Licht gegen Dunkel – Buch gegen Film: „Wächter der Nacht“

Als ich unlängst im Kino die Vorschau für den ersten Teil des dreiteiligen, in Rußland überraschend erfolgreichen Films „Wächter der Nacht – Nochnoi Dozor“ sah, vermochte ich mich nicht zu entscheiden, ob ich den Versuch, eine fantastische Horrorgeschichte auf Leinwand zu bannen, verurteilen oder über die Unbeholfenheit lachen sollte.

Schließlich entdeckte ich innerhalb der wenigen Sekunden, die der Trailer andauerte, so viele Ideen und Gedanken, die im Bereich fantastischer Literatur und Film bereits Hunderte, vielleicht Tausende Male erwähnt und aufgegriffen worden waren, daß dieses russische Werk wie ein schlecht zusammengekittete Fetzensammlung ausgeleierter Klischees wirkte.
Eine Möchtegerndunkelheit wurde proklamiert, die vielleicht für sechzehnjährige Pimkiegruftis mit Lacrimosa-Faible und HIM-Aufnähern attraktiv wirken mochte, doch mich in seiner Lächerlichkeit eher abstieß und den groß angekündigten Dreiteiler als dem Schwarztrend folgende Albernheit bewerten und mit künftiger Ignoranz betrachten ließ.

Aber etwas in mir schien Feuer gefangen zu haben, geschieht es doch nicht alle Tage, daß ein russischer Film auch bei uns Erfolge zu verbuchen versucht. Und so war es nicht verwunderlich, daß ich, in einer Buchhandlung stöbernd, stehenblieb, als ich eines Werkes gewahr wurde, das unauffällig auf einem Regalboden des Fantasybereichs lag:
Sergej Lukianenko – „Wächter der Nacht“

‚Das kann doch kein Zufall sein.‘, dachte ich und entdeckte auch gleich einen kleinen Aufkleber auf dem Buchumschlag, der auf den am 29. September in deutschen Kinos anlaufenden Film verwies. Dennoch war ich neugierig, fühlte mich vielleicht aufgrund achtjährigen Russischunterrichts und der langjährigen Rußland-Erfahrungen meiner Eltern [Immerhin hatten sie sich in diesem Land kennengelernt.] mit dem Herkunftsland des 500-Seiten-Werkes verbunden, stellte fest, daß der Film, besser: die Filme, nach der Vorlage dieses Buches geschaffen worden waren [Ich verachte Bücher-Zum-Film, also die Bücher, die erst aus dem Drehbuch heraus entstehen.] – und beschloß spontan, das Buch zu kaufen.

Das war vor zwei Tagen.
Soeben beendete ich die Lektüre der letzten Seite, legte das Werk beiseite und versuche, im Geiste, den angekündigten Film mit dem Buch zu vergleichen.
Es gelingt mir nur schwer, muß ich doch zugeben, bekannte Ideen auch auf den einzelnen Seiten wiederzufinden.

Anstelle himmlischer und höllischer Heerscharen, die einander kriegerisch gegenüberstehen und nur auf den richtigen Augenblick warten, um sich in die Letzte Schlacht zu stürzen – und dabei vielleicht sogar die Erde als Schlachtfeld wählen – gibt es andere Protagonisten, Dunkel und Licht, die einen Vertrag miteinander schlossen, um miteinander auskommen zu können und nicht – wie in Vergangenheit wohl nahezu vollständig geschehen – einander auszulöschen.

Soweit nicht viel Neues. Was neu ist, ist die Art und Weise, wie die beiden Parteien miteinander umgehen, welche regeln sie zu beachten haben, ja sogar, wie die Frage gestellt wird, was das Dunkel, was das Licht eigentlich ist.

Jede gute Tat, die das Gleichgewicht verletzen könnte, darf mit einer bösen ausgeglichen werden. Für die Einhaltung der Regeln, des Vertrages, sorgen Tag- und Nachtwache, Dunkle und Lichte.

Auch das wirkt nicht neu – und ist es doch. Denn mittendrin steht Anton, ein Lichte niederer Stufe, der nahezu mit jeder Zeile die regeln zu verstehen versucht, Fragen stellt, die den Leser klar werden lassen, daß die Abtrennung zwischen Dunkelheit und Licht keine gerade Linie ist, sondern ein schwammiger, verwischter Bereich, der je mehr Fragen aufwirft, je mehr Antworten gefunden werden.

Lichte agieren mittels der Lüge, Dunkle mit der Wahrheit, versuchen beide, die Menschen in die – für sie – „richtige“ Richtung zu weisen und stoßen immer wieder an Grenzen, auf Fäden des Schicksals, auf Intrigen, auf Versehungen.

Anton wird davon nicht verschont, versucht zu verstehen, doch fehlt ihm zumeist der Durchblick, läßt auch den Leser im Unklaren.
Während er den von seinen Vorgesetzten und Gegnern gesponnenen Fäden zu entkommen versucht, verirrt er sich tiefer in ihren Netzen, agiert dadurch, daß er eigenständig denkt und handelt, zuweilen als Puppe, als Schachfigur in einem unverständlichen Spiel Schwarz gegen Weiß, Weiß gegen Schwarz.

Jedes mühevoll erwirkte Licht kann Dunkel mit sich ziehen, jedes Dunkel Licht. Es ist, als gäbe es keinen Weg als den des ewigen Stillstands beider Seiten.
Und doch ist es nur ein Belauern, ein Warten, ein Abwägen der eigenen Möglichkeiten, ein Kalter Krieg, der um die nichtsahnenden Menschen herum, im Zwielicht, tobt.

Aber auch die Menschen ahnen, fühlen Stiche in der Seele, fühlen Glück – je nachdem, welche Seite gerade obsiegt.
Menschen sind leicht zu beeinflussen. Das Dunkel ist dabei stets attraktiver als das Licht – und läßt einen Endsieg der Dunklen in fernern Zukunft erwarten.
Doch egal, in welche Richtung Menschen bewegt werden, sie fühlen sich am wohlsten, dürfen sie sich für beide Seiten entscheiden, sowohl Dunkel als auch Licht wählen, sie selbst sein.

Es gibt in diesem Buch nicht das überall proklamierte „Absolut Böse“. Dunkelheit kann aus winzigsten Unstimmigkeiten, aus Unzufriedenheiten, resultieren – und nur die Anderen, die Lichten und Dunklen, jene, welche im Zwielicht wandeln können, spüren ihre Manifestation.

Die große Schlacht, das Armageddon bleibt aus, begegnet man doch all dem aus der Sicht Antons, der mit den ewigen Fragen aus dem Blickwinkel eines Zweiflers, eines Halbwissenden konfrontiert wird. Er sucht sich selbst, seine Rolle als Lichter und versucht, sie zu verstehen – was schwer genug fällt in Anbetracht der unlösbaren Verstrickung beider Seiten.

Das Buch stellt keine gewöhnliche Fantasygeschichte mit guten und bösen Menschen dar, sondern den Weg eines Menschen, der zum Anderen ward, der hinterfragt, was er ist, was er will, wofür er zu kämpfen hat, eines Suchenden, der finden will, doch von höheren Mächten benutzt wird, in Fallen tappt, sie durchschaut, um weiteren Irrwegen zu folgen, und letztendlich doch wieder einen Pfad in die für ihn richtige Richtung zu entdecken.

Die Stimmung des Romans ist düster, es fehlt das übliche Heldengeschwafel, die überzeugte Sicherheit der guten, hellen Seite, mit der das Böse bekämpft werden soll.
Ich war beeindruckt.

Der bald anlaufende Film „Wächter der Nacht – Nochnoi Dozor“ ist als Dreiteiler geplant, was mich vermuten läßt, daß jeder einzelne Teil eine der drei Geschichten des Buches zum Inhalt haben wird.
Doch auch eine Fortsetzung des Buches wird es geben – „Wächter des Tages“.

Bis jetzt bin ich mir im Unklaren darüber, ob der Film mittels der erwähnten, wahrlich schlechten Trailers nur minderwertig angekündigt wurde oder ob die Verfilmung des Buches, das mich angenehm überraschte, vollkommen mißlang, ob zu viel Wert darauf gelegt wurde, die Nebensächlichkeiten, die Hintergründe, zu dokumentieren als die tatsächliche Geschichte des Anton Gorodezki, ob ich mir diesen Film mit seinen drei Teilen ansehen, antun, mich zu den mit Nickelpentagrammen bestückten Pseudogruftis gesellen sollte, oder es bei dem Buch belassen, das bei Weitem gut genug war, um es bedenkenlos weiterempfehlen zu können.

Abwarten.

Hoffnung, wo ich keine suchte

Es ist, als erwache ich aus einem Traum, einem trüben, schmerzlich-süßen Traum, einem, der mich in eine angenehme Leichtigkeit hüllte und diese bis jetzt, bis hinein in das langsame, zögerliche Erwachen, das unsichere Blinzeln in das grelle Licht des Tages, andauern, ja wachsen läßt. Ich fühle mich frei, sicherlich nur für Momente, doch frei genug, um zu lächeln, mich zu erheben, fast zu schweben, als wäre ich nicht länger gefangen, gefesselt an das Jetzt, an das welkende Gestern, an das drohende Morgen.

Ich sehe auf, lege das Buch beiseite, das bis eben noch meine Gedanken, meine Blicke absorbierte, betrachte mich wie einen Fremden, einen liebgewonnenen Fremden, dem zu vertrauen ich endlich bereit bin.

Ich betrachte die Zeiger der monoton tickenden Küchenuhr, begreife, daß ihre Reise zu weit fortgeschritten ist, um ihnen noch hinterhereilen, sie einholen zu wollen, doch störe mich nicht daran, kümmere scheinbar verlorene Vergangenheiten, atme tief und ruhig, als müßte ich jedes Gramm Luft einzeln sondieren, in meinen Lungen spüren.

‚Es ist, als fände ich Hoffnung, wo ich keine suchte.‘, stelle ich fest und lasse mich treiben, in mir, in meinen Gedanken, in der von ergreifender Musik festlich bemalten Stille um mich herum.

Und während ich aus dem schmutzversehrten Fenster blicke, den mit Wolkenschatten beklebten Himmel betrachte, vergeblich um die Stimme eines geliebten Menschen an meinem lauschenden Ohr bitte, begreife ich, daß ich nicht darauf verzichten möchte, in diesem Augenblick zu leben, ich zu sein, meine Gedanken zu denken, ja auch meine Ängste zu spüren.

Das Lächeln lauert in meinen Mundwinkeln und scheint jede Tat für möglich, jede Sorge für lösbar zu halten.
Kann ich ihm glauben?

‚Ich will.‘, denke ich, mich eines alten Liedes erinnernd, greife mein Jacket, gehe hinaus und schlendere leichtfüßig durch die Straßen, als könnte mir die Welt heute nichts anhaben.

[Im Hintergrund: Stillste Stund – „Biestblut“]

Brotgedanken

Warum scheint es in Deutschland nicht [mehr] möglich zu sein, Brötchen und Weißbrot so herzustellen zu backen, daß ihre Konsistenz als „normal“ bezeichnet werden kann und nicht in irgendwelche albernen Extreme ausartet?

An dem superwatteweichfluffigen Inneren und dem kackigleckerkrossen Äußeren des gerstern erworbenen Weißbrots haben sich bereits sowohl elektrische Brotschneidemaschine als auch Brotmesser vergeblich versucht, so daß mir nun nichts weiter verbleibt, als mir das Brot in zerrupften Stückchen einzuverleiben…

[Im Hintergrund: Samsas Traum – „A.ura und das Schnecken.Haus“]

Morgendlicher Ohrwurm 33: Der Spiegel sieht mich nicht

Als ich erwachte, vermißte ich den üblichen Lärm. Es ist albern, dergleichen zu vermissen, wenn der eigene Wecker sich alle Mühe gibt, möglichst viel Krach zu verbreiten, um sein Opfer aus den weichen, mit schier magischer Anziehungskraft bestückten Kissen zu vertreiben. Und doch vermißte ich das Hämmern und Bohren, das Sägen und Schreien. Es war zu ruhig.

Ich erinnerte mich Traumes, der noch immer wie ein Schleier vor meinen Blicken schwebte. Sehnsucht vermischte verschiedene Gestalten meiner Vergangenheit, meiner Gegenwart, formte ein süßes Bild, das mich gefangenzunehmen versuchte, mich festhielt und den Abschied aus der Traumwelt zu einem bitteren Schmerz wandelte, zu einem Stein inmitten federleichter Gedanken, der die unangenehme Erkenntnis in sich barg, daß der Traum eben nur ein solcher gewesen war.

Seufzend erhob ich mich, ignorierte den Wecker, der sich noch immer bemühte, unerträglichen Lärm von sich zu geben, und lauschte den Klängen in meinem Kopf, dem heutigen Ohrwurm:

„Das da ist ein Mann,
Sieh‘ ihn Dir noch einmal an,
Der mit langen oder kurzen Messern
Brot in Scheiben schneiden kann.

Doch wer nicht einmal das schafft,
Hat erst recht nicht die Kraft
Dazu, fünf Kinder zu ernähr’n
Und eine Frau so zu begehr’n
Wie sie es mag, Tag für Tag.“

[Aus: Samsas Traum – „Der Spiegel sieht mich nicht“]

„Red Eye“ – Eine kurze Filmkritik

Wes Craven konnte mich einst mit „Scream“ nicht überzeugen und vermag es noch immer nicht. Und das, obwohl ich nicht abgeneigt bin, „Red Eye“ als gut zu bezeichnen.

Gut. Aber mehr nicht. Der Film ist gut, die Handlung ist gut, die Schauspieler sind gut. Aber nichts ist überwältigend, beeindruckend, fesselnd, ja spannend.

Rachel McAdams sieht neben Cillian Murphy fast schon unattraktiv aus, und wäre ich schwul, würde ich wohl für ihn schwärmen. Doch leider gibt er keinen überzeugenden Killer, fehlt ihm doch von vorneherein die Kontrolle über die Situation.

Rachel McAdams alias Lisa wirkt dagegen von Anfang an wie eine engagierte Frau, die sich so leicht nichts sagen läßt – und behält die Rolle im gesamten Film bei.

Ein Killer, der von vorneherein seine Unfähigkeit durchblicken läßt, ein Opfer, das sich stetig dagegen wehrt, eines zu sein – ein gewöhnlich langer Film, der keine überraschenden Wendungen bietet, ja fast vorhersehbar ist.

Nur eine Szene war spannend. In derselben versteckte sich auch der einzige Moment, in dem ich mich überraschen ließ. Und das wars.

Der Film endete, und ich verließ das Kino mit der Gewißheit, keinen schlechten, aber auch keinen sonderlich guten, eben einen ganz normalen Film gesehen zu haben.
Ich war zufrieden und wenig beeindruckt von meiner Gleichgültigkeit.

P.S.: Beeindruckender war, daß auf dem Heimweg mein Fahrrad eine Pedale verlor und daß das Licht im heimischen Treppenhaus natürlich genau dann ausgehen muß, wenn ich auf dem vorletzten Treppenabsatz angekommen bin.

Wahlkampfslogansuperlativ

Nachdem mir der CDU-Wahlkampfslogan „Besser für die Menschen“ schön öfter ein Dorn im Auge gewesen war, bemerkte ich heute einen ähnlichen: „Besser für unser Land.“ und muß das – auch wenn das Thema Politik/Wahlkampf/sinnlosePlakate sicherlich alle Lesenden [und vermutlich auch mich selbst] allmählich zu nerven beginnt – noch einmal kurz ausbreiten:

„Besser für die Menschen.“ hört sich schrecklich an, fast so, als wären andere gemeint, nicht wir, nicht die in diesem Land Lebenden, sondern jene dort, dort drüben, jene, die sich – vermutlich im Gegensatz zu uns [zu mir] – „Menschen“ nennen dürfen.
Kurz: Ich fühle mich nicht angesprochen, lese ich diese Worte.

Diesen Umstand hat man mit „Besser für unser Land.“ zu korrigieren versucht, doch eignet sich der Spruch in Kombination mit der riesigen Deutschlandflagge im Plakathintergrund durchaus auch als Slogan für politisch rechtslastig orientierte Parteien.
Die CDU wird somit ersetzbar, insbesondere weil mit „Besser für..“ keinerlei Botschaft vermittelt wird.
Denn die Frage, die sich mir immer wieder stellt, lautet: Besser? Besser als wer? Als die SPD? Als menschenfressende Mars-Ungeheuer mit messerscharfen Dornenklauen und tödlichem Giftgeifer? Das mag durchaus sein…

Überhaupt mißfällt mir der Komparativ: ‚Wir sind nicht nur gut; wir sind besser.
Sicherlich werden dadurch alle übertrumpft, die von sich behaupten, „gut“, „richtig gut“ oder gar „unglaublich gut“ zu sein, ist doch die Steigerungsform dazu geeignet, sich selbst vom gesamten gewöhnlich-guten Rest abzuheben und zu verlautbaren, daß man selbst, die eigene Partei – im Vergleich mit nicht erwähnten anderen – etwas Besonderes darstellen will.

Doch man vernachlässigte beim Plakatentwurf einen wichtigen Fakt: Es gibt noch eine zusätzliche Steigerungsform, den Superlativ [mit betontem E].
Wenn also die CDU „besser“ ist, wer ist dann „am besten“? Hat sich die CDU nicht getraut zu behaupten, sie seien die Besten? Waren sie tatsächlich bei der Fomulierung des Wahlkampfslogans der schüchternen Ansicht, daß es welche gibt, die besser sind als sie, die besser als „besser“ sind?
Will die CDU uns gar damit sagen, daß eine andere Partei, vielleicht gar die SPD, sie mit Leichtigkeit überflügeln könnte?

Und mir fällt noch ein weiterer Trumpf ein:
Latinisiert man „am besten“, so erhält man „optimal“. Das hört sich noch beeindruckender an als „am besten“, so daß also, sollte die SPD irgendwann entscheiden, den CDU-Slogan „Besser für …“ mit „Am besten für…“ zu kontern, irgendwer die Frechheit besitzen könnte, zu behaupten, er oder seine Partei sei „Optimal für…“
Das haut rein und läßt selbst das „am besten“ lächerlich aussehen. Und der „Besser für“-Slogan der CDU wirkt dagegen wie Kinderkacke.

Doch das ist noch längst nicht alles, was geht. Denn schlechtes Deutsch gelangt allmählich in alle sprachlichen Bereich und sollte keineswegs vor Wahlplakataufschriften haltmachen.
Wenn mich also eine beliebige Partei XYZ anspräche, ich möge doch – selbstverständlich gegen entsprechend umfangreiche Bezahlung – mir einen genialen, ja ultimativen, Slogan ausdenken, mit dem man deutlich, ja überdeutlich, signalisisieren könnte, daß alle anderen Parteien null und nichtig, wertlos und abgedroschen, unnütz und albern seien, dann zückte ich kurz meinen Stift und krakelte siegesgewiß grinsend auf ein beliebiges Stückchen Papier folgende Worte:

„XYZ – Am optimalsten.“

[Im Kopf: Agathodaimon – „Chapter III“]

Ein herzlicher Gruß

Dem entweichenden Sommer sende ich ein sachtes Lächeln hinterher, grüße ihn, den Verblassenden, sanft ein letztes Mal – wie einen liebgewonnenen Freund, von dem man weiß, daß er eines Tages wiederkehren und einen warmen Hauch der Freude mit sich bringen wird. Aus den Augenwinkeln beobachte ich verstohlen, wie dem Sommer eine silberne Träne die Wange hinunterrinnt, sich zu einem letzten Regenschauer formt, als wolle er den Herbst begrüßen, der verstohlen, fast heimlich, doch mit forschen Schritten, ohne Zögern, näherrückt, mit seinen warmen Farben die Welt zu verzaubern. Mein Lächeln gilt auch ihm, heißt ihn willkommen in seinem Reich, mischt sich mit den kühleren Winden, die aufziehen und mein Antlitz umranken, die in meinen wehenden Haaren ergebene Spielgefährten finden.

Blicke ich zurück, so vermisse ich den Sommer, vermisse mich in diesem Sommer, sehe mich nur wenige Male die erquickende Feuchtigkeit von Tümpeln und Seen genießen, sehe mich nicht in die Fremde, die Ferne ziehen, dorthin, wohin es alle verschlug, die für einen Augenblick dem Hier und jetzt entkommen wollten. Ich sehe mich die Zeit vertrödeln, als wüchse sie direkt neben meinem Fenster, sehe mich lächelnden Herzens Träumen hinterherschweben, die sanft, doch unaufhaltsam, meinen Blicken entgleiten.

Doch der Herbst bringt Neues, Unbekanntes, das auf mich wartet, ja lauert, wie ein altes, träges Tier, dessen scharfe Klauen und Zähne bedrohlich wirken sollen, doch – längst abgewetzt – keine Gefahr mehr darstellen. Das alte Tier lädt ein zum Tanz, will Spielgefährte sein, mir Wege zeigen, die ich noch nicht kenne. „Hab keine Angst.“, flüstert es in meine Sinne, obgleich es weiß, daß ich meine Angst ein Eigenleben führt, mir nicht gehorchen will.

Ich sehe welke Blätter von den Bäumen gleiten, laufe durch den zarten Regen, der erst langsam erwachen, wachsen, muß, dem es noch an Kälte, Stärke, Düsternis fehlt, um den kalten Bruder Winter einleiten zu können. Ich begrüße den Nebel, der sich wattig über Wege legt, als spielte er Verstecken mit meinen Gedanken, als müßte ich erraten, was sich unsichtbar in seinem Inneren verbirgt. Ich weiß es nicht und renne lachend durch die Schwaden, entdecke stachelgrüne Kastanien zu meinen Füßen und befreie die wohlig braune Frucht, lasse sie durch meine Finger gleiten, so glatt und rein, fast vollkommen.

Von einer schmalen Brücke lasse ich sie fallen, lausche dem verschluckenden Plumps der träge dahingleitenden Fluten, sehe sie in des Flüsses dunklem Grün verschwinden. Am Geländer hängen Tropfen wie Perlen, aufgereiht, nebeneinander glitzernd, lockend. Mit ausgestrecktem Finger pflücke ich sie, einzeln, spüre die feuchten Kostbarkeiten meine Hand hinabrinnen, zerreibe das Naß zwischen den Fingern.

Und als ich heimzukehren gedenke, senkt sich Dunkelheit über die Stadt, rasch und unbemerkt, läßt Laternen aufleuchten und vereinzelte Schritte in Hauseingängen verschwinden. Ich schlendere den Pfad entlang, rieche den feuchten Atem des Herbstes und heiße ihn willkommen wie einen lang vermißten Freund.

[Im Kopf: Opeth – „Ghost Reveries“]

Ein Tag voller Augenblicke

Obgleich das V. Internationale Kunstfestival mich nicht wirklich zu überzeugen vermochte und mal wieder mit der Feststellung zurückließ, mich nicht fähig zu fühlen, eine klare Trennung zwischen Kunst und Nicht-Kunst vornehmen zu können, glaubte ich doch nicht, die drei Euro vergebens ausgegeben zu haben. Schuld trug nicht nur die Begegnung mit Freunden meiner Begleiterin, sondern insbesondere ein Film über die vielfältigen Möglichkeiten urbaner Kunst, der zeigte, mich welch simplen oder weniger simplen Mitteln es gelingt, eine Stadt zu beleben, Kultur zu schaffen, wo vorher Ödland und Leerstand vorherrschten.

Im Gepäck das wohlige Gefühl, den Tag mit erstaunlichem Vorankommen meiner Lernbemühungen zusätzlich befüllt zu haben, in den Fingern das Kribbeln erwartunsgfreudiger Kreativität verspürend, bedurfte es nur noch eines Gesprächs mit einem guten Freund, um mein Lächeln zu perfektionieren.

Durch das Halbdunkel der Nacht raste ich, den lauen Wind auf meinem Leib genießend, traf schon zehn Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt dort ein, wo zu treffen wir uns gedacht hatten, plazierte mich auf den Stufen einer Bankfiliale und beobachtete diejenigen, die in stiller Sucht nach Vergnügen und Begleitung schhwatzend und lachend durch die abendlich geleerten Gassen Magdeburgs zogen.

G traf ein, und im „Kuca“, im Kulturcafé, fanden wir nicht nur einen mir bisher unbekannten, aber sehr angenehmen, gemütlichen Ort zum Verweilen, Trinken und – das war mir am heutigen Abend besonders wichtig – Speisen, sondern auch eine Lokation, die mit kulturellen Annehmlichkeiten in nicht allzu ferner Zukunft zu locken wußte.

Wir speisten gut und reichlich und wußten einander mit Gedanken und Geschichten zu unterhalten. Die Rechnung begleichend stellte ich fest, noch nicht willens zu sein, die Heimfahrt anzutreten und beschloß, die unlängst wieder errichtete Sternbrücke eines gemeinsamen Ausflugs zu würdigen.

Nur wenige Minuten später, nach einer kurzen Fahrt durch das feucht-diesige Dunkel, erreichten wir die Brücke und die Gewißheit, daß sich Fotos, nicht zuetzt aufgrund des diffusen, von zahllosen Nieselregentröpfchen gebrochenen Lichts, an dieser Stelle lohnen würden. G quittierte diese Feststellung mit einem Lächeln und seinem nahezu fabrikneuen Mobilfunkgerät, dessen Ablichtfunktion tatsächlich höherwertig zu sein schien, obgleich meine eigene Kamera dadurch keineswegs ersetzbar wird.

Die Heimreise, die wir nun, da der Nieselregen nicht innezuhalten gedachte und ein zunehmendes Frösteln unsere Leiber überzog, auf klammen Sätteln antraten, barg die Trennung und die Sicherheit des baldigen Wiedersehens in sich und mündete in eine Halbextase, als ich mit von auf meinen Brillenträgern niedergesetzten Regenschleiern halbblind durch den düsteren Park raste, hoffend, trotzdem jeglichen Hindernissen aus dem Wege fahren zu können.

Ich genoß den Geruch des aufkommenden Herbstes, die kühle Feuchtigkeit der Luft, die sich um mein Antlitz legte, genoß es, die fortschleichende Wärme, das Weichen des Sommers zu betrauern. In Gedanken stahl ich mich zu meiner Mitbewohnerin, die sich in wenigen Stunden auf die Reise in die Sonne begeben und mit geschlossenen Augen wohlige Wärme auf bräunender Haut verspüren würde.

Und zugleich lachte ich innerlich, als ich durch die kühlen Nieselnebelschwaden zischte, den Geruch der Bäume, des Regens inhalierte und wohligen Bewußtseins war, mich ausgeglichen, mich wohl zu fühlen, jetzt, hier, in diesem kostbaren Augenblick.

Kein Pfad

Die alten Wege kreuzen sich
die Mitte findet Pfeiler
ein Schild, verwittert, moosbegrünt
begrüßt mich Wanderer.

Ich eile fort.“ spricht trockner Mund
zum Holz, das still verweilt
die Lippen beben, wortgeweckt
doch schweigen suchtverschmiert.

Ich eile fort.„, erklär ich mich
gehetzt rotiert mein Auge.
Sie folgen mir.„, erkenne ich
die Beine suchen meine Flucht.

Der Pfeiler schweigt mit welkem Schild
und Schriften nennen Namen.
Ich kenne sie. Doch will sie nicht.
Und keinen ihrer Wege.

Der Kreuzpfad unter meinem Fuß
schenkt kalte Stille mir
Ich kenne dich. Doch will dich nicht.
Die Stimme gilt dem Weg.

Und jede Richtung weist mir Mensch
bekannte Freuden warten
Der Pfeiler nennt die Namen mir
das Schild gibt Hoffnung kund.

Ich weiche stumm zurück, zu mir
der Boden glüht im Staube
längst begangen jeder Weg
betreten jede Richtung.

Ich eile fort.„, erkläre ich
seh Westen, Süden, Norden
der Osten grinst mit Kälte mir
und Angst ruft meine Nähe.

Ich eile fort.„, erkenne ich
bleib stehen, will doch fliehen
und stürze mich in blindem Drang
dem tiefsten Wald entgegen.

Kein Pfad umschmeichelt meinen Fuß
nur struppig Waldgeflecht
und Dornenranken zeichnen mich
in Rot brennt meine Sucht.

Im Nacken hör ich Stimmen fern
sie suchen mich und greifen
Mein Schritt erwächst zu neuem Maß
Ich eile fort, entweiche.

Zerrt nicht zurück
was sich entwöhnt
senkt nieder winkend Hände
umarmt nicht länger, was entschlüpft
und haltet nimmer fest.

Ich eile fort.„, ruf ich zurück
Entfliehe ewig Gleichem
dem Ritual des Mittigsein
geborgen unter Fremden

Gemeinsam in das Immerdar
die alten Wege laufend
die alte Richtung
gestrig-schön –
Nicht länger will ich bleiben.

Ich lausche altbekanntem Wort
doch will ich nicht vernehmen
Die Fremde lockt mit Weltgesang
Kein Pfad führt mich zum Ziel.

Und als mein letztes Wort verstummt
vernehm ich bittres Wimmern
ich bleibe stehn, erbarme mich
gefrier im Tränenlied.

„‚Was soll ich tun?„, durchfährt es mich
das Zögern kostet Kräfte
Im Nacken ruft das Gestern warm
im Auge glänzt die Ferne.

Das Gestern kenne ich bereits!
schallt es aus meinem Munde
und forschen Schrittes dring ich tief
ins Unbekannt hinein.

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rotation

nachts rotiere ich in träumen
kreise wege um dein haupt
verirre drehend mich und finde
den pfad zurück
zu dir.

die kreise werden kleiner
die wege werden kürzer
die blicke suchen mitten
erfinden
finden dich.

und schließ ich jedes auge
fließt jeder traum in bahnen
ein orbit der gedanken
um deine stirn
gelegt.

ein blinder kinderkreisel
die wege werden schneller
das zentrum meiner pfade
erträumt
erwartet mich.

der kreis gerinnt zum punkt
zum schrei
zum nichts, das mich empfing
ein leerer lufthauch
grüßt mich kalt
mit vakuum und kuß.

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[Im Hintergrund: The Dresden Dolls – „A Is For Accident [live]“]