Wunschliste

Ich wünschte, ich könnte einkaufen. Einfach so.
Ich wünschte, ich müßte ich nicht im Hinterkopf behalten, daß dieses Gemüse gespritzt wurde, daß irgendwelche Bauern subventioniert und somit andere benachteiligt wurden, daß diese Früchte von unterbezahlten Kinderhänden gepflückt und nach Europa versendet wurden, daß ich damit Nationen ausbeute, Menschen unterdrücke, Tiere quäle, die Natur zerstöre.
Ich wünschte, ich müßte nicht darauf achten, ob ich nicht wieder nur einem von schlauen Verpackungsdesignern ausgetüftelten Trick verfalle, ob die Packung halbleer ist oder mich nur wegen bestimmter Fabrkombinationen anspricht, ob ich das Produkt nur kaufe, weil es mir aus irgendeiner Werbung, Empfehlung, Serie, Sendung, unbewußt in Erinnerung blieb und dank geeigneter Bilder in geeigneten Positivzusammenhang gesetzt wurde.
Ich wünschte, ich müßte nicht befürchten, daß die herstellende Firma zu bekannt, zu mächtig, zu sehr kapitalistisch geprägt sei, daß die Firmenkette in international-negative Verwicklungen involviert ist, Kinder oder Mitarbeiter mißhandelt, unölologisch produziert, zu einer Kette gehört, die einst Juden vergaste oder Homosexuelle diskriminierte.
Ich wünschte, ich müßte mich nicht fragen, welche Giftstoffe in die Produkte gespritzt wurden, um sie länger haltbar zu machen, besser aussehen zu lassen, welche Vitamine und angeblich gesundheitsfördernde Zusätze beigefügt wurden, um mich zum Kauf zu bewegen, welche künstlichen Anreicherungen hinzugesetzt wurden, um die Masse zu erhöhen und den Fertigungspreis zu erniedrigen, welche Stoffe Fette und zucker ersetzten, um mit dem Diätwahn und ähnlichem Gesundheitsfanatismus schrittzuhalten, welche Aromen meine Zunge beim Konsum benetzen und meinen Körper vergiften werden.
Ich wünschte, ich hätte nicht mit jedem Produkt, das ich in die Hand nehme, das Gefühl, einer riesigen Lüge aufgesessen zu sein.

Ich wünschte, ich könnte fernsehen, einfach so.
ich wünschte, Nachrichtensendungen bestünden aus nachrichten, nicht aus reißerisch zusammengeklaubten, stimmungsmachenden Informationsfetzen, die in einen Zusammenhang zu bringen ich längst aufgab, nicht aus Bildern, die bewegen sollen, nicht aus stammtischartigen Interviewsentenzen, die mich beeinflussen, in bestimmte Meinungsmuster drängen sollen.
Ich wünschte, ich bräuchte nicht durch die Kanäle schlittern auf der Flucht vor der allgegenwärtigen Penetranz uninformativer, schlecht recherchierter vermutungen und Fakten über Persönen des öffentlichen Interesses, denen gefälligst mein Interesse zu gelten habe, auf der Flucht vor allgegenwärtigen, schlichte Geister fesselnden Zweitleben, für die man auf das erste, eigene, verzichten darf.
Ich wünschte, ich könnte fernsehen, ohne glauben zu müssen, daß mir mit diesem Film, mit dieser Serie, Dinge schöngeredet, angepriesen, würden, derer ich nicht bedarf, daß mir unterschwellig Produkte aufgedrängt wurden, deren Kauf mein leben angeblich vereinfach, entwirren, leiten könnte.
Ich wünschte, ich könnte glauben, was ich sehe, müßte nicht alles hinterfragen, alles anzweifeln, für gestellt, übertrieben, untertrieben, gekünstelt, meinungsforcierend, undurchdacht oder schlichtweg falsch halten, wünschte, ich könnte Informationen beziehen, ohne jedesmal Quellen als glaub- oder unglaubwürdig kategorisieren, andere, thematisch verwandte Berichte auf Deckungsgleichheit der Fakten prüfen zu müssen, wünschte, ich könnte glauben, daß der mir präsentierte Teil der wirklichen Welt auch ein repräsentativer sei.
Ich wünschte, ich könnte fernsehen, ohne zu erwarten, daß jeder einzelne auf der anderen Seite der Glasscheibe Lügen verbreitet.

Ich wünschte, ich könnte leben, einfach so.
Ich wünschte, ich könnte durch die Welt gehen und glauben, was ich sehe, höre, fühle, könnte bewerten, ohne in Gefahr zu geraten, mich auf falsches Wissen zu berufen, könnte Meinungen vertreten, ohne befürchten zu müssen, an irgendeiner Stelle beeinflußt worden zu sein, könnte agieren, ohne das Gefühl, ferngelenkt zu werden.
Ich wünschte, ich könnte reden und schreiben, was mir in den Sinn kommt, wann und wo ich es mag, ohne bedenken zu müssen, wie richtig oder falsch es sein könnte, an dieser oder jener Stelle Informationen preiszugeben, ohne mich ständig fragen zu müssen, was mit meinen Daten passiert, wer mich beobachtet, wenn ich einkaufe, wenn ich meine EC-Karten-Geheimnummer irgendwo eintippe, wer all das sammelbare Bild-, Ton und Textmaterial betrachtet, auswertet, einsortiert, weiterverwendet, wem, welcher Firma, welchem Unbekannten, ich wann vertrauen kann, ob nicht jeder, der mir die Hande schüttelt, in Wahrheit nach Untaten schnüffelt, mir Geld zu entziehen, mich in Fallen zu locken versucht.
Ich wünschte, ich könnte mit Menschen sprechen und müßte nicht nur ihre Fassaden ansehen, nicht nur ein antrainiertes Lächeln, das mich in Sicherheit wiegen soll, nicht nur das routinierte Sympathiegesicht, müßte nicht hinter jedem Wort eine verschönernde Höflichkeit, eine undurchschaubare Halbwahrheit erwarten, gegeben aus Freundschaft, aus gesellschaftlicher Tradition, aus wirtschaftlichen Gründen heraus, müßte nicht in Augen blicken, denen selbst längst der Durchblick abhanden kam, wann und wo die Grenze zur Unwahrheit überschritten wurde.
Ich wünschte, ich könnte in einer Welt leben, die endloser Netze aus Falschheiten, aus ungewolltem oder bewußt erstrebten Lügen, nicht bedarf, die mich nicht in jedem vergehenden Augenblick das Gefühl gäbe, mich längst in diesen Netzen verstrickt zu haben, längst Teil davon zu sein, Opfer und Täter zugleich.

[Im Hintergrund: Farmakon – „A Warm Glimpse“]

Nach K

„Wird ganz schön teuer, die Fahrt nach K. „, sagt sie.
„Wieso?“
„Es hat sich niemand wegen einer Mitfahrgelegenheit gemeldet… Willst du vielleicht mitkommen?“
„Ich kenn doch keinen in K.“
„Dann bleibst du halt die ganze Zeit im Auto sitzen und wartest auf mich. Und bezahlst die Hälfte der Benzinkosten.“

Ein Scherz nur, und doch driften meine Gedanken bereits ab. Auf nach K!, denke ich und stelle mir vor, im Auto zu sitzen, auf dem Beifahrersitz, angenehme Musik zu hören, belanglose Dinge zu erzählen, angeregt durch andere Belanglosgkeiten aus ihrem Mund. Manchmal verdichtet sich das Gespräch, dann wird sie ernst, werd ich ernst, wir reden über Gefühle, über Innerstes, bis Uneinigkeit die Worte verdunkelt und ein Schweigen heraufbeschört, das ein kleiner Scherz, ein kurzes Lachen zu unterbrechen weiß.

In K werde ich trotz Kälte und Schneeregen aus dem Auto aussteigen und die Innenstadt betrachten, mich in einzelne Geschäfte wagen, mich womöglich über ein Musikgeschäft mit großer Auswahl freuen und dort geraume Zeit verweilen, vielleicht einen Stadtplan kaufen, Wegweisern zu vermeintlichen Sehenswürdigkeiten folgen, meine Enttäuschung über deren Nichtigkeit unter der Freude verbergen, hier zu sein, allein, mit meinen Gedanken, ungestört, ja frei.
Vielleicht werde ich in ein Museum gehen, mich an meinem Drang nach Wissen, nach Bildung, berauschen, vielleicht anschließend ein Café aufsuchen, um, während ich gedankenverloren mit einem Löffel in der halbleeren Tasse rühre, festzustellen, daß die Heiße Schokolade hier auch nicht anders mundet als zu Hause.

Unterdessen wird sie ihre Freundin besuchen, mit ihr den Nachmittag, den Abend verleben, keine Sorgen an mich verschwendend, bin ich doch alt und intelligent genug, mein Handeln und sein in richtige Bahnen lenken zu können. [Bin ich das?]

Ich sehe mich in einer Stadt, deren Straßen sich ob des Wetters, der nahenden Nacht, ob der schließenden Geschäfte, allmählich leeren und fühle die Freiheit verlustig gehen, die Einsamkeit mich finden, sehe mich zwischen scheinbar altbekannten, nie gesehenen Betonbauten stehen und irgendetwas vermissen, einen Menschen vielleicht, einen Freund, eine wärmende Hand, vielleicht ein Ziel, sehe mich weglos und fröstelnd in einer fremden Stadt umherblicken und wundern, was genau ich hier zu finden geglaubt hatte.

Und während ich darüber nachdenke, während ich die Möglichkeit, spontan Ja zu sagen und ohne weitere Planung mit nach K zu reisen, im Geiste mit Bildern bestücke, weiß ich, daß ich mich betrüge, daß ich nicht nach K zu gehen wünsche, daß mir nicht der Sinn nach Autofahrten steht – sondern daß es allein und einzig die Flucht ist, die mich reizt, die ich ersehne, die Flucht ohne Ziel, an deren Ende eine erneute Flucht stehen wird.

„Ich komm nicht mit.“
Sie weiß es längst, fragt scherzhaft nach Begründungen, die ich sogleich ihr liefere: fadenscheinig und dennoch wahr. Ich schweife ab, lenke das Thema in andere Bahnen. Sie antwortet, und ich bin dankbar dafür, dankbar, daß ich im nächsten Moment vergessen werde, was ich mir soeben noch präzise auszumalen versuchte: Gedanken um eine aussichtslose Flucht.

[Im Hintergrund: Farmakon – „A Warm Glimpse“]

FFFfF: Sicher

Nach dem Duschen heute morgen hatte ich drei Ideen für einen neuen Comic im Kopf. Keine jedoch war wirklich gut oder ausgereift. Eine setzte ich aber trotzdem um. Es möge mir verziehen werden, wenn diese nicht ganz so witzig sein sollte…

Und so.


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[Im Hintergrund: Muse – „Absolution“]

Die Geschichte einer Phobie

Mein Zahnarzt ist eine Frau. Das ist weder ungewöhnlich noch unerträglich, aber Grundlage für folgende Worte.

Nachdem ich als Dreizehnjähriger wegen eines selbstverschuldeten Fahrradunfalls ohne weitere Opfer [Ich fuhr gegen ein parkendes Auto.] einen Oberkiefervorderzahn und eines Teil des zweiten verlor, war ich über einen längeren Zeitraum in Behandlung bei einer Zahnärztin, die ich nicht leiden konnte. Ihre Assistentinnen waren nicht weniger unangenehm, weswegen ich meine ohnehin latent existente Abneigung gegen Zahnärzte noch schüren konnte. Mehrmals in der Woche zu selbem Ort gehen zu müssen und sich dort behandeln, also mit allerhand beängstigenden Werkzeugen und Materialien im Mund herumwerkeln zu lassen – selten ohne begleitende Dosis Schmerz – trug nicht dazu bei, meine Zahnarztphobie zu beseitigen, ganz zu schweigen von den zusätzlich notwendigen Torturen, die mir die Kieferorthopädin auferlegte, ebi der ich außerdem in Behandlung war.

Mit 18 wurden dann meine beiden mehr oder minder privsorisch reparierten Schneidezähne komplett entfernt und durch Imitate ausgetauscht. Das war nötig gewesen, doch fortan fehlte jede Notwendigigkeit, Zahnärzte aufzusuchen. Halbjährlichen kontrolluntersuchungen ging ich nach, so ich es schaffte, meine Abneigung kurzzeitig zu verdrängen, doch für alles, was außerhalb dieser Routinebehandlungen stattfand, stand ich nicht zur Verfügung.

Einst wurde ich zum Kieferchirurgen überwiesen, der einen schiefstehenden Weisheitszahn aus meinem Mund herausreißen sollte. Ich trug die Überweisung wochenlang mit mir herum, konnte mich aber nicht dazu entschließen, den kieferchirurgen tatsächlich aufzusuchen. Allein „Chirurg“ klang gefährlich – und die Weisheitszahn-Entfernungs-Erfahrungsberichte, die mir zu Ohren gekommen waren, motivierten mich auch nicht sonderlich. Nach drei Monaten verfiel die Überweisung, und ich war erlöst. Vorerst.

Ich legte eine Zahnarztbesuchspause ein. Rechnete man Zahnspangenwartungs- und korrekturarbeiten mit ein, hatte ich bereits mehr Zeit bei derartigen Ärzten verbracht, als ich akzeptieren konnte. Und überhaupt: halbjährliche Routineuntersuchung – das war etwas für Weicheier. Ich hatte keine spürbaren Probleme, also gab es auch keinen Grund, einen Arzt aufzusuchen.

Irgendwann gab es ihn dann aber doch, den Grund. Irgendetwas in meinem Mund schmerzte und wollte behandelt werden. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich die Zahnärztefraktion gemieden und sollte nun vom Schicksal, von Gott oder von wem auch immer dafür zur Rechenschaft gezogen werden. ‚O nein!‘, dachte ich und zögerte den Besuch noch ein paar Tage hinaus, bis ich mich dem Unausweichlichen zu fügen hatte.

Was lag näher, als das Naheliegenste zu wählen: Die Zahnärztin, die ich zu besuchen gzwungen [nicht: gewillt] war, hatte ihre Praxis nur wenige Fußwegminuten entfernt von meinem Domizil. Mich störte nicht, am letzten Tag eines Quartals noch die üblichen zehn Euro herausrücken zu müssen, solange der Zahn wieder geheilt werden würde.

Die Zahnärztin war lieb und vertrauenserweckend. Die Schwestern wirkten nicht minder sympathisch und um mein Wohlergehen besorgt. Zum ersten Mal verlor ich einen Teil meiner Zahnarztangst. Alles könnte gut werden, glaubte ich zu ahnen.

Wurzelbehandlung. Das Wort dröhnte durch meine zahnarztfürchtenden Ohren und klammerte sich mit eiskalten Klauen im Magen fest. Ohne wirklich zu wissen, was dahinterstand, war klar: Eine einmalige Behandlung würde nicht ausreichend sein. Auf keinen Fall.

Der nächste Termin sollte das mir eingesetzte Provisorium durch den nächsten Schritt im Wurzelbehandlungs-Standard-Algorithmus ersetzen, doch ich nahm ihn nicht wahr. Warum auch. Das Provisorium hielt, und schnell vergaß ich, daß es nur vorübergehend sein sollte. Die alte Angst, die längst nicht zurückgewichen war, kam wieder hervor und ließ mich den Termin vergessen, wog mich in falsche Sicherheit.

Das Provisorium hielt vermutlich länger, als die Zahnärztin es vermutet hatte, doch für mich nicht lange genug. Eines Tages fehlte meinem Zahn, ohnehin längst tot, der Inhalt. Jede einzelne provisorische Innerei war einem schier endlosen Loch gewichen, in dem ganze Mahlzeiten Platz finden konnten, und mir wurde klar, daß ich meine Zahnärztin besuchen und meine Schuld eingestehen mußte.

Die Zahnärztin war lieb, nicht wirklich erfreut, aber lieb, erstzte das Loch durch ein neues Provisorium, das alsbald weiterbehandelt werden mußte. Ihre Worte waren nicht von Dringlichkeit, und die Schwestern akzeptierten, daß ich wegen meines vergessenen Kalenders mir noch keinen neuen Behandlungstermin geben lassen konnte. Die alte Angst rieb sich hämisch die Hände: Ach, einen neuen Termin kannst du dir immernoch holen. Vorerst ist ja alles gut.

Nach zwei Wochen, das erfuhr ich irgendwann, hätte das Provisorium spätestens weiterbehandelt werden müssen. Zwei Monate nach meinem letzten Termin jedoch bemerkte ich erstmals Mißstände im Mundbereich. Irgendetwas war dick, die Zahnwurzel war geschwollen. Ich brauchte einen neuen Termin.

Eine Woche später saß ich erneut auf dem Zahnarztstuhl. Erstmalig war die Zahnärztin unfreundlich, herablassend. Warum ich denn nicht rechtzeitig, was ich mir dabei gedacht, es sei meine eigene Schuld, Wurzelbehandlung steht in Frage, alles entzündet, geht so nicht, kann nichts machen, muß erst abklingen, vielleicht Zahn ziehen, Zahnersatz, teuer.

Was!? Zahnersatz? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch immer nich gewußt, was eine Wurzelbehandlung eigentlich war. Zwar hatte mir die Zahnärztin erklärt, daß der Backenzahn drei Wurzelbeinchen habe, die soundso aufgebaut seien undsoweiterundsofort, doch niemals war die Rede davon gewesen, daß Wurzelbehandlungen einen toten Zahn retten, stabilisieren und einem Zahnersatz, der bekanntlich Unmengen von Geld kostet, vorbeugen sollen. Niemals!

Ich war wütend. Sicherlich, das konnte ich nicht verhehlen, war es meine eigene Dummehit, meine Faulheit, meine Angst, die mich hierher gebracht hatte. Doch warum hatte ich nie etwas von den Konsequenzen erfahren? Warum hatte man mir verschwiegen, welche Folgen meine Dummheit haben könnte?

Die Schwellung klang nicht ab. Der Zahn war offengelassen worden, sammelte nach jeder Mahlzeit fleißig Vorräte, die zu beseitigen sich als außerordentlich schwierig erwies. Ich mochte meine Zahnärztin nicht mehr, fürchtete mich mehr als je zuvor vor dem nächsten Termin. Schließlich kam jetzt zu meiner normalen Furcht auch das schlechte Gewissen, das mich plagte.

Sie könne nichts machen, meinte die Zahnärztin eine Woche später und verschrieb mir ein Antibiotikum. Durch die Entzündung sei die Wurzel angegriffen worden, ein Zahnziehen sei unvermeidlich. Ich hatte mich bereits mit diesem Schicksal abgefunden und begann erstmals, Fragen zu stellen. Und endlich fand ich auch wieder die Zahnärztin, die mir anfangs, beim ersten Besuch, jede Furcht genommen hatte.

Beruhigend, fast mütterlich, klärte sie mich auf, was geschehen würde, welche Alternativen ich hatte. Keine Zahnwurzelbehandlung mehr, Antibiotika zur Reduzierung der Entzündung, mit entzündetem Zahn sei gar nichts machbar, eine Woche lang Tabletten schlucken, dann Zahn ziehen, kein Zahnersatz, der Weisheitszahn würde aushelfen.

Der Weisheitszahn? Jener Weisheitszahn, den zu ziehen ich verweigert hatte, indem ich die Überweisung zum Kieferchirurgen sinnlsoerweise mit mir herumschleppte, aber nicht wahrnahm? Dieses Zeichen meiner Furcht, meiner Faulheit, sollte mir nun helfen? Ich wunderte mich, schöpfte Hoffnung. Der Weisheitszahn, meinte die Ärztin, würde ein wenig nachrücken. Ein teurer Zahnersatz war daher voerst nicht nötig. Und Wurzelbehandlungen seien sowieso immer voller Risiko; die Wurzel könne ja jederzeit Probleme bereitn, vor allem bei einem Zahn mit drei Wurzelbeinchen…

Nun also hieß es: Zahn ziehen. Mich graute davor, doch das Gros der Furcht hatte ich beim letzten Mal im Wartezimmer vergessen. Eine Woche lang schluckte ich Antibiotika, bis der Termin heranrückte. Ich saß im Behandlungsstuhl und wartete auf die Spritze. Es schmerzte kurz, doch nicht unerträglich. Schlimmer war die Radiodudelmusik, die im Hintergrund lief.

Mir wurde die Brille abgenommen, während ich wartete, daß die Betäubung wirkte. Eine kleine Stichprobe [pun intended], und es konnte losgehen. Die Zahnärztin, wieder die freundliche, zerrte kräftig.
‚Zahnärzte sind destruktiv‘, dachte ich noch und grinste in mich hinein, ‚können nur kaputtmachen.‘
Ich hielt mich am Behandlungsstuhl fest, beziehungsweise wollte mich festhalten. Doch mit jeder Bewegung meiner Hände berührte ich den Oberschenkel der Zahnärztin oder ihrer Helferin. Sie ließen es sich nicht anmerken; doch mein inneres Grinsen wuchs, als meine Händw an weißem Stoff vorbeiglitten und sich am Stuhlleder festkrallten.

‚Kein Wunder, daß ich Angst vor Zahnärzten habe.‘, dachte ich. ‚Als männliches Wesen muß ich über mich ergehen lassen, wie zwei oder drei Frauen gleichzeitig mit Metall- und Plastikwerkzeugen in meinem Mund herumstochern, an meinen Zähnen werkeln, die ich nie für die attraktivste Seite meiner selbst heilt, ja zumeist, selbst im Lächeln, zu verbergen suche.

Unterwürfig liege ich hier, zur Bewegungslosigkeit verdammt, meiner männlichen Würde nahezu beraubt, völlig ausgeliefert der Willkür dieser Frauen. Und wenn ich meine Hände bewege, ihre Schenkel berühre, droht mir womöglich noch eine Klage wegen sexueller Belästigung.‘

Das dudelnde Radio vermochte nicht, mich vom Gezerre an meinem toten Zahn abzulenken, doch meine Gedanken konnten es. Wäre mein Mund nicht voller Hände und Gerätschaften gewesen, hätte mein Grinsen die Dimensionen des Möglichen gesprengt.

„Es ist gleich vorbei.“, tröstete mich die Schwester, und ich war froh, von weiblichen Wesen behandelt zu werden, die brutal zu bohrten oder an Zähnen zogen, und zugleich Beruhigend-müttleriches von sich gaben, ja ihrer Sorge um mein Wohlergehen deutlich Ausdruck verliehen.

„Das wars.“, sagte die Zahnärztin plötzlich und zog den blutigen zahn aus meinem Mund. Irgendwo anders verweilte meine Brille, und ich erkannte nichts.

„Machen Sie langsam. Gehen Sie nach Hause. Legen Sie sich dort eine Weile hin. Sie haben es überstanden…“
Der tröstende Singsang wogte mich in Zufriedenheit und obwohl der fehlende Zahneinen schmerzenden letzten Gruß hinterlassen hatte, und obwohl ich gerade vom Zahnarzt kam, einem ort, dem ich normalerweise tiefste Abscheu, größte Furcht, entgegenbrachte – war ich guter Dinge, eins mit der Welt und dem Loch in meinem Mund.

FFFfF: Heute

Theoretisch könnte ich heute das gleiche schreiben wie letzten Donnerstag. Schließlich darf ich nachher mal wieder zum Zahnarzt, und diesmal wird es wohl ernst. Nun ja, zumindest fehlt mir ehute ein Teil der Angst von letzter Woche.
Vorsichtshalber habe ich trotzdem schon einmal vorher den heutigen Comic gezeichnet – man weiß ja nie, ob ich anschließend noch zu derartigem fähig sein werde.

Mal schaun.


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[Im Hintergrund: Muse – „Hullaboloo“]

FFFfF: Neuschnee

Der gestrige Comic war bereits vorgestern fertig. Eigentlich hätte mich das dazu bewegen können, fortan derart weiterzumachen, also den heutigen Comic schon amVortag zu zeichnen und mir so eine Art Puffer zu verschaffen, der möglicherweise mit der Zeit sogar auf mehrere Tage anwächst.
Doch wie ich nun einmal bin nutzte ich den entstandenen Freirauzm dazu aus, einen Tag lang keinen Fineliner, keinen Bleistift in die Hand zu nehmen und Fred Fred sein zu lassen. Nicht, daß ich eine Pause nötig hatte. Aber die mir innewohnende Faulheit freut sich bei jeder noch-so-kleinen Gelegenheit, sich präsentieren zu dürfen

Nun ja.


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[Im Hintergrund: Smashing Pumpkins – „Greatest Hits – Rotten Apples“]

atemlos

im taschengrab längst leergefroren
die hand hält nur mein zittern fest
doch streckte ich sie – unbesonnen
dir entgegen, mir entfliehend
so küßte nur des winters wind
mir kälte auf die haut.

im geistesgrab längst sinnertrunken
mein mund sucht schweigend worte
und schrieb ich sie – mit letztem mut
in luft’gen atem zwischen uns
so sähest du mit blindem blick
nur bläßlich weißen hauch.

[Im Hintergrund: Tool – „Opiate“]

Hieße und wäre

Nachdem ich es heute wiederfand, kann ich nicht umhin, jenem Werk, das sicherlich vielen bekannt ist, mich aber trotzdem immer wieder ergötzt, zu huldigen:

Thomas Gsella
Hieße und wäre

Hieße der hessische
Ministerpräsident
Koch mit Vornamen
statt Roland nur ein
wenig anders, nämlich
Folad –
und mit Nachnamen
statt Koch auch ein
wenig anders, nämlich
Lihrte –
im ganzen also
Folad Lihrte,
wäre es ein
Anagramm von
Adolf Hitler.
Aber
so…

[Im Hintergrund: Rachmaninov]

Mehr Sex

„Kreative Menschen haben mehr Sex als andere.“
„So?“
„Ja.“
„Du zweifelst also an meiner Kreativität…?“

[Im Hintergrund: Nocte Obducta – „Galgendämmerung – Von Nebel, Blut und Totgeburten“]

FFFfF: Verschlafen

Ich hatte es versprochen, und hier ist er, der neue Comic, beinhaltend den kleinen Käfer. Im übrigen ist dies bereits der 140. „Fledermaus Fürst Frederick fon Flatter“-Comic!

Tolle Sache und so.


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[Im Hintergrund: Evereve – „E-Mania“]