Schuldig

Gestern telefonierte ich mit C. Sie wollte mich zu einer Party einladen, zu der sie selbst nicht zu gehen wünschte – aber mußte. Ihr Bruder sei dort, und ihr Freund. Und natürlich eine Ansammlung mir nicht sympathischer Menschen.
Müde, träge und wenig homophil lehnte ich dankend ab, wollte schon auflegen, als ich bemerkte, daß das Gespräch noch nicht zu Ende war, daß C noch etwas auf dem Herzen hatte.

Ihr Freund schenkte ihr nicht genügend Beachtung, rannte ohne Perspektiven durch die Welt, antriebslos, lebte nur für Partys, auf denen er aufblühte und sein Trübsals-Ich in ein verrückt-sympathisches Scheinbild verwandelte. Auf Partys lästerte er mit Freunden, mit Kumpels, über Frauen, auch über seine eigene Freundin, machte anderen weiblichen Wesen Komplimente. C fühlte sich vernachlässigt, brachte das zuweilen zur Sprache und erntete nur ein standardisiertes „Ich werde mich ändern.“

Ich lachte traurig, als C mir das erzählte, glaubte ihn nicht zu derartigen Veränderungen bereit. Können sich Menschen ändern? Vermutlich. Aber nicht so, nicht, wenn sie die Notwendigkeit nicht erfassen. Und das tat er nicht, traf Verabredungen, organsisierte Feierlichkeiten, ohne daran zu denken, daß seine Freundin C inmitten ihres Studiums steckte, nicht immer Zeit für derlei hatte, möglicherweise auch mal mit ihm allein zu sein wünschte. Sein Mittelpunkt war er, waren seine Freunde, seine gute Laune, die er nur auf Partys fand. Vor C zeigte er nur seine Schwächen, seine Unsicherheit.
C wollte nicht zu der Party, aber mußte, war verpflichtet, hatte mich eingeladen, um sich nicht zurückgelassen zu fühlen.

Wir redeten lange. Weswegen sie mit ihm zusammen sei, fragte ich. Wegen seiner Verrücktheit, antwortete sie zögernd. Mehr fiel ihr nicht ein.
Heute morgen klingelte das Telefon, riß mich aus dem Schlaf. Es sei aus, teilte mir C mit. Ich schüttelte die Müdigkeit von mir ab. Was?, fragte ich, noch immer benommen.

Sie war gestern Abend zu der Party gefahren, wollte kurz mit ihrem Freund reden, der schon den ganzen Nachmittag fort verbracht, den sie den gesamten Tag nicht gesehen hatte. Du fühlst dich vernachlässigt?, fragte er, lauernd. C nickte nur. Ihr Freund sprang auf, rannte aus dem Zimmer, schmiß die Tür hinter sich zu.

Das wars, meinte C zu mir am Telefon. Er selbst habe es beendet, habe einen Schlußstrich die bröckelnde Beziehung gezogen. Sie fühle sich besser jetzt, behauptete sie und legte auf.

Noch immer im Bett liegend dachte ich nach, fühlte mich schuldig. Hatte ich nicht wegweisende Worte gegeben, die ein Ende erwirken mußten? Hatte ich ihr nicht sogar einzureden versucht, daß sie sich so nicht behandeln zu lassen brauchte?

Aber er hatte ja Schluß gemacht, versuchte ich mich zu besänftigen. Die Beziehung war sowieso kaputt. Vielleicht war es ganz gut so. Vielleicht war es wirklich das Beste, redete ich mir zu.

Doch innerlich zweifelte ich.

Schmarotzer

Ich besitze keinen Fernseher.

Das ist weder sonderlich lobenswert noch übermäßig ungewöhnlich. Sicherlich, in Deutschland stößt man zuweilen auf ungläubige Blicke, berichtet man stolz von seinem Nicht-Besitz. Relativiert man jedoch seine Ansicht auf die Weltbevölkerung, wird schnell klar, daß das Kein-Fernseher-Außenseiter-Image, das man womöglich für „alternativ“ oder gar kreativ hält, verblaßt, sobald man zur großen Masse gehört.

Erstaunlich an meinem Nichtbesitz ist jedoch die – für meine Verhältnisse – beachtliche DVD-Sammlung, die ich – zugegebenermaßen mit Ausnahmen – gern zu zeigen oder auszuleihen bereit bin. Leider fällt es mir ohne TV-Gerät unglaublich schwer, die von mir erworbenen Filme anzusehen, verfügt doch mein Rechner über keinerlei DVD-kompatibles Abspielgerät.

Dabei besitze ich einen DVD-Player, ein einstmals preiswertes Stand-Alone-Gerät, das sein degradiertes Dasein als CD-Player fristen muß. Ich glaube, ihm mißfällt diese abwertende Behandlung, neigt es doch zuweilen dazu, meine geliebten CDs nur widerwillig abzuspielen, böswillig zu knurren oder gar noch gefährlichere Geräusche von sich zu geben. Dann schalte ich ihn schnell aus und entschuldige mich.

Möchte ich eine meiner neun DVDs ansehen, habe ich mich bettelnd durch meine WG zu kämpfen, an jede Tür zu klopfen, ob einer meiner vier Mitbewohnerinnen bzw Mitbewohner so freundlich wäre, ihren bzw seinen teuren Fernseher an mich zu verleihen. Mit unwilligen Blicken bestück schleppe ich dann dankbar das schwere Gerät in mein Zimmer, positioniere es auf einem Stuhl neben dem sicherlich freudig erregten DVD-Player und fletze mich in meinen Sessel.

Ich will nicht fernsehen. Könnte gar nicht, wenn ich wollte. In mein Zimmer führt kein Fernsehkabel, muß es auch nicht. Fernsehen lenkt viel zu sehr ab, raubt mir Antrieb und Willen.

So lümmle ich mich zufrieden in meinen Sessel und schaue mir eine meiner DVDs an, vielleicht die neue, „Herr Lehmann“, vielleicht eine der alten, die ich schon unzählige Male sah. Später muß ich den Fernseher wieder zurückbringen, wieder mühsam mit allen nötigen Kabeln und Steckern verbinden, den Ausgangszustand wieder herstellen, um jeglichen Ärger zu vermeiden.
Kommentare bleiben jedoch nicht aus:

„Willste dir nicht endlich mal nen eigenen Fernseher kaufen?“
„Aber ich will ja gar nicht fernsehen.“, meine ich.
„Jaja, ich weiß.“
„Ein Fernseher lohnt sich für mich nicht.“
Mein Mitbewohner versucht zu erklären:
„Aber dann brauchst du nicht jedesmal zu uns rennen, alles abmontieren, das Gerät rüberschleppen, dranbasteln und so.“
„Es lohnt sich nicht.“, wiederhole ich.
„Natürlich lohnt es sich. Für deine DVDs.“
„Das sind doch nur neun. Außerdem kenn ich die ja schon alle.“

Besänftigt schweigt mein Mitbewohner, sieht mir zu, wie ich versuche, das Scart-Kabel falsch zu montieren.
‚Ich sollte mir „Herr Lehmann“ nochmal ansehen.‘, denke ich unterdessen.
‚Morgen Abend vielleicht.‘

Ich liebe dich.

Es gibt Momente der Stille, in denen ich – von meiner Liebe erfüllt, ausgefüllt, überflutet – mich nicht länger zurückzuhalten vermag, in denen ich jene bedeutsamen drei Worte in die leere, frühlingswarme Luft posaune, lache, flüstere, in denen ich mich mittels weniger Laute aus den Fängen meiner Gedanken befreie.

Ich liebe dich, rufe ich, zuweilen lautlos, zuweilen voll inniger Inbrunst, verkünde ich der Welt, die sich verwundert umdreht und getuschelte Worte wechselt. Ich liebe dich, ich weiß es, weiß es tief, weiß es mit grenzenloser Sicherheit.

Mein Lächeln, getragen von der aus meinem Herzen entweichenden Sehnsucht, glimmt auf, malt ein kindliches Glitzern in meine Augen und scheint diesen Augenblick mit einem Gedanken zu befüllen, der alles bewegt, alles bedeutet.

Ich liebe dich.

In solchen Momenten bin ich zu Heldentaten bereit, harre der blutrünstigen Drachen, die es zu besiegen gilt, der finsteren Riesen, deren Lachen zu finden ist. Ich bin bereit zu fliegen, mich selbst zu verlieren und im Sonnenrot wiederzufinden, bin bereit zu leben, als gäbe es kein Morgen. In solchen Momenten erkenne ich die unfaßbare Schönheit, die den Dingen innewohnt, den namenlosen Glanz, den ich immer wieder ersuche. In solchen Momenten entdecke ich mich als denjenigen, der ich bin, als denjenigen, der mich träumt, als denjenigen, der leuchtenden Herzens lächelt, als denjenigen, der liebt.

Ich liebe dich.

Und es ist wahr, denn ich bin bewegt, gerührt, entfesselt, atme mit jedem Seufzer einen Schwall güldener Sterne aus meiner Brust.

Als der Moment verweht, stehe ich ratlos, haltlos in der Stille, den stumpfen Blicken der anderen ausgesetzt, höre noch leise im Herzen meine eigenen Worte verschallen – und frage mich traurig, wer du bist.

Rot

Des Frühlings Farbe ist Rot.
Nein, ich versuche nicht, einen Farbwandel des bekannten blauen Bands des Frühlings zu erwirken, sondern rede einzig und allein von meinen Augen. Diese, mit wunderschöner blaugrauer Regenbogenhaut versehen, nahmen in den letzten Tagen eine ungesund rote Färbung an. Es ist Frühling, denke ich, wenn ich in den Spiegel blicke, wenn ich den unangenehmen Juckreiz in den Augen verspüre. Es ist Frühling, denke ich, wenn ich mich vom Sonnenschein geblendet mit netten Freunden oder weniger netten Lernutensilien auf bläulichen blühenden Wiesen niederlasse und hin und wieder herzhaft zu niesen beginne. Es ist Frühling. Mein Indikatorheuschnupfen weiß es genau. Ängstlich harre ich des Tages, da ein nerviges und unauslöschbares Kribbeln zwischen Gehörgang und Mundhöhle einsetzen wird, das kein Kratzen, kein Schnalzen, kein Ignorieren zu vertreiben vermag.
‚Noch ist es nicht soweit.‘. denke ich vergnügt und reibe mir mit schmutzigen Fingern die juckenden Augen.

Der morgendliche Wurm im Ohr 19

Ich liebe es aufzuwachen. Zumindest manchmal.

Schon häufig kam mir der Gedanke, wie toll es sein muß, sich einfach mal den Wecker zwei Stunden zu früh zu stellen, mitten in der Nacht aus den schönsten Träumen gerissen zu werden, verärgert die ersten Laute des Tages zu murmeln [„Och nö…“], mit verklebten Augen einen Blick auf das vermaledeite Klingelding zu werfen – und dann erfreut festzustellen, daß man noch zwei Stunden Schlaf übrig hat, sich fröhlich grinsend wieder in die Kissen zu kuscheln und erneut ins Traumland zu entschwinden.

Denn das Schönste am Aufwachen ist eindeutig das Weiterschlafen.
Ähnlich agierte ich heute morgen. 8 Uhr klingelte der Wecker. Zeitiger durfte er nicht, denn da ich es auf diversen Gründne niemals schaffe, vor Mitternacht zu Bett zu gehen, verblieben mir so immerhin acht Stunden wahrlich nötigen Schönheitsschlafs.

Der Wecker klingelte, pentetrant, nervig, viel zu laut. Ich stellte ihn ab, drehte mich um. Nur noch ein paar Minuten. Nichts drängte, kein Termin, zumindest kein echter. Es gab genug Arbeit, die auf mich wartete, doch all das konnte ich vorerst vergessen, ignorieren und mich mit geschlossenen Augen der Tatsache erfreuen, daß mein Bett vor allem in den Morgenstunden unglaublich bequem ist.

Der Nachteil am Weiterschlafen ist das Aufwachen. Besser: Das Aufstehen-Müssen. Kein zweiter Wecker erinnerte mich daran, daß ich schon wieder eingeschlafen war, daß ich im Begriff war, den Vormittag unnütz verstreichen zu lassen.

Halb zehn öffnete ich die Augen, war plötzlich wach – und kreativ. Ideen für meine Studienarbeit schossen durch meinen Kopf, wollten niedergeschrieben werden. Neuer Tag, ich komme!

Irgendwo in den Tiefen meines Geistes erklang Edguy mit „Tears Of A Mandrake“, und ich wippte den Kopf ein wenig im Takt, bis ich mich endgültig erhob und unter der Dusche verschwand.

Guten Morgen, Welt.

Braune Blätter

Mein Vermieter ist ein geiziges, arrogantes Arschloch.
Glücklicherweise verstehe ich mich mit ihm recht gut, nenne ihm beim Vornamen und benutze das vertrauliche „du“. Ich glaube, darauf besteht er, will er doch jung und dynamisch wirken.

Tortzdem ist er geizig. Seitdem ich hier wohne, wird das Haus saniert. Zwei Bauarbeiter schuften Tag für Tag an einem fünfstöckigen Gebäude, daß drei offizielle und zwei inoffzielle Eingänge [Rechtsanwaltkanzlei, Brasserie] besitzt und zudem noch um einen Innenhof angeordnet ist. Zwar kann man ihnen nicht absprechen, allmählich voranzukommen, doch sind vier Hände bei einem Altbau dieser Größe zu keinen blitzschnellen Überleistungen imstande. Glücklicherweise machen zwei Leute auch wesentlich weniger Baulärm als zehn.

Warum nur zwei?, fragte ich einst. Ist billiger, vernahm ich. Toll.
Seine langjährige Freundin will er auch nicht heiraten. Nicht, weil er sie nicht mögen würde, sondern einzig und allein weil er dazu einen detaillierten Ehevertrag aufsetzen müßte – und ihr trotzdem unterstellte, sie liefe nach der Hochzeit einfach mit allem Hab und Gut davon.
Mittagessen gibt es zumeist in der Uni-Mensa. Schließlich ist er selbst noch irgendwo eingeschriebener Student. Und Mutti, der das Gebäude eigentlich gehört, kommt gleich mit. Zu Studentenpreisen natürlich.

Irgendwann soltle der Innenhof verschönert werden. Ein albernes Unterfangen, findet man doch dort ein wildes Chaos aus überquellenden Mülltonnen, wirr angeordneten Fahrrädern und Unmengen von Bauschutt. Doch ein paar Pflänzchen sollen ja Wunder bewirken können – vermutlich auch winzige Nadelbäumchen, die man normalerweise auf Friedhöfen pflanzt: Koniferen. Sechs Stück leistete er sich, ließ sie vom Hausmeister eingraben.
Zwei Tage später waren sie fort. Ich wunderte mich ein wenig. Doch nicht sehr, hatte ich doch längst aufgehört, nach den Beweggründen für derartiges zu fragen. Vermutlich war ihre Pflege zu kostenintensiv. Wasser ist ja auch nicht mehr so billig wie früher…

Doch ich irrte mich. Die sechs Koniferen gab es noch. Nur standen sie jetzt vor Hauseingang 1, dort, wo der Vermieter selbst tagtäglich ein- und auszugehen pflegte. In einem Anflug von Größenwahn war ihm wohl die Idee gekommen, das Gebäude nach außen hin dekorativer zu gestalten. Auf dem Innenhof sah niemand die teuren Pflänzchen. Doch draußen…

Die sechs Koniferen säumten den Weg zum Eingang. Drei links. Drei rechts. Sie sahen erbärmlich aus. Inmitten einer kahlen graubraunen Fläche standen sie und überlegten, ob es besser wäre zu wachsen oder einzugehen. Ich glaube, sie haben sich bis heute nicht entschieden.

Der Vermieter jedoch hatte sich entschieden. Nämlich für die Verschönerung des Außenbereichs. Weitere Pflanzen mußten her. Das Beet durfte nicht länger als Parkplatz mißbraucht werden.
Und tatsächlich: Wenige Tage später schmückten auch unseren Eingang divere Pflänzchen. Sie waren grün, soviel sei zu sagen. Vermutlich ein preiswertes Sonderangebot immergrüner unverwüstlicher Superpflanzen, noch widerstandfähiger als jede Kunstblume.

Es waren nicht viele. Sechs oder sieben. Jede einzelne von ihnen bildete den Mittelpunkt eines Kreises mit drei Metern Durchmesser, in dessen Inneren außer der einen keine weitere Pflanze stehen durfte. Das Beet wirkte leerer als zuvor.
Doch wie um allen Mietern zu beweisen, was für ein feiner Kerl er gewesen war, in welche Kosten er sich gestürzt hatte, als er die Pflanzen erwarb, waren alle Schilder an den einzelnen grünen Büscheln verblieben. Jeder Interessent konnte also nicht nur erfahren, wie das dekorative Element zu betiteln war, sondern auch, wie man es zu pflegen hatte. Ich wette, selbst die Preisschilder [natürlich die originalen, vor der Preissenkung] klebten auch auch noch dran, zeugten vom Großmut des Vermieters.

Jeden Tag, wenn ich heimkehre, betrachte ich nun unser Beet, sehe auf die spärliche Anzahl an Pflanzen herab und stelle fest, daß ihnen jeder dekorativer Effekt, jede Schönheit verlorengeht, so traurig und einsam, wie sie auf dem kargen Boden herumvegetieren.

Doch eine gute Sache hat dieser halbherzige Verschönerungsversuch. Nun, da es wärmer wird und die Pflänzchen um Wasser betteln, das ihnen aufgrund des angestiegenen Kaltwasserpreises verwehrt wird, entbehrt es nicht einer gewissen fesselnden Spannung, täglich den Pflanzen beim allmählichen Sterben zuzusehen.

Eine hat es schon geschafft; der Rest ist auf bestem Weg.

Deutsch ist…

… als Fußgänger an einer roten Ampel zu warten, obgleich weit und breit weder ein Auto noch ein Kind [dem man ein schlechtes Vorbild sein könnte] zu sehen ist.
Das zumindest behauptet das übliche Klischee.

Gestern jedoch erlebte ich etwas, das in die gleiche staubige Schublade paßt und mir gewisse Verwunderung verschaffte:

Ich saß mit zwei Freundinnen im Kino. 15-Uhr-Vorstellungen haben die Angewohnheit, nicht unbedingt mit unüberschaubaren Scharen filmfreudigem Publikums vollgestopft zu sein. Kurz: Der Saal war verhältnismäßig leer, außer uns befanden sich in ihm vielleicht zehn, fünfzehn Leute, die meisten davon Kinder. Es hätten aber noch bestimmt zwehundert reingepaßt. Oder mehr.
Wir waren zu früh, lümmelten uns in den rotplüschigen Kinosesseln herum, futterten Popcorn und unterhielten uns unpassenderweise über riesengroße Männerpuller. Nebenbei beobachteten wir die Umgebung.

Die meisten Hereinkommenden agierten ähnlich wie wir, bemerkten den Kinosaal und dessen Leere und plazierten sich irgendwo, von wo sie glaubten, gut sehen zu können – ohne die riesengroßen Goldletter „LOGE“ auf den Lehnen überhaupt eines Blickes zu würdigen.

Dann jedoch trat eine Omi ein, ihr Enkelkind wie ein an der Leine geführtes Spielzeug hinter sich her ziehend, ja fast schleifend. Sie ging nach oben, und wieder hinab, holte ihre Eintrittskarte heraus, warf einen unsicheren Blick darauf [Brille vergessen?], wählte eine Reihe im Logenbereich aus, suchte die Sitzplatznumerierungen ab, entfernte sich wieder aus der Reihe, nahm die nächste.

So ging das eine Weile. Der kleine Junge ließ sich das Herumgezerre wortlos gefallen. Die Omi jedoch wollte sich partout nicht setzen, gab sich nicht zufrieden, schaute immer wieder auf die Sitzplatzbezeichnung ihrer Eintrittskarten, suchte, doch fand nicht.

„Setzen Sie sich doch einfach irgendwohin.“, sagte A freundlich.
Sie schaute auf, antworte nicht, suchte weiter, betrat irgendeine Reihe hinter uns.

Das Lichtg ging aus, und während die lästigen und kinderuntauglichen Werbespots auf der Leinwand herumflimmerten, fragte ich mich, ob die Omi und ihr Engkelkind denn mittlerweile säßen und wie normal es ist, in einem leeren Kinosaal eintrittskartenorientiert nach dem „richtigen“ Sitzplatz zu suchen.

Ist das typisch deutsch?, wunderte ich mich.

89

Der gestrige Vormittag gehörte der 89.

Besser: Dem Jahr 1989. Schließlich versuchte ständig das bereits 16 Jahre Zurückliegende mit schwacher Stimme seine Existenz in meinem Kopf zu behaupten, mit diversen Zeichen auf sich aufmerksam zu machen. Was war 1989? Ja, sicherlich, die Wende. Doch ich war acht und wenig am politischen Geschehen interessiert.

1989 war ich in der zweiten Klasse und wechselte in die dritte. Das war ein enormer Einschnitt in meinem Dasein, hatte ich mich doch dazu entschlossen, eine Russischschule zu besuchen, in der ab der dritten Klasse Russisch gelehrt werden würde. Tatsächlich waren derartige Russischschüler damals etwas Besonderes, und ich war stolz darauf, die Schule wechseln zu dürfen.
Naja, der Wechsel war nicht immens; schließlich befand sich die Russischschule N.K. Krupskaja direkt neben meiner alten. Trotzdem kam ich in eine neue Klasse, kannte nur ein einziges Mädchen und konnte dieses noch nicht einmal sonderlich leiden.

Wesentlich bedeutsamer aber ist vielleicht das Ereignis am letzten bzw vorletzten Schultag der zweiten Klasse. Denn am Nachmittag des vorletzten Schultages war es endlich soweit, auch wenn ich nicht sagen konnte, davon begeistert gewesen zu sein: Ich sollte eine Brille bekommen.
Das klingt wenig bedeutsam, war es aber. Zum einen, weil ich an jenem vorletzten Tag die Brille, ein nicht unbedingt außergewöhnlich hübsches Modell, erhielt und verpflichtet war, sie ständig zu tragen. Also auch am nächsten Tag. Also auch vor meinen Noch-Mitschülern.

Mich ärgerte das ein bißchen. Hätte ich nicht noch einen Tag warten können? Meine Mitschüler hätten mich dann nur ohne Brille gekannt und keine Gelegenheit erhalten, sich über mich lustig zu machen. Und meine neuen Mitschüler an der neuen Schule würden gar nicht wissen, daß ich vorher keine Brille trug.

Aber so sollte es nicht sein. Ich ging zur Schule, war auf das Schlimmste gefaßt. Doch das kam nicht. Ein paar nette Bemerkungen; das wars. Die Zeugnisse wurden verteilt, und ich war nicht länger Schüler dieser Schule, nicht länger Bestandteil dieser Klasse.

Bedeutsam war das Brillenereignis auch aus einem anderen Grund: Bis heute trage ich eine Brille; meine Augen haben sich stetig verschlechtert (auch wenn sie in den letzten Jahren einigerma0en konstant schlecht blieben). Meine erste Handbewegung nach dem Aufwachen geht zur Brille. Ohne sie wäre alles schwammig und verwaschen. Ohne sie wäre ich blind. Ohne sie könnte ich problemlos headbangen. Ohne sie sähe ich nicht halb so intelligent aus.
Das war 1989.

Gestern, am Vormittag des 13. April 2005, wurde ich daran erinnert.
Es fing harmlos an. Ich las. „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Ein schönes Werk. Spielt im Jahr 1989. Plötzlich lauschte ich der zufällig ausgewählten Musik genauer: Janus. „Neunundachtzig“. Ich wunderte mich. Und dann, als ich eine Überweisung tätigte, bestand die TAN aus einer Zahl, die gut und gerne ein Datum hätte sein können: 29.08.1989.

Was war an diesem Tag?, überlegte ich. Ich weiß es nicht, weiß es wirklich nicht.
Doch die Erinnerung an das Jahr, in dem ich meine Brille bekam, ließ mich nicht los.

Vielleicht sollte ich mal wieder zum Augenarzt gehen, dachte ich.

„Hi!“

G hat, wie viele Deutsche heutzutage, einen Computer, nicht sonderlich alt, aber auch nicht sonderlich neu. Da Windows ein Betriebssystem ist, das mit allerhand Kokolores ausgestattet ist, nahm ich mir einst die Frechheit heraus, mittels des an den Rechner angeschlossenen Mikrophons neben Gitarrenklängen und Gesangversuchen ein lächerliches „Hallo.“ aufzunehmen, das klang, als würde ein kastrierter Zehnjähriger mit hoher Stimme sehr schnell und vor allem undeutlich irgendeine beliebige Begrüßungsformel murmeln. Man erkannte mich nicht, glaube ich. Um G zu ärgern erfreuen, initiierte ich in einem Moment seiner körperlichen Abwesenheit, daß eben jenes „Hallo.“-Geräusch die zukünftige akustische Startsequenz seines Rechners werden sollte. Als Herunterfahrklang wählte ich ein „Chrrrrrrr“ [mit gerolltem R] aus, das zwar aus Gs Mund stammte, aber klang, als hätte es der Sänger/Grunzer/Schreihals Dani Filth von der Musikgruppe Cradle of Filth ausgestoßen. Wahrlich genial. Und so erfreute ich mich jedesmal, wenn der Rechner hoch- oder runterfuhr, der genannten Geräuschkulisse.
Neulich gestand mir G, daß sein Kumpel das Runterfahrgeräusch verändert habe. Nun ertönt ein „(Gähn), müüüde.“. Kein Ersatz für ein ordentliches „Chrrrrrrr“, dachte ich und erkundigte mich besorgt nach meinem geliebten „Hallo.“. Das existiere noch, versicherte mir G. Ich war besänftigt, mußte sogar lachen, als mir G gestand, er würde jedesmal, wenn er das „Hallo.“ hörte, also bei jedem Anschalten des Rechners, zurückgrüßen.
Eines Tages verweilte ich bei G, fuhr den Rechner hoch.
Ich lächelte, als ich mich selbst erkannte: „Hallo.“
Doch aus der Küche, zwei Zimmer weiter, vernahm ich G, rufend: „Hi!“
Ich war verblüfft.