Sportbetrachtungen

Was mich zumeist daran hindert, mich passiv an sportlichen Ereignissen zu beteiligen, ist nicht nur mein fehlendes Interesse, sondern auch die fehlende Eindeutigkeit. Als Zuschauer ergreife ich automatisch Partei für eine der beteiligten Parteien, oft nur aufgrund eines albernen Vorurteils oder eigener Geburtsörtigkeit, und wünsche dieser herzlichst den Sieg – und den anderen natürlich dementsprechend eine Niederlage. Jedoch ertrage ich es nicht warten, bangen und hoffen zu müssen.

Selbst wenn ich nicht sonderlich intensiv mitfiebere, will ich mir doch nicht ansehen müssen, wie „meine“ Mannschaft immer wieder in Gefahr gerät, im Spiel Nachteile zu erleiden. Dass sie verlieren könnten, kommt mir nicht wirklich in den Sinn; bis zuletzt bin ich angefüllt mit grenzenlosem „Sie werden es schaffen.“-Optimismus, selbst wenn der Nachsprung gewaltig ist. Und nach dem Spiel ärgere ich mich nicht sonderlich, wenn die von mir bevorzugte Partei verliert, weil ich mich daran erinnere, dass – wie eingangs erwähnt – mein Interesse nicht sonderlich ausgeprägt gewesen war, bevor ich mich dazu entschied, doch zuzusehen.

Jedoch stört mich die Uneindeutigkeit. Insbesondere beim Fußball, wo die Anzahl der Tore oft nicht sehr ausgeprägt ist, reicht ein einziges, um letztlich den Gewinn davonzutragen. Das ist schrecklich, weil ich doch die ganze Zeit darauf warte, dass nun endlich dieses eine Tor fällt, das mich aufatmen lässt, das die Warterei, die Hin- und Herschieberei des Balles in Sinn verwandelt und mich kurzzeitig erlöst. Denn ich mag es nicht, mit Ungewissheit bestückt zu sein, zu harren der Möglichkeiten, auf den Torwart als letzten Mann, letztes Bollwerk, vertrauen zu müssen, weil die Abwehr zu schwach ist.

Wenn es nach mir ginge, würde die favorisierte Mannschaft eines Fußballspiels in den ersten Minuten ein Tor schießen, somit alle verblüffen, den Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen und dann mit gewonnenem Selbstvertrauen damit beginnen, gezielt, aber risikoarm anzugreifen. Kurz vor der Halbzeitpause sollte dann das zweite Tor für meine nun noch lieber gewonnene Mannschaft fallen, um ihr zusätzliche Kraft für die nächsten 45 Minuten zu schenken – und zugleich dafür zu sorgen, dass die elende Ungewissheit etwas verkleinert wird. Dann wird noch mehr Wert auf abwehrendes Spiel gelegt, aber das Nach-Vorne nicht völlig vernachlässigt. Die Gegner resignieren aufgrund ihrer offensichtlichen Chancenlosigkeit, werden nachlässig und lassen alsbald das 3:0 zu. Nun sind vielleicht noch zehn oder 15 Minuten zu spielen, und ich bin so ruhig, wie es nur geht. Gerne gestehe ich den „Bösen“ noch ein Tor zu, damit ihr Ego nicht allzu sehr verletzt das Spielfeld verlassen muss, und dann trällert der Schiri das Spielende ein, und ich bin glücklich. Überraschungen müssen nicht sein.

Doch dergleichen geschieht nicht. Sobald ich Partei ergreife, muss ich feststellen, dass die Mannschaft zwar hin und wieder gute Chancen hat, dass aber der Gegner auch existiert und ebenso versucht, Chancen zu erwirken und zu nutzen. Selbige nehme ich übrigens kaum als solche wahr; das Vertrauen in „meine“ Mannschaft ist nahezu grenzenlos. Das Spiel selbst birgt jedoch nie die Überlegenheit des „guten“ Teams, so wie ich sie mir wünsche. Es ist ein ewiges Hin und Her, und vielleicht gelingt es tatsächlich irgendwann, ein feines 1.0 zu erwirken.

Doch das allein hilft nicht. Die Gegner zeigen sich davon zumeist unbeeindruckt und verstärken ihre Bemühungen. Nein, nein, denke ich und sehe die winzigen Vorsprung schon zu einem kümmerlichen Nichts zusammenschrumpfen. Die Sicherheit fehlt, jedes weitere Tor ist irgendwie immer überraschend; von massiver Überlegenheit, wie sie mein Wunschdenken sich ausmalt, keine Spur, von Ruhe ohnehin nicht.

Sport zu schauen, wird dadurch anstrengend. Ich möchte, dass das Team, das meine Sympathien hat, überzeugend gewinnt, doch anscheinend besteht stets die Notwendigkeit, allerhand Spannung zu erzeugen. Doch im Gegensatz zum Boxen, wo ein K.O. in den ersten Minuten allerlei Zuseherfreuden raubt, wäre ein Spiel auch nach dem Erwirtschaften eines zeitigen und hohen Vorsprungs nicht vorbei, sondern könnte interessant, technisch hochwertig und ansehnlich sein. Da gibt es keinen zwingenden Widerspruch.

Ich schaue selten Sport, und wenn ich mich denn doch einmal dazu bequeme, möchte ich, dass die von mir favorisierte Mannschaft gewinnt. Haushoch. Mindestens.

Perfekte Welt

Alle Zeichen waren positiv; die Zugfahrt schien, obgleich noch einmal ansatzweise begonnen, zu einer angenehmen zu werden. Ich hatte meinen Fünf-Euro-Gutschein bereits eingelöst und längst eine Fahrkarte erworben. Zudem hatte ich den Bahnhof zu einem Zeitpunkt betreten, der mich den nächsten Zug knapp aber problemlos erreichen ließ – im Gegensatz zum üblichen Verfahren, bei dem ich ausgerechnet dann das Bahnhofsgebäude betrete, wenn mein gewünschter Zug gerade die Gleise verlässt.

Mein Zug stand bereits fast eine halbe Stunde auf dem Bahnsteig, hatte also genug Zeit gehabt, sich mit Menschengruppen zu füllen und durch magische Verteilung dafür zu sorgen, dass ausgerechnet denjenigen Personen, neben denen noch vereinzelte Plätze zu finden waren, jede Fähigkeit verlorenging, ansatzweise sympathisch zu wirken. Das jedenfalls wäre die übliche Prozedur gewesen, und mich hätte es nicht gewundert, neben einem übergewichtigen Fastfoodabsorbierer und dessen allzu schwatzhafter Lebensabschnittgefährtin Platz nehmen oder mit einer Überzahl an Fahrrädern um den letzten Sitz kämpfen zu müssen. Angenehmerweise jedoch waren genug Plätze frei, und ich bekam nicht nur eine eine Vierergruppe zugestanden, auf der ich mich und mein Gepäck ausbreitete, sondern saß auch noch am Fenster in Fahrtrichtung.

Glücklich lehnte ich mich zurück und genoss zugleich das gute Gefühl zu wissen, in den nächsten siebzig Minuten Zugfahrt nicht in die Verlegenheit kommen würde, die üblicherweise zugewiderte Zugtoilette besuchen zu müssen. Ich konnte einfach hier sitzen, ein paar mitgebrachte Süßigkeiten verzehren, aus dem Fenster sehen und die Fahrt genießen…

Doch halt! Im letzten Moment stiegen weitere Passagiere zu. Vier Stück. Mutter, Vater, zwei Söhne. Neben meinem befand sich noch ein weiterer Vierer, vollkommen unbesetzt, und ich ertappte mich, wie ich wiederholt flüsterte: Nicht hier. Nicht hier. Nicht hier. Natürlich setzten sie sich. Der ältere der beiden Söhne hörte nicht auf, wegen irgendwelcher Kleinigkeiten zu maulen, der andere zog sogleich die Sandalen aus und platzierte seine nackten Füße provozierend unweit seines Bruders. Die Eltern jedoch nahmen Abstand. Nicht, indem sie ihre Kinder ignorierten, sondern indem sie sich zu mir setzten.

Ich nahm also meinen Rucksack von der Bank, hängt meine Jacke ordnungsgemäß an einen Haken und verzichtete darauf, meine Beine langzumachen. Als der ältere Sohn erneut zu maulen begann, blickte mich die Mutter an, als wüsste ich Bescheid, wie Söhne manchmal sind. Lass mich da raus, wollte ich denken, doch die Frau war zu sympathisch. Sicherlich, sie hätte etwas mehr essen können und ihre Kleidung erweckte den Eindruck, eine vehemente Ökotussi vor mir zu haben, doch ihr Lächeln war nett, und beeindruckenderweise schaffte sie es, mittels weniger Worte ihren Sohn zu besänftigen und gleichzeitig zu tadeln.

Der Vater wirkte zwar, als hätte wüßte er seine Kleidungsgrößen nicht und als würde ein böses Wort ihn zu Tränen rühren, doch zugleich gelang es mir nicht, ihn unsympathisch zu finden. Dann halt nicht.

Ich holte mein Buch aus dem Rucksack und verkroch mich dahinter. Aber als mich nach wenigen Minuten umblickte, war eine unglaubliche Wandlung vorgegangen. Die gesamte Familie schwieg – und las. Jeder einzelne hielt sich ein Buch vor die Nase und las. Einfach so. Jedes Gespräch war unterbrochen, jeden Nörgelei beseite gelegt. Mami las etwas von Coelho, „Der Dämon und das Fräulein Prym“, und wunderte sich ihrem Mann gegenüber, dass sie das nicht bereits gelesen habe. Er wiederum las „Bloody Mary“ von Tom Sharpe und schmunzelte hin und wieder bei einigen Passagen. Was die Söhne lasen, konnte ich nicht genau erkennen, doch sah ich, dass sich der ältere irgendetwas aus dem Diogenees-Verlag vor die Augen hielt, während der jüngere ein dickes Hardcover-Fantasy-Werk schmökerte, von dem es anscheinend auch noch mehrere Teile gab.

Ich war verblüfft, und ja, ich schmämte mich sogar, weil das Buch, das ich selber in den Händen hielt, A. Lee Martinez „Eine Hexe mit Geschmack“, anspruchloser Fantasykram war und ich plötzlich das Gefühl bekam, minderwertigen Schund zu lesen – verglichen mit der Familie. Natürlich war mein Buch nicht vollkommen minderwertig, doch ein Blick auf das – wie so oft – nicht mit dem Buchinhalt in Zusammenhang stehende Cover hätte dergleichen vermuten lassen können.

So saßen wir also im Zug nach Magdeburg, fünf Leute, die allesamt schwiegen und lasen. Ich grinste in mich hinein. Nicht nur, weil ich plötzlich die Eltern respektierte, die es geschafft hatten, ihre Kinder dazu zu bringen, freiwillig zu lesen, sondern auch, weil die Zugfahrt sich anscheinend doch als problemlos und entspannt erwies. Dass ich mir etwas mehr Beinfreiheit gewünscht hätte, war dann auch nicht mehr so wichtig.

Die Fahrkartenkontrolleurin war freundlich und hatte Geduld mit mir, als ich den halben Rucksack umkrempeln musste, um an meine Bahncard zu gelangen. Und als dann der jüngste Sohn triumphierend „Ich bin durch!“ ausrief und sein Buch wie zum Beweis in die Luft hielt, dachte ich, dass irgendjemand die übliche Welt der Zugfahrt ausgetauscht und durch eine angenehmere Variante ersetzt haben musste.

Ich las weiter, und der jüngste Sohn fand eine weitere Beschäftigung: Er hörte Musik. Leise genug, um mich keinen Ton vernehmen zu lassen. Lang genug, um niemanden zu stören. Laut genug, um auf die Fragen seines Bruders nicht zu reagieren. Denn dieser wollte sich anders hinsetzen und die Fußproblematik vom Reisebeginn war noch nicht ausgestanden. Doch bevor die Sache eskalieren konnte, hatte sich der Vater erhoben. „Wollt ihr was essen?“, fragte er, verteilte selbstbelegte Brote und Brötchen und glättete in Sekundenschnelle die Wogen.

Spätestens jetzt müsste ich angwidert das Gesicht verziehen, dachte ich, darauf wartend, dass ekelhafter Leberwurstgestank oder ähnliches zu mir herüber dringen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Ich schüttelte ungläubig mit dem Kopf.

Ich fischte das letzte Schokoding aus der Packung, gerade als der Zug in Magdeburg einfuhr. Perfekt, dachte ich vergnügt, und stopfte mein Buch in den Rucksack. Die Familie stieg aus. Ohne großes Trara, ohne Maulerei oder Gedränge. Sekunden später war auch ich auf dem Bahnsteig und pröblemlos schlängelte ich mich in Richtung Ausgang.

Draußen schien die Sonne. Was ist nur los?, fragte ich mich. Will man mir denn allen Grund nehmen zu meckern? Ist dies gar der erste Schritt zu einer perfekten Welt? Dann sah ich die Straßenbahn. Wäre ich gerannt, hätte ich sie trotzdem verpasst. Immer das Gleiche!, echauffierte ich mich und ging zu Fuß nach Hause.

Männlich

Ich bin ein Mann. Das ist keine weltbewegende Erkenntnis und doch ein Satz, den ich so kaum über die Lippen bringen würde. „Ich bin männlich.“, würde ich sagen, oder auch „Ich bin maskulinen Geschlechts.“, wenn ich mal wieder der Umständlichkeit fröne, doch „Ich bin ein Mann.“ klingt irgendwie nicht richtig.

Dabei erfülle ich alle nötigen Voraussetzungen. Ich verfüge über die entsprechenden Körperteile, bin längst erwachsen, habe eine einigermaßen tiefe Stimme und muss mich rasieren. Nun gut, mein Haupthaar ist lang und mein Körper eher schmal gebaut, und zuweilen geschieht es, dass andere, allerdings meist angetrunkene Männer mich von hinten für eine Frau halten und dann „Huch/Hey, das ist ja n Typ/Kerl!“ rufen, bevor sie, mir verwundert nachblickend, aus meinem Blickfeld torkeln.

Ich bin auch kein Freund typisch männlichen Gebarens. Ich trinke kein Bier oder andere Alkoholitäten und sehe im Konsum derartiger Flüssigkeiten auch keinen Ausdruck von Männlichkeit – obgleich es anscheinend vorwiegend dem maskulinen Geschlecht vergönnt ist, lallend und grölend durch die Straßen zu trampeln oder einfach nur die Köstlichkeit eines kalten Biers am heißen Sommerabend zu lobpreisen. Sicherlich, Frauen trinken auch Bier, doch für mich wirkt das stets unpassend.

Ich bin rot-grün-blind. Naja, zumindest ein bißchen, genug, um hin und wieder grün für braun und dunkelblau für lila zu halten – genug, um zu beweisen, dass mir ein Y-Chromosom vergönnt ist. Allerdings esse ich kein Fleisch, so dass das Klischee des stolz seine Beute betrachtenden Jägers und des Rohsteak verschlingenden Hartkerls nicht auf mich anwendbar ist. Zudem bewegt sich meine handwerkliche Begabung nur im Mittelfeld. Ich bin imstande, Anfallendes zu reparieren und zu montieren, doch da ich mich nie darum kümmerte, geeignetes Werkzeug vorrätig zu haben, behelfe ich mich oft genug mit Provisorien. In Baumärkten fühle ich mich dumm und unwohl.

Meinen Händedruck als fest zu bezeichnen, wäre albern, doch sehe ich keinen Sinn darin, sich begrüßenderweise die Finger zu zerquetschen. Ich bin Künstler, habe Künstlerhände, rechtfertige ich mich und enthalte mich solcher Machtdemonstrationen.

Ich mag keinen Fußball. Nein, das ist falsch. Fußball ist mir egal, so egal wie fast alle Sportarten. Der Wille, meinen Körper zu stählen, ist bei mir nur schwach ausgeprägt, und der Wille, sich für regionale Mannschaften und deren Erst- bis Reagionalligaleistungen, für deren Spieler und Trainer, zu begeistern, hält sich in Grenzen. Bei größeren Nationalmannschaftsereignissen, bei Welt- und Europameisterschaften, kann man mich jedoch hin und wieder durchaus vor einem Fernseher finden, gespannt das Runde verfolgen, das da ins Eckige soll, während ich die fachmännischen Ratschläge der Mit-mir-Gucker schmunzelnd zu ignorieren versuche.

Ich bin ein Mann. Daran zu zweifeln, lohnt nicht der Mühe; dennoch verweigere ich mir diesen Satz. Das Wort Mann schließlich ist mit unzähligen Klischees behaftet, in denen ich mich nur zu selten wiederfinde, mit zu vielen angeblich notwendigen Riten bestückt, die auszuführen ich nicht wünsche. Ich bin ein Mann, jedoch kein typischer [falls es einen solchen gibt.].

Allerdings höre ich Metal. Metal als solcher und die Kultur, die dahinter steht, symbolisiert einen Überschuss an Männlichkeit. Da gibt es die grölenden-grunzenden Stimmen der Sänger, die Härte der Musik, die finsteren, unfreundlichen Themen, die nichts für zartbesaitete Gemüter sind, die immer wiederkehrende Erwähnung von Kriegen und Schwertern, von Göttern und Macht, von Blut und Stärke. Und es gibt die Metalmöger, oft langhaarige Zottelgestalten, nicht selten bullig gebaut, stets mit dem obligatorischen Bier in der einen, der Zigarette in der anderen Hand, die der Musik frönen, als gelte es, selber in die Schlacht zu ziehen, die sich in Leder kleiden und barbarischem Benehmen verschrieben haben. Das sind Klischees, doch es ist erstaunlich, wie häufig genau dieses Klischee ausgelebt wird.

Metal ist die Konzentration der Virilität, die Musikwerdung von Testosteron. Metal zu mögen, heißt, sich in eine Welt einzufinden, die der Männlichkeit und dem gelebten Vorurteil gewidmet ist. Hier geht es um Posen und Symbole, um Bestätigung des eigenen Geschlechts durch die Wirkung nach außen. Ich mag Metal, doch ich mag nicht, was dazu gehört. Ich verweigere mich Bier und Zigaretten, verweigere mich nietenbestückter Lederkluft, verweigere mich aufnäherbesetzter Westen, die tätowierte Arme zur besseren Geltung bringen. Ich verweigere mich der Selbstbetäubung, um den barbarischen Mann aus meinem Inneren hervorzulocken, verweigere mich klischeemännlichem Gruppenverhalten, verweigere mich dem nötigen Posieren, Provozieren, Prügeln und Prahlen, verweigere mich der Kampesbereitschaft symbolisierenden in die Springerstiefel gestopften Hosen, verweigere mich albernen, klischeemaskulinen Verhaltens.

Ich mag Metal, ich mag es, männlichen Geschlechts zu sein, mag es, Frauen schön zu finden und plumpe Actionfilme anzusehen, pinkle zuweilen sogar im Stehen. Doch ich will nicht über Penislängen und Tittengrößen diskutieren, will mir nicht Vorhaltungen darüber machen lassen, dass meine Männlichkeit in direkter Verbindung zu Bier- und Fleischkonsum steht, will nicht herumbrüllen müssen, um dem Typen neben mir klar zu machen, dass lange Haare und schlanker Körper nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit „Frau“ sind, will nicht nutzlosen Klischees frönen, um anderen etwas beweisen, an dem es eigentlich keinen Zweifel gibt. Denn zwar bin ich maskulinen Geschlechts, doch bin ich vorrangig ich selbst, ein Wesen, das den Dingen nachzugehen versucht, die es mag und nicht die es aufgrund althergebrachter Geschlechterzuweisung ausführen sollte. Ich bin vorrangig ich, mit all meinem Denken und Fühlen und Handeln, und erst an zweiter [oder dritter oder vierter] bin ich Mann.

Defekt V

Es war fast alles geklärt. Nach ein paar Umständen und Tagen hatte ich meine EC-Karte zurückerhalten und schließlich sogar entsperren können. Doch obwohl ich hätte zufrieden sein können, wollte ich unbedingt noch einen Schritt weitergehen: Die Deutsche Bahn sollte bluten!

Naja, nicht ganz. Eigentlich war es mein Wunsch, die knapp zehn Euro, die ich aufgrund des defekten Fahrkartenautomaten in Richtung Automatenstörstelle vertelefoniert hatte, zurückerstattet zu bekommen. Als ich jedoch während der EC-Karten-Aushändigung an einem Schalter im Magdeburger Hauptbahnhof diesbezüglich nachgefragte, konnte man mir nicht weiterhelfen. Mir wurde nur eine Visitenkarte gereicht, auf der eine Telefonnummer verzeichnet war, an die man Beschwerden richten konnte – für 14 Cent pro Minute.

Ihr seid wohl bescheuert!, dachte ich. Ich möchte Telefonkosten erstattet bekommen und soll dafür Telefonkosten verursachen? Auf keinen Fall! Und so nutzte ich ein auf der Bahn-Seite aufgeführtes Kontaktformular, in das ich meine Daten und Wünsche eintrug. Eine erste Bestätigungsmail wurde generiert. Hurra.

Als nach drei Tagen nichts geschehen war, seufzte ich kurz und füllte das Formular ein weiteres Mal aus. Die zweite Bestätigungsmail erreichte mich. Und das war alles. Am Tag darauf wiederholte ich das Spiel und erhielt, abgesehen von der dritten Bestätigungsmail, keine Reaktion.

Doch als ich heimkehrte, wartete im Briefkasten bereits ein Schreiben auf mich. Von der Deutschen Bahn.

Sehr geehrter Herr morast,
vielen Dank für Ihre E-Mail vom 5. Juni.
Wir arbeiten zwar durch regelmäßige Wartung an der Zuverlässigkeit der Automaten, aber so ein Automat fällt schon mal aus.
Bitte entschuldigen Sie, was Sie erlebt haben.
Eine Erstattung der Telefonkosten ist leider nicht möglich.
Aus Kulanz erhalten Sie aber einen Gutschein im Wert von 5,00 EUR. …

Es war offensichtlich, dass der Text zur nach dem Baukastenprinzip zusammengebastelt wurde. Eine Erklärung, warum Telefonkostenerstattung nicht möglich sei, enthielt er auch nicht. Dafür aber den Hinweis auf eine Telefonnummer, die ich anrufen könne, falls ich noch Fragen habe. Für 14 Cent pro Minute.

Die Unterschrift erwies sich als doppelt interessant. Zum einen war sie natürlich nicht echt, sondern nur ein eingefügtes jpg niederer Qualität. Die Farbe hinter dem Schriftzug war eindeutig nicht weiß. Zum anderen amüsierte sie mich. Schließlich hätte ich nicht gedacht, dass es tatsächlich Menschen gibt, die so heißen, wie diejenigen, die Bart in einer uralten Simpsons-Folge bei einem Telefonstreich mit Moe ausrufen lässt: „Ist hier jemand, der Reinsch heißt?“

Und natürlich freute ich mich. Sicherlich, mit fünf Euro kam man nicht weit, doch freute ich mich über meinen kleinen Erfolg, darüber, dass die ganze Sache nun ausgestanden war und sogar ein positives Ende bekam.

Die ganze Geschichte: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV

Über die Schwierigkeiten des Musikmögens

Musik zu hören, ist nicht einfach. Selbst wenn man es geschafft hat, über Jahre hinweg, geprägt von Eigenneugier, Freundesrat, Medienmeinung und Zufall so etwas wie einen Geschmack zu entwickeln, wenn man ungefähre Aussagen darüber treffen kann, welche Musikformationen und Stilrichtung man bevorzugt, stößt man immer wieder auf Zweifel fördernde Hindernisse.

Ich beispielsweise bin bekennender Bevorzuger unheller Metallmusik und neige auch dazu, entsprechenden Konzerten und Tanzveranstaltungen Besuche abzustatten. Doch selbst die nicht eben populärste Musikgattung des Metals ist so sehr angehäuft mit eigenen Stilrichtungen und Unterstilrichtungen, dass ein Überblick undenkbar erscheint. Sicherlich, da gibt es die Großen, deren Namen jeder einigermaßen Eingeweihte kennt, deren Klangkonstrukte man leicht zuordnen kann, die zuweilen Kultstatus schufen und Nachahmer fanden. Doch nicht alles, was Erfolg hat, ist gut, und wenn man sich einmal für Musik entschieden hat, die nur selten in Verkaufscharts Erwähnung findet, wird man seiner Halbignoranz gegenüber Massentauglichem nicht ausgerechnet hier ein Ende setzen, hier, wo ohnehin jeder landet, der etwas mit Metal zu tun hat. Cannibal Corpse und Metallica zu erwähnen, vermag jeder. Und niemand will wie jeder sein.

Also gilt es, sich zu spezialisieren. Das geschieht glücklicherweise größtenteils automatisch, kann man doch mit angenehmer Sicherheit darüber urteilen, was einem zusagt und was nicht. Und allein die immer leichter werdenden Möglichkeiten, Musik zu entdecken sorgen für ein unüberschaubar großes Angebot potentieller Gutfindklänge. Hinzu kommen die Bands, die man kennt und mag, die hin und wieder neue Werke herausbringen, die ihren Stil ändern, mit ähnlichen Klingenden auf Tour sind und so neue Eindrücke erwirken. Hinzu kommen Bekannte und Szeneseiten, die allesamt andere Erfahrungen machen und diese teilen wollen, die Begeisterung erfahren und zu vermitteln versuchen, die von Neuem und Altem berichten und dafür sorgen, dass der eigene Geschmack einer steten Veränderung und Erweiterung unterzogen wird.

Inmitten aller potentiellen Lieblingsmusiken diejenigen zu entdecken, die es tatsächlich werden, ist aufwändig, nicht zuletzt auch, weil diverse Werke erst einige Beschäftigungszeit brauchen, ehe sie sich dem eigenen Wohlempfinden öffnen. Und als fairer Musikmöger sollte man diese Zeit tatsächlich investieren und nicht prinzipiell nach 30-sekündiger Saturn-Standardreinhörzeit darüber urteilen, ob die gehörte Band für alle Zeit der Verdammnis zuzuführen sei. Im Metallmusikbereich sind schließlich Liedlängen von über fünf oder gar über zehn Minuten keine Seltenheit und lassen ein kurzes Reinhören zur Lächerlichkeit mutieren.

Verständlich ist es jedoch, wenn man nicht gewillt ist, diesen Aufwand zu betreiben, wenn man sich einfach das zu Gemüte führt, was andere ohnehin hören, weil sich das ja schließlich schon bewährt hat. Dass die Grenzen für Gutmusik jedoch selbst bei prinzipieller Übereinstimmung stark differieren können, wird dabei vernachlässigt.

Ich selbst versuche, Mittelwege zu gehen, versuche, Beliebtes zu vernehmen und die Begeisterung dafür nachzuempfinden, selbst wenn ich im ersten Moment der Ansicht bin, dass ich nie und nimmer mit diesen Klängen Freund werden möchte. Je ausgeprägter jemandes Begeisterung für eine Musik ist, desto eher bin ich bereit, meine Vorurteile zu ignorieren und der Quelle der Euphorie nachzuspüren.

Zugleich bemühe ich mich aber auch, eigene Nachforschungen anzustellen, Bands zu finden, die musikalisch ähnliches Schaffen erwirken wie jene, die ich bisher mochte, oder auch anderen, die aus irgendeinem Grund meine Aufmerksamkeit erregen, mein Gehör zu schenken. Die Ausbeute ist dabei vergleichsweise gering, und nicht selten erschüttert es mich, wie häufig sich die Geschmackswahrnehmungen unterscheiden. Es ist wohl unmöglich, jemanden zu finden, dessen Musikbevorzugung mit der eigenen identisch ist. Doch das sollte wohl auch nicht das Ziel sein.

Mein Ziel ist es, Musik zu finden, die mir gefällt, die mich bewegt. Und selbst wenn ich es nicht immer verwirklichen kann, versuche ich doch auch zu Musikgruppen, die eigentlich als peinlich gelten, zu stehen, wenn sie mir gefallen. Denn der eigene Geschmack sollte einem eigentlich nicht peinlich sein.

Das jedoch fällt schwer, sobald ich mich auf einer Musik- und Tanzveranstaltung inmitten von Menschen befinde, die ebenfalls „Metal“ auf ihre „Ich-hab-dich-lieb“-Liste schrieben. Denn schnell wird deutlich, dass die Anzahl der Überschneidungen gering ist im Vergleich zur Anzahl der Unterschiede. Hurra, denke ich, nicht nur ich mag es, zu Iced Earth mein Haupthaar zu schütteln, doch schon beim nächsten Lied, wenn alle außer mir auf der Tanzfläche bleiben, wird offensichtlich: Nicht nur der Geschmack unterscheidet sich, auch der Wissensstand. Es existieren selbst in spezialisiertesten Stilrichtungen so viele, oft gut anhörbare Musiken, dass es eher in Zufälle ausartet, kennt man tatsächlich dieselbe Band wie der Nebenmann. Oder es handelt sich eben um eine jener Bands wie Iced Earth, die bereits Erfolge feierte, zahlreiche Alben herausgaben, mehrfach die Bandbesetzung wechselten und sich einen Status erwarben, den abzusprechen es schwer fallen wird. Wer Iced Earth nicht kennt, verweilt noch nicht lange genug in der Metalszene.

Der erste gemeinsame Nenner ist also der Mainstream. Selbst wenn man bei vielen Bands, die außerhalb der Zottelhaarszene kaum jemand kennt, nicht unbedingt von solchem spricht, ist die Anzahl verkaufter Platten für den DJ doch ein gewisser Garant dafür, dass die Tanz- und Bangfläche nicht unbesetzt bleibt.

Ein weiterer Garant ist – natürlich – der DJ selbst, der dazu neigt, bestimmte Titel jedesmal zu spielen, sobald er die Musikauswahl treffen darf. Mit der Zeit neigt das Stammpublikum dann dazu, diese vielleicht unbekannten Klänge zu erfragen, sich an sie zu gewöhnen und sie schließlich in ihr Herz aufzuethmen. Sie werden Anlass, sich auszutoben, obwohl sie nur einen Vorteil gegenüber anderen, ähnlichen Musiken erwirkten, weil der Auswähler sich für die Wiederholung entschied.

Der dritte gemeinsame Nenner ist überall findbar: der Klassiker. Ich vermeide bewusst das Wort „Kult“, weil ich es verachte, doch dürfte klar sein, was ich meine: Musik, die alt genug ist, dass wirklich jeder sie einigermaßen zuzuordnen und mitzusummen vermag; Musik, die nur eines ausreichend gefallenen Hemmungsniveaus bedarf, um ausgelassen zu ihr in Bewegung zu fallen. Schließlich kennt man sie längst, und es dürfte nicht das erste Mal sein, dass man feststellt, dass es sich eigentlich um ein wirklich gutes Lied handelt – selbst wenn sich das bei niedrigerem Euphorielevel als fragwürdig erweist.

Es existiert noch eine weitere Option, die garantiert, dass sich zumindest ein Kunde freut: der Wunschtitel. Nur zu leicht scheint es zu sein, an das erhöhte Pult heranzutreten und – aufgrund der Hintergrundlärmerei schreiend – auf den einen oder anderen Titel zu verweisen, der in heimatlichen Gefilden das eigene Wohlwollen fand. Doch leider scheint es der Regelfall zu sein, dass DJs ihre Auswahlhoheit nicht angegriffen wissen wollen, dass sie also meinen, der Titel würde im Augenblick nicht in den Ablauf passen und den Wünschenden auf ein – möglicherweise nicht existierendes – Später vertrösten. Beschwert man sich beim nächsten Diskothekenbesuch, so findet der Abspielverweigerer eine einfache Entschuldigung: Er habe den Titel doch gespielt, nur man selbst sei wohl nicht mehr anwesend gewesen.

In Anbetracht des umfangreichen Musikfeldes, das das vereinigte Titelwissen der Tanzveranstaltungsbesucher bildet, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass mir bereits häufiger vom DJ mitgeteilt wurde, dass mein Wunschtitel nicht in seiner Sammlung verfügbar sei. Zugleich ernte ich einen Blick, der mir sagte, dass es nicht empfehlenswert sei, die Allmacht des Musikabspielers in Frage zu stellen – und dass das, was ich mag, für jeden echten Metaller einfach nur peinlich ist.

Und so sitze ich dann mitten in der Nacht in einer Metallmusikdiskothek und warte auf irgendetwas mir Gefallendes, zu dem ich meiner Zuneigung durch Bewegung Ausdruck verleihen kann. Wenn ich später nach Hause fahre, stelle ich fest, dass die Stunden vergingen, ohne dass der DJ meinem Geschmack ansatzweise gerecht wurde. Und dennoch habe ich mich amüsiert. Ja, ich habe die Klassiker gemieden, aber empfand sie trotzdem als angenehm. Und bis auf ein paar Ausnahmen habe ich auch darauf verzichtet, zu Klängen zu headbangen, die der DJ jedes Mal spielt – schließlich bin ich kein Teil des Stammpublikums und kenne die Interna nur ansatzweise. Die bekannteren Titel hingegen habe ich allesamt mitgenommen, sobald sie meinen Musikvostellungen ungefähr entsprachen. Und während ich mich offensichtlich darüber freute, gute Musik zu vernehmen und dabei nicht reglos in den zerfetzten Ledermöbeln zu sitzen, schämte ich mich ein wenig, weil ich doch nur Teil der Masse war, die das gut fand, was alle mochten.

Es ist längst hell, als ich endlich ins Bett gehe. Meine Ohren fiepen, und meine Haare stinken. Und als ich den Abend Revue passieren lasse, bemerke ich, dass er mich – wie immer – zugleich enttäuschte und erfreute.

Blaue Flecken

Es war richtig gewesen, nach Hause zu fahren, sagte ich mir und trat in die Pedalen. Ich hatte die bibliothekischen Öffnungszeiten bis zum Maximum ausgereizt und anschließend den nächsten Biergarten aufgesucht, um dem niederländisch-italienischen Vorrundenspiel meine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hatte die zwei Tore gegen Italien gesehen und bejubelt und nun, in Anbetracht fehlender Sonneneinstrahlung und wachsender Radelunlust, beschlossen, den Heimweg anzutreten. Vermutlich würde ich aufgrund Fernsehermangels die zweite Halbzeit verpassen, doch das spielte – nicht nur wegen des fast sicheren neiderländischen Zweitorvorsprungs – kaum eine Rolle.

Spontan beschloss ich, den Bestand der Automatenvideothek zu beschauen. Vielleicht fand sich ja irgendetwas, mit dem ich meine Gedanken vor dem Schlafengehen beschäftigen konnte. Doch so weit sollte es nicht kommen.

Als ich von der Straße auf den Fußweg wechselte, stellten sich mir zwei betrunkene Punks in den Weg. Ich wich aus, bremste und hielt an, um nicht versehentlich in den herumstreunenden Hund zu fahren. Ob ich nicht mal eine Zigarette hätte, wurde ich gefragt. Ich verneinte bedauernd. Als Nichtraucher neigt man nicht dazu, Zigaretten mit sich herumzuschleppen. Ob ich nicht noch einmal nachschauen könne. Ich schmunzelte: „Ich rauche nicht.“ und wollte weiterfahren. Doch ich konnte nicht. Der Punk stand direkt vor mir und war nicht gewillt, mich vorbeizulassen.
Sein alkoholgeschwängerter Atem drang mir in die Nase, doch ich verzog keine Miene. Ob ich nicht etwas Kleingeld hätte. Ich seufte, gab nach, kramte ich meinen Hosentaschen und reichte ihm ein paar Cents. Kein Dank, kein Beiseiterücken, nichts.

Sein Kumpel war unterdessen weitergegangen, interessierte sich nicht für mich, sondern nur für die anderen Punks, die bereits an der Haltestelle auf ihn warteten. Mein Punk jedoch bekundete Interesse: „Hey, es ist Sommer!“, lallte er, „Hol die Titten raus.!“ Und zielsicher kniff er mir in die linke Brustwarze. Ich war verblüfft. „Es ist Sommer!“, wiederholte er, als wäre das eine Erklärung für sein schmerzhaftes Tun und streckte erneut den Arm aus, um mich zu kneifen. „Lass das.“, meinte ich und schob seine Hand weg. Er gab nicht nach. „Hier, kannst auch bei mir mal.“ Er streckte mir seine, von einem grauen, fleckigen Shirt verhüllte Brust entgegen, doch ich weigerte mich.

„Mann, es ist Sommer. Los!“ Erneut versuchte er, mich zu kneifen. Mehrmals wehrte ich ihn ab, ohne Kraft allerdings, weil ich nicht riskieren wollte, ihn unnötig zu provozieren. Denn noch lächelte er.

Ich versuchte, mich an ihm vorbeizuschieben, und er nutzte die Gelegenheit, mir in die erneut Brust zu kneifen und die gegriffene Haut zu verdrehen. Es schmerzte. „Titten raus!“, meinte er. „Aber ich bin doch keine Frau!“, empörte ich mich und schob mich weiter voran. Er hielt mein Fahrrad fest. „Das Fahrrad bleibt aber hier.“ Noch immer grinste er, doch ich konnte nicht einschätzen, wie ernst er es wirklich meinte.

Wollte er wirklich mein Fahrrad klauen? Jetzt? Hier? Eigentlich sprach nichts dagegen. Die wenigen Leute auf der Straße ignorierten meine Belange und wären sicherlich nicht bereit gewesen, sich mit einer Horde Punks zu prügeln, bloß wegen eines rostigen Fahrrads. Ich hielt es fest, schob es von ihm weg. „Ich muss jetzt weiter.“, meinte ich, doch er wollte nicht nachgeben. „Noch einmal.“, bat er und versuchte erneut, mich zu kneifen. „Nein, das tut weh.“

„Aber das soll es doch.“, grinste er, und ich fragte mich, wo ich da schon wieder hineingeraten war. „Ich muss jetzt los.“, wiederholte ich. „Du kannst auch mal bei mir.“, bot er mir an, doch ich schob mein Rad nach vorn. Er hielt es nicht mehr fest, und ich war bereits an ihm vorbei, doch nachgeben wollte er auch nichr. Er griff nach mir, kniff mir in den Arm, dann in den Rücken, drehte die Haut auf schmerzhafte Weise, ohne auch nur für einen Moment mit dem Grinsen aufzuhören. Ich reagierte nicht, schob mein Fahrrad nur weiter, bis ich genug Platz hatte, um aufzusteigen und mich seiner Hand zu entreißen, fuhr, weiter, um die Ecke, atmete auf. Keinen Film ausleihen, nur nach Hause.

Zu Hause entdeckte ich, dass mein Fernsehmangel mich nicht von EM ausschloß und schaltete den Livestream ein, nur wenige Augenblicke, bevor das dritte Tor fiel. Als ich zu Bett ging, entdeckte ich mehrere blaue Flecke an meinem Körper. Was hat der Typ nur von mir gewollt?, fragte ich mich. Und: Warum hat er nicht einfach Fußball geschaut wie alle anderen auch?

Defekt IV

Es ist durchaus erschreckend: Ich bin es mittlerweile gewöhnt und erachte es für wenig außergewöhnlich, an Telefonhotlines mit einem sich nur undeutlich artikulierenden Gesprächspartner verbunden zu werden. Ich bin es gewöhnt, unfreundlich behandelt, abgefertigt, zu werden und zurückzubleiben mit dem Gefühl, an meiner Misere selbst Schuld gewesen zu sein. Ich bin es gewöhnt, nach unsummigen Telefonaten aufzulegen und festzustellen, dass diese rein gar nichts erwirkt haben.

Umso mehr überraschte es mich heute morgen, als ich bei meiner Hallenser Sparkassenfilile anrief und nach angenehmer Coldplay-„Clocks“-Wartschleifenmusik erstaunlich rasch eine nicht nur gut verständliche, sondern auch zuvorkommende und hilfreiche Mitarbeiterin vernahm, die mich sogleich an einen Mitarbeiter weiterleitete, der imstande wäre, meinen Fall zu bearbeiten. Erneut kamen in mir Zweifel an der Telefonverbindung, als die Wartschleifenmusik durch Warteschleifenstille ersetzt wurde, doch dann knackte es leise, und eine männliche Stimme nahm sich meiner Sorgen an: Ich hatte unlängst meine EC-Karte sperren müssen, weil diese in einem Fahrkartenautomaten hängengeblieben war. Doch nun, nach ein paar Mühen hatte ich die Karte zurückerhalten und wünschte nun, dass sie wieder entsperrt werde. Leider würde sich das als schwierig erweisen, weil ich – im Gegensatz zum Konto – nicht in Halle sei.

Und nun begann die Fragerei. In rascher Abfolge nannte ich dem Sparkassenmitarbeiter allerhand persönliche Daten, darunter Konto- und Personalausweisnummer, die nicht zuletzt dafür gedacht waren, mein Ichsein zu bestätigen. Und kaum hatte ich die letzte Information gegeben, wurde mir schon ein Erfolg gemeldet. Die Karte sei nun entsperrt, vernahm ich, und ich war verblüfft. So einfach kann es manchmal gehen, dachte ich, freute mich wie ein norwegisches Stachelkänguruh, bedankte mich und legte auf. Dann erst wunderte ich mich:

Sicherlich, meine EC-Karte war nicht gestohlen worden; nur ein funktionsverweigernder Automat hatte sie verschluckt. Sicherlich, ich hielt die Karte in meinen Händen, und sie konnte kaum mehr missbraucht werden. Sicherlich, ich hatte allen Grund zur Freude. Doch war die Entsperrung nicht zu einfach gewesen? Denn was, fragte ich mich, wäre denn geschehen, wenn ich nicht ich, sondern ein heimtückischer, höhnisch grinsender Dieb gewesen wäre und zuvor ein Portemonaie mitsamt zahlreicher ausweisiger Inhalte geraubt hätte? Wenn ich nun versuchen würde, die Karte zu entsperren, indem ich eine Lügengeschichte auftischte und diese mit der in den Geldbörse gefundenen persönlichen Daten untermalte? Welche Informationen, die der Sparkassenmitarbeiter von mir wünschte, wären denn nicht aus meinen Ausweisen erfahrbar gewesen?

Rasch beschloss ich, diesen unangenehmen Gedanken zu verdrängen und den Hilfreichtum und die Freundlichkeit Hallenser Sparkassenfilialangestellter und meine erneut funktionstüchtige EC-Karte zu lobpreisen und anschließend eine weitere Mail an die Deutsche Bahn zu verfassen, um höflich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass ich meine umfangreichen und unfreiwilllig angehäuften Störstellentelefonkosten noch immer ersetzt zu werden wünschen.

Die ganze Geschichte: Teil I, Teil II, Teil III, Teil V