckte ihn sofort.
„Hallo Sven!“, rief er freundlich und winkte.
„Können Sie wirklich mit Vögeln reden?“, fragte Sven ohne zu zögern.
„Natürlich kann ich das!“, antwortete Herr Leonard schmunzelnd und rief „Wilma! Brigitte! Ottokar! Kommt doch mal her!“
Im nahestehenden Kirschbaum raschelte es kurz, und schon kamen zwei Sperlinge und eine Amsel aus dem Geäst geflattert und setzten sichvertrauensvoll auf Herrn Leornards ausgebreitete Arme.
„Sagt dem kleinen Sven ‚Guten Tag.'“, forderte Herr Leonard die Vögel auf, und wie eine wirbelnde Wolke stießen sie sich von ihm ab und kamen zu Sven gefolgen, dem vor Staunen der Mund offenstand. Die drei Vögel umflatterten kurz Svens Gesicht – er konnte ihre Flügelschläge deutlich spüren – und kehrten anschließend in den Kirschbaum zurück.
„Danke.“, rief Herr Leonard den Vögeln zu und wandte sich an Sven. „Und? Hat es dir gefallen?“
Doch Sven stand nicht länger am Zaun. Er war weggerannt, hinter das Haus, und zitterte am ganzen Leib.
„Herr Leonard ist wirklich sonderbar.“, keuchte er.
„Er ist geisteskrank.“, maunzte Minka und rieb ihren Kopf an Svens Bein.

Auf der Wiese, im Grase…

Vom meinem Arbeitsplatz aus blicke ich auf eine kleine grüne Fläche, auf der einst, irgendwann in Zukunft, wenn alle nötigen behördlichen Instanzen durchwandert sein werden, eine russisch-orthodoxe Holzkirche entstehen soll. Das Fundament ist längst gelegt und die benötigten Stämme liegen zahlreich und seit Monaten unbewegt auf der Grünfläche, darauf wartend, mit den erforderlichen Genehmigungen versehen und endlich zu einem Gebilde aufgetürmt zu werden.

Doch derzeit ist von Baumaßnahmen wenig spürbar. Schmetterlinge tummeln sich auf den frisch benetzten Grashalmen, durch die wenigen Bäumen flattert hin und wieder eine Elster, und soeben entdeckte ich zwei Wildkaninchen, für die das ungenutzte Gelände vielleicht zur Heimstatt wurde. Ohne Eile hoppeln sie umher, knabbern an diversen Gräsern und lassen sich auch die durch menschverbietende Bauzaunbegrenzung nicht aufhalten. Geschwind sind sie darunter hindurchgeschlüpft und sonnen sich auf grüner Wiese.

Eine Taube fliegt über die beiden Kaninchen hinweg, und eines von ihnen, ich nenne es Max, scheint zu der Ansicht gelangen, dass es dort sicherer ist, wo Bäume Schutz vor Himmelsgefahren bieten. Er hoppelt auf den Bauzahn zu und zwängt sich mühelos durch eine der Maschen. Moritz bemerkt das Fehlen seines Freundes und beschließt, hinterdrein zu hoppeln, steckt prüfend seinen kopf in eine Bauzaunmasche – und paßt nicht hindurch. Zwei weitere Maschen werden ausprobiert, doch keine bietet Platz für Moritzs Dickschädel.

Ich sehe es nicht genau, kann nur vermuten, dass Moritz unverdrossen mit den Achseln zuckt und dorthin eilt, wo er bereits einmal den Bauzaun durchquerte. Geschwind schlüpft er unter dem Zaun hindurch und befindet sich nun im Schatten. Dort, nicht länger auf saftigem Grase, sondern auf blanker, feuchter Erde, beginnt er ein ausgiebiges Reinigungsritual. Sein Freund Max zieht nach. Er sitzt im Halbschatten, unweit des Zauns, und lässt sich auch durch das leckere Gras in seiner Nähe nicht davon abhalten, sich intensiv zu putzen.

Ich arbeite weiter. „Nicht weggehen.“, flüstere ich den beiden zu.

Und tatsächlich, als ich wenige Minuten später wieder hinunterblicke, entdecke ich die beiden Kaninchen an ihren Plätzen . Nicht sofort, denn ihr graubraunes Fell stellt selbst für meine Augen, die wissen, wo und wonach sie zu suchen haben, eine Herausforderung dar. ‚Gut gemacht, Mutter Natur.‘, denke ich und lüfte meinen inexistenten Hut vor den Tarneigenschaften des Kaninchenfells.

Die beiden Freunde haben es sich unterdessen bequem gemacht. Sauber und gesättigt dösen sie, keine drei Meter voneinander entfernt. Hin und wieder richtet sich ein Ohr auf, prüft die Gegend nach Gefahren, legt sich beruhigt wieder auf das weiche Kaninchenfell.

Ich arbeite, doch nach einer Weile drängt es mich zu einem weiteren Blick nach draußen. Max und Moritz dösen noch immer. „Gute Idee.“, grinse ich den beiden zu und packe meine Sachen.

Einmal werde ich noch wach…

Und ich harre sehnsüchtig des Tages, da sich das Datum der ersten Weihnachtsschokoladereien in Supermärkten soweit zurück verlagert haben wird, dass es Herbst, Sommer und Frühling durchschreitet, letztlich im Winter angelangt, im Februar, im Januar und irgendwann im Dezember, so dass schon in diesem Jahr die Süßigkeiten für das Weihnachtsfest des nächsten zu erwerben sein werden – und plötzlich alles wieder in Ordnung ist.

Heimweg

Winfried Kahl ging nach Hause. Sein Gang entsprach eher einem leichten Torkeln, so, als müßte Winfried beständig gegen einen Wind ankämpfen, der überhaupt nicht vorhanden war.

Dennoch war Winfried klaren Verstandes. Er lächelte sogar ein wenig, was in Anbetracht dessen, dass er völlig allein auf der laternenbeleuchteten Straße umherwanderte und somit niemand dieses Lächeln sehen konnte, möglicherweise unnütz war. Aber der Abend hatte Winfried gefallen, und das Lächeln wollte nicht aus seinem Gesicht weichen.

Winfried liebte es, in der Nacht durch die Stadt zu wandern. Wie ausgestorben lagen Fußwege und Straßen da, überall parkten leblose Blechkosten, und wenn er einem anderen begegnete, der wie er durch die Nacht wandelte, vielleicht ebenso von einer Party heimkehrend, dann nickte er ihm zu, als würde man sich kennen, als gehöre man zu den leetzten Überlebenden irgendeiner Katastrophe.

Doch die Stadt war nicht tot. Winfried spürte ihren Puls, ruhig und gleichmäßig, hin und wieder im Schlafe stöhnend, wie von unruhigen Träumen geplagt.
Ein Taxi rauschte vorbei; Winfried schenkte ihm keine Beachtung. Er hatte die Stadt für sich, lief mal auf der Straße, mal auf dem Fußweg, schlängelte sich zwischen Mülltonne und Autos hindurch – und war glücklich.

‚Es war ein guter Gedanke gewesen auszugehen, wieder einmal unter Menschen zu kommen.‘, dachte Winfried, während er über einen Kanaldeckel hüpfte.
Die Nachtluft war kühl, doch die Bowle in seinem Inneren wärmte noch nach.
‚Wenn man nachts durch die Straßen streift“, dachte Winfried, „erscheint vieles so klar und einfach, was vorher verworren und umständlich war.‘
Winfried konnte die ersten Vögel hören, die zwitschernd die nächtliche Ruhe um abseits des täglichen Lärms erhört zu werden.

Er hatte nicht viele Leute auf der Party gekannt, nur zwei oder drei Gesichtern glaubte er vorher schon einmal begegnet zu sein. Doch die Musik hatte gegen die Wände gewummert, und die Münder waren verstopft gewesen mit Nudelsalat und Bowle. Es hatte keine Rolle gespielt, wer was sagte, solange man sich dabei wohlgefühlt hatte. Und das hatte Winfried. Oh ja! Seit Jahren hatte er mal wieder getanzt, behäbig zwar, doch vom Rhythmus geleitet, mit geschlossenen Augen, als könnte er so den Moment in sich bewahren.

Winfried hatte nicht viel geredet – er redete nie sehr viel -, doch zugehört, fleißig genickt und hin und wieder sich und anderen Bowle nachgeschenkt. Es hatte gut getan, mal wieder unter Menschen zu kommen.

Winfrieds Schritte wurden langsamer. In der Ferne glaubte er eine Silhouette zu erkennen, die rasch größer wurde. Winfrieds biologisches Wissen, war nicht sonderlich geschult, doch erkannte er einen Gorilla, wenn er ihm begegnete.

Der Gorilla machte drei, vier Sätze und richtete sich vor Winfried auf. Sein Fell war verfilzt, doch seine Gestalt war imposant und vor Muskeln strotzend.
Der Gorilla starrte Winfried an.
„Zieh das Kostüm aus!“, brüllte er plötzlich. Winfried wich zurück und riß sich das Kostüm vom Leib.
„Ich will nach Hause.“, sagte er, und gemeinsam rannten die beiden Gorillas durch die Nacht.

Nathan im Regen

Die heutige Geschichte ist sehr abstrus. Aber ich mag sie.

Der Regen war angesagt worden, doch hatte Nathan vergessen, sich zu rasieren. Nun stand er an einer Kreuzung, wartete auf das grüne Leuchten der Fußgängerampel und ärgerte sich. Er haßte das Gefühl plätschernder Tropfen auf unrasierter Haut.

Nathan starrte in den Himmel. ‚Wieviele Tropfen fallen wohl pro Sekunde von oben herab?‘, fragte er sich, während Nässe in sein Gesicht klatschte. ‚Vierundreißigtausend.‘, antwortete eine Stimme. „Würde ich schätzen.“

Nathan haßte den Gedankenleser. Seit ein paar Wochen begegnete er ihm immer wieder – und jedesmal mischte der Kerl sich in seine Gedanken ein.
„Du hast kein gutes Bild von mir.“, meinte der Gedankenleser traurig. Er trug einen alten Hut, in dessen Krempe sich Regenwasser sammelte. Als er den Kopf schüttelte, spritze es nach allen Seiten. Außer auf Nathan. Aus irgendeinem Grund blieb Nathan unberührt vom Spritzwerk des Gedankenlesers.
‚Zufall.‘, dachte Nathan und nahm sich zugleich vor, nicht mehr zu denken. Er wollte keine Konversation initiieren. Nicht hier. Und nicht mit dem Gedankenleser.

Die Ampel war noch immer rot. Verfluchtes Ding.
Der Gedankenleser lächelte unter seinem alten Hut. Jedenfalls, soweit man das unter dem Schaum in seinem Gesicht erkennen konnte. In seiner Hand blitzte Metall.
„Ich rasiere mich immer bei Regen.“, erklärte der Gedankenleser, obgleich Nathan sich diesmal bemüht hatte, nicht nachzudenken. „Ich liebe es, wenn Regen auf frisch rasierte Haut trifft.“

Nathan schaute abschätzend. Wollte der Gedankenleser ihn veralbern? Hatte er in seinem Kopf gewühlt und den Haß gefunden, den Nathan Regentropfen entgegenbrachte, welche es wagten, auf sein unrasiertes Gesicht zu fallen? Wollte der Gedankenleser sich mit ihm gutstellen? Vielleicht, um ein Geheimnis zu erfahren? Vielleicht, um seinen nutzlosen Haß zu tilgen? Vielleicht…?

Doch als Nathan sah, mit welcher Inbrunst sich der Gedankenleser die Haare aus dem Gesicht schabte, wie er jeden einzelnen Tropfen genoß, der auf seine leicht gerötete, glatte Haut fiel, wie er im Regen stand und vor Glück und Wonne strahlte … da begriff Nathan, daß der Gedankenleser unmöglich ein schlechter Mensch sein konnte.

Die Ampel schaltete auf Grün, doch Nathan bewegte sich nicht.
„Ich … ich … ich liebe dich.“, stammelte er. „Seitdem ich dich zum ersten Mal sah.“
Der Gedankenleser lächelte und reichte ihm den Rasierer. „Ich weiß.“