Es gewittert.

Es gewittert.

Ich weiß nicht, ob es gestattet ist, dieses Verb in Benutzung zu ziehen, doch weiß, daß es mir gefällt – sowohl das Verb als auch dessen Inhalt. Ich liebe es, wenn der grummelnde Donner durch die Wolken rollt, grelle Blitze vor sich her treibt, wenn der Himmel zerreißt, für Sekundenbruchteile von weißen Fäden beleuchtet wird, wenn Menschen die Straßen verlassen, fliehend Schutz suchen, als gälte es, unbezwingbaren Urgewalten zu entkommen. Ich liebe es, allein auf dem Asphalt zu stehen, auf vereinsamten Plätzen darauf zu warten, daß der Regen fällt, daß die schweren Wolken sich entladen, sich befreien.

Menschenmünder, die eben noch über die schwüle Hitze schimpften, die angewidert ihre eigenen Schweißgerinnsel abwischten, verstummen für einen Augenblick, zucken zusammen, als unmittelbar auf den Blitz ein überwältigendes Donnern folgt. Regen klatscht machtvoll an die geschlossenen Fenster, und die Münder öffnen sich wieder: „Scheiß Regen! Ich hasse Gewitter!“

Ich gehe raus. Der Altkleidersack wartet seit mehreren Tagen darauf, heruntergebracht zu werden. Nun ist der richtige Zeitpunkt gekommen: Es gewittert.

Mich stört es nicht, naß zu werden. Ich freue mich darüber, freue mich, mit durchweichten Klamotten im Regen zu stehen und nicht nässer werden zu können. Über mir grummelt es noch immer.

„Auf dem Weg zum Müllcontainer vom Blitz getroffen!“
Die Schlagzeile des morgigen Tages. Zack! Ein Blitz erwischte mich direkt vor dem Altkleidercontainer. 50 Meter Fußweg – und auf ihnen lauerte der Tod.
Der Gedanke amüsiert mich.

„Er wollte nur seine alten Klamotten entsorgen und das Gewitter erleben.“, würde es heißen, „Er liebte Gewitter, hatte seinen Mitbewohnern begeistert davon vorgeschwärmt. Gerade wollte er den Müllsack in den Container werfen, als der tödliche Blitz auf ihn herabzuckte. Er hatte keine Chance. Sein Herz setzte innerhalb von Sekundenbruchteilen aus. Als der Rettungswagen eintraf, schwelte der Altkleidersack in seiner Hand noch immer vor sich hin …“