Klassik gegen Punks

Der Magdeburger Bahnhofsvorplatz, vor gar nicht allzu langer Zeit in „Willi-Brandt-Platz“ umgetauft, wird nicht nur von einer City-Carre-Einkaufspassage, von McDonalds, PizzaHut, Cinemaxx und – natürlich – vom Bahnhofsgebäude umrandet, sondern auch gern von weniger beliebten Teilen der Bevölkerung besucht, welche die vorhandenen Sitzmöglichkeiten und besetzbaren Stufen zu ständigen und stundenlangen Aufenthaltsorten deklarieren.

So trifft man auf dem Bahnhofsvorplatz neben den üblichen Trinkern, die zuweilen schon des Morgens, mit notwendigem Utensiliar ausgestattet, ihre Plätze beziehen auch immer wieder Punks und deren Freunde an, die ihren älteren Vorbildern nachzueifern scheinen, indem auch sie sich mit alkoholhaltigen Getränken den Tag versüßen, zusätzlich aber von vorbeieilende Passanten eine Kleingeld- oder Tabakspende zu erwirken versuchen.

Das City-Carre reagierte längst, ließ eine Tafel anbringen, auf der verkündet wird, daß es nicht gestattet sei, sich in einem der Eingangsbereiche des Einkaufscenters bettelnd oder pöbelnd aufzuhalten. Für Ordnung sorgt auch ein Sicherheitsmann, der die potentiellen Verdächtigen nicht aus den Augen läßt.

Daß der Bahnhofsvorplatz mit Kameras überwacht wird, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Was G und mir in der letzten Zeit insbesondere in den Abendstunden aber immer wieder auffiel, war eine Besonderheit des Bahnhofsvorplatzes, die uns staunen machte, ja andächtig lauschen ließ.

Denn aus, an der Außenseite des City-Carre-Gebäudes angebrachten Lautsprecherboxen ertönte jedesmal, wenn wir abends dort vorbeiliefen, laute, klassische Musik.
Wir kannten die Stücke stets, und obgleich wir nicht imstande waren, einen Komponisten zuzuordnen, blieben wir stehen, um uns der Musik zu erfreuen, die uns imposant und ergreifend entgegentönte.

Tatsächlich wäre es wohl keineswegs die schlechteste Vergnügung, sich auf einer der Bänke niederzulassen und den Klängen zu lauschen, die den Bahnhofsvorplatz in eine gediegenere Atmosphäre versetzten.

„Was soll das? Wem nützt das?“, fragten wir uns jedoch und fanden alsbald eine Lösungsmöglichkeit:

Die fortwährende Beschallung mit klassischer Musik dient einzig und allein dazu, alkoholisiertes, sich unsittlich benehmendes Gesindel vom Bahnhofsvorplatz fernzuhalten.
Mit Schönem soll das Unschöne vergrault werden.

Leicht ist es, sich vorzustellen, wie Punks und Trinker auf die klassischen Klänge reagieren, unwillig, nach ein paar Minuten vielleicht genervt, eventuell versuchend, mit eigenen Klängen zu kontern.
Doch irgendwann würde sie vielleicht aufgeben, nachgeben, sich verziehen, andere Orte aufsuchen, die weniger vornehm beschallt werden und – möglicherweise – weniger zentral liegen.

„Clever.“, loben wir diese wahrlich humane, ordnungsschaffende Maßnahme, betrachten die unbesetzten Bänke und Treppenstufen und halten inne, um noch ein paar Minuten lang den musikalischen Freuden zu frönen.

[Im Hintergrund: The Dresden Dolls – „A Is For Accident [live]“]

So etwas wie ein Konzert-Reise-Bericht

Die Benzinpreise mit Bastianscher Ignoranz betrachtend tankte ich noch schnell, bevor ich mich zu G begab, um ihn aus heimatlichen Gefilden abzuholen und dann mit ihm gemeinsam die Reise Richtung Hauptstadt anzugehen.
Es war 18 Uhr, als ich bei G eintraf, und tatsächlich war er abreisefertig und konzertgerecht bekleidet. Ich war erfreut und hatte daher auch gegen einen kleinen Geldhol-Umweg nichts auszusetzen.

Die Strecke Magdeburg-Berlin ist eigentlich gut zu finden und – natürlich – bestens ausgeschildert. Allerdings erachte ich es nicht unbedingt als einfach [zumindest für mich Berlin-Unkundigen], die Innenstadt zu befahren und zu einem gewünschten Ziel zu finden. Glücklicherweise gibt es, selbst wenn das Fahrzeug über fehlende Autoatlanten verfügt Online-Reiserouten-Bestimmer, mit deren Hilfe ich nicht nur für Kartenmaterial, sondern auch für wortreiche Wegbeschreibungen besorgt hatte.

Eigentlich war uns auch alles klar, hatten wir uns doch bereits einst auf dem Weg zum Cradle-Of-Filth-Konzert verfahren und wußten nun, wo wir nicht falsch abbiegen durften, wenn wir vermeiden wollten, uns wieder in ausweglosen Stadtautobahnen ohne Rückkehrmöglichkeit zu verheddern.

A2, A115, A100. Eigentlich kein Problem. Doch schon mehrere Kilometer vor der Stelle, die uns das letzte Mal zum Verhängnis geworden war und mitten durch die Berliner Innenstadt geführt hatte, ordnete ich mich – äußerste Vorsichtmaßnahmen ausübend – präventiv links ein, um auf keinen Fall, unter keinen Umständen falsch zu fahren.

Wir atmeten auf, als wir die tückische Passage gemeistert hatten und uns anderen Sorgen widmen konnten, beispielsweise der Feststellung, daß unsere Wegbeschreibung eindeutig uneindeutig geschrieben war, so daß wir – obwohl wir die richtige Route keinen Millimeter verlassen hatten – uns sorgten, möglicherweise einer anderen Falle aufgesetzt zu sein. Doch eine richtige Abfahrt und wenige Augenblicke später fühlten wir uns am Columbiadamm schon fast heimisch.

Leider hatten die vielen Besucher des Zweitkonzertes, nämlich DMX, die eigentlich ausreichenden Parkmöglichkeiten stark eingeschränkt, weswegen wir erst zwei Straßen weiter fündig wurden. Doch das störte uns nicht, waren wir doch glücklich, am Ziel angekommen zu sein.

Es war erst 19.40 Uhr, zwanzig Minuten vor Einlaß, so daß wir beschlossen, unseren Mägen etwas Gutes zu gönnen und den gleichen Italiener aufsuchten, der auch einst, beim Samsas-Traum-Konzertbesuch [„Nachband“ war leider L‘ Âme Immortelle] vor zwei Jahren [Damals hier der ColumbiaClub noch ColumbiaFritz.], A und mich zu sättigen wußte.
Wir aßen leckere Omelettes, tranken Becks und Cola [getrennt voneinander, natürlich], machten Smalltalk mit dem Italiener, schenkten einem Nachrichtensender-Schröder-Aufritt kaum Beachtung und freuten uns wie wuslige Knuselwupps auf das alsbald stattfindende Konzert.

Der Columbiaclub war erstaunlich voll. Samsas Traum hatten damals bei weitem nicht so viele Besucher angelockt. „Ausverkauft“ zeigte ein Schild an der Abendkasse – doch das kümmerte uns nicht.

Die Vorband legte alsbald los und war – wir waren beide beeindruckt – erstaunlich gut. Extol – ein Name, den man sich vielleicht merken sollte. Exakt drei Minuten vor neun beendeten sie ihren Auftritt, wurden mit großem Applaus verabschiedet und räumten die Bühne für Opeth.

Der Bühnenumbau zog sich ein wenig hin. Um uns herum wurde es immer voller. Wir standen ziemlich weit vorne, aber eher rechtsseitig. Eine Positionsverbesserung schien aber nicht erreichbar. Wir gaben uns zufrieden.

Der Applaus, als Opeth die Bühne betrat, war enorm. Die Halle war zum Bersten gefüllt, und es gelang uns sogar, zwischen den zu hoch gewachsenen Menschen ausreichend Sicht nach vorne zu erlangen.
Opeth legte los mit einem Stück vom kürzlich erschienenen Album. Der Sound war gut, bestens gar, die Masse – inklusive uns zwei Begeisterten – war alsbald am Mitfiebern und Haareschütteln.

G stellte nach dem Konzert erfreut fest, wie leicht es dem Sänger/Gitarristen/Frontmann gelungen war, ständig zwischen reinem Gesang und tiefem Grunzen zu wechseln – „und das ohne Qualitätsverlust“.

G hatte recht. Was der Sänger dort leistete, war enorm. Hinzu kam, daß er großes Unterhaltungspotential hatte. Die Band kam ohne jegliche Spezialeffekte [wie wir sie zuletzt bei Cradle Of Filth in größeren Mengen bewundern durften] aus, sondern füllte die Pausen zwischen den Liedern mit amüsanten Ansagen, mit kleinen Geschichtchen, mit der wiederholten Feststellung, daß er krank und alt sei, und mit fleißigem Ins-Handtuch-Ausschnauben [Er war wohl tatsächlich ein wenig erkältet – und drohte damit, das Handtuch nach dem Konzert in die Massen zu werfen.]. Er animierte zum Headbangen, zum Mitsingen, bedankte sich aufrichtig, fluchte darüber, daß es zu ihrer derzeitigen „Single“ wohl erstmal ein Video gäbe, welches allerdings um mehrere Minuten beschnitten wurde.
Und wer Opeth kennt, weiß, was das bedeutet, ist es doch nicht selten, daß Songs dieser Band die Zehn-Minuten-Marke überschreiten.

Natürlich ließ es Opeth sich nicht nehmen, sowohl das erwähnte Lied „The Grand Conjuration“, als auch alle andern in voller Länge zu spielen, selbst wenn das hieß, daß das Publikum eben 13 Minuten lang mit dem Kopf herumzuzappeln hatte.
Wir waren begeistert.

Zwei Sachen waren leider weniger schön. Zum einen wurde leider Gs Lieblings-Opeth-Song nicht gespielt, zum anderen stellte ich mal wieder fest, daß es mir mißfällt, wenn Konzertbesucher während des Konzertes [telefonieren oder] immer wieder durch die Gegend wandern müssen. Ich glaube nämlich, daß die Leute, die nebeneinanderstehen, sich auf einander einstellen, einander etwas Platz geben, sich Platz nehmen, wo es geht. Kommt aber noch jemand dazwischen, wir diese Ordnung gestört, und es braucht wieder eine Weile, bis sich auch dieser Zustand [möglicherweise] wieder eingepegelt hat. In der Übergangszeit jedoch wird man enorm von der spielenden Band abgelenkt, was mich durchaus verärgert.

Es gab eine einzige Zugabe. Opeth ließen es sich nicht nehmen, lange zu warten, bevor sich wieder die Bühne betraten, würden dafür auch kräftig gefeiert. Zurecht. Denn was die Band lieferte, war einfach nur genial [weil Opeth nunmal genial ist], und es war berauschend, im Strudel der Musik abzutauchen, zu versinken, einfach mitzugehen.

Opeth spielten nur zwei Songs vom aktuellen Album, was eigentlich beeindruckend ist, dient doch eine Tour nicht zuletzt dem Album-Marketing. Der Sänger bedankte sich unzählige Male aufrichtig für unseren immensen Applaus und bedankte sich auch bei allen, die das neue Album gekauft [und er betonte das Wort mit einem Grinsen im Gesicht] hatten.

Nach zweieinhalb Stunden war es vorbei. Noch immer gefesselt von der Musik und unendlich beglückt verließen wir allmählich das Gebäude und liefen zum Auto.
Dort hörten wir uns erst einmal Gs Lieblingsstück „The Leper Affinity“ an, bevor wir Pläne für den weiteren Abend schmiedeten.

G hatte im Columbiaclub einen Typen ausgefragt, was es denn für Metal-Freunde und Liebhaber gothischer Klänge an Lokationen in Berlin gäbe. Ich selbst hatte zu Hause schon das K17 ermittelt. Allerdings reizen mich Ankündigungen wie „Electronic Massacre“ nicht sonderlich, insbesondere, wenn ich gerade von einem Progressive/Death-Metal-Konzert komme.
G stimmte mir zu, und wir überlegte, wie wir am besten ins Matrix [Warschauer Straße] oder in den Duncker [Dunckerstraße] kommen könnte.

‚Ohne Karte wohl gar nicht.‘, meinte G und schlug vor, die nächstbeste Tankstelle nach Kartenmaterial zu durchstöbern. Gesagt, getan. Nur wenige Hundert Meter weiter wurden wir fündig, erstanden einen City-Plan von Berlin und beschauten die Lage.

Bis zum Duncker war es noch enorm weit. Das Matrix lag näher, was uns beschließen ließ, es dort zunächst zu versuchen. Vier Floors sollte es dort geben, unter anderem einer mit Gothic/Metal. Nun ja.
G wurde zum Kartenleser und Wegweiser und erledigte seine Arbeit gut, denn ohne Probleme gelangten wir in die Warschauer Straße. ‚Die ist lang.‘, stellte G fest, und als wir, ohne das Matrix zu entdecken einmal die gesamte Strecke auf und ab gefahren waren, fragten wir ein maskulin wirkendes Mädchen nach dem Weg.

Sie half weiter, wenn auch nicht viel. Erneut befuhren wir die Warschauer Straße, stellten aber nun fest, hier auf keinen Fall richtig sein zu können und eine kleine Nebenstraße mit dem selben Namen befahren zu müssen. Ein rasches Wendemanöver folgte, und wir bogen alsbald in die scheinbar richtige Straße ein. Nach umständlichen und letztendlich erfolgreichen Bemühungen, dort irgendwo einen Parkplatz zu ergattern [Meine Einparkkünste lassen eindeutig zu wünschen übrig.], stiegen wir aus und wandten uns in die vermutete Richtung. G befragte ein paar Rumstehende, die uns die unsere Laufrichtung bestätigten, uns aber wenig Mut machten, im Matrix auch etwas für uns Geeignetes anzutreffen.

Egal. Wir liefen weiter, kamen alsbald – endlich – zum Matrix. „Ist nicht zu verfehlen.“, hatte das androgyne Wesen gesagt, doch wir Autofahrenden waren bereits zweifach vorbei gefahren, ohne die Lokation bemerkt zu haben.

Ich fragte ein auf jemanden wartendes Mädel [Bislang hatten wir noch keine Schwarzträger, Metaller oder ähnliches entdecken können.], was denn im Matrix musikalisch zu entdecken wäre.
„R’n’B und House.“, antwortete sie.
„Aber uns wurde gesagt, es gäbe vier Floors. Was läuft denn auf den anderen?“
Das wußte sie nicht, besuchte sie doch nur diese beiden. Eventuell, unter Umständen könne es möglicherweise sein, daß auf den beiden etwas für uns dabei wäre. Sie konnte es nicht sagen, und ich fragte die nächsten, eine Gruppe Anstehender.
Diese waren sehr hilfsbereit, und schließlich hatten wir auch alle vier Ebenen zusammen:
RnB, HipHop, House und Oldies.
Nun ja.

Wir sollten uns ein „NullDreiNull“ besorgen, den lokalen Szeneführer, der uns auf unserer Suche weiterhelfen könne, meinten sie, als sie bemerkten, daß sie nicht wußten, wo in Berlin schwarze Gestalten abzuhängen pflegen. Wir dankten für die Hilfsbereitschaft. Ich belästigte einen unfreundlichen Türsteher mit der Frage nach der Zeitschrift, was er ungeduldig verneinte.

Wir begaben uns zurück zum Auto, kamen an der Gruppe vorbei, die wir zuerst gefragt hatten.
„Nichts für euch oder wurdet ihr rausgeschmissen?“, fragte der eine von ihnen.
„Nichts für uns.“
Als dann ein anderer anfing, von Hühnerblut und germanischen Runen zu faseln, beeilten wir uns, ins Auto zu steigen und fortzufahren.

Der Duncker war von hier aus näher, also visierten wir diesen an. tatsächlich mußten wir feststellen, ihn ziemlich leicht erreichen zu können.
„So ein Stadtplan fetzt.“, meinte G, der Kartenleser.

Ich konnte mich noch an das Dunckergebäude und seine Lage erinnern [Einst, als ich zusammen mit A nach einem Letzte-Instanz-Konzert mitten im Winter durch Berlin irrte, um eine geeignete Lokation zu finden…], so daß wir diesmal keine Probleme hatten, es zu identifizieren. Nur die Parkplatzsuche gestaltete sich noch schwieriger als zuvor.
Letztendlich wurden wir fündig, und ich bewies mal wieder mein fehlendes Einparktalent.

„Was läuft denn hier?“, wollte ich von den Leuten wissen, die vor dem Duncker herumstanden. „Ach, nur noch DJs und so.“
„Und was für Musik?“, hakte ich nach.
„Äh, keine Ahnung. Schaut doch einfach mal rein. Ist kostenlos.“
„Ist überhaupt nicht kostenlos.“, mischte sich ein anderer ein.
„Wir schauen einfach mal rein.“, beendete ich das Gespräch lächelnd, klingelte und wurde reingelassen.

„Was läuft denn hier?“, fragte ich den langhaarigen Türsteher.
„Ach, alles mögliche. So Independent Rock/Pop, würde ich sagen.“
Ich schaute G an.
„Na los, gehen wir rein.“, meinte er, denn die durch die Tür dringende, gedämpfte Musik klang annehmbar.
Ich drehte mich um, die Kasse suchend.
„Zu mir.“, winkte die Kassiererin und verlangte 3,50 Euro pro Person.

Wir traten ein. Der Raum war klein, nein: winzig, und übervoll. Es gab noch nicht einmal mehr Stehplätze. Wir schauten uns an, ein wenig erschrocken.
Nach ein paar Augenblicken fanden wir den Nebenraum, mit „Bar“ ausgezeichnet. Auf einem RFT-Fernseher [Er sah jedenfalls so aus.] lief „Natural Born Killers.“, was G erfreute. Nach wenigen Augenblicken wurden sogar Sitzplätze frei, was mich freute, mochte ich doch nicht, im Weg oder mitten im Raum herumzustehen.
G genehmigte sich einen White Russian, war begeistert.

Die Musik aus dem Nebenzimmer war nicht schlecht. Nicht umwerfend, aber eben auch nicht schlecht. Alternative Rockmusik, würde ich sagen. Es lohnte sich durchaus, hier zu bleiben. Die Alternative wäre gewesen, nach Magdeburg zurückzufahren, denn nach einer weiteren Suchaktion stand uns nicht der Sinn.

Wir saßen herum, lauschten den Klängen von nebenan, quatschten, analysierten das Konzert. Ab und zu sprang ich auf, um mich zur Tanzfläche zu begeben, doch diese war maßlos überfüllt. Und ich benötige Platz bei meiner persönlichen, musikalischen Entfaltung.
G trank noch einen weiteren White Russian.

Bei einem Lied von Muse sprang er auf, trank sein Glas aus, gab es – zusammen mit der Pfandmarke – ab und eilte zur Tanzfläche, wo er sich einen Platz freikämpfte und den Takten frönte. Ich schaute zu und lächelte, begab mich alsbald auf die Toilette, die allerdings keines Besuchs würdig war.

Später meinte ich: „Wenn das nächste Lied scheiße ist, gehen wir.“
G zuckte mir den Schultern. Die beiden Weißen Russen begannen, Wirkung zu zeigen.

Das nächste Lied kannte ich. System Of A Down. „Forest“. Ich stürmte die erstaunlich menschenfreie Tanzfläche, schüttelte mein Haar. Endlich.

Das Lied endete, und weiter vertraute Takte tönten aus den Boxen: Tool mit „Sober“. Klasse. Auch G bewegte sich. Und ich erinnerte mich des Umstands, daß uns im ColumbiaClub mehr als drei Personen mit einem Tool-T-Shirt aufgefallen waren. Das Lied paßte also perfekt.

Den darauffolgenden Song kannte ich nicht.
„Wenn das nächste Lied scheiße ist, gehen wir.“, wiederholte ich mich. G stimmte zu.

Das nächste Lied war scheiße, und wir gingen. Es begann zu nieseln. Vor dem Duncker stand umgebauter Trabant 600, den G beschaute.
„Komm jetzt. Es regnet.“, rief ich und ging in Richtung des Autos. G folgte. ich beschloß, meine Einweg-Kontaktlinsen jetzt rauszunehmen. Nach dem zweiten Versuch hatte ich sei aus den Augen entfernt und entsorgt. Nun war ich blind. Ich grinste in mich hinein.
„Wenn mich die Welt ankotzt und ich sie nicht mehr sehen will, nehme ich die Brille ab und laufe durch die Straßen.“, erklärte ich. „Das Gute daran ist, daß niemand außer mir weiß, daß ich nichts sehe.“

Am Auto angekommen, kramte ich die Brille aber doch hervor. Schließlich hatte ich gute Laune und mußte fahren.
Ein Schluck aus der Cola-Flasche. G verweigerte die Kartenlesedienste. „Ich kann nichts mehr erkennen.“, meinte er. „Die zwei White Russian hatten es in sich.“
Ich zuckte mit den Schultern und fuhr los. Dann mußte es eben so gehen.

Es ging nur schlecht. Ich hatte mir die Richtung auf der Karte angesehen, doch irgendwann kamen wir an eine Baustelle, die uns woandershin führte, als wir wollten. Ich hielt an, sah mich um, verglich unsere Position mit der Karte, fuhr weiter.
Ein Schild leitete uns in Richtung Autobahn. Treuherzig bog ich von der eigentlich geplanten Route ab. „Ist das nicht die falsche Richtung?“, fragte ich aber nach ein paar Metern und wollte erneut anhalten. G schnappte sich die Karte, schaltete die Autoinnenbeleuchtung an und meinte: „Links ab.“
„Abbiegen oder wenden?“
„Beides. Ich bin gespannt, was du machst.“
Ich wendete, fuhr auf unsere alte Route wieder auf.
„Die Straße mündet irgendwann auf die A100.“, teilte mir G mit.
„Echt?“, freute ich mich.

Und tatsächlich erreichten wir als bald A100.
„Magdeburg.“, jubelte G, als er die Beschilderung entdeckte. Nun konnte nichts mehr schiefgehen.

Zehn vor vier. Die Straßen waren leer.
„Bis um fünf wird das nichts.“, meinte ich und hoffte das Gegenteil.
Ich fuhr schnell, ohne Komplikationen, wollte nur noch in mein Bett.
„Hier rechts abbiegen.“, teilte mir G zwei Mal mit, döste zwischendurch, doch war rechtzeitig wach, um unsere Einfahrt in Madgeburg mitzuerleben.

Ich lächelte, schaute stolz auf die Uhr.
Zwei Minuten vor Fünf hielt ich bei G. Wir verabschiedeten uns. Zufrieden. Geschafft.
„Kommt gut nach Hause.“ sagte G.
Der Weg zu mir nahm weniger Zeit in Anspruch als mein bemühen, einen Parkplatz zu finden. Aber das kannte ich ja bereits. Ebenso wie meine fehlendes Einparktalent.

„Egal.“, dachte ich vergnügt, stieg aus und ging nach Hause.

[Im Hintergrund: Tool – „Aenima“]

Ein guter Ton

Mich mit dem Gedanken einer Namensgebung für einen potentiellen Morast-Podcast [Keine Ahnung, ob dieser jemals existieren wird. Aber Gedankenspiele jedweder Art fetzen.] befassend amüsierte ich mich vorhin über die Vielfalt der Bedeutungen des eigentlich schlichten Wortes „Ton„:

Zum einen gibt es natürlich den Ton als etwas Erdiges, Verformbares, Töpfern als Basismaterial dienend [Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Ton und Lehm?], zum anderen den Ton in der Akustik.
Allerdings existiert auch noch der Ton, der einer Nuance gleichzusetzen ist, einer Abstufung, was sich an Wörtern wie „Umgangston“, „Betonung“ oder auch – natürlich -„Farbton“ [Hier bekommt der Ton sogar etwas zusätzlich Eigenes.] bemerken läßt.

Beglückt über diese Vielfalt denke ich eine Weile nach, streich „Grünton“ als potentiellen Podcast-Titel aus meinem Kopf und grinse in mich hinein.

[Manchmal ist es wirklich leicht, mich glücklich zu machen.}

[Im Hintergrund: Samsas Traum – „A.uge um A.uge [live]“ — Da ich nachher auf dem Weg nach Berlin und später während des Konzertes noch genug Opeth auf die Ohren bekommen werde, habe ich beschlossen, mich vorerst anderen Klängen zu widmen – aber mich immerhin auf Live-Atmosphäre einzustimmen.]

Blog-Remix und so

Obgleich ich längst dem Alter entwuchs, der einen zwingt, an jedem neuen Trend unbedingt teilhaftig sein zu wollen, kann ich mich eines gewissen Reizes nicht erwehren, der vom in der Blogosphäre [Habe ich je erwähnt, daß mir dieses Wort mißfällt?] derzeit aktuellen Blog-Remix ausgeht.

Dieser wurde von Herrn Bandini in die Welt gesetzt, bei dem auch alle notwendigen Informationen [nämlich diese und jene] auffindbar sind.

Ich selbst entschloß mich dazu, Rebellas Text „wasch.mittel.zart.bitter.“ zu erwählen und zu remixen.

Gleichzeitig [obgleich das Anmeldedatum schon ein wenig überschritten ist] biete ich zwei meiner kurzgeschichtlichen Werke dar, auf daß irgendjemand sie mit einem Remix versehen möge:

„Make-Up“ und
„Motten“

[Die Anmeldung erfolgt über Herrn Bandini, was mich jedoch als Kontaktperson für Fragen und Sorgen nicht ausschließt.]

Und so.

„Um festliche Garderobe wird gebeten!“

Hatte ich es schon erwähnt? Für mich gibt es einen Doppelgrund zur Freude, der ungefähr so aussieht:

Erwähnt sei, daß das Opeth-Konzert schon übermorgen statfinden wird und ich dementsprechend vorfreudig grinsend meine Eintrittskarte betrachte…

… und daß die Janus-„Winterreise“ ein Ereignis ist, an dem beizuwohnen ich schon bei dessen Erstaufführung gewünscht hatte.
„Um festliche Garderobe wird gebeten!“

[Im Hintergrund: Opeth – „Ghost Reveries“]

Göttliches Äußeres

„Bist du schön?“

Möglicherweise sollte ich es als gut erachten, daß niemand – wenn man mal von meiner Wenigkeit absieht – auf den Gedanken kommt, andere mit dieser durchaus wenig oberflächlichen Frage zu konfrontieren. Doch käme jemand auf diesen Gedanken, wüßte ich bereits, was ich antworten würde- habe ich mir doch diese fragenden Worte bereits mehrere Male unter die Nase ins Ohr gesetzt.

Mein Antwortspektrum wäre allerdings diffus, reichte von „Heute schon.“ über „Eigentlich nicht.“ bis hin zu „Kommt drauf an.“
Denn das tut es.

Es gibt Tage, an denen ich mich gut fühle, wohl in meiner Haut, in denen ich weiß, daß ich gerne ich bin. Dann fühle ich mich auch schön.
Doch ebenso kommen Zeiten, in denen ich mit jegliche [nach außen hin sichtbare – über keine andere rede ich] Schönheit absprechen und mich am liebsten unter Kapuzen und Bettdecken verkriechen würde.

Aber ich weiß, daß ich schön bin – für die richtigen Augen, für jene Augen, die mich schön finden.

Ich weiß. Der Satz beißt sich selbst in den inexistenten Schwanz. Allerdings bestätigt er auch binsensweisheitliche Sprichwörter über die im Auge des Betrachters liegende Schönheit.
Sollten also die betrachtenden Augen meine eigenen sein, so bedarf es nur eines persönlichen Wohlfühlempfindens, um mich in meinen Gedanken als „schön“ bezeichnen zu können.

Allerdings ist selbiges Wohlfühlempfinden nicht zwingend notwendig, um andere als schön zu empfinden [Hier beobachte ich einen eher gegenteiligen Effekt: Die Nähe einer schönen Frau wirt zuweilen durchaus aufbauend und wandelt dadurch Miesepetrigkeit und Tristesse eventuell sogar in erwähntes Wohlbefinden.].

Nachdem ich unlängst einen Mann als attraktiv empfand, scheue ich mich an dieser Stelle noch nicht einmal zuzugeben, daß Schönheit auch maskuline Wesen betreffen kann [obgleich Frauen unabstreitbar – Gibt es dieses Wort überhaupt? – das schönere Geschlecht darstellen].

Es wundert sicherlich niemanden, wenn ich der Welt verkünde, daß ich es mag Schönheit mit meinen Blicken zu berühren, zu streifen, zu erahnen [Wobei erwähnt sei, daß ich auch hier dem femininen Geschlecht den Vorzug gebe.].

Jedoch fiel und fällt es auf, daß ich, der es mag, Menschen jedweder Art zu betrachten, ihre Geschichte zu erraten, der Menschen gerne offen und neugierig in die Augen blickt, um zu erfahren, was hinter der Hülle des Äußeren zu finden ist, Schwierigkeiten damit habe, schönen Frauen in die Augen schauen, sie länger als einen Moment lang fixieren zu können. Ich scheue mich, die Schönheit mit meinen aufdringlichen Blicken zu belästigen.

‚Woran liegt das?‘, frage ich mich und suche die Antwort überall, vor allem in dem Standard-Übeltäter Nummer 1: die Medien.
Schönheit wird seit jeher als unantastbar, überirdisch, anbetungswürdig, ja fast göttlich, dargestellt. Millionen von Gedichten und Liedern berichten über schöne Menschen, die durch ihr Äußeres zu bezaubern vermocht hatten.

Ist also in mir der Respekt vor schönen Menschen derart gewaltig, daß ich lieber beschämt-schüchtern zu Boden blicke, als sie einer genaueren Betrachtung zu unterziehen? Glaube ich – und jeder andere, der ähnlich agiert – wirklich, daß Schönheit etwas Göttliches in sich trägt, vor dessen Antlitz jeder Unwürdige sein Haupt zu senken hat?

Ich bin mir nicht sicher, weiß ich doch zum einen, daß es mir leicht fällt, eine schöne Frau zu betrachten, solange ihre Blicke mich nicht streifen, solange sie mich nicht bemerkt, nicht wahrnimmt, und zum anderen, daß viele Menschen sich keineswegs mit dem erwähnten Respekt belasten. Aber vielleicht fehlt ihnen auch allgemein der Respekt vor irgendetwas und das Feingespür, Schönheit zu erkennen, wenn sie sich nicht auf die Dimensionen sekundärer Geschlechtsmerkmale beschränkt.

Ich weiß es nicht, doch beschloß ich unlängst, nicht länger niederzublicken, sondern der Schönheit in die Augen zu sehen, nicht respektlos, sondern voll von ehrlicher Offenheit, voll von Neugierde, voll von Interesse an ihr und ihrem Sein.

Äußerliche Schönheit ist nur eine Maskerade.
Zuweilen bedarf es nur eines einzigen Wortes, um unschöne Risse in der vermeintlichen Schönheit erkennen zu lassen.
Zuweilen bedarf es nur eines Lächelns, um das vermeintlich Normale mit unendlicher Schönheit zu segnen.

‚Vielleicht auch das meine.‘, denke ich – und lächle.

[Im Hintergrund: Mortal Love – „All The Beauty“]

Kontoauszugsdruckerquälerei

In Anbetracht dessen, daß ich es schon seit Jahren vorziehe, meine Bankgeschäfte online zu vollziehen, erscheint mir die Erfindung der Kontoauszugsdrucker nur insoweit sinnvoll, als daß die an diesen Maschinen abrufbaren Kontodaten online nur über einen begrenzten Zeitraum verfügbar sind.

Um also auch in Zukunft einen Blick in meine finanzielle Vergangenheit werfen zu können, bedarf es bedruckten Papiers und somit eines gelegentlichen Gangs zu einer nahegelegenen Bankfiliale, in der ich den Kontoauszugsdrucker hämisch grinsend mit meiner Bankkarte füttere.

Schließlich weiß ich schon jetzt, was passieren wird:
Der Drucker wird arbeiten und arbeiten, laute mechanische Geräusche von sich geben, seine intensive Tätigkeit bezeugend, wird kaum bemerkbar hin- und herruckeln und ein Blatt nach dem anderen ausspucken, solange, bis der Kontoauszugsauswurfschlitz überfüllt ist und ich zur Entnahme der bisherigen Ausrucke aufgefordert werde.
„Es folgen weitere.“, verkündet mir die Anzeige und ich grinse weiter in mich hinein.

Allmählich wird mir langweilig. Ich wandere in der Bankfiliale umher, betrachte den aushängenden Plakate, sehe immer wieder zum Drucker, der emsig vor sich hinrattert, entdecke, daß dieser auch mit Braille-Schrift versehen ist und versuche vergeblich, mit geschlossenen Augen die einzelnen Buchstaben zu ertasten.
Ich weiß, wie sich ein „O“ aussieht, doch erkennne es nicht unter meinen Fingern.

Die Bankkarte springt aus dem Schlitz, die letzte Seite wird gedruckt und – bereichert um einen dicken Papierstapel aus Kontoauszügen -begebe ich mich auf den Heimweg.

[Im Hintergrund: VAST – „What Else Do I Need“]

Menschen 19: Ei, ei, ei, was seh ich da…

In der Nähe des straßenbahnverkehrstechnisch überfluteten Alten Markts entdecke ich ein älteres Paar. „Älter“ ist maßlos untertrieben, haben doch die beiden die amtliche Grenze zum Rentnerdasein längst überschritten.
‚Zwei alte Leute. Wahrscheinlich verheiratet.‘, denke ich, „Nichts Außergewöhnliches.“

Doch dann schaue ich zwischen sie, schaue auf seine rechte und ihre linke Hand – und lächle. Das Rentnerpaar hält Händchen, als wären sie frisch verliebt, als wären sie Jugendliche, die aller Welt ihre Liebe, ihre Zusammengehörigkeit demonstrieren wollen.

Ich lächle, als ich bemerke, wie sie in alle Richtungen schauen, sich fragend, welche Straßenbahn die richtige sei, sich in ihrer Verwirrung noch fester aneinander klammernd, Schutz suchend in der Nähe des anderen.

Zu gern hätte ich sie über die Geschichte ihrer Liebe befragt. Doch ich traute mich nicht, wagte nicht, dieses Beisammensein mit meiner Anwesenheit zu stören, ging weiter, noch immer lächelnd.

[Im Hintergrund: Vanitas – „Das Leben ein Traum“]

proud

Ich las vorhin den Satz:
Ich bin stolz, ein Produkt meiner Eltern zu sein.
Dachte darüber nach.
Stimmte zu.

[Im Hintergrund: Vanitas – „Das Leben ein Traum“]

Die heilige Hexe

Nett, daß man das Wort „Sandwich“ auch falsch aussprechen kann:
„Saint Witch“.
Ein schnuckliges Oxymoron.

[P.S.: Ja, so etwas finde ich amüsant.]

[Im Hintergrund: Memoria – „Children Of The Doom“]