Lisa

Es gab kein Wetter, das ihm nicht behagte, keines, das imstande war, ihn zu vertreiben, ihn davon abhalten, seinen Stammplatz einzunehmen, jeden Morgen, pünktlich um 9.30 Uhr, dann, wenn die Geschäfte öffneten und Publikum herbeiströmen konnte. Es strömte nicht, das Publikum, denn er war nur ein Leierkastenspieler, ein alter noch dazu, der tagein tagaus an seinem antiquierten Apparat kurbelte und ihm Melodie für Melodie entlockte.

Hin und wieder gesellte sich eine ungewöhnliche Note in sein Spiel, ein metallischer Laut, der ein Lächeln des Dankes über sein verwittertes Antlitz ließ, einen lichtenen Schatten, der die Falten zu einem kurzen Lächeln sortierte und dann ebenso rasch verschwand, wie er gekommen war. „Danke.“, sagte der alte Mann dann, nickte dem Passanten, der im Vorübereilen die Münze fallen gelassen hatte, zu, und manchmal, nur manchmal, konnte man erkennen, dass der von wüstem Bartgeflecht umkränzten Mund nur noch wenige Zähne beherbergte. Doch zeigte er ein Lächeln, und schwand es noch so rasch dahin, so schien es, als flösse Güte aus ihm heraus, als hätte der alte Mann sich bewusst mit zahlreichen Zahnlücken bestückt, um der Herzenswärme, die in ihm brodelte, einen Ausweg zu schenken. Es gab nur wenige, die ihn tatsächlich jemals lächeln sahen, und Lisa gehörte zu ihnen.

Der alte Mann stand neben dem Denkmal, das Goethe oder Schiller oder irgendeinen Künstler darstellte, dessen Namen Lisa nie für wichtig erachtet hatte, stand dort, als hätte er sich selbst zum Denkmal erkoren, stand dort und kurbelte, in Regen und Schnee, in Nebel und Sonnenschein. Ton für Ton kroch aus seinem längst verblichenen Kasten, und Lisa blieb häufig stehen, um ihm zu lauschen, ihm, dem Leierkastenmann, ihm dem Verrückten mit dem Rauschbart.

In ihrem gesamten Leben, und das währte immerhin bereits neuneinhalb Jahre, hatte Lisa niemals so viele Runzeln und Haare in einem einzigen Gesicht gesehen. Und niemals hatte sie so schöne, so traurige Lieder gehört. Nein, nicht traurige, nur einsame, schwermütige, ergreifende.

Der Leierkasten selbst klang schrecklich, und wer nur hastig von einem Geschäft zum nächsten rannte, ertappte sich nicht selten dabei, wie er den alten Mann und seinen Lärm genervt ansah, als könnten ein Augenrollen und ein Seufzen ihn davon abhalten, seine Lieder zu spielen, ihn, der Sturm und Winden trotzte, ihn, der jeden Tag, pünktlich 9.30 Uhr seinen Leierkasten aufklappte und an der Kurbel zu drehen begann. Nein, der Kasten klang schrecklich, doch hinter den fahlen Tönen, die unsicher durch die Luft zu zittern schienen, schwebte eine zweite Melodie, eine, deren Zauber Lisa jedes Mal von neuem zu fesseln mochte, eine, die ihr, wenn sie nicht aufpasste, den Atem nahm.

Und so ertappte sich Lisa, wie sie dem alten Mann immer häufiger zuhörte, wie sie ihn beobachte, oft aus einem Versteck heraus, wie sie lächelte, wenn er lächelte, wie sie sich daran erfreute, dass er zu jedem Lied, das er spielte, die Worte zu kennen schien und manchmal lautlos mitsang. Der alte Mann, so wirr und verrückt erwirkte, so erbärmlich und mitleidserregend er aussah, wuchs ihr ans Herz. Vielleicht war es nur seine Musik, waren es die Lieder, die er spielte, die er Tag für Tag erkurbelte, die kippenden Klänge, hinter deren bröckeliger Fassade so viel mehr zu stecken schien.

Woran es auch lag; eines Tages jedenfalls fasste Lisa einen Entschluss: Nicht länger wollte sie in ihrem Versteck verweilen, nicht länger unbesehen den Klängen lauschen, nicht länger das Verhalten des Drehorgelspielers studieren, als wäre er ein Insekt unter dem Mikroskop. Nein, sie wollte Worte mit ihm wechseln, seinen Namen erfahren, wollte ihm sagen, wie schön seine Musik sei, vielleicht ein wenig zu ihr tanzen, zwei, drei Schritte nur, und dann wieder gehen. Vielleicht würde ihr Lächeln ihn finden und anstecken, vielleicht gar ein wenig auf seinen Lippen verweilen.

Tagelang zögerte sie, haderte sie mit sich selbst. Dann erwarb sie an einem der zahlreichen Blumenstände eine Tulpe, eine kleine, zierliche, fast kümmerliche, Tulpe, sonnengelb, unmittelbar vor vollständiger Blüte stehend und doch unscheinbar gegenüber ihren intensiver strahlenden, prächtigeren Brüdern und Schwestern. Lisa kaufte also die Blume, atmete tief durch und ging auf den Drehorgelspieler zu. Dieser leierte eine sehnsüchtige Melodie durch den Äther, und mit jedem Takt, so schien es ihr, wurden Lisas Beine schwerer und schwerer, mit jeder Note sank ihr Mut.

Doch dann stand sie vor ihm. Er sah sie nicht, starrte geistesabwesend ins Leere, und seine hellblauen Augen waren Meere der Traurigkeit. Nie hatte sie seine Augen bemerkt, stellte sie erstaunt fest. Passte man nicht auf, konnte man in ihnen ertrinken, dachte Lisa, und ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie riss sich los, legte ihre Tulpe vorsichtig in die unförmige Mütze, die Tag für Tag auf dem Bordstein lag und Münzgeklimper erhoffte, und ging eilig davon. Ohne zu tanzen. Ohne zu lächeln. Ohne nach einem Namen gefragt zu haben. Ihre Beine wogen Tonnen, und auch ihr Gesicht war wie festgefroren. Nur weg hier!, war ihr einziger Gedanke, und sie ging, nein floh, weiter, ließ sich von den trüben Drehorgelklängen begleiten, umschmeicheln und spürte, wie mit jedem Meter, den sie sich von dem Alten entfernte, ihr Schritte behender, leichtfüßiger, wurden.

Dann verstummte die Musik. Plötzlich, überraschend, mitten im Lied. Lisa kannte dieses Lied, hatte es bereits mehrere Male vernommen, bildete sich gar insgeheim ein, mitsingen zu können, obwohl sie nie nur eine Zeile des Textes gehört hatte. Doch nun brach es ab, anderthalb Strophen und zwei Refrains vor dem Ende, mittendrin, als hätte jemand die Welt angehalten.

Und vielleicht war es genau das: Die Welt war stehengeblieben. Nur für sie, Lisa. Und für den alten Mann. Noch nie hatte er ein Lied unterbrochen, noch nicht einmal, als Jugendliche ihm eine Handvoll Münzen aus der Mütze gestohlen hatten und siegessicher grölend fortgerannt waren. Noch nicht einmal, als eine ältere Dame in herbstbraunem Faltenrock sich heiser ein bestimmtes Lied, möglicherweise aus ihrer Kindheit, gewünscht hatte. Noch nie.

Und jetzt war er verstummt. Die Drehorgelkurbel stach starr in den Himmel, und der alte Mann hielt die Tulpe in den Händen, schaute sie an, als fände er in ihr ein Eldorado. Oder ein Paradies. Er lächelte, und obwohl Lisa sich bereits zu weit von dem alten Mann entfernt hatte, spürte sie eine warme Woge ihre Sinne umgarnen, sie mit Liebreiz zu benetzen, als wäre die Wirklichkeit plötzlich ein winziges Stück, einen Millimeter nur, hin zum Sonnenlicht gerückt.

Lisa blieb stehen, spürte, dass auch ihre Mundwinkel nach oben geschwebt waren, dass sich auch auf ihrem Antlitz ein Lächeln eingenistet hatte, als wolle es dort für alle Zeiten bleiben. Der alte Mann blickte auf, drehte seinen Kopf und sah sie an. Mehr als zweihundert Meter trennten sie, und doch sah der Alte ihr in die Augen, und durch die Augen hindurch in ihren Kopf, in ihr Denken, in ihr Innerstes, in ihr Herz.
Das kann doch nicht sein!, dachte Lisa verwirrte und rannte davon.

Doch am nächsten Tag kam sie zurück. Und am übernächsten. Und am Tag darauf. Und jedesmal wenn sie glaubte, der Alte wäre tief in seine Musik versunken, warf sie eine kleine Blume in seine Mütze. Eine Rose, eine Narzisse, ein Gänseblümchen. Es spielte keine Rolle. Jede Blume war wunderschön in ihrer Hand, so wie jedes Lied des alten Mannes wunderschön war, hatte man einmal damit begonnen, hinter die Töne zu hören.

Und eines Tages lief sie nicht mehr fort. Sie warf eine weiße Nelke in die Mütze und blieb einfach stehen. Der alte Mann hörte auf zu drehen, warf einen Blick auf die Blume, trat hinter seinem Leierkasten hervor und bückte sich. Dann fiel sein Blick auf Lisa, auf Lisa, die lächelte, auf Lisa, die all ihren Mut aufbrachte und dem Alten in seine meeresblauen Augen sah. Auf Lisa, die tausend Fragen in sich fühlte, doch kein Wort herauszubringen vermochte. Auf Lisa, die sich befreite, die aus den Tiefen seiner Augen auftauchte, Luft holte und dennoch stehenblieb, dennoch nicht wegrannte.

Der Alte nickte, legte die Nelke vorsichtig auf seine Drehorgel und begann zu spielen. Ein altes Lied, das sich wohlig warm um Lisas Gedanken legte, das unendlich traurig und heiter zugleich zu sein schien, so voller Hoffnung, so voller Träume, so voller Sehnsucht, dass Lisa sich nicht länger imstande zu sein glaubte, die Tränen zurückzuhalten. Doch so fest sie auch ihre Lider schloss, der Fluss, der in ihr auszubrechen drohte, war unaufhaltsam. Silberne Perlen, dachte Lisa noch, als die erste Träne bereits unter ihrem Augenlid hervorschoss und ihre Wange hinabglitt. Doch bevor ihre Gefährten nacheilen und vielleicht sogar Taschentücher füllen konnten, änderte sich die Melodie.

Die Klänge, die dem alten Gerät entsprangen, wurden leichter, beschwingter, und wie von allein fanden Lisas Füße den Takt, ließen sich vom Rhythmus leiten und bewegten sich vergnügt aus dem grauen Asphalt. Lisa tanzte, ließ die Augen geschlossen und gab sich der Musik hin. Nicht lange, nur ein paar Augenblicke, doch genug, um den alten Mann lächeln zu lassen, genug, um sich wie in einem Traum zu fühlen, genug, um sich noch Stunden später, als Lisa längst heimgekehrt war und ihren Kopf in ein weiches Kissen gebettet hatte, zu fragen, was in diesem Moment geschehen war, welcher Zauber von ihr Besitz ergriffen hatte.

Am nächsten Tag kam sie zurück. Und auch am übernächsten. Hin und wieder tanzte sie, nicht lange, nur ein paar Schritte, doch Leute blieben stehen und sahen ihr zu, hörten vielleicht erstmals auf die Musik, die der alte Mann tagtäglich spielte. Und diese Musik war neu.

Waren die Lieder früher, nächtlichen Wogen gleich, mit trüber Schwermut durch Geist und Seele geflutet, hatten jeden Winkel des Denkens mit der bitteren Süße der Sehnsucht gefüllt und ungewisse Hoffnungen, warme, jedoch ungreifbare Erinnerungen hinterlassen, waren sie nun fast heiter, Gazellensprüngen ähnlich, wild und lieblich zugleich, wie Kirschblüten im Wirbel warmer Frühlingswinde. Die Lieder fanden Lisa und belebten sie, erheiterten sie, geleiteten sie zum Tanz, zu anmutiger Bewegung, und der alte Mann sah häufiger und häufiger auf und lächelte ihr zu, schenkte ihr Wärme, ermutigte sie zu weiteren Schritten, zu Wirbelhaaren und Gewänderrauschen, zu einem Lachen, das glockenhell die Musik zu vergolden schien.

Und doch fehlte etwas. Lisa bemerkte es nicht gleich, war viel zu sehr gefangen von den Klängen, von der Bewegung, vom Leuchten, das in ihrem Herz erwacht war, doch nach und nach, nach Tagen und Wochen, hielt sie plötzlich, mitten im Lied, so wie einst der alte Mann, inne.

Der Alte spielte weiter, ließ sich nicht beirren, hielt den Rhythmus, drehte an seiner Leier und ließ das Publikum schunkeln, mit den Klangwellen schaukeln. Doch Lisa stand still. Stand still und lauschte. Etwas fehlte.

Töne vibrierten durch den Äther, lockten ihre Füße, ihre Beine, zur Bewegung. Nein, dachte sie, und stand still.

Und dann hörte sie es, hörte sie das erbärmliche Seufzen der Drehorgel, das stete Quietschen der Leier, das Rattern im Inneren des hölzernen Kastens, die blassen Klänge, die sich aus dem Gerät stahlen und in die Ohren der Lauschenden setzten. Dies war nicht länger ihr Leierkastenmann, dies waren nicht länger die Melodien, hinter denen sich weitere, tiefere, richtigere, verbargen. Nein, dies waren Falschtöne, heitere Klänge auf die verzerrten Noten geklebt, frohsinniges Gedudel, das mit Wohltat lockte, das das Gemüt umschmeichelte, das die Köpfe im Takt nicken ließ. Dies war ein gleißendes Tönen, Schall mit unbeschwerter Süße, doch leerem Inneren. Die war nur Klang, nur Rausch, nicht mehr.

Wo war die Musik hinter der Musik? Wo waren die Worte, die sich wie von selbst in ihre Gedanken legten? Wo die Hoffnungen? Wo die Sehnsüchte? Wo, und das war vielleicht die bedeutsamste aller Fragen, wo war der Leierkastenmann, den sie einst gefunden hatte, jener, dessen Träume sie mitrissen, jener, dessen Schwermut so warm in ihr Gemüt gedrungen war?

Sie sah auf, blickte vorbei an verfilztem Bart und zahnlosem Mund, zu einem Lächeln verformt, das ihr zu gelten schien und doch nur ein Lächeln war, nicht mehr, blickte vorbei an den Furchen, in denen sich so viele Geschichten verbargen, blickte tief in die meeresblauen Augen und suchte.

„Das bist nicht du.“, sagte sie, und es waren die ersten Worte, die sie je an den alten Mann gerichtet hatte. Dann drehte sie sich um und ging.

Der alte Mann spielte weiter, doch seine Gedanken verweilten woanders, glitten ab vom dem Frohsinn, den sein Instrument verströmte und eilten hinter Lisa hinterher, hinter Lisa, deren Namen er nicht kannte, hinter Lisa, für deren Lächeln, für deren zaghaft tänzelnde Schritte auf grauem Asphalt, er jedes Lied, jeden Ton gespielt hätte, hinter Lisa, die nun ging, weil sie verstand.

Der alte Mann nickte langsam, spielte sein Lied zuende und nickte. Dann, als die nächste Melodie begann, wankte die Welt. Der Kasten knarrte unbekannte Klänge, und verwundert blinzelten die noch eben beschwingt schaukelnden Passanten, als hätte sie jemand eines Märchenschlafs beraubt. Blasse, farblose Töne quälten sich aus dem Gerät, während der Leierkastenmann kurbelte und drehte. Und mit jeder Drehung, mit jedem Takt, fand er ein Stück seiner selbst wieder, fand er die Worte, die zu den Liedern gehörten, die einst seinem Inneren entsprangen waren, fand er die Töne, die hinter den Tönen lagen, fand er die Klänge, die mehr waren als nur Klang.

Und irgendwo, nicht allzu weit entfernt, ging Lisa, lauschte der Sehnsucht, der Schönheit, die kaum hörbar an ihr Ohr, ihr Herz, drang, und wärmte sich an dem Lächeln, das, wie sie wusste, auf den bartumkränzten Lippen des alten Mannes lag.