Ente

„Weil letztlich alles, jeder Organismus dieses Universum, miteinander verbunden ist.“ Die Ente glitt langsam auf den Rand des Teiches zu. Sie hatte mehr als fünf Minuten ununterbrochen geredet und war mir immer näher gekommen, sowohl mit ihrem eigenen, federweichen Körper, als auch mit ihren Gedanken, den Weisheiten, die in sprudelnden Strömen aus ihr herauszufließen schienen.
„Du musste dich einfach nur für Liebe und Schönheit öffnen.“, sagte sie, dann schwieg sie nachdenklich. Ich nickte langsam, erfüllt von Wärme und Wonne, erfüllt mit dem Wissen, Gutes in mir zu bergen, und dem Wunsch, es hinaus in die Welt zu tragen. Es war, als hätte sich in mir eine Tür geöffnet, als erblühten plötzlich tausende Wege vor meinen Füßen.
Die Ente sprach wieder, diesmal leiser, wärmer, ließ ihre Stimme sanft in meine Ohren schmelzen.
„Vielleicht reicht es schon, die Augen zu öffnen und die kleinen Dinge zu sehen. Sie zu genießen.“
Sie blickte zu mir hinauf.
„Die Weidenkätzchen an den Ästen, die Reflektion der Abendsonne in den Fenstern des Rathauses, die Spongebob-Krawatte des Busfahrers.“
Ich nickte erneut. Hätte die Ente am liebsten umarmt.
„Das Summen der Hummeln, das Kind mit dem Roller, die Ente auf dem Teich, deren Worte du nicht verstehst.“
Sie blickte mir in die Augen, und ich glaubte, einen Schimmer von Trauer in ihnen zu erkennen.
„Enten können nicht reden, mein Freund, und werden dir niemals tiefgreifende philosophische Weisheiten offenbaren können.“
Ich nickte ein weiteres Mal und blickte auf die Ente, die mir plötzlich wunderschön erschien. Es war, als ginge ein Leuchten von ihr aus und hüllte sich wärmend um meine Gedanken.
Sie quakte kurz, tauchte unter, und ich wünschte, ich hätte mich irgendwie mit ihr unterhalten können.
Dann ging ich weiter und genoss das Licht der Abendsonne, das sich in den Rathausfenstern spiegelte.

Auf dem Rasen

Der Rasen sah verlockend aus. Rasch hatte ich mich meiner Schuhe und meiner Socken entledigt und lief über das frische Grün, auf dem noch letzte Morgentautropfen schimmerten.
Plötzlich bebte der Boden. Ein kleiner Haufen entstand, wo sich eben noch ein Grasbüschel befunden hatte, und wuchs langsam in die Höhe. Dann hielt er inne, wackelte kurz und spuckte ein kleines schwarzes Wesen aus. Das Wesen war so klein, dass es ohne Probleme Platz auf meiner Handfläche gefunden hätte, wäre es es nicht sichtlich zufrieden mit dem von ihm soeben errichteten Erdhaufen gewesen.
„Ein Maulwurf!“, rief ich verzückt, und der Maulwurf dehnte und streckte sich wohlig, bevor er mir mit seinen Schaufelhänden zuwinkte: „Guten Morgen!“
Er war mir sofort sympathisch.
„Was machst du hier?“, wollte ich wissen. Ich war schon immer ein wenig neugierig gewesen, doch die Gegenwart von Maulwürfen schien diese Eigenschaft üblicherweise zu verstärken.
„Machst du Urlaub?“
Der Maulwurf schüttelte mit dem Kopf. Seine Äuglein waren fest zusammengekniffen, und nur seine Nasenspitze schien sich in ständige Bewegungs zu befinden.
„Ich zaubere.“, sagte er, und wenn ich nicht gewusst hätte, dass Maulwürfe nicht kichern, hätte ich geglaubt, dass er kicherte.
„Du zauberst?“, fragte ich, denn meine Neugier war gewachsen wie ein Maulwurfshügel auf einer Frühlingswiese.
„Ich zaubere.“, wiederholte der Maulwurf. „Beziehungsweise: Ich verwandle.“
„Du verwandelst?“, fragte ich und wollte vor Neugier fast platzen.
„Ich verwandle Löcher in Tunnel.“, erklärte der Maulwurf.
„Wie geht das denn?“, wollte ich wissen.
Der Maulwurf grub sich noch ein wenig aus seinem Hügel hinaus und setzte sich dann bequem auf die weiche Erde.
„Ich grabe Löcher. Ich grabe mich in die Erde ein und schaufle mir einen Gang. Egal, wie tief oder lang meine Gänge sind, letztlich sind es immer nur Löcher, die ich grabe.“
Ich nickte zustimmend.
„Doch sobald ich wieder zur Erde zurückkehre, sobald ich die Erdkruste durchbreche und ans Tageslicht gelange, wird aus dem Loch ein Tunnel.“
Der Maulwurf seufzte zufrieden.
„Es ist Magie.“
Ich dachte kurz darüber nach, aber tausend Fragen brannten auf meinen Lippen.
„Aber du kannst doch nichts sehen! Wie orientierst du dich denn?“
Der Maulwurf lachte kurz.
„Ich kann hören. Ich kann fühlen. Und vor allem kann ich riechen. Wenn ich richtig rieche, weiß ich sofort, wo ich bin.“
„Wirklich?“, fragte ich erstaunt.
„Und nicht nur das. Ich rieche, dass du keine Socken trägst. Ich rieche mindestens 47 Tautropfen auf dieser Wiese. Ich rieche, dass du gerade zur Arbeit gehst. Und ich rieche, dass dieses Gespräch bald beendet sein wird.“
„Huiuiui.“ Ich war verblüfft. „Also kannst du auch riechen, wenn sich ein Loch in einen Tunnel verwandelt?“
Der Maulwurf nickte langsam.
„Ich rieche das Licht.“, sagte er verträumt. „Es ist der vielleicht schönste Geruch von allen.“
Ich war noch immer neugierig. „Und wie riecht Licht?“
„Wie Musik.“, sagte der Maulwurf, grinste und verschwand in seinem Hügel.

Die Schnecke

Ich ging gerade durch den Park, als mir eine Schnecke begegnete. Es war eine hübsche Schnecke, das musste ich zugeben. Trotzdem hätte ich sie bestimmt übersehen, wenn sie mich nicht angesprochen hätte.
„Hey!“, rief sie zu mir nach oben und riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute nach vorn, nach hinten, ja sogar nach oben.
„Hey!“, rief die Schnecke noch einmal, und endlich begriff ich: So langsam und weich wie dieses „Hey!“ ausgesprochen war, konnte es nur eine Schnecke gewesen sein, die mich rief. Ich blickte nach unten, und da war sie: Eine hübsche Weinbergschnecke, zu voller Pracht entfaltet, in den ersten Strahlen der Frühlingssonne badend.
„Hallo?“, sagte ich vorsichtig.
Die Schnecke lächelte mich an. Schnecken lächeln mit ihren Fühlern, das ist ja bekannt, und dieses Exemplar lächelte besonders liebevoll. Ich lächelte zurück, so gut ich konnte.
„Hast du Lust auf ein Wettrennen?“, fragte die Schnecke langsam. Mein Gehirn dachte zu schnell, und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was die Schnecke überhaupt gefragt hatte.
„Na klar.“, antwortete ich, so langsam wie möglich.
„Bis zur Birke und zurück.“, sagte die Schnecke gedehnt. „Wer zuerst dort ist, gewinnt.“
Ich lächelte. Nicht nur die Schnecke war hübsch, auch ihre Art des Redens gefiel mir. Wenn sie redete, schien die Zeit einen Bogen um uns zu machen und ihre Bedeutung zu verlieren.
„Okay.“, sagte ich und wir stellten uns nebeneinander auf. Die Birke war nicht weiter als 23 Meter entfernt, und ich meiner Jugend hatte ich diverse Medaillen für Kurz- und Langstreckenlaufleistungen erworben. Gegen eine Schnecke zu gewinnen, sollte kein Problem sein.
‚Vielleicht sollte ich ihr einen Vorsprung lassen.‘, dachte ich noch, da vernahm ich die Stimme der Weinbergschnecke erneut:
„Auf die Plätze.“
Ich stellte mich hin. Lockerte Arme, Beine, nahm das Ziel ins Visier. Ich würde gewinnen, so viel stand fest.
„Fertig machen.“
Ich hockte mich hin. Meine Hände lagen an der imaginären Startlinie. Mein Po ragte in den Himmel. Mein rechtes Knie war angewinkelt und würde mich in Sekundenbruchteilen aus meiner Startposition hinausschleudern und höchsten Laufgeschwindigkeiten übergeben.
„Los!“, rief die Schnecke und rannte los. Und ja, sie rannte. Der Klang ihrer Stimme war nicht nicht verhallt, da hatte sie bereits einen Satz gemacht, die Startlinie überquert und war mehrere Zentimeter dem Ziel entgegengeeilt.
Ich war beeindruckt. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Verdutzt vergaß ich loszulaufen und starrte der Weinbergschnecke hinterher, wie sie Millimeter für Millimeter zurücklegte, über die winzigen Kiessteinchen kroch und eine feuchte Glitzerspur hinterließ.
Das Glitzern zog mich in seinen Bann. Wie hypnotisierte starrte ich auf das sanfte Funkeln, während am Rande meines Blickfelds die Schnecke langsam davonkroch.
‚Es ist nur Schleim, den die Schnecke braucht, um sie fortzubewegen‘, sagte ich mir.
‚Es ist nichts besonderes!‘, sagte ich mir.
‚Lauf los!‘, sagte ich mir.
Und ich lief los.
Nicht so schnell wie erwartet, doch in ordentlichem Tempo, und nach eins, zwei Schritten hatte ich die Weinbergschnecke eingeholt.
Ich sah zu ihr hinab. Sie lächelte noch immer, und als sie mich bemerkte, zwinkerte sie mir zu.
Ich stolperte. Ich hatte nicht gewusst, dass Schnecken zwinkern können, und nun überraschte es mich komplett. Und nicht nur das: Das Schneckenzwinkern sah so niedlich aus, dass ich mich am liebsten augenblicklich in das kleine Kriechtier verliebt hätte. Doch ich hatte ein Wettrennen zu gewinnen.
Ich fing mich, tat einen weiteren Schritt und war sofort wieder gleichauf mit der Weinbergschnecke, die noch immer lächelte. Und mich erneut anzwinkerte.
Diesmal war ich vorbereitet. Ich stolperte nur ein kleines bisschen und wollte gerade überholen, als mir das Schneckengehäuse auffiel. Nie hatte ich etwas Perfekteres gesehen als dieses Schneckenhaus.
Meine Blicke folgten der Spirale, glitten über Grau und Braun und waren sofort gefangen. Wie konnte etwas so Unscheinbares so makellos, so wunderschön, sein?
Die Fibonacci-Zahlen fielen mir ein, 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, und wieder wurde ich langsamer, hielt inne, konnte mich nicht von dem Schneckenhaus, von der Spirale lösen, die langsam von mir davonkroch.
‚Reiß dich zusammen!‘, rief ich mir zu. ‚Du willst doch gewinnen!‘
Ich schüttelte mich kurz, dann machte ich mich bereit weiterzulaufen. Weiterzulaufen, zu überholen und endlich zu gewinnen.
Ich orientierte mich, schaute, wo sich die Schnecke befand, um nicht versehentlich auf ihr wunderschönes Gehäuse zu treten, schaute noch einmal, weil mich der Anblick der davonkriechenden Weinbergschnecke erfreute, schaute noch einmal, weil die Schnecke es schaffte, zugleich niedlich und elegant zu wirken, schaute noch einmal, weil mich die permanente Bewegung des kleinen weichen Schneckenkörpers beeindruckte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie sie es schaffte, sich auf diese Weise fortzubewegen und dabei noch so bezaubernd auszusehen, weil ich mich an den kleinen Fühlern erfreute, die die Augen neugierig allen Richtungen entgegenreichte, weil die Weinbergschnecke eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die mich sanft und warm umarmte und schließlich voll und ganz erfüllte, weil ich nicht anders konnte, als mich nun hinzusetzen, gemächlich auf dem Kies Platz zu nehmen und zufrieden zu beobachten, wie die Weinbergschnecke langsam zur Birke kroch.

Nervös

Meine Hände zitterten. So viel stand fest.
Meine Finger fanden ständig den Weg zu meinem Mund, und wie automatisch suchten meine Zähne nach Nägeln, nach etwas, das sie beschäftigte.
Auch mein rechtes Knie war nicht untätig. Permanent hüpfte es auf und ab, als wollte ich jeden Augenblick davonlaufen.
‚Davonlaufen.‘ Ich seufzte durch meine abgeknabberten Fingernägel. ‚Das wäre eine gute Idee.‘
Doch ich blieb. Blieb und starrte auf den Bildschirm, als könnte er mir nun, nach zweieinhalb Minuten permanenten Anstarrens eine Lösung für meine Probleme liefern.
„Du bist nervös.“, piepste es direkt über mir. Verwirrt sah ich nach oben.
Eine kleine Spinne seilte sich elegant von der Zimmerlampe zu mir herab.
„Und zwar ziemlich nervös.“, sagte sie und ihr Körper, den ich eben noch für schwarz gehalten hatte, schimmerte lila im fahlen Schreibtischlicht.
Ich nickte hektisch. Ich war nervös. Sehr nervös.
„Was dir fehlt, ist innere Ruhe.“ Die Spinne befand sich mittlerweile auf Augenhöhe.
„Inneres Gleichgewicht.“
Ich dachte kurz nach. Mein Knie hüpfte auf und ab.
„Und wie soll ich inneres Gleichgewicht erlangen?“, fragte ich unsicher.
„Durch äußeres Gleichgewicht.“, antwortete die Spinne und grinste breiter, als ich es bei einer Spinne für möglich gehalten hätte.
„Und wie soll ich äußeres …“, begann ich zu fragen, doch die Spinne fiel mir ins Wort.
„Du brauchst mehr Beine!“, rief sie und schwang sich auf meinen Kopf.
„Mehr Beine?“, wunderte ich mich.
„Mit zwei Beinen steht man sehr unsicher.“, erklärte die Spinne, während sie vergnügt durch meine Haare und schließlich sogar über meine gerunzelte Stirn krabbelte. „Du brauchst vier. Oder am besten: acht.“
Sie war mittlerweile auf meiner Nasenspitze angekommen, und wie zur Bekräftigung ihrer eigenen Worte hob sie jedes Bein einzeln und stampfte damit auf. Es kitzelte ein wenig.
„Außerdem brauchst du eine Beschäftigung.“, erklärte die Spinne und setzte ihre Wanderung fort.
„Irgendwas, bei dem du deine Hände bewegst, aber nicht nachdenken muss. Etwas, das deine Aufmerksamkeit fesselt, ohne dich zu beanspruchen.“
Die Spinne hockte nun auf meinem Kinn und überlegte.
„Wie wäre es mit Häkeln?“
Ich schüttelte langsam mit Kopf.
„Stricken?“
Kopfschütteln.
„Wie wäre es, wenn du Fäden spinnen würdest?“, fragte die kleine lila Spinne, kicherte leise und hüpfte auf meinen Schreibtisch.
„Fäden?“ Ich musterte sie kritisch.
Die Spinne nickte. Und kicherte noch einmal.
„Außerdem wäre es hilfreich, dich mit Netzen zu umgeben.“, ergänzte sie. Ohne meine Reaktion abzuwarten, kletterte sie auf den Computerbildschirm und setzte sich auf dessen Oberkante.
„Schön warm hier.“ Zufrieden schloss sie die Augen.
Ich verstand plötzlich.
„Du rätst mir, dass ich, um innere Ruhe zu finden, eine Spinne werden soll?!“
Die Spinne grinste mal wieder. Langsam kletterte sie den Bildschirm hinab zur Kante des Schreibtischs. Dann hielt sie inne und blickte mich liebevoll an.
Nach einer Weile nickte sie.
„Mir hat es geholfen.“, sagte sie und krabbelte davon.

Der Regenwurm

Der Weg zur Arbeit kam mir eines Tages besonders lang vor. Meine Blicke schweiften durch die Gegend und blieben plötzlich an einem Regenwurm hängen, der sich just in diesem Augenblick vor meinen Schuhen befand und nichtsahnend vor sich hin kroch.
„Hallo Regenwurm.“, grüßte ich fröhlich, denn ich war glücklich, neben all den gestressten, zur Arbeit eilenden Menschen ein sympathisch wirkendes Kriechwesen entdeckt zu haben.
„Hallo.“, rief der Regenwurm zu mir nach oben und winkte mit sämtlichen Armen.
„Äh…“, sagte ich unsicher. „Du hast gar keine Arme zum Winken.“
Der Regenwurm hielt kurz inne, dann winkte er weiter.
„Macht nichts.“, lachte er. „Ich winke trotzdem.“
„Gut so.“, sagte ich und freute mich darüber, wie der Regenwurm winkte und lachte, lachte und winkte.
Plötzlich hörte er auf. Besorgt sah er nach oben. Über uns türmten sich graue Wolken am Himmel, und es sah aus, als würde es bald regnen.
„Ich muss aufpassen.“, flüsterte mir der Regenwurm so leise zu, dass ich ihn kaum verstand.
„Wieso?“, flüsterte ich ebenso leise zurück.
„Wenn ich zu viel mit den Armen winke, dann winken die Wolken zurück.“, erklärte der Regenwurm, und seine Stimme hatte einen verschwörerischen Tonfall angenommen. „Und wenn Wolken winken, dann regnet es sofort.“
Abschätzend schaute ich nach oben. Die Wolkenberge waren gewachsen, so viel stand fest.
„Frag mich nicht, warum das so ist, aber ich find’s toll.“, sagte der Regenwurm und begann erneut zu lachen.
„Habe ich das richtig verstanden? Wenn du winkst, regnet es?“, fragte ich verwundert. „Und das, obwohl du keine Arme hast?“
Der Regenwurm nickte und winkte und lachte. ich hatte noch nie einen derart fröhlichen Regenwurm gesehen.
„Übrigens klappt das auch, wenn ich lache.“, sagte er und lachte noch ein wenig mehr.
Er sah noch einmal nach oben, wo die grauen Wolken mittlerweile eine schwarze Färbung angenommen hatten und ein großes Unwetter versprachen.
„Ich muss jetzt gehen.“, sagte der Regenwurm.
„Hat mich gefreut, dich kennenzulernen.“, verabschiedete ich ihn, doch er war bereits mehrere Meter weit davongeeilt.
„Bis zum nächsten Mal!“, rief ich ihm hinterher, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hören würde. Aber er drehte sich um, grinste mich an und winkte so intensiv, wie nur ein armloser Regenwurm winken kann.
„Bis zum nächsten Mal.“, rief er zurück und begann erneut zu lachen.
Plötzlich stürzte Regen auf mich hernieder, und in wenigen Augenblicklen war ich durchnässt. Doch ich blieb stehen und sah dem lachenen Regenwurm nach, bis er hinter einer Ecke verschwand.

Ende

Knusel war kein gewöhnliches Meerschweinchen. Knusel war ein Meerschweinchen mit modischem Kurzhaarschnitt.
Außerdem mochte er alkoholische Getränke. Selbstverständlich trank Knusel sie nicht; schließlich war er noch immer ein Meerschweinchen. Aber er liebte es, wie sich das Licht in Rotwein brach, er liebte das Anis-Aroma von Ouzo, und vor allem liebte er das Spiel der Perlen in frisch gezapftem Bier. Insbesondere, wenn das Bier auf einem hölzernen Tresen stand.
„So ein Barbier.“, sagte er oft zu seiner Freundin Robert. „So ein Barbier ist schon etwas Tolles.“
Robert kicherte dann immer leise und blickte auf Knusels modischen Kurzhaarschnitt.

Frederick fon Flatter – live auf der Leipziger Buchmesse

Fredkrakelei vor BuchmessepublikumNur sieben Jahre und 2700 Comics waren nötig, um hier anzukommen. „Hier“ – das war der Lesetreff, Stand E313 in Halle 2 der Leipziger Buchmesse, der Halle, die dank Cosplayerbefüllung zu Verstopfung neigte. „Hier“- das war eine Bühne, die keine Bühne war, weil es ihr zwar an Erhöhung fehlte, aber nicht an Sitzgelegenheiten für ein Publikum, das nicht wundervoller hätte sein können. „Hier“ – das war 17 Uhr am Samstag, 16. März 2013.
 
Und so saß ich an einem Tisch, der eigentlich dem Buchverkaufsstand gehörte, breitete Zeichenutensilien vor mir aus, trank einen Schluck Wasser und spürte die Nervosität in mir brodeln. Meine Hände zitterten ein wenig, und ich befürchtete, keine einzige Linie aufs Papier bringen zu können. Aber ich war zuversichtlich: So vieles hätte schief gehen können bis zu diesem Moment, und doch saß ich hier, blickte auf gut gefüllte quaderformige Sitzgelegenheiten und war bereit, eine halbe Stunde Buchmessenzeit mit meinem Gekrakel zu verschönern.
 
Stefan Gemmel, Kinder- und Jugenbuchautor und gleichzeitig euphorischer Ideenmensch, hatte den intitialen Gedanken: Bastian sitzt auf der Bühne, lässt sich vom Publikum Stichworte zuwerfen und verarbeitet diese zu amüsanten cartoonesken Zeichnungen, in denen Fred, die fetzige Fledermaus, nicht fehlen sollte. Und weil es gut ist, Gutes zu tun, werden die für einen guten Zweck versteigert.
Dass nebenbei Fredbücher herumliegen und erwerbbar sein werden, war selbstverständlich.
 
Fredbücher am Stand der Edition ZweihornAus dem Gedanken wurden Mails, wurde ein Plan. Die Buchkinder Leipzig, eine wundervolle Buch- und Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche, sollten den Erlös erhalten. Ein Beamer sollte meine Linienführung auf eine Leinwand werfen, und Stefan sollte anekdotesk moderieren.

Und so saß ich an dem Tisch, der im letzten Moment herbeiorganisiert worden war, und atmete ein und aus. Versuchte, nicht an das Wirrwarr in mir zu denken. Daran, dass die Kamera sich auch erst vor kurzem zu uns gesellt hatte. Daran, dass sie auf der falschen Seite stand und mehr Hand als Bild zeigte. Daran, dass jede einzelne Bewegung meines Stiftes beobachtet werden würde. Daran, dass Stefan zeitbedingt abgesagt und die Moderation an Andreas Dietz, selber kinderbuchiger Autor und Illustrator, abgegeben hatte. Daran, dass der Buchmessetag sich dem Ende neigte und mir theoretisch nur lächerliche 30 Minuten zustanden, um meine Werke zu kreieren.

Einatmen. Ausatmen.

Ich schaute in die erwartungsfrohen Gesichter im Publikum. Freunde, Familie, Fremde. Alle wirkten ungemein sympathisch. Auch Andreas strahlte Ruhe aus, und selbst mein Gesicht besaß ein Lächeln. Nur meine Finger zitterten, wussten nicht, dass alles gut werden würde.

Einatmen. Ausatmen.

Ich zeichnete ein Testbild. Kamera, Beamer, alles funktionierte. Die ersten Linien waren holprig, aber wenn ich mir Mühe gab, würde meine Hand das machen, was sie sollte.

Einatmen. Ausatmen.
Anfangen.

Andreas moderierte, begrüßte, stellte mich vor, stellte Fred vor, stellte das Buch vor. Erklärte das Prozedere.

Und schon erreichte mich der erste Wortvorschlag.
Mauer.

Meine Gedanken rasten.
Mau. Katze. Kartenspiel. Mauer als Komparativ von mau. Berlin. Pink Floyd.
Das Publikum lieferte ein weiteres Wort:
Straßenbahn.

Ich war verwirrt. Zwei Wörter? Wirklich?
Meine Erstgedanken plumpsten zu Boden, ich dachte an Tatra-Bahnen, an die gestrige Reise von der Buchmesse zur Hauptbahnhof, an das ungünstige Größenverhältnis von Straßenbahn zu Fred.

Ein weiterer Publikumseinwurf.
Das letzte Abendmahl.
Was?

Bastian krakeltDie Welt versank hinter einem Schleier und ich begann zu zeichnen.
Fred mit einem überdimensionalen Stift in der Hand. Auf eine Mauer ein Stück Kuchen malend.
Der Untertitel kam zuletzt: „Freds letztes Abendmahl. Gemalt.“
„Die Straßenbahn ist hinter der Mauer.“, sagte ich. Lächelte. Erntete Applaus.

Andreas fing die nächsten Vorschläge ein.
Baum. Toast. Heidi, das schielende Opossum.
Was?
Ich wusste noch nicht einmal, wie ein Opossum aussah!

Meine Finger griffen sich den Bleistift. Vorsichtshalber hatte ich von allen wichtigen Stiften zwei Exemplare bereitgelegt. Man konnte ja nie wissen.
Linien entstanden. Die Leinwand zeigte alles. Dennoch war war kaum erkennbar, was ich beabsichtigte.
Dann der Fineliner. Ich wurde konkreter.

Unterdessen versteigerte Andreas das erste Bild. Zehn Euro waren das Einstiegsgebot und wurden schnell überboten. Der Preis wuchs in die Höhe, doch ich hatte keine Zeit für Erstaunen, sondern versuchte, gleichzeitig sauber und rasch zu zeichnen, liebevoll, so wie ich es immer tat – nur schneller.

Das zweite Bild war ein Bilderrätsel. Erst zum Schluss beschriftete ich die einzelnen Elemente.
„Baum“ stand am Baum.
„Aß“ stand am Toast.
„Name“ stand am faul herumliegenden Fred, der ein Schild mit seinem Namen in die Höhe hielt.
Baumaßnahme.

Ein leises Ah! durchs Publikum, gefolgt von einem Applaus. Ich war es nicht gewohnt, für Zeichnungen oder Wortspielkonstruktionen beklatscht zu werden und senkte den Kopf. Trank einen Schluck Wasser.
Kam langsam zur Ruhe.

Zwischendurch hörte ich zu. Lächelte, beantwortete Andreas‘ Fragen zu Fred. Stellte fest, nicht gleichzeitig reden und zeichnen zu können. Fühlte mich wohl.

Die nächsten Stichwörter.
Fahrrad.
Buchmesse.
Das war fast einfach. Wenn man davon absah, dass Fahrräder nicht eben leicht zu zeichnen waren.

Bild Nummer 2 wurde versteigert. Und ich zeichnete. Fred mit einem riesigen Lineal. Neben einem Buch stehend. „Fahrräder fetzen“, stand auf dem Buch.
Und ganz am Ende ergänzte ich die Pointe. Kündigte sie großspurig an. Freute mich über die kleine Dramaturgie, die sich ergeben hatte.
„Ich bin ein Buchmesser!“, lachte Fred, und das Publikum war zufrieden.

„Schaffen wir noch eins?“, fragte Andreas, und ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, doch wusste, dass wir überziehen durften. Wir waren die letzten hier am Lesetreff.

Muskelkater.
Das Stichwort brachte mich zum Grübeln. Apfelmus. Gestreifte Katze. Alice im Wunderland. Durchzechte Nacht.
Eine Idee fand mich:
Muskelkater. Katze. Maus. Fledermaus.

„Fleder-Mäuse haben es ja nicht so mit Muskel-Katern.“, sagte Andreas, und die Idee erlosch.
Meine Gedanken rannten davon, blieben bei Sport hängen.

Was ich nun zeichnete, war ein Comicstrip. Aus drei Paneln bestehend.
In denen Fred verkündete, dass er gerne Sport treibt, dabei aber stets ein wenig tranig ist.
Transport, eben.

Auch hier zögerte ich die Pointe heraus. Erwartete, dass das Publikum längst Bescheid wusste. Aber das tat es nicht
Ich färbte Freds Zunge rot, damit sich das Farbbild rentierte.
Freute mich über das abermalige Raunen, als die Pointe ankam.

Wieder wurde das Werk versteigert. Und wieder war der Preis höher, als ich anfangs erwartet hätte. Zwischen 30 und 50 Euro hatte jedes einzelne der Bilder eingebracht.
Und ich lehnte mich zurück. Versuchte, mich ein wenig zu entspannen.

Die Veranstaltung endete mit Applaus. Ich war geschafft, dankte Andreas, dankte dem Publikum.

Doch es war noch nicht vorbei. Denn zur Freude von Herrn Kälberer, dem Mann hinter meinem dem Fredbuchverlag Edition Zweihorn , waren inzwischen allerlei Bücher verkauft worden.
Und ich durfte sie nun signieren. Inklusive Zeichnungen nach Wunsch.

Und wieder zeichnete ich im Akkord. Plauderte nebenbei mit den Leuten. Freute mich.

Die Lautsprecher verkündeten das Ende des Buchmessentages. Ich war noch lange nicht fertig.
Der Wachmann kam vorbei und jagte uns raus. ich war noch immer nicht fertig.
Wir zogen zum Messestand der Edition Zweihorn um. Ich signierte weitere Exemplare des fetzigen Fredbuchs. Sah nun allmählich ein Ende. Sah den Wachmann, der uns erneut herausschmiss. Diesmal endgültig.

Der geschrumpfte Rest packte seine Sachen zusammen und suchte den Weg nach draußen. Verabschiedete sich voneinander.

Und erst als der Abend in geselliger Runde ausklang, als Pizza vor meiner Nase stand und dann auch meinen Magen füllte, spürte ich, wie die Hektik meinen Körper verließ. Wie der Schleier vor meinen Augen sich lüftete.
Wie glücklich ich war.

die beiden meerschweinchen hießen robert und knusel. robert war ein mädchen, aber niemand wusste es. „robert“, riefen alle, „komm, trink ein bier mit uns!“
doch robert mochte kein bier. nicht, weil sie ein mädchen war, sondern weil meerschweinchen kein bier mögen.
abgesehen von knusel, natürlich.
aber das ist eine andere geschichte.

Stifte

„Ich heiße Mark, und ich knabbere gerne an Stiften.“
Nur zögerlich hatten die Worte seinen Mund verlassen, doch die Gruppe, der ‚Kreis‘, wie ihn Frau Käsekuchen nannte, begrüßte ihn lautstark und im Chor.
„Hallo Mark.“, tönte es aus sechzehn Mündern, und es war die Stimme von Frau Käsekuchen, die besonders gut zu hören war. Frau Käsekuchen war der Inbegriff der Sanftheit, und ihrer Stimme wohnte stets eine solche Zärtlichkeit bei , dass man sich wünschte, Kuscheldecken würden aus ihr hergestellt werden. Es war letztlich ihre Stimme gewesen, die eindringliche Sanftheit ihrer Worte, die ihn dazu bewegt hatte, sich am Kreis zu beteiligen. Sich ihm zu öffnen.
Was er jedoch verschwieg, war, dass er gar nicht Mark hieß. Er hieß Marko, und er liebte es, Dinge zu verschweigen. Er hasste es zu lügen, doch nur zu gerne ließ er die Hälfte der Wahrheit ungesagt. Aber auch das würde er niemandem erzählen.
„Hallo Mark.“, grüßten alle, und Marko nickte schüchtern.
„Hallo.“, sagte er. Ganz leise.
Frau Käsekuchen lächelte. Ihr Lächeln war wie ihre Stimme, warm und weich, und wenn es Kuscheldecken aus ihrem Lächeln gegeben hätte, dann hätte sich jeder liebend gerne in eine solche gehüllt.
„Viele Leute knabbern an Stiften…“, sagte Frau Käsekuchen langsam und begann somit das Gespräch. Die ‚Runde‘, wie sie es nannte, vermutlich weil es so gut zu ‚Kreis‘ passte.
„Oder an Fingernägeln.“, warf jemand ein, und Marko verzog angewidert das Gesicht. Fingernagelknabberei war ekelhaft. Unästhetisch, unhygienisch, unnütz.
Dann lieber Stifte.
„Es begann ganz harmlos.“, sagte er leise und fühlte sich, als wäre er in einem Klischee gefangen. Marko zählte dreizehn ihm aufmerksam zugewandte Köpfe. Dreizehn, inklusive Frau Käsekuchen.
„Ich liebte es schon immer, an Dingen zu knabbern. Meine Mutter weigerte sich frühzeitig, mich zu stillen, weil sie die Schmerzen meiner ersten Zähnchen nicht ertrug. Als ich täglich einen Nuckel zerkaute, kaufte man mir irgendwann keinen neuen mehr.
Dann entdeckte ich Stifte.“
Marko grinste traurig. Frau Käsekuchen nickte, als würde sie sich ganz genau erinnern.
„Ich liebte es zu zeichnen, doch noch mehr liebte ich es, an den Stiftenden zu kauen, sie mit Bisspuren zu übersäen. Mein Mund war ein Mahlwerk, und kein Stift verweilte lange in meiner Nähe.“
Dass Mutter ihm die Stifte immer wieder wegnahm, verschwieg Marko. Dass sein Vater eines Tages ausrastete, als er Bissspuren auf seinem heißgeliebten Platinfüller entdeckte, verschwieg er ebenfalls.
„Mit vier Jahren hatte ich zu schreiben gelernt. Meine Eltern hielten mich für ein Genie, doch alles, was ich wollte, war in steter Nähe zu Stiften sein zu dürfen. An ihnen zu saugen, meine Zähne in den Kunststoff rammen. Spuren zu hinterlassen.“
Frau Käsekuchen schüttelte traurig mit dem Kopf. Seufzte. Und kannte noch längst nicht die ganze Geschichte.
Marko fuhr fort, und vierzehn Ohrenpaare lauschten ihm gespannt. Vierzehn. Immerhin.
„Es war an einem siebten April, als ich meinen ersten Bleistift zerbiss. Ostern nahte, und ich hatte meinen Eltern ein Bild vom Osterhasen malen wollen.“
Dass er gar kein Bild hatte malen wollen, verschwieg Marko. Auch dass er nur malte, um Stifte benutzen zu dürfen, erzählte er nicht. Auch, dass mehr oder weniger seine gesamte Karriere auf dem Wunsch nach der Nähe zu Stiften beruhte, behielt er für sich.
„Es kam, wie es kommen musste: Das Ende des Bleistifts fand meine Lippen, fand meinen Mund, fand meine Zähne. Ich kaute, erst wenig, dann mehr, dann voller Inbrunst. Dann knackte es.“
Marko hielt inne. Der gesamte Kreis sah ihn aufmerksam an. Selbst Frau Käsekuchens Lächeln war verschwunden.
„Das Knacken war das schönste Geräusch, das ich jemals vernommen hatte. Ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken, und verzückt hielt ich inne. Saß da und genoss den Moment.“ Marko hatte die Augen geschlossen und lächelte sehnsüchtig. „Speichel lief über den Bleistift in meinem Mund, füllte den entstandenen Bruch und spülte den Geschmack von Holz und Graphit hinaus. Nach dem ersten, akustischen Höhepunkt folgte nun ein zweiter, geschmacklicher, wesentlich subtiler, doch umso verzückender. Als der Geschmack des Stiftes meine Zunge, meine Sinne, fand, war ich verloren.“
Marko öffnete die Augen. Blickte traurig in die Runde.
„Für immer verloren.“
Der Kreis schwieg. Verwirrt. Entsetzt. Fasziniert.
„Bis heute verbrauche ich täglich fünf bis neun Bleistifte. An schlechten Tagen bis zu zwanzig. Ich knacke sie, sauge kurz, dann genieße ich. Knacke wieder, lasse das Aroma auf mich wirken. Bis der ganze Stift verschwunden ist.“
Frau Käsekuchen sah blass aus. Sie stammelte ein paar Laute, doch niemand hörte ihr zu.
„Nehmt nicht irgendwelche Stifte. Nehmt Bleistifte, weiche am besten. B oder 2B. Staedtler ist gut, Faber-Castell ist besser. Vor allem die mit den Noppen.“
Er kramte in seiner Tasche. Holte eine Schachtel heraus. Als er begann, Bleistifte im Kreis zu verteilen, fand Frau Käsekuchen ihre Sprache wieder.
„Aber Mark!“, stotterte sie. „Das geht doch nicht!“
Doch Marko beachtete sie nicht. Schaute auf die Schachtel Bleistifte, die sich allmählich leerte.
Denn auch das hatte er verschwiegen: Seine Sucht war ansteckend. Schon hörte das erste, geliebte Knacken von Holz, ein genussvolles Seufzen, weiteres Knacken.
„Der ist für Sie, Frau Käsekuchen.“, sagte Marko und reichte ihr den letzten Stift. Den er extra für sie reserviert hatte. Der besonders verlockend aussah. Besonders knackig.
Frau Käsekuchen blickte auf Marko, blickte auf den Stift, zögerte, nickte dann und lächelte sanft.
„Leben Sie wohl.“, grinste Marko und entblößte die zahlreichen Holzsplitter zwischen seinen Zähnen.

Alles Gute

Alles Gute!, wünsche ich dir ins Leere. Es fehlt an Luftballons und Partyhüten, an Kuchen und feiernden Gästen. Und es fehlt an dir.
In der Ferne birgt ein dunkler Stein deine Reste, und vielleicht trägt er heute eine einzelne, einsame Geburtstagskerze. Doch niemand wird kommen, sie auszublasen.
Du fehlst mir., denke ich, und begreife, wie wahr das ist. Wie sehr ich das vergaß. Wie sehr ich dich vergessen habe.
Die Erinnerungen an dich verblassen, sind nur noch bewegte Fotos, Wackelbilder, um die herum eine zerbröckelnde Geschichte schwebt. Und vielleicht erinnere ich mich auch nicht länger, wiederhole nur die Erzählungen, die immer wiederholt werden, finde nur die Bilder in mir, die ich aus Fotoalben stahl.
Zwischen alledem schwebt stets die düstere Drohung deines kommenden Welkens, und jede Erinnerung birgt den bitteren Beigeschmack deines baldigen Fehlens.
Ich entsinne mich deines Bartes und schmunzle. Er stand dir nie, und niemals begriff ich, warum er unbedingt dein Gesicht füllen musste. Dann blicke ich in den Spiegel und sehe meinen eigenen Bart, schmunzle noch ein wenig mehr.
Das Leben neigt zu Wiederholungen, denke ich, und frage mich, wie viel Wiederholung ich bin, wie viel von dir ich in mir trage. Und weiß, dass ich mir diese Frage bereits tausendfach stellte. Dass sie keine Antwort braucht.
56 Jahre wärst du heute geworden, rechne ich. 56 Jahre. Das ist nichts, denke ich. Das ist nichts!, schreit es in mir, und Tränen bahnen ihren Weg.
Ich setze mich auf den Boden. Weine.
Die Tränen sickern zögerlich, als hätten sie verlernt, mich zu verlassen. Ich bin erwachsen geworden, denke ich, doch in diesem Augenblick bin ich Kind. Sitze auf dem Boden, weine und sehne mich danach, in deiner Umarmung Trost zu finden.
Dann bin ich leer, verweile noch, halb Kind, halb ich, stehe auf und packe meine Sachen. Wie lange ist es her, dass ich zum letzten Mal weinte?, frage ich mich, aber der Gedanke findet keinen Halt. Verliert sich zwischen den flatternden Fetzen, die nun dein Gedenken bilden.
Alles Gute!, wünsche ich traurig ins Leere.
Gehe zur Arbeit, als wäre dies ein ganz normaler Tag.