Das 1. Türchen

Manche von euch erinnern sich vielleicht an die Geschichten, die ich in der Rubrik „Begegnungen“ schrieb und die schließlich sogar in einem Ebook Platz fanden. Für den diesjährigen Fredventskalender werde ich euch anstelle von 24 Comics, Cartoons oder Zeichnungen Tag für Tag eine neue, kleine, winterlich-weihnachtliche Geschichte präsentieren. Jede dieser 24 Geschichten wird eine Begegnung, jede wird ein wenig niedlich, ein wenig albern, aber auf jeden Fall bastianisch sein.

Doch genug des Vorworts. Ich wünsche euch fiel Fergnügen und Hohoho!

Eines Tages begegnete ich einer Schneeflocke.

Es schneite, und einer Schneeflocke zu begegnen, bedurfte keiner besonderen Anstrengungen. Der gesamte Himmel war voll von ihnen.

Doch diese eine Schneeflocke war anders. Sie schwebte nicht wie all die anderen Flocken langsam und bedächtig dem unvermeidlichen Erdboden entgegen, sondern sie schien eine Richtung, ein Ziel, zu haben, schien genau zu wissen, was sie tat. Ich entdeckte sie zwischen hunderten weiteren Schneeflocken, und kaum hatte mein Blick sie erfasst, bemerkte ich mehr: Sie glitzerte, glitzerte mehr als ihre Schwestern und Brüder, und ihr Glitzern ließ ihren zarten, zerbrechlichen Schneeflockenkörper größer, weicher, ja: intensiver, erscheinen. Es war, als drängte ein riesiges Kichern aus ihr heraus in die Welt.

Ich mochte die Schneeflocke sofort.

„Hallo.“, sagte ich zu ihr, als sie sich noch weit über meinem Kopf befand.

Sie drehte sich nach unten, und ihr Glitzern wuchs, als sie mich erblickte.

„Hallo.“, sagte sie.

„Du bist einzigartig.“, sagte ich, denn etwas Besseres, Richtigeres, fiel mir nicht ein.

„Jede Schneeflocke ist einzigartig.“, antwortete sie, und ich konnte das Kichern zwischen ihren Wörtern förmlich spüren.

„Aber du bist einzigartiger.“, entgegnete ich, mich jeder Logik widersetzend. „Vielleicht sogar am einzigartigsten!“

Die einzigartigste Schneeflocke zögerte kurz.

„Nein.“, sagte sie dann. „Ich bin einzigUNartig!“

Frech küsste sie mich auf den Mund und ließ sich vom nächsten Windstoß davontragen.

Schirm

Ich kratzte mir gerade an der Nase, als mich ein Schirmchen anflog. Es war eines von denen, die der Löwenzahn beherbergt, wenn er schon Pusteblume heißt, eines von jenen Samenkörnern, die man mit einem Atemhauch von der Pflanze lösen und dem Wind darbieten kann. Ein kleines Schirmchen, das, von Luftströmungen getragen, nun auf meiner Fingerspitze landete.
„Hier bleibe ich.“, quietschte das Schirmchen vergnügt, und ich betrachtete es verwundert.
„Hier bleibe ich und werde wachsen.“, rief das Schirmchen und streckte sich ein winziges bisschen.
„Ich werde wachsen und gedeihen, werde mich tief in die Erde graben, Wurzeln fassen, einen Stengel ausbilden und schließlich eine Blüte. Wunderschön wird die Blüte sein, groß und gelb und strahlend, so wie meine Mami. Sie wird leuchten und strahlen und Freund sein mit allen Bienen dieser Welt. Und dann werde ich mich verwandeln, werde kleine Schirmchen bilden und in die Welt senden, werde Kinder bekommen und weiter wachsen. Und meine Kinder werden ihre Wurzeln tief in die Erde graben, werden wachsen und gedeihen, und vielleicht, eines Tages, wird es überall auf dieser Wiese Löwenzähne geben, die ich bin, die einen klitzekleinen Teil von mir mit sich tragen.“
Das kleine Schirmchen strahlte vergnügt.
„Hach. Das wird wunderschön.“
Ich zögerte mit meiner Antwort.
„Äh.“, sagte ich schließlich und war ein wenig verlegen. „Du sitzt auf meiner Fingerspitze.“
Der Schirmchen drehte sich um, schnüffelte kurz an meiner Haut, warf einen Blick unter den Fingernagel.
„Du solltest dich mal wieder waschen.“, sagte es und ließ sich vom Wind davontragen.

Stern

Auf der Wiese lag ein Stern und keuchte. Grau und unscheinbar lag er da, zwischen Grasbüscheln und Kieselsteinen versteckt, und beinahe wäre ich an ihm vorübergelaufen, hätte es da nicht dieses Keuchen gegeben, das zwischen Grün und Grau zu mir empordrang.
Es war ein Stern, das sah ich sofort, doch er sah elend aus. Die Farbe war aus ihm gewichen, und er hatte Schwierigkeiten, zu Atem zu kommen.
„Hallo.“, sagte ich vorsichtig und näherte mich dem kleinen Stern. Er hustete kurz, und ich begriff, dass er eigentlich „Hallo.“ sagen wollte.
„Geht es dir gut?“, fragte ich überflüssigerweise. Offensichtlich ging es dem kleinen Stern nicht gut. Wenn man es genauer betrachtete, hatte ich noch nie einen Stern gesehen, dem es derart schlecht ging.
Der kleine Stern sah mich traurig an, und der Anblick des kleinen Wesens hätte mir fast das Herz zerrissen.
„Du bekommst keine Luft, oder?“, fragte ich.
Der kleine Stern keuchte zweimal, dreimal, dann begann er zu erzählen. Langsam nur, immer wieder tief atmend, keuchend, hustend.
Er kam von oben, erklärte er mir, vom Sternenhimmel. Und jede Nacht kehrte er dorthin zurück. Jeden Abend atmete er ganz tief ein, sammelte soviel Luft wie möglich und begab sich an den Nachthimmel, um dort zu leuchten und zu strahlen. Und jeden Morgen kehrte er erschöpft auf die Erde zurück, keuchte und hustete und versuchte, neue Luft, neue Kräfte zu sammeln.
„Im Weltraum gibt es wohl keine Luft?“, fragte ich, und der kleine Stern schüttelte mit dem Kopf.
Die anderen Sterne brauchten keine Luft. Sie leuchteten und strahlten, atmeten und lachten, hingen am Himmel und schafften es sogar, tagsüber dort oben zu bleiben. Nur er, der kleine Stern, kehrte immer wieder zurück und musste atmen.
„Aber du atmest fast nicht.“, sagte ich besorgt. „Du keuchst nur.“
Der kleine Stern nickte matt.
Gerade wollte er zu einer Erklärung ansetzen, als es zu regnen begann. Kleine und große Tropfen prasselten auf uns hernieder, plätscherten und klatschten, durchnässten meine Kleidung innerhalb weniger Sekunden. Ein richtiger Regenschauer war das, der da niederkam!
Doch der Stern begann zu leuchten und zu strahlen. Ja, plötzlich gewann er an Farbe, wurde rosa, so wunderschön rosa, wie es nur Sterne zu sein vermögen. Und er lachte, er lachte hell und klar und zauberhaft. Und er atmete, atmete leise und sanft, regelmäßig und ruhig, ohne Keuchen und Huster, atmete inmitten des Regens, inmitten seines eigenen Leuchtens.
Und pötzlich lachte auch ich. Das Regenwasser nahm mir fast die Luft, doch ich lachte. Denn die Lösung war einfach, war einfacher, als man es für möglich gehalten hätte.
„Du bist gar kein Stern!“, rief ich zu dem kleinen Stern, der unter den Wasserfluten noch immer leuchte und strahlte, lachte und atmete.
„Du bist ein Seestern!“
Der Regen ließ nach.
Der Seestern atmete lauter, unregelmäßiger, hustete kurz. Sein Leuchten verblasste.
Rasch griff ich den kleinen Stern, hob ihn auf und rannte zum Strand. Ich ignorierte Ampeln und Menschen, ignorierte Hunde und Wege, rannte einfach nur zum Strand, zum Meer, durch den Sand, hin zu den Wellen, die vor und zurück wogten, auf und nieder immerzu.
„Sie rufen mich.“, keuchte der kleine Stern in meiner Hand und lief rosa an.
Ich nickte, stürmte ins Wasser, bis ich nicht mehr stehen konnte.
Dann hielt ich inne, küsste den kleinen Stern und lächelte.
„Adieu.“, sagte ich und ließ ihn ins Wasser gleiten.
Und kaum hatten ihn die Wellen verschluckt, kaum hatte ihn das salzige Wasser umhüllt, begann er wieder zu leuchten und zu strahlen. Hell und rosa schwamm er davon, und ich wusste, dass er dabei lachte.

Ente

„Weil letztlich alles, jeder Organismus dieses Universum, miteinander verbunden ist.“ Die Ente glitt langsam auf den Rand des Teiches zu. Sie hatte mehr als fünf Minuten ununterbrochen geredet und war mir immer näher gekommen, sowohl mit ihrem eigenen, federweichen Körper, als auch mit ihren Gedanken, den Weisheiten, die in sprudelnden Strömen aus ihr herauszufließen schienen.
„Du musste dich einfach nur für Liebe und Schönheit öffnen.“, sagte sie, dann schwieg sie nachdenklich. Ich nickte langsam, erfüllt von Wärme und Wonne, erfüllt mit dem Wissen, Gutes in mir zu bergen, und dem Wunsch, es hinaus in die Welt zu tragen. Es war, als hätte sich in mir eine Tür geöffnet, als erblühten plötzlich tausende Wege vor meinen Füßen.
Die Ente sprach wieder, diesmal leiser, wärmer, ließ ihre Stimme sanft in meine Ohren schmelzen.
„Vielleicht reicht es schon, die Augen zu öffnen und die kleinen Dinge zu sehen. Sie zu genießen.“
Sie blickte zu mir hinauf.
„Die Weidenkätzchen an den Ästen, die Reflektion der Abendsonne in den Fenstern des Rathauses, die Spongebob-Krawatte des Busfahrers.“
Ich nickte erneut. Hätte die Ente am liebsten umarmt.
„Das Summen der Hummeln, das Kind mit dem Roller, die Ente auf dem Teich, deren Worte du nicht verstehst.“
Sie blickte mir in die Augen, und ich glaubte, einen Schimmer von Trauer in ihnen zu erkennen.
„Enten können nicht reden, mein Freund, und werden dir niemals tiefgreifende philosophische Weisheiten offenbaren können.“
Ich nickte ein weiteres Mal und blickte auf die Ente, die mir plötzlich wunderschön erschien. Es war, als ginge ein Leuchten von ihr aus und hüllte sich wärmend um meine Gedanken.
Sie quakte kurz, tauchte unter, und ich wünschte, ich hätte mich irgendwie mit ihr unterhalten können.
Dann ging ich weiter und genoss das Licht der Abendsonne, das sich in den Rathausfenstern spiegelte.

Auf dem Rasen

Der Rasen sah verlockend aus. Rasch hatte ich mich meiner Schuhe und meiner Socken entledigt und lief über das frische Grün, auf dem noch letzte Morgentautropfen schimmerten.
Plötzlich bebte der Boden. Ein kleiner Haufen entstand, wo sich eben noch ein Grasbüschel befunden hatte, und wuchs langsam in die Höhe. Dann hielt er inne, wackelte kurz und spuckte ein kleines schwarzes Wesen aus. Das Wesen war so klein, dass es ohne Probleme Platz auf meiner Handfläche gefunden hätte, wäre es es nicht sichtlich zufrieden mit dem von ihm soeben errichteten Erdhaufen gewesen.
„Ein Maulwurf!“, rief ich verzückt, und der Maulwurf dehnte und streckte sich wohlig, bevor er mir mit seinen Schaufelhänden zuwinkte: „Guten Morgen!“
Er war mir sofort sympathisch.
„Was machst du hier?“, wollte ich wissen. Ich war schon immer ein wenig neugierig gewesen, doch die Gegenwart von Maulwürfen schien diese Eigenschaft üblicherweise zu verstärken.
„Machst du Urlaub?“
Der Maulwurf schüttelte mit dem Kopf. Seine Äuglein waren fest zusammengekniffen, und nur seine Nasenspitze schien sich in ständige Bewegungs zu befinden.
„Ich zaubere.“, sagte er, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass Maulwürfe nicht kichern, hätte ich geglaubt, dass er kicherte.
„Du zauberst?“, fragte ich, denn meine Neugier war gewachsen wie ein Maulwurfshügel auf einer Frühlingswiese.
„Ich zaubere.“, wiederholte der Maulwurf. „Beziehungsweise: Ich verwandle.“
„Du verwandelst?“, fragte ich und wollte vor Neugier fast platzen.
„Ich verwandle Löcher in Tunnel.“, erklärte der Maulwurf.
„Wie geht das denn?“, wollte ich wissen.
Der Maulwurf grub sich noch ein wenig aus seinem Hügel hinaus und setzte sich dann bequem auf die weiche Erde.
„Ich grabe Löcher. Ich grabe mich in die Erde ein und schaufle mir einen Gang. Egal, wie tief oder lang meine Gänge sind, letztlich sind es immer nur Löcher, die ich grabe.“
Ich nickte zustimmend.
„Doch sobald ich wieder zur Erde zurückkehre, sobald ich die Erdkruste durchbreche und ans Tageslicht gelange, wird aus dem Loch ein Tunnel.“
Der Maulwurf seufzte zufrieden.
„Es ist Magie.“
Ich dachte kurz darüber nach, aber tausend Fragen brannten auf meinen Lippen.
„Aber du kannst doch nichts sehen! Wie orientierst du dich denn?“
Der Maulwurf lachte kurz.
„Ich kann hören. Ich kann fühlen. Und vor allem kann ich riechen. Wenn ich richtig rieche, weiß ich sofort, wo ich bin.“
„Wirklich?“, fragte ich erstaunt.
„Und nicht nur das. Ich rieche, dass du keine Socken trägst. Ich rieche mindestens 47 Tautropfen auf dieser Wiese. Ich rieche, dass du gerade zur Arbeit gehst. Und ich rieche, dass dieses Gespräch bald beendet sein wird.“
„Huiuiui.“ Ich war verblüfft. „Also kannst du auch riechen, wenn sich ein Loch in einen Tunnel verwandelt?“
Der Maulwurf nickte langsam.
„Ich rieche das Licht.“, sagte er verträumt. „Es ist der vielleicht schönste Geruch von allen.“
Ich war noch immer neugierig. „Und wie riecht Licht?“
„Wie Musik.“, sagte der Maulwurf, grinste und verschwand in seinem Hügel.

Die Schnecke

Ich ging gerade durch den Park, als mir eine Schnecke begegnete. Es war eine hübsche Schnecke, das musste ich zugeben. Trotzdem hätte ich sie bestimmt übersehen, wenn sie mich nicht angesprochen hätte.
„Hey!“, rief sie zu mir nach oben und riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute nach vorn, nach hinten, ja sogar nach oben.
„Hey!“, rief die Schnecke noch einmal, und endlich begriff ich: So langsam und weich wie dieses „Hey!“ ausgesprochen war, konnte es nur eine Schnecke gewesen sein, die mich rief. Ich blickte nach unten, und da war sie: Eine hübsche Weinbergschnecke, zu voller Pracht entfaltet, in den ersten Strahlen der Frühlingssonne badend.
„Hallo?“, sagte ich vorsichtig.
Die Schnecke lächelte mich an. Schnecken lächeln mit ihren Fühlern, das ist ja bekannt, und dieses Exemplar lächelte besonders liebevoll. Ich lächelte zurück, so gut ich konnte.
„Hast du Lust auf ein Wettrennen?“, fragte die Schnecke langsam. Mein Gehirn dachte zu schnell, und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was die Schnecke überhaupt gefragt hatte.
„Na klar.“, antwortete ich, so langsam wie möglich.
„Bis zur Birke und zurück.“, sagte die Schnecke gedehnt. „Wer zuerst dort ist, gewinnt.“
Ich lächelte. Nicht nur die Schnecke war hübsch, auch ihre Art des Redens gefiel mir. Wenn sie redete, schien die Zeit einen Bogen um uns zu machen und ihre Bedeutung zu verlieren.
„Okay.“, sagte ich und wir stellten uns nebeneinander auf. Die Birke war nicht weiter als 23 Meter entfernt, und ich meiner Jugend hatte ich diverse Medaillen für Kurz- und Langstreckenlaufleistungen erworben. Gegen eine Schnecke zu gewinnen, sollte kein Problem sein.
‚Vielleicht sollte ich ihr einen Vorsprung lassen.‘, dachte ich noch, da vernahm ich die Stimme der Weinbergschnecke erneut:
„Auf die Plätze.“
Ich stellte mich hin. Lockerte Arme, Beine, nahm das Ziel ins Visier. Ich würde gewinnen, so viel stand fest.
„Fertig machen.“
Ich hockte mich hin. Meine Hände lagen an der imaginären Startlinie. Mein Po ragte in den Himmel. Mein rechtes Knie war angewinkelt und würde mich in Sekundenbruchteilen aus meiner Startposition hinausschleudern und höchsten Laufgeschwindigkeiten übergeben.
„Los!“, rief die Schnecke und rannte los. Und ja, sie rannte. Der Klang ihrer Stimme war nicht nicht verhallt, da hatte sie bereits einen Satz gemacht, die Startlinie überquert und war mehrere Zentimeter dem Ziel entgegengeeilt.
Ich war beeindruckt. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Verdutzt vergaß ich loszulaufen und starrte der Weinbergschnecke hinterher, wie sie Millimeter für Millimeter zurücklegte, über die winzigen Kiessteinchen kroch und eine feuchte Glitzerspur hinterließ.
Das Glitzern zog mich in seinen Bann. Wie hypnotisierte starrte ich auf das sanfte Funkeln, während am Rande meines Blickfelds die Schnecke langsam davonkroch.
‚Es ist nur Schleim, den die Schnecke braucht, um sie fortzubewegen‘, sagte ich mir.
‚Es ist nichts besonderes!‘, sagte ich mir.
‚Lauf los!‘, sagte ich mir.
Und ich lief los.
Nicht so schnell wie erwartet, doch in ordentlichem Tempo, und nach eins, zwei Schritten hatte ich die Weinbergschnecke eingeholt.
Ich sah zu ihr hinab. Sie lächelte noch immer, und als sie mich bemerkte, zwinkerte sie mir zu.
Ich stolperte. Ich hatte nicht gewusst, dass Schnecken zwinkern können, und nun überraschte es mich komplett. Und nicht nur das: Das Schneckenzwinkern sah so niedlich aus, dass ich mich am liebsten augenblicklich in das kleine Kriechtier verliebt hätte. Doch ich hatte ein Wettrennen zu gewinnen.
Ich fing mich, tat einen weiteren Schritt und war sofort wieder gleichauf mit der Weinbergschnecke, die noch immer lächelte. Und mich erneut anzwinkerte.
Diesmal war ich vorbereitet. Ich stolperte nur ein kleines bisschen und wollte gerade überholen, als mir das Schneckengehäuse auffiel. Nie hatte ich etwas Perfekteres gesehen als dieses Schneckenhaus.
Meine Blicke folgten der Spirale, glitten über Grau und Braun und waren sofort gefangen. Wie konnte etwas so Unscheinbares so makellos, so wunderschön, sein?
Die Fibonacci-Zahlen fielen mir ein, 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, und wieder wurde ich langsamer, hielt inne, konnte mich nicht von dem Schneckenhaus, von der Spirale lösen, die langsam von mir davonkroch.
‚Reiß dich zusammen!‘, rief ich mir zu. ‚Du willst doch gewinnen!‘
Ich schüttelte mich kurz, dann machte ich mich bereit weiterzulaufen. Weiterzulaufen, zu überholen und endlich zu gewinnen.
Ich orientierte mich, schaute, wo sich die Schnecke befand, um nicht versehentlich auf ihr wunderschönes Gehäuse zu treten, schaute noch einmal, weil mich der Anblick der davonkriechenden Weinbergschnecke erfreute, schaute noch einmal, weil die Schnecke es schaffte, zugleich niedlich und elegant zu wirken, schaute noch einmal, weil mich die permanente Bewegung des kleinen weichen Schneckenkörpers beeindruckte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie sie es schaffte, sich auf diese Weise fortzubewegen und dabei noch so bezaubernd auszusehen, weil ich mich an den kleinen Fühlern erfreute, die die Augen neugierig allen Richtungen entgegenreichte, weil die Weinbergschnecke eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die mich sanft und warm umarmte und schließlich voll und ganz erfüllte, weil ich nicht anders konnte, als mich nun hinzusetzen, gemächlich auf dem Kies Platz zu nehmen und zufrieden zu beobachten, wie die Weinbergschnecke langsam zur Birke kroch.

Nervös

Meine Hände zitterten. So viel stand fest.
Meine Finger fanden ständig den Weg zu meinem Mund, und wie automatisch suchten meine Zähne nach Nägeln, nach etwas, das sie beschäftigte.
Auch mein rechtes Knie war nicht untätig. Permanent hüpfte es auf und ab, als wollte ich jeden Augenblick davonlaufen.
‚Davonlaufen.‘ Ich seufzte durch meine abgeknabberten Fingernägel. ‚Das wäre eine gute Idee.‘
Doch ich blieb. Blieb und starrte auf den Bildschirm, als könnte er mir nun, nach zweieinhalb Minuten permanenten Anstarrens eine Lösung für meine Probleme liefern.
„Du bist nervös.“, piepste es direkt über mir. Verwirrt sah ich nach oben.
Eine kleine Spinne seilte sich elegant von der Zimmerlampe zu mir herab.
„Und zwar ziemlich nervös.“, sagte sie und ihr Körper, den ich eben noch für schwarz gehalten hatte, schimmerte lila im fahlen Schreibtischlicht.
Ich nickte hektisch. Ich war nervös. Sehr nervös.
„Was dir fehlt, ist innere Ruhe.“ Die Spinne befand sich mittlerweile auf Augenhöhe.
„Inneres Gleichgewicht.“
Ich dachte kurz nach. Mein Knie hüpfte auf und ab.
„Und wie soll ich inneres Gleichgewicht erlangen?“, fragte ich unsicher.
„Durch äußeres Gleichgewicht.“, antwortete die Spinne und grinste breiter, als ich es bei einer Spinne für möglich gehalten hätte.
„Und wie soll ich äußeres …“, begann ich zu fragen, doch die Spinne fiel mir ins Wort.
„Du brauchst mehr Beine!“, rief sie und schwang sich auf meinen Kopf.
„Mehr Beine?“, wunderte ich mich.
„Mit zwei Beinen steht man sehr unsicher.“, erklärte die Spinne, während sie vergnügt durch meine Haare und schließlich sogar über meine gerunzelte Stirn krabbelte. „Du brauchst vier. Oder am besten: acht.“
Sie war mittlerweile auf meiner Nasenspitze angekommen, und wie zur Bekräftigung ihrer eigenen Worte hob sie jedes Bein einzeln und stampfte damit auf. Es kitzelte ein wenig.
„Außerdem brauchst du eine Beschäftigung.“, erklärte die Spinne und setzte ihre Wanderung fort.
„Irgendwas, bei dem du deine Hände bewegst, aber nicht nachdenken muss. Etwas, das deine Aufmerksamkeit fesselt, ohne dich zu beanspruchen.“
Die Spinne hockte nun auf meinem Kinn und überlegte.
„Wie wäre es mit Häkeln?“
Ich schüttelte langsam mit Kopf.
„Stricken?“
Kopfschütteln.
„Wie wäre es, wenn du Fäden spinnen würdest?“, fragte die kleine lila Spinne, kicherte leise und hüpfte auf meinen Schreibtisch.
„Fäden?“ Ich musterte sie kritisch.
Die Spinne nickte. Und kicherte noch einmal.
„Außerdem wäre es hilfreich, dich mit Netzen zu umgeben.“, ergänzte sie. Ohne meine Reaktion abzuwarten, kletterte sie auf den Computerbildschirm und setzte sich auf dessen Oberkante.
„Schön warm hier.“ Zufrieden schloss sie die Augen.
Ich verstand plötzlich.
„Du rätst mir, dass ich, um innere Ruhe zu finden, eine Spinne werden soll?!“
Die Spinne grinste mal wieder. Langsam kletterte sie den Bildschirm hinab zur Kante des Schreibtischs. Dann hielt sie inne und blickte mich liebevoll an.
Nach einer Weile nickte sie.
„Mir hat es geholfen.“, sagte sie und krabbelte davon.

Der Regenwurm

Der Weg zur Arbeit kam mir eines Tages besonders lang vor. Meine Blicke schweiften durch die Gegend und blieben plötzlich an einem Regenwurm hängen, der sich just in diesem Augenblick vor meinen Schuhen befand und nichtsahnend vor sich hin kroch.
„Hallo Regenwurm.“, grüßte ich fröhlich, denn ich war glücklich, neben all den gestressten, zur Arbeit eilenden Menschen ein sympathisch wirkendes Kriechwesen entdeckt zu haben.
„Hallo.“, rief der Regenwurm zu mir nach oben und winkte mit sämtlichen Armen.
„Äh…“, sagte ich unsicher. „Du hast gar keine Arme zum Winken.“
Der Regenwurm hielt kurz inne, dann winkte er weiter.
„Macht nichts.“, lachte er. „Ich winke trotzdem.“
„Gut so.“, sagte ich und freute mich darüber, wie der Regenwurm winkte und lachte, lachte und winkte.
Plötzlich hörte er auf. Besorgt sah er nach oben. Über uns türmten sich graue Wolken am Himmel, und es sah aus, als würde es bald regnen.
„Ich muss aufpassen.“, flüsterte mir der Regenwurm so leise zu, dass ich ihn kaum verstand.
„Wieso?“, flüsterte ich ebenso leise zurück.
„Wenn ich zu viel mit den Armen winke, dann winken die Wolken zurück.“, erklärte der Regenwurm, und seine Stimme hatte einen verschwörerischen Tonfall angenommen. „Und wenn Wolken winken, dann regnet es sofort.“
Abschätzend schaute ich nach oben. Die Wolkenberge waren gewachsen, so viel stand fest.
„Frag mich nicht, warum das so ist, aber ich find’s toll.“, sagte der Regenwurm und begann erneut zu lachen.
„Habe ich das richtig verstanden? Wenn du winkst, regnet es?“, fragte ich verwundert. „Und das, obwohl du keine Arme hast?“
Der Regenwurm nickte und winkte und lachte. ich hatte noch nie einen derart fröhlichen Regenwurm gesehen.
„Übrigens klappt das auch, wenn ich lache.“, sagte er und lachte noch ein wenig mehr.
Er sah noch einmal nach oben, wo die grauen Wolken mittlerweile eine schwarze Färbung angenommen hatten und ein großes Unwetter versprachen.
„Ich muss jetzt gehen.“, sagte der Regenwurm.
„Hat mich gefreut, dich kennenzulernen.“, verabschiedete ich ihn, doch er war bereits mehrere Meter weit davongeeilt.
„Bis zum nächsten Mal!“, rief ich ihm hinterher, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hören würde. Aber er drehte sich um, grinste mich an und winkte so intensiv, wie nur ein armloser Regenwurm winken kann.
„Bis zum nächsten Mal.“, rief er zurück und begann erneut zu lachen.
Plötzlich stürzte Regen auf mich hernieder, und in wenigen Augenblicklen war ich durchnässt. Doch ich blieb stehen und sah dem lachenen Regenwurm nach, bis er hinter einer Ecke verschwand.

Ende

Die Ameise

„Das ist aber ein komisches Ende für eine Geschichte.“
Die Ameise hatte das die dicke Made, die sie bis vor einige Augenblicke noch in Richtung des gewaltigen Ameisenbaus am Rande des Wädchens geschleppt hatte, beiseite gelegt und schnaufte ein wenig
Ich starrte sie an, denn wenn ich eines gut konnte, dann war das, Ameisen anzustarren.
„Was meinst du damit?“, fragte ich verwirrt.
„Deine Geschichte. Sie hat ein komisches Ende.“, erklärte die Ameise ungeduldig.
Vorsichtshalber fragte ich nochmal nach. Wenn ich eines gut konnte, dann war das nachzufragen.
„Welche Geschichte denn?“
„Na, die mit der Ameise, die eine dicke Made beiseite legt, schnauft und freundlich darauf hinweist, dass das Ende der Geschichte komisch sei.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Eine solche Geschichte habe ich nie geschrieben.“, widersprach ich. Wenn ich eines gut konnte, dann war das, Insekten zu widersprechen.
„Ach, stimmt ja.“, sagte die Ameise, hob schnaufend die dicke Made hoch und drehte sich um.
„Wie geht die Geschichte denn aus?“, wollte ich noch fragen, doch da hatte die Ameise mich bereits in den Ameisenhaufen getragen.

Winterschlaf

„Vielleicht schläft er ja?“, piepste die klitzekleine Maus und schnüffelte neugierig in der Luft herum. Wenn sie aufgeregt war, schnüffelte sie immer in der Luft herum.

Der dicke Bär schüttelte langsam mit dem Kopf. „Seit über zwei Monaten?“, brummte er fragend. Er brummte immer, wenn er aufgeregt war. Er brummte ebenfalls, wenn er nicht aufgeregt war. Eigentlich brummte er immer. Schließlich war der dicke Bär ein dicker Bär.

„Vielleicht macht er Winterschlaf?“, piepste die klitzekleine Maus vorsichtig und ihre Schnurrbarthärchen zitterten. Wenn die klitzekleine Maus aufgeregt war, zitterten ihr Schnurrbarthärchen immer. Und sie war meistens aufgeregt.

„Menschen machen keinen Winterschlaf.“, erklärte der dicke Bär und gähnte. Die klitzekleine Maus hatte ihn aus seinen Träumen geweckt, hatte gepiepst und ihn mit zitternden Schnurrbarthärchen gekitzelt, bis er sich brummend erhob und sich nach dem Notfall erkundigte. Dem Notfall, den die klitzekleine Maus gerade durchlebte. Dem Notfall, der so notfällig war, dass ein dicker Bär seinen wohlverdienten Winterschlaf unterbrechen musste.

„Vielleicht ist er … gestorben.“, piepste die klitzekleine Maus und wurde noch ein bisschen aufgeregter. Der dicke Bär hob sie hoch und setzte sie zärtlich auf seine Schulter.
„Ihm geht es gut. Das weiß ich.“, brummte er beruhigend.

„Woher willst du das wissen?“, fragte die klitzekleine Maus zögerlich. Der dicke Bär war ihr bester Freund, und wenn er etwas sagte, dann stimmte es immer. Und selbst wenn es nicht stimmte, war es stets beinahe richtig. Zumindest meistens.
„Ich fühle es.“, brummte der dicke Bär. „Ich fühle, dass er in diesem Augenblick irgendwo sitzt und schmunzelt.“

Die klitzekleine Maus hörte auf, in der Luft zu schnüffeln. Sie war fast gar nicht mehr aufgeregt. Wenn der dicke Bär etwas fühlte, dann stimmte das immer. Der dicke Bär hatte sich noch nie verfühlt und war vermutlich der beste Fühler der ganzen großen Welt.

„Hoffentlich schreibt er dann bald wieder eine Geschichte.“, piepste die klitzekleine Maus und kuschelte sich tief in das Fell des dicken Bären. „Die klitzekleinen Geschichten mag ich am liebsten.“

Der dicke Bär nickte langsam und legte sich auf den Boden seiner Höhle.
„Ich bin mir sicher, dass schon bald eine neue Geschichte entstanden sein wird.“, sagte er und lächelte. „Vielleicht sogar eine mit einer klitzekleinen Maus.“

Doch die klitzekleine Maus schlief bereits tief und fest.