Gelbe Elefanten

Eines Tages hatten die beiden gelben Elefanten keine Lust mehr, gelb zu sein. Das passierte gelben Elefanten relativ selten, aber nun war es geschehen, und die Elefanten konnten es auch nicht mehr ändern.

„Ich möchte nicht länger gelb sein.“, sagte Claus, der gelbere der beiden Elefanten.
„Ich auch nicht.“, sagte Mupf und war ein bisschen froh, nicht so gelb wie Claus zu sein.

„Wir könnten uns betrinken.“, sagte Claus nachdenklich. „Dann wären wir blau.“ Doch dann schüttelte er den Kopf. Nein, blau wollte er auch nicht sein.
„Wir könnten uns ärgern!“, sagte Mupf und hüpfte vergnügt in die Höhe, wie er es immer tat, wenn er eine Idee hatte. „Dann wären wir rot!“
Claus schüttelte seinen schweren, gelben Elefantenkopf. „Wir sind zu fröhlich, um uns zu ärgern.“ Mupf nickte.
Die beiden setzten sich hin und seufzten. Ganz kurz nur, denn eigentlich waren sie viel zu fröhlich um zu seufzen.

„Ich habe eine Idee!“, sagte Claus plötzlich und trompetete fröhlich ein kleines gelbes Lied. „Wir rufen einen Maler an! Er soll uns streichen!“
Jetzt war Mupf an der Reihe, seinen schweren, nicht ganz so gelben Elefantenkopf zu schütteln. „Das geht nicht.“
Claus horchte auf. „Warum denn nicht?“
„Weil er uns nicht finden wird!“, erklärte Mupf. Sein Rüssel schaukelte ganz erregt.
„Wir befinden uns hier mitten im Dschungel. Zwischen Bäumen und Pflanzen und Büschen und Blättern und noch mehr Bäumen! Niemals wird er uns hier finden!“

Claus nickte. Mupf hatte recht. Sie befanden sich wirklich mitten im Dschungel. Zwischen Bäumen und Pflanzen und Büschen und Blättern und noch mehr Bäumen. Dort lebten gelbe Elefanten nunmal.
Der Maler würde sie niemals finden.

Die beiden setzten sich erneut hin und seufzten. Ganz kurz nur, denn noch immer waren sie viel zu fröhlich um zu seufzen.

„Es wäre gut, wenn wir leuchten würden.“, sagte Claus nach einer Weile leise.
Mupf horchte auf. Das klang so, als hätte Claus einen schlauen Gedanken gehabt. Claus dachte viel; sein schwerer, gelber Elefantenkopf war immer voller Ideen und Gedanken.
„Es wäre gut, wenn wir leuchten würden.“, sagte Claus ein zweites Mal, diesmal ein bisschen lauter.
„Wieso?“, fragte Mupf nun, neugierig geworden.
„Es wäre gut, wenn wir leuchten würden!“, rief Claus nun und trompetete so laut, dass die Bäume und Büsche vor Vergnügen raschelten.
„Dann könnte uns der Maler finden. Dann würden wir leuchten. Zwischen all dem Grün der Bäume und Pflanzen und Büsche und Blätter und noch mehr Bäume würden wir leuchten, und der Maler würde uns leuchten sehen.“ Claus grinste. „Und er würde uns finden!“
„Tolle Idee!“, rief Mupf verblüfft und blickte seinen gelben Freund begeistert an. „Vor allem, weil wir schon gelb sind!“
„Was?“, fragte Claus, wie aus tiefsten Gedanken gerissen.
„Weil wir schon gelb sind! Weil wir längst zwischen Bäumen und Pflanzen und Büschen und Blättern und noch mehr Bäumen hindurchleuchten!“, rief Mupf begeistert. „Jeder kann uns finden!“

Claus dachte kurz nach und nickte dann. „Jeder kann uns finden.“, sagte er, kratzte sich mit seinem Rüssel am Kopf und nickte. „Jeder kann uns finden.“
Er senkte den schweren, gelben Elefantenkopf ein wenig und blickte Mupf tief in seine Elefantenaugen.
Atmete ein. Atmete aus.
„Vielleicht wäre es gut, gelb zu bleiben.“, sagte er dann, lächelte von einem Stoßzahn zum anderen und begann dann, laut zu lachen.
„Tolle Idee!“, rief Mupf verblüfft und lachte ebenfalls.

Das Lachen gelber Elefanten ist besonders fröhlich, und so war es kein Wunder, dass der gesamte Dschungel, die vielen Bäume und Pflanzen und Büsche und Blätter und noch mehr Bäume, noch eine ganze Weile vor Gelächter wackelte und wankte.

Hellblau

Ich hob den Kopf, und hellstem Blau galt mein Blick. Frei von Wolken war der Himmel, frei von Denken mein Geist, und ich starrte nach draußen, nach oben, ins Blau, als gäbe es dort irgendetwas, das mich fesseln, faszinieren, würde.

Und plötzlich gab es das. Ein Funkeln, ein Glänzen, ein Stern, ein Komet, zog seine Bahn quer durch das Blau, von rechts nach links, malte einen mattweißen Strich in das Unberührte, in das Unberührbare, verbarg sich kurz hinter dem Fensterrahmen und tauchte dann wieder auf, um einen Moment noch weiterzufunkeln, Stern zu sein, und sich dann in ein Flugzeug zu verwandeln, dessen weiße Hülle nicht länger das Sonnenlicht reflektierte.

Ich starrte dem Flieger hinterher, sah ihn hinter dem Vorhang verschwinden und überlegte, wer dort oben wohl wohin reiste, wer von dannen flog. Und für einen Moment war ich in der Luft, flog ebenfalls, flog davon, durch das helle Blau, sonnenbeschienen in die Ferne.

Eine dicke Fliege prallte gegen die Scheibe. Wieder und wieder stürmte sie dem blauen Himmel entgegen, dessen helle Weite uns so verlockend schien, und wieder und wieder stieß sie gegen schmutziges Glas, gegen unsichtbare Mauern, die uns hier hielten, hier drinnen, im Inneren, fernab vom Oben, fernab vom Fernen.

„Das bedeutet etwas.“, dachte ich und arbeitete weiter.

Anderthalb

Die beiden Elefanten, die eigentlich nach Hause gehen wollten, entschlossen sich spontan, noch irgendwo anderthalb Bananen zu besorgen. Leider gab es nirgends halbe Bananen.

Frustriert setzten die beiden sich nach langer Suche in ein Café und bestellten Eis.
„Wie wär’s mit einem Bananensplit?“, fragte die freundliche Kellnerin.
„Oh ja.“, riefen beide Elefanten erfreut, denn die Lust auf Bananen war ihnen noch immer nicht vergangen.

Als dann das Eis auf ihrem Tisch stand, rechneten sie die Bananenstücke zusammen.
Erstaunlicherweise ergaben alle Stücke, wenn man sie wieder zusammenbaute und sogar die hervorkramte, die tief unter Schokoeis verborgen waren, exakt anderthalb Bananen.
Die freundliche Kellnerin, die die Elefanten beobachtet hatte, entschuldigte sich zähneknrischend: „Wir hatten nur noch zwei Bananen. Und eine davon war schon etwas weich, so dass wir nur die Hälfte nehmen konnten.“

Doch die Elefanten hörten sie gar nicht mehr. Sie hüpften und tanzten und jubelten, hoben die freundliche Kellnerin hoch und trompeteten, dass die Wände des Cafés wackelten.
Dies war eindeutig ein schöner Tag.

Flucht

Alles in mir strebte nach Flucht. Ich wollte fliehen, wegrennen, wollte alles Hiesige hinter mir lassen. Doch ich weigerte mich.
‚Diesmal nicht!‘, dachte ich störrisch. ‚Diesmal werde ich nicht nachgeben. Diesmal werde ich ausharren.‘ Ich schob die Unterlippe vor und verschränkte die Arme. ‚Diesmal bleibe ich.‘
Mein Herz jedoch sprach eine andere Sprache. Wild geworden pumpte es in meiner Brust, schwellte mir die Adern. Meine Muskeln waren angespannt, bereit zum Lauf, bereit zur Flucht. Meine Backenzähne rieben sich knirschend aneinander. Ich wollte hier weg.
Doch ich blieb.
Zu oft war ich geflohen, hatte mich den Umständen gebeugt, hatte innere Stärke gesucht und nicht gefunden, hatte mich heimlich aus dem Jetzt entfernt, um irgendwann in einem anderen wieder aufzutauchen. Viel zu oft war ich gerannt, viel zu oft hatte ich die Welt hinter mir gelassen, hatte allen Sorgen den Rücken zugekehrt und war geflohen, irgendwohin, wo ich einen Moment lang Ruhe und Einkehr finden konnte.
Doch diesmal nicht.
Viel zu oft hatte ich die Augen verschlossen, hatte verdrängt, was mich belastete, hatte mich klammheimlich aus meinen Sorgen gestohlen, war geflohen, wenn ich in innerem Chaos zu versinken drohte.
Doch diesmal nicht.
Ich würde bleiben, mich den Problemen stellen, die in vielfacher Form auf mich zukamen, deren wildes Äußeres selbst den Mutigsten vertrieben hätte. Ich würde bleiben. Hier. Jetzt. Mit beiden Füßen innehalten. Mich allem stellen, was kommen würde. Egal, was es kostete.
Mein Puls raste. Schweißperlen glitzerten auf meiner Stirn. Meine Zehenspitzen zeigten in die Ferne, und sehnsüchtig folgten ihnen meine Blicke.
Doch ich blieb. Verharrte. Würde nicht länger fliehen. Nicht länger aufgeben.
Ich blieb.
Binnen weniger Sekundenbruchteile hatten mich die Wölfe eingeholt. Plötzlich schien der ganze Wald nur aus grauen Leibern zu bestehen.
Doch ich floh nicht.
Blieb.
Die Welt wurde zu Krallen und Zähnen.

Dose

Bereits als Kind wusste ich, dass aus mir eines Tages etwas Großes werden würde. Deswegen ging ich jeden Tag einkaufen. Ich kaufte nicht viel, mal ein Brötchen, mal gar nichts, und manchmal brachte ich sogar etwas zurück.
Es war an einem Donnerstag, als ich die Dose Bohnen zum Supermarkt zurückbrachte. Ich hatte sie am selben Tag gekauft, geöffnet, geleert und dann auf das Etikett geschaut. Das Verfallsdatum war 23 Jahre überschritten. Sofort begann mein Magen zu rumoren.
Der Weg zum Supermarkt war nicht weit. Sobald ich bei meinen Eltern ausgezogen war, hatte ich dafür gesorgt, unweit des Supermarktes zu wohnen. Herr Wadensumpf, der Inhaber, kannte mich gut, und bis zu der Sache mit seinem Hund hat er mich auf regelmäßig zum Grillen eingeladen. Ich mochte ihn nicht, doch ich mochte seinen Laden.
Ich lief zum Supermarkt. Meine Beine fühlten sich komisch an, meine Arme fühlten sich komisch an, und es sah aus, als würde sich der graue Asphaltboden mit jedem Schritt weiter von mir entfernen.
„Guten Morgen.“, grüßte ich Herrn Wadensumpf und winkte mit der leeren Bohnendose. Wenn ich mit Gegenständen winkte, wusste Herr Wadensumpf stets, dass eine Reklamation bevorstand, und sein ohnehin mürrisches Gesicht verzog sich noch ein wenig mehr.
Herr Wadensumpf wirkte kleiner als sonst, und zum ersten Mal bemerkte ich, dass ihm die Haare ausgingen. Und dass er mit jeder vergehenden Sekunde zu schrumpfen schien.
Ich reichte ihm die Dose. „Das Verfallsdatum ist 23 Jahre überschritten.“, sagte ich, und meine Stimme klang ungewohnt tief.
Herr Wadensumpf betrachtete das Etikett. Dann betrachtete er mich. Dann noch einmal das Etikett.
„Das kann nicht sein!“, rief er und fuchtelte mit den Armen. Er war wirklich sehr klein.
„Das hast du manipuliert!“, rief er. Wütend warf er mir die leere Dose an das Knie. Höher konnte er offensichtlich nicht werfen.
„Ich werde diese Dose nicht umtauschen!“, rief Herr Wadensumpf schließlich und stürmte zu seinem Laden zurück.
„Aber…“, begann ich und machte einen Schritt vorwärts. Es knirschte kurz unter meinem Fuß.

Die Wirkung der Bohnen ließ ein paar Stunden später nach. Der Richter sprach mich frei, und der Supermarkt brauchte einen neuen Besitzer. Freudestrahlend begann ich meinen neuen Job.
Vor der Ladentür würde noch lange ein dunkler Fleck an Herrn Wadensumpf erinnern, und immer wieder würde ich den Kunden die Geschichte der mysteriösen Dose Bohnen erzählen. Und jedesmal würde ich lächeln, weil es etwas gab, das nur ich wusste:
Tief im Keller wartete eine große Kiste voller Dosen darauf, 23 Jahre alt zu werden.

Knusel war kein gewöhnliches Meerschweinchen. Knusel war ein Meerschweinchen mit modischem Kurzhaarschnitt.
Außerdem mochte er alkoholische Getränke. Selbstverständlich trank Knusel sie nicht; schließlich war er noch immer ein Meerschweinchen. Aber er liebte es, wie sich das Licht in Rotwein brach, er liebte das Anis-Aroma von Ouzo, und vor allem liebte er das Spiel der Perlen in frisch gezapftem Bier. Insbesondere, wenn das Bier auf einem hölzernen Tresen stand.
„So ein Barbier.“, sagte er oft zu seiner Freundin Robert. „So ein Barbier ist schon etwas Tolles.“
Robert kicherte dann immer leise und blickte auf Knusels modischen Kurzhaarschnitt.

Stifte

„Ich heiße Mark, und ich knabbere gerne an Stiften.“
Nur zögerlich hatten die Worte seinen Mund verlassen, doch die Gruppe, der ‚Kreis‘, wie ihn Frau Käsekuchen nannte, begrüßte ihn lautstark und im Chor.
„Hallo Mark.“, tönte es aus sechzehn Mündern, und es war die Stimme von Frau Käsekuchen, die besonders gut zu hören war. Frau Käsekuchen war der Inbegriff der Sanftheit, und ihrer Stimme wohnte stets eine solche Zärtlichkeit bei , dass man sich wünschte, Kuscheldecken würden aus ihr hergestellt werden. Es war letztlich ihre Stimme gewesen, die eindringliche Sanftheit ihrer Worte, die ihn dazu bewegt hatte, sich am Kreis zu beteiligen. Sich ihm zu öffnen.
Was er jedoch verschwieg, war, dass er gar nicht Mark hieß. Er hieß Marko, und er liebte es, Dinge zu verschweigen. Er hasste es zu lügen, doch nur zu gerne ließ er die Hälfte der Wahrheit ungesagt. Aber auch das würde er niemandem erzählen.
„Hallo Mark.“, grüßten alle, und Marko nickte schüchtern.
„Hallo.“, sagte er. Ganz leise.
Frau Käsekuchen lächelte. Ihr Lächeln war wie ihre Stimme, warm und weich, und wenn es Kuscheldecken aus ihrem Lächeln gegeben hätte, dann hätte sich jeder liebend gerne in eine solche gehüllt.
„Viele Leute knabbern an Stiften…“, sagte Frau Käsekuchen langsam und begann somit das Gespräch. Die ‚Runde‘, wie sie es nannte, vermutlich weil es so gut zu ‚Kreis‘ passte.
„Oder an Fingernägeln.“, warf jemand ein, und Marko verzog angewidert das Gesicht. Fingernagelknabberei war ekelhaft. Unästhetisch, unhygienisch, unnütz.
Dann lieber Stifte.
„Es begann ganz harmlos.“, sagte er leise und fühlte sich, als wäre er in einem Klischee gefangen. Marko zählte dreizehn ihm aufmerksam zugewandte Köpfe. Dreizehn, inklusive Frau Käsekuchen.
„Ich liebte es schon immer, an Dingen zu knabbern. Meine Mutter weigerte sich frühzeitig, mich zu stillen, weil sie die Schmerzen meiner ersten Zähnchen nicht ertrug. Als ich täglich einen Nuckel zerkaute, kaufte man mir irgendwann keinen neuen mehr.
Dann entdeckte ich Stifte.“
Marko grinste traurig. Frau Käsekuchen nickte, als würde sie sich ganz genau erinnern.
„Ich liebte es zu zeichnen, doch noch mehr liebte ich es, an den Stiftenden zu kauen, sie mit Bisspuren zu übersäen. Mein Mund war ein Mahlwerk, und kein Stift verweilte lange in meiner Nähe.“
Dass Mutter ihm die Stifte immer wieder wegnahm, verschwieg Marko. Dass sein Vater eines Tages ausrastete, als er Bissspuren auf seinem heißgeliebten Platinfüller entdeckte, verschwieg er ebenfalls.
„Mit vier Jahren hatte ich zu schreiben gelernt. Meine Eltern hielten mich für ein Genie, doch alles, was ich wollte, war in steter Nähe zu Stiften sein zu dürfen. An ihnen zu saugen, meine Zähne in den Kunststoff rammen. Spuren zu hinterlassen.“
Frau Käsekuchen schüttelte traurig mit dem Kopf. Seufzte. Und kannte noch längst nicht die ganze Geschichte.
Marko fuhr fort, und vierzehn Ohrenpaare lauschten ihm gespannt. Vierzehn. Immerhin.
„Es war an einem siebten April, als ich meinen ersten Bleistift zerbiss. Ostern nahte, und ich hatte meinen Eltern ein Bild vom Osterhasen malen wollen.“
Dass er gar kein Bild hatte malen wollen, verschwieg Marko. Auch dass er nur malte, um Stifte benutzen zu dürfen, erzählte er nicht. Auch, dass mehr oder weniger seine gesamte Karriere auf dem Wunsch nach der Nähe zu Stiften beruhte, behielt er für sich.
„Es kam, wie es kommen musste: Das Ende des Bleistifts fand meine Lippen, fand meinen Mund, fand meine Zähne. Ich kaute, erst wenig, dann mehr, dann voller Inbrunst. Dann knackte es.“
Marko hielt inne. Der gesamte Kreis sah ihn aufmerksam an. Selbst Frau Käsekuchens Lächeln war verschwunden.
„Das Knacken war das schönste Geräusch, das ich jemals vernommen hatte. Ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken, und verzückt hielt ich inne. Saß da und genoss den Moment.“ Marko hatte die Augen geschlossen und lächelte sehnsüchtig. „Speichel lief über den Bleistift in meinem Mund, füllte den entstandenen Bruch und spülte den Geschmack von Holz und Graphit hinaus. Nach dem ersten, akustischen Höhepunkt folgte nun ein zweiter, geschmacklicher, wesentlich subtiler, doch umso verzückender. Als der Geschmack des Stiftes meine Zunge, meine Sinne, fand, war ich verloren.“
Marko öffnete die Augen. Blickte traurig in die Runde.
„Für immer verloren.“
Der Kreis schwieg. Verwirrt. Entsetzt. Fasziniert.
„Bis heute verbrauche ich täglich fünf bis neun Bleistifte. An schlechten Tagen bis zu zwanzig. Ich knacke sie, sauge kurz, dann genieße ich. Knacke wieder, lasse das Aroma auf mich wirken. Bis der ganze Stift verschwunden ist.“
Frau Käsekuchen sah blass aus. Sie stammelte ein paar Laute, doch niemand hörte ihr zu.
„Nehmt nicht irgendwelche Stifte. Nehmt Bleistifte, weiche am besten. B oder 2B. Staedtler ist gut, Faber-Castell ist besser. Vor allem die mit den Noppen.“
Er kramte in seiner Tasche. Holte eine Schachtel heraus. Als er begann, Bleistifte im Kreis zu verteilen, fand Frau Käsekuchen ihre Sprache wieder.
„Aber Mark!“, stotterte sie. „Das geht doch nicht!“
Doch Marko beachtete sie nicht. Schaute auf die Schachtel Bleistifte, die sich allmählich leerte.
Denn auch das hatte er verschwiegen: Seine Sucht war ansteckend. Schon hörte das erste, geliebte Knacken von Holz, ein genussvolles Seufzen, weiteres Knacken.
„Der ist für Sie, Frau Käsekuchen.“, sagte Marko und reichte ihr den letzten Stift. Den er extra für sie reserviert hatte. Der besonders verlockend aussah. Besonders knackig.
Frau Käsekuchen blickte auf Marko, blickte auf den Stift, zögerte, nickte dann und lächelte sanft.
„Leben Sie wohl.“, grinste Marko und entblößte die zahlreichen Holzsplitter zwischen seinen Zähnen.

Schachtelsatz

Am 25.02. wird laut Fredkalender stets der fetzige Tag der Schachtelsätze begangen.

Einst, und meine Erinnerung, die üblicherweise nicht nur recht selektiv, sondern auch zuweilen lückenhaft und sprunghaft ist, weigert sich, ein genaues Datum oder auch nur Jahr zu spezifieren, trug es sich in einem kleinen Dörfchen, dessen Bewohner, allesamt gutmütiger und froher Gesinnung, dazu neigten, Sauberkeit und Ordnung wertzuschätzen, und sich, unter anderem in jährlich abgehaltenen Wettkämpfen, deren Sieger mit einem kleineren Geldbetrag und einer prachtvollen Gans belohnt wurde, auch gerne gegenseitig darin maßen, wer von ihnen größere Reinlichkeit und Akkuratesse an den Tag legte, zu, dass sich in einer dunklen, jedoch perfekt sauberen und staubfreien Ecke eines Dachbodens, auf dessen blitzblanken Holzdielen man hätte zu Mittag und sogar zu Abend speisen können, eine Schachtel ein wenig bedrängt fühlte von all den ordentlich gestapelten Kisten, Werkzeugen, Möbeln und Gegenständen, die sie zu allen Seiten hin umgaben, ja einschlossen, und es kaum noch schaffte, genügend Luft von und Blick nach draußen zu erhaschen, um sich einigermaßen wohl zu fühlen, was sie, nachdem sie mehrere Wochen lang intensivst gegrübelt und sinniert hatte, zu der Entscheidung brachte, dass es so nicht weitergehen konnte, dass sie, die durchaus hübsch anzusehen war und deren Inhalt, obgleich man ihn auf dem Dachboden verstaut hatte, noch immer nutzvoll und funktionsfähig zu sein schien, sich nicht länger von all dem ordentlich gelagerten Krimskrams um sie herum bedrängen und verstecken, ersticken und belagern lassen wollte, sondern einen Weg finden musste, in die Freiheit, nach der sie sich so lang schon sehnte, zu entfliehen, auch wenn das für eine Schachtel, die natürlich für Immbolilität geschaffen worden war, ziemlich unmöglich zu sein schien, was sie, unsere kleine, liebe Schachtel, jedoch nicht davon abhielt, zu wackeln und zu wippen, zu zittern und zu ruckeln, als gelte es ein Erdbeben, und zwar eines von gewaltiger Intensität, zu imitieren und schließlich, als sie genug Kraft, genug Energie, angesammelt hatte, in einem gewaltigen, ja formidablen, Satz über ihre bedrängenden, erstickenden Nachbarn hinwegzuspringen, kurz zu poltern und schließlich auf den blitzblanken Holzdielen zu landen, die sie mit funkelndem Glanz und angenehmer Leere willkommen hießen, während hinter der mit solch gewaltigem, ja formidablem Satz in die Freiheit gesprungenen Schachtel die Masse der restlichen Gegenstände, die sie soeben noch bedrängt und erstickt hatten, zu jubeln und zu applaudieren begannen, was das denn für ein gewaltiger, ja formidabler, Schachtelsatz, denn genau darum hatte es sich letzlich gehandelt, gewesen war, wodurch jedoch die Dachbodenbesitzerin Frau Finkelfieps, der selbstverständlich, und das sollte nicht vernachlässigt werden, auch der Rest des Hauses gehörte, verwundert geweckt und letztlich dazu gebracht wurde, mitten in tiefster Nacht, während draußen Sterne am Himmel standen, die den Mond liebevoll bewunderten, und drinnen die Dachbodengegenstände noch immer vor Begeisterung über den Schachtelsatz, den sie soeben erblicken durften, tuschelten und raschelten, die Kisten und Werkzeuge und Möbel aufzuräumen, in ihre alte, akkurate Ordnung zurückzubringen, und alles, was sich während des Schachtelsatzes verschoben hatte, wieder in fast schon penibler Präzision an seine althergebrachte Position zurückzustellen, bis ihr Blick auf die vergnügt am Boden sitzende Schachtel, die gerade einen gewaltigen, ja formidablen, Satz hinter sich gebracht hatte und sich nun in ihrer neugewonnenen Freiheit, wie man an ihrem vergnügten Glimmern sehen konnte, äußerst wohl fühlte, fiel, sie die Schachtel öffnete und in ihr, unter einem recht locker sitzenden Deckel, lauter Spielzeuge aus fernster Kindheit wiederfand, die sie fast vergessen hatte und die nicht nur alte Erinnerungen zurückholten, sondern auch Frau Finkelfieps verschlafenem, und wegen des nächtlichen Aufräumens ein wenig missmutigem Gesicht eine Träne, die so warm und weich und sehnsüchtig war, wie es nur Tränen sein können, entlockte, so dass sie nicht anders konnte, als sich direkt neben die Schachtel, die so viel Schönes, Warmes, Vergessenes in sich barg, auf die Holzdielen zu setzen und bis zum Morgengrauen jedes einzelne Spielzeug anzufassen, zu betrachten, zu bewundern und, während Tränen in großer Zahl ihre rosigen Wangen übergossen, in längst verschüttet geglaubten Erinnerungen zu schwelgen, bis sie sich schließlich irgendwann, es waren bereits diverse Stunden vergangen, langsam und seufzend erhob und beschloss, der Schachtel, der längst vergessenen Schachtel, die vorhin noch einen gewaltigen, ja formidablen, Satz hingelegt hatte und die einen so wundervollen Schatz barg, einen besonderen Platz zu schenken, einen Schachtelschatzplatz, hier, direkt am Eingang des Dachbodens, wo die kleine Schachtel atmen und alles sehen konnte – und wo sie von allen gesehen wurde, die den Wunsch verspürten, in fernen Erinnerungen zu schwelgen.

Doof

„Doof!“ Der Rascheligel war sichtlich erzürnt. „Doof! Doof! Doof!“ Sein ohnehin quietschig grelles Stimmchen überschlug sich mehrfach und purzelte beinahe davon. Sämtliche Stacheln des Rascheligels hatten sich aufgerichtet und mehr denn je sah er aus wie ein niedlicher Kaktus. Wie ein zorniger, niedlicher Kaktus, um genau zu sein.
„Doof,“ wiederholte er ein weiteres Mal und pausierte dann trotzig. Irgendwo unter seinem Stachelkleid hatte er vermutlich seine Ärmchen verschränkt, aber so genau konnte man das nie wissen.

„Was genau ist denn so doof?“, fragte das Regenbogenkänguru mit einer Stimme, deren wohliges Dröhnen selbst einen Kolibri beruhigt hätte.
„Nicht was, sondern wer!“, quietschte der Rascheligel, dem heute offensichtlich keineswegs danach war, fröhlich durch Herbstlaub zu rascheln. Er hatte sich in eine Raserei hineingesteigert, aus dem es kein Entkommen zu geben schien. Einzig die butterweiche Stimme des Regenbogenkängurus hielt ihn davon ab, komplett durchzudrehen.

„Wer genau ist denn so doof?“, fragte das Regenbogenkänguru geduldig, und man musste es dafür bewundern, dass es nicht genervt mit den Augen rollte. Noch nicht einmal ein bisschen.
„Naja, diese Leute!“, ereiferte sich der Rascheligel, „Diese doofen Leute, die sich über andere aufregen!“
Das Regenbogenkänguru nickte wissend.
„Und die doofen Leute, die schlecht über andere reden!“, ergänzte der Rascheligel rasch. „Obwohl die anderen gar nicht anwesend sind und sich verteidigen können!“
„Hm.“, brummte das Regenbogenkänguru.
„Das sind die schlimmsten!“, rief der Rascheligel noch, dann verstummte er. Offensichtlich hatte er seinen gesamten Vorrat an Zorn aufgebraucht.

Eine Zeitlang geschah nichts. Ein dicker Käfer krabbelte verträumt durchs Geäst, und an den Baumwurzeln wogten saftige Grasbüschel zufrieden im sanften Frühlingswind. Zeit flog davon, als würde sie gerade nicht gebraucht.

Dann begann das Regenbogen zu sprechen. Zu dröhnen, um genau zu sein:
„Ich rede niemals über andere. Niemals. Weder gut noch schlecht.“
Neugierig hob der Rascheligel das Näschen, und seine Stacheln sanken langsam nieder.
„Immer wenn ich über jemanden rede, erscheint er plötzlich neben mir.“
Das Regenbogenkänguru redete langsam und ruhig. Seine Stirn lag in Falten und sein Blick war ernst. Nur in seinen Mundwinkeln saß noch immer das warme Lächeln, das die Waldbewohner so sehr mochten.
„Wenn ich über eine Maus redete, krabbelte sie mir zum Beispiel plötzlich über die Füße.“
Es ploppte leise, und eine sichtlich verwirrte Muffelmaus krabbelte über die riesigen Füße des Regenbogenkängurus.
„Wenn ich über Schokokuchen redete, tauchte er plötzlich irgendwo auf, als wäre er dort längst gewesen.“
Erneut ploppte es, und der Rascheligel sah verwirrt von dem Stück Schokokuchen auf, an dem er anscheinend die ganze Zeit geknabbert hatte.

„Und wenn du über alles redest?“, fragte der Rascheligel schließlich, nachdem er damit fertig war zu kauen und hinunterzuschlucken. Und dann nochmal abzubeißen, erneut zu kauen und erneut zu schlucken.
„Was passiert, wenn du über alles redest?“, fragte der Rascheligel noch einmal.
„Dann erscheint alles.“, sagte das Regenbogenkänguru.

Es ploppte kurz, und plötzlich war der Wald ziemlich voll.

Zorn

Schreie branden gegen meine zusammengepressten Lippen, zerbersten tonlos an den Mauern meines Mundes. Ich schlucke sie, presse sie nieder, zerknirsche sie mit stampfenden Zähnen. Drohend ragen mir Wangenknochen aus dem Anlitz, meine Sirn faltet sich in finstere Furchen. Rastlos tasten meine Hände über Tische, Stühle, zitterten begehrlich, erfüllt vom Wunsch nach Zerstörung. Meine Finger formen Fäuste, suchen Ziele, Mauern, Namen.

Mein Mund öffnet sich. Tiefer und tiefer ziehe ich Luft in meine Lungen, schwelle an, lasse sie gehen. Einmal, dreimal. Die wallenden Wogen sinken langsam nieder, meine Finger glätten sich zu sanfter Fläche. Ich halte inne, versuche, unter allen Stürmen mich zu finden, atme.

Eine Frage erreicht mich.

Schüchtern erklimmt ein Lächeln meine Mundwinkel, die Knochen ziehen sich in meinen Schädel zurück. Meine Worte sind ruhig, besonnen, doch nicht frei von Zittern, entschweben den Wirren, die noch immer in mir brodeln.
Langsam kehre ich zurück.
Zu mir.
Zur Welt.