„And I Hope Forever…“

„Fade away into dust again
And I will see what I want

I sing my sad songs
And I hope forever

Denounce the spears thrown by mourners
Cherish the fears and wait for death

I sing my sad songs
And I hope forever“

[JJ72 – „Bumble Bee“]

staub

dein name schwelt wie welkes laub
der tränenqualm erinnert mich
treibt ferngedanken aus dem mund
der hustenreiz speit keinen klang

mit ruß bedeckt mein lichterdrang
gibt stillstes dreiwortschweigen kund
in kalter asche such ich dich
durch meine hände rinnt nur staub.

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knotenpunkt

verhungert auf dem weg zur suche
getrieben von der süßen kraft allen anfangs
gefangen in wilder sehnsucht nach mir selbst
verdurstet am knotenpunkt der möglichkeiten.

tausendfach spaltend die einheit ersucht
auf tausend wegen kein ende wünschend
die eigene haut auf tausend erden ausgebreitet
in tausend winden rieselt meine asche.

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Das Jacket

Ich hatte es eilig. Na gut, eigentlich bestand kein Grund zur Eile, jederlei Hektik war überflüssig, lief mir doch kein Termin, keine Zeit, davon. Trotzdem hastete ich die Straße entlang. Seit mehreren Stunden war ich unterwegs und gehte einzig und allein den Wunsch, endlich anzukommen, endlich sitzen und ruhen zu können.

Ich rannte fast, meine Füße stolperten übereinander, ich hielt inne, hastete weiter, Irgendwo mußte das Auto doch stehen; irgendwo mußte mein Bruder es doch geparkt haben. Ich sah mich un, suchte, lief weiter, überstürzt, ungeduldigt, entnervt. Menschen kamen mir entgegen, musterten mich teilnahmslos, verschwanden aus meinem Sichtfeld.

Gerade, als ich aufgeben, umdrehen wollte, gerade, als ich in Begriff war, das Telefon zu zücken und meinen Bruder mit meinem Ärger zu überschütten, sah ich es, erkannte ich das Auto in der Ferne. Endlich! Ich jubelte innerlich, meine Hand fand die Autoschlüssel, hielt sie krampfhaft fest.

Doch halt! Irgend etwas stimmte nicht, etwas war falsch. Nur was? Mein Jacket! Wo war mein Jacket?

In Anbetracht der Temperaturen hatte ich es unter den rechten Träger meines Rucksacks geklemmt. Doch dort war es nicht mehr. Panisch drehte ich mich um, blickte zurück, entdeckte es sofort: ein schwarzes Kleiderknäuel auf grauem Asphalt, vielleicht zweihundert, dreihundert Meter von mir entfernt.

Nun rannte ich tatsächlich, spurtete zum Jacket, hib es auf, klopte den Straßenstaub ab. Ich hatte es wieder, sah auf.

Um mich herum gingen Menschen, nicht übermäßig viele, doch genug, um der Straße ein belebtes Äußeres zu verpassen. Doch niemand hatte etwas gesagt, niemand hatte auch nur ein Wort in meine Richtung verloren. Einige von ihnen mußten doch gesehen haben, wie ich mein Jacket verlor, doch nichtsahnend weiterlief. Jemand mußte es gesehen haben, desen war ich mir sicher.

Doch niemand hatte mich darauf hingewiesen. Ich hätte gerufen, hätte nachgefragt, wäre wahrscheinlich hinter dem Verlierenden hinterhergerannt, um ihm sein Eigentum zurückzubringen.

Ich blickte auf, sah mich um, sah in abwesende Gesichter. ‚Sind denn alle blind?‘, fragte ich mich und ging langsam zum Auto.

Menschen 16

Die blinde Frau mir gegenüber schließt die Augen. Plötzlich sieht sie normal aus, nicht länger fern dieser Welt.

Ihre Ohren sind bedeckt von altmodischen Kopfhörern. Verwundert betrachte ich sie, ist doch nun nicht nur durch ihr fehlendes Augenlicht, sondenr auch durch die betäubten Hörsinne von der Wirklichkeit abgetrennt, weilt sie doch nun vollends irgendwo in der Unerreichbarkeit – und wirkt sie doch nun näher, greifbarer als noch zuvor.

Rassenpräferenz

Als ich das Abteil betrete, fällt mir ein riesiger weißer Hund ins Auge. Er hat es sich auf dem Boden bequem gemacht, zusammengerollt, den Kopf auf Vorderpfoten gebettet. An seiner Leine ist ein Aufnäher befestigt: „Blindenhund“.

Erst jetzt bemerke ich seine Besitzerin, eine blonde Frau, vielleicht 30, von angenehmer Schönheit. Ihre Augen sehen in die Ferne, ins Nichts, ihre Blicke sind nicht zu greifen. Ich bin fasziniert. Als ich mich niedersetze, reagiert sie nicht. ‚Sie hört mich.‘, denke ich, doch ihre Blicke bleiben fern.

Neben mir sitzt sich ein älteres Ehepaar gegenüber, unterhält sich angeregt. Zur linken des Mannes steht ein Korb, mit einer Decke gefüllt. Erst beim zweiten Hinsehen entdecke ich den Hund im Inneren des Korbes, ein putziges, winziges Wesen mit übergroßen Ohren, das zum Streicheln und Liebhaben einlädt.

Mit Erstaunen vergleiche ich die beiden Hunde, die mit mir das Abteil teilen, sind sie doch der gleichen Tierart zugehörig und trotzdem enorm verschieden:
Das kleine, unscheinbare, knuddlige Fellknäuel, das für Streicheleinheiten auserkoren zu sein scheint, und den majestätischen, riesigen, weißen Blindenhund, dessen Existenz einer wahlich gewaltigen Aufgabe gewidmet.

Ohne Verwunderung stelle ich fest, wie eindeutig meine Sympathien verteilt sind, wieviel Respekt ich dem größeren Tier bereits zolle.

Unten

Ich kann mich nicht mehr genau daran entsinnen, wann ich zum ersten Mal beschloß, nicht die obere Etage des Zuges zu bentuzen, sondern in diesem S-Bahn-artigen Gefährt im Erdgeschoß zu verweilen. Ich kann mich auch nicht mehr genau der Gründe entsinnen, die mich zu dieser Entscheidung bewogen, doch vermute, daß es etwas mit der Behaglichkeit der kleineren Abteile zu tun hatte, mit der vermeintlichen Ungestörtheit, die man „unten“ erfahren konnte.

Und so begebe ich mich, sobald mein Zug am Bahnsteig eingefahren ist, stets an dessen Ende, an die letzte oder vorletzte Tür, betätige den Öffner und steige ein. Hier bringen Radfahrer ihre Räder unter, nehmen auf klappbaren Sitzen Platz.
Ich gehe weiter. Nirgendwo ein Raucherabteil in Sicht, dessen unappetitliche Ausdünstungen meine Atemluft bevölkern könnten.

Ich lächle stumme, öffne die Tür zu dem kleinen Abteil. Es ist bereits gefüllt. Die beiden Viererplätze, von denen ich mir normalerweise einen sichern kann, sind belegt. Doch auf den restlichen vier Doppelsitzen hat sich noch niemand niedergelassen – ich habe die freie Auswahl.

Ein kurzer Gedanke an die Fahrtrichtung, und auch ich habe meinen Sitzplatz gefunden, ziehe das Jacket aus, friemle das Musikabspielgerät aus der Tasche und stöpsle mir die kopfhörer ein. Kaum habe ich mich gesetzt, erklingt hinter der Musik in meinen Ohren eine unverständliche Durchsage, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Draußen regnet es.

In Gedanken versunken zücke ich meinen Notizblock und versinke in wohlige Behaglichkeit.

Gute Nacht?

Eine der Eigenschaften, derer ich mich stets ein wenig rühmte [obgleich ich sonst nicht zu Selbstbeweihräucherung zu neigen glaube] ist, daß es mir gelingt, jederzeit, bei jeder Beleuchtung, einzuschlafen – vorausgesetzt, die Umgebung unterbietet eine bestimmte Maximallautstärke [oder überbeitet einen Mindestlärmlevel].

Nacht um vier aufzuwachen und mit Entsetzen zu begreifen, daß es ein Einschlafen vorerst nicht möglich zu sein scheint, verwirrt, erschreckt, mich. Mit krampfhaft geschlossenen Augen werfe ich mich auf meinem Laken umher, vergeblich versuchend, eine geeignete Schlafposition zu finden. Doch das Bett, so man gewillt ist, dieses als eines zu bezeichnen, strotzt vor Unbequemlichkeit. Jedes meiner Kissen stellt einen unangenehmen Überfluß dar, die Bettdecke ein schlafzermürbendes Hindernis. Ich entledige mich der Störenfriede, doch vermag auch so – fröstelnd, ohne weiche Kopfunterlage – nicht in das Reich der Träume zurückzukehren.

Unmutig erhebe ich mich. Lesen? Jetzt nicht. Vielleicht sollte ich aufstehen, sollte ich mich mit Fleiß und Willen ans längst überfällige Werk begeben, vorantreiben, was längst zurückliegt. Träge schüttle ich mit dem Kopf. Kaum bin ich fähig, die Augen offenzuhalten. Meine Konzentrationsfähigkeit liegt unter Null, und der Gedanke, im Laufe des eigentlichen Tages vor Müdigkeit zu keinerlei Tätigkeit fähig zu sein, mißfällt mir.

Ich schalte den Rechner an. Bin ich süchtig?, frage ich mich, durchstöbere da Netz nach neueren Informationen. Wenig befriedigt ziehe ich mich wieder zurück. Was mache ich hier?

Ich bin müde, will eigentlich nur schlafen. Nicht mehr. Nicht weniger. Will nachher erwachen und das Gefühl haben, erholt, entspannt, zu sein, den Tag mit ausreichendem Elan beginnen zu können. Vielleicht lese ich noch ein paar Zeilen.

Doch meine Augen sprechen eine andere Sprache, wollen sich nur schließen, nichts sehen, erkennen. Ich gebe nach, schalte den Rechner aus und schleppe mich ins Bett.

Ein weiterer Versuch kann nicht schaden, denke ich und hoffe verzweifelt, daß der Schlaf mich nun in seine Arme schließen wird.

Gute Nacht.

Kopfurlaub

Ich bin im Urlaub. Zumindest ein Teil von mir, jener, der wahrlich eines Urlaubes bedarf, jener, für den ein urlaub die größte Bedeutung hat: mein Geist.

Wenn ich die Augen schließe, bin ich dort, spüre die Gelassenheit in mir, die Zeitlosigkeit, spüre, wie die Sonne mich auf meinem Leib ausstreckt, wie ich mich in ihre Wärme kuschle. Ich spüre den seichten Wind über salzigen Wellen, den Sand zwischen meinen Zehen. Und ich spüre Ruhe, spüre, daß dies alles ist, was ich benötige: Ruhe, innere Ruhe.

Und ich erinnere mich, entsinne mich jedes Details, nahezu jeden Augenblicks.

Es ist leicht, sich zu erinnern, vollendete ich doch soeben die Abschrift des Urlaubsberichtes: 26.000 Wörter verzaubernder, Vergangenheit, eine detailgetreue Schilderung des Gewesenen.

Der Urlaub war nichts Besonderes, nichts Welbewegendes, gewesen, nichts, was nicht überboten werden könnte. Und doch ist er in diesen Minuten das einzige, was zählt, allgegenwärtig in mir, schillernd und greifbar nah.

Draußen regnet es. Doch ich lächle, erinnere mich vergessener Kleinigkeiten, labe mich an den Bildern in meinem Kopf.

Ich bin im Urlaub. Denn tatsächlich fühlt es sich so an, fühlen sich die vielen Worte, die erquickenden Bilder an, als hätte ich mich entspannt, als hätte ich Zeit gehabt, mich gehen zu lassen, für ein paar Tage alles scheinbar Bedeutsame zu vergessen, zurückzulassen.

Als ich die Augen öffne, scheint noch immer die Sonne. In mir.