Zweigeteilt

Neulich, in einem Gespräch, entdeckte ich, daß ich aus zwei Teilen bestehe. Ich war inmitten tiefster Prüfungsvorbereitungen und -ängste, und konnte nicht umhin, mein Leben aus diesem Aspekt zu betrachten.

Teil 1 meines Selbst war der eifrig Lernende, derjenige, der sich hinsetzte und mit Geduld und Mühen versuchte, Unverständliches nachzuvollziehen und sich einzuprägen. Teil 2 sollte eigentlich Teil 1 beim Lernen helfen, doch tat es nicht. Teil 2 sehnte sich danach, Ablenkungen nachzugehen, sich vor der Wichtigkeit des Zukünftigen zu drücken, wollte Dinge erleben, sich kreativ betätigen, wünschte zu fliehen, irgendwo anders zu sein, mit Freunden, mit Erlebnissen, mit einem „echten“ Leben.

Derlei Ausschweifungen gestattete ich mir natürlich nicht. Ich hatte zu lernen und versuchte, beide Teile meiner selbst davon zu überzeugen. Doch Teil 2 drückte sich.
Und so fand ich mich immer wieder beschäftigt mit irgendwelchen Kleinigkeiten, mit minimalen Aufräumarbeiten, mit Internetspielchen, mit Emails, mit Oberflächlich-Interessantem. Und so dehnten sich meine Lernpausen zuweilen aus, meine ohnehin geringe Motivation verlor sich während der Flucht des zweiten Teils meiner selbst.

Wenn ich mir Teil 2 betrachtete, so stellte ich fest, daß er eigentlich leer war. Sicherlich war ich zu jedem Zeitpunkt beschäftigt, zu jedem Zeitpunkt erfüllt [und sei es nur von Furcht], zu jedem Zeitpunkt fern von Langeweile. Doch alles, was ich tat, ergab unter dem Strich, in seiner Summe, nichts. Nur Leere blieb, nichts Dauerhaftes, nichts von Bestand, nichts von Nutzen.
Der zweite Teil, der sich nach Angenehmem sehnte, das ihm verwehrt wurde, der sich mit Überflüssigem beschäftigte und sich weigerte, sich dem Lernen anzuschließen, bestand letztendlich nur aus Leere. Ich, der sich als zweiteilig definierte, bestand auf einem Teil Lernen und einem Teil Leere.

Natürlich fühlte sich das nicht gut an. Tatsächlich glaubte ich, abseits des Lebens zu hausen, irgendwo dahinzuvegetieren, alles Denken auf einen Zeitpunkt in der Zukunft ausgerichtet zu habes, auf einen fernen Moment, in dem mein Erlerntes von Bedeutung sein würde. Ein Danach gab es nicht, keine Möglichkeiten, die nach dem Prüfungstermin existierten.
Ich verwehrte mich Gedanken, die Pläne schmiedeten, die die Nachprüfungszeit bereits auszumalen, mit Tätigkeiten zu befüllen versuchten. Der zweite Teil von mir mußte, wenn er sich schon nicht dem ersten anschließen konnte, leer bleiben, unbehelligt von verlockenden Zukunftsaussichten, die möglicherweise schon jetzt begonnen werden könnten. Er mußte leer bleiben; ich mußte leer bleiben.

Nach Prüfungen fühle ich mich immer erleichtert. Es ist egal, ob ich bestehe oder nicht; es ist egal, ob das Prüfungsergebnissen meinen Vorstellungen entspricht oder nicht: Ich bin erleichtert. Die Leere in mir weicht schlagartig dem Bewußtsein, daß jetzt alles möglich ist, daß ich mich befreit habe, daß ich mich mit beiden Teilen meines selbst anderem als der ewigen Lernerei widmen kann, für einen Augenblick aufzuatmen vermag und wieder leben darf.

Die letzten Tage glichen für mich einem Wiederfinden meiner Selbst. Ich befüllte mich mit mir, kehrte zurück zu dem, was ich mag, fand mich wieder. Und immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich etwas zeichne oder schreibe, wie ich mich betrachte und freudestrahlend realsisiere, daß derartiges jetzt möglich ist, daß die die elende Leere in mir endlich verschwand, daß die zwei Seiten meiner selbst wieder eins sind.

[Im Hintergrund: Wintersun – „Wintersun“]