Es bedarf keiner tieferen Gedanken, keiner eingehender Überlegungen, um immer wieder zum gleichen Ergebnis zu kommen, um das zu entdecken, was ich schon tausendfach entdeckte, ohne daraus Nutzen beziehen, ohne das Unabwendbare abwenden zu können. Schließe ich die Augen, träume ich. Öffne ich die Augen, träume ich. Mein Dasein perlt vor sich hin, eine endlose Verkettung von Wünschen und Gedanken, immer wieder der Realität entfliehend, dem Wirklichen entkommend, zurückkehrend, um neue Eindrücke zu sammeln, neue Phantastereien zu erdenken, neue Träume zu malen. Atme ich, träume ich. In jedem Flüstern, in jedem Lächeln, in jeder Berührung sehe ich Leben, sehe ich Dinge, deren einzige Bestimmung es sein könnte, mein Wünschen zu heilen, zu verwirklichen, mir nahezubringen, einen Augenblick aus Ewigkeit zu schenken. Ich singe: Halt mich, schreie: Sieh mich, hoffe: Küss mich, träume: Lieb mich, schreite voran und falle in meine altbekannte Unwirklichkeit zurück. Gleiche Gesichter, andere Gesichter, andere Namen, gleiche Namen. Bedenke ich mich selbst, sehe ich nur Angst – und Hoffnung. Die Hoffnung, daß die Hoffnung niemals vergehe. DIe Hoffnung, daß es bald – endlich – keiner Hoffnung mehr bedarf. Die Angst vor einem Ende der Hoffnung. Die Angst vor einer Ewigkeit des sehnsüchtige, ergebnislosen Hoffens. Ich lächle in die Ungewißheit hinein, und meine Gedanken sehen in wirren Formen bezaubernde Muster, verführende Zusammenhänge, nicht wirklich, nicht wahr, aber vielleicht doch, vielleicht ja doch, bauen ein glitzerndes Schloß aus Licht, Hoffnung. Ich sehe mich träumen, sehe mein Lächeln und weiß, daß es vergebens sein wird, weiß, daß in wenigen Augenblicken Welten kollabieren werden, daß ich erneut auf staubigem Grund stehend versuchen werde, den Blick zum Himmel zu richten, die alte Sonne, die alte Hoffnung, die neuen Sterne, die neuen Hoffnungen, wiederzufinden, neuzuentdecken. Ich kann mich nicht halten, will mich nicht halten; schon schwebe ich nach oben, durch Wolken, durch Wirklichkeiten, denke nicht länger, was möglich, was wahr, rette mich in eine Flucht hin zum Traum. Für einen Augenblick bin ich frei. Der erneute Sturz ist unausweichlich, das Zerbrechen, das Auferstehen. Ich sehe mich, sehe, wie ich mich betrachte, wie ich einst mich selbst beobachtete, steigend, fallend, wissend, daß all dies schon tausendfach geschah – und immer wieder geschehen wird. Atme ich, träume ich. Ich schenke der Zukunft ein Lächeln, ein Lächeln aus Liebe, vermisse ihre Schönheit schon jetzt.
Monat: April 2005
Ferienlagererlebnisse, Teil 5
Nachdem ich mich 1999 erstmalig als Betreuer in einem wahrlich unspektakulären Kinderferienlager unweit Dessau betätigt und erstaunliche brave und freundliche Jungs im Alter von 8 bis 14 Jahren beaufsichtigt und unterhalten hatte, hielt ich mich 2003 für bereit, zusammen mit meinem Freund M eine Spanienreise anzutreten: als Betreuer und Entertainer von insgesamt 15 Jugendlichen.
Das vorbereitende und einweisende Treffen hielt nur wenig Nützliches bereit; wir ahnten kaum, was auf uns zukam: Zehn Mädchen und fünf Jungen, allesamt im wenig kontrollierbaren Alter von 15 oder 16 Jahren, die mit der, vom Reiseveranstalter bewußt angedeuteten Absicht nach Spanien gefahren waren, sich täglich besinnungslos zu trinken und zwischendurch in sämtlichen verfügbaren Diskotheken bis in die Morgenstunden rumzuzappeln und zu treibenden Beats und poppigem Liedgut abzuhängen.
Ständig mußten wir verbieten, erlauben, Diskoeintritte erwirken, kreativ die Abende und Nachmittage füllen, die Kinder beschäftigen, auf ihr Geld achten, trösten, heilen, retten, helfen, unterhalten usw.
Am Ende der zehn Tage, denn viel mehr waren es wirklich nicht, obgleich wir anderes hätten beschwören können, initiierten wir ein Neptunfest. Ich hatte in meinem Ferienlagerleben genug Erfahrungen gesammelt, um kluge und weniger kluge Ratschläge geben zu können, und auch M wußte Bescheid, was zu tun war.
Wir wählten drei Kinder aus, die getauft werden sollten, zwei Mädels und einen Jungen, ein mathematisch exakt ausgewogenes Verhältnis. Mit der mir eigenen Liebe zu detaillierter Feinarbeit erstellte ich Taufurkunden, die ich niemals hätte weggeben sollen – so toll fand ich sie. Wir erfanden amüsante Taufnamen, zwei böse, einen netteren, erdachten uns den Ablaufplan.
Es fehlte an allem. Wir hatten kein Geld, kein Boot, keine Leute. Zuerst rekrutierten wir also den stärksten und größten der Jungs als zweiten Häscher. Auf Nixen wurde verzichtet, M sollte der erste Häscher sein. Und ich – ich war Neptun.
Als das feststand, war das Grinsen auf meinem Gesicht nicht mehr zu entfernen.
Das Grinsen wuchs, als wir die Zutaten für den Ekeltrank einkauften. Kakao, Brause und Wasser für die Flüssigkeit, Mehl für das ekelhafte Aussehen, Ketchup, Zahnpasta und Marmelade für den perversen Geschmack, … M hatte extra einen riesigen Metalleimer und eine nicht minder riesige, eindrucksvolle Metallkelle besorgt, die uns gute Dienste leisten sollten.
Die Brühe stank erbärmlich. Wir hatten sie nach der Zubereitung im Bad aufzubewahren. Ich wagte es, sie zu kosten: Erträglich – aber nur anfangs. Der Nachgeschmack war nahezu tödlich.
Ich hatte mir eine Art Fischernetz geknüpft, das ich mir um die Hüften band. In ihm zappelten ein Fisch und eine Krake – aus Pappe natürlich. Mein grünes Badehandtuch sollte als Umhang dienen. Wir fanden noch Kreppapier, das uns als Stirn- und Armbänder nützte. Ich trug zusätzlich, um meiner Bösartigkeit Ausdruck zu verleihen, ein Nietenarmband und meine Sonnenbrille. Unsere Oberkörper waren nackt, doch abstruse Malereien verunstalteten, verzierten unsere Leiber. Ich wurde mit einem Dreizack bemalt, M und der andere Häscher erhielten finstere Totenkopfzeichnungen auf Bauch und Rücken. Gruselig.
In meiner rechten Hand hielt ich meinen Dreizack, aus Holz und Pappe angefertigt, mit Kreppapier bestückt. An meiner Hüfte baumelte eine kleine, ebenfalls bemalte Baumwolltasche, beinhaltete die wichtigen Urkunden – und meine Rede.
Alles war vorbereitet. Es konnte losgehen.
Zunächst begleitete M die Kinder zum Strand, brachte sie dorthin, befahl ihnen, sich nicht von der Stelle zu rühren, nicht baden zu gehen, nicht zu entweichen. Sie plazierten sich nahe dem Wasser, inmitten von Holländern. Underdessen verzierte ich den zweiten Häscher und verwandelte mich zum Neptun. M kam zurück, wurde bemalt, bekleidet. Nun sollte es sein.
Wir hatten kein Boot, konnten nicht vom Meer aus an den Strand gelangen, hatten also beschlossen, ein Stück an der Strandpromenade entlangzuwandern, dann zum Strand herüberzuschwenken und das Stück Weg zurückzugehen, direkt am Wasser, wo wir dann auf unsere Kinder stoßen würden.
Es war ein Bild für die (Meeres)Götter. Ich lief voraus, barfuß, mit stolz geschwellter, grünbemalter Hühnerbrust, mit grünem Gesicht, Dreizack und flatternden Haaren. Hinter mir gingen die beiden Häscher, nicht minder schrecklich anzusehen, mühsam den Brühe-Eimer tragend.
Ich grinste, grinste wie noch nie: Ich war Neptun, ich war der Gott des Wassers, der Meere, war der Herr. Die Passanten schauten verdutzt, belustigt, verständnislos. Doch niemand hielt uns auf.
Der Weg am Strand war mühsam und beschwerlich. Der Sand hinderte uns am Gehen. Ständig liefen Kinder und Badende in den Weg, blickten uns an, als hätten sie Geister gesehen. Ich sah nicht herab, meine Nase zeigte zum Himmel. Ich war Neptun.
Unsere Kinder entdeckten uns bald, erkannten uns nicht, erkannten uns doch, jubelten, wunderten sich. Westdeutschen Jugendlichen scheint Neptunfest kein Begriff zu sein.
Ich bezog Position. Das Gelände war leicht abschüssig, unter mir lagen und saßen die verdutzten Opfer, gespannt, unsicher. M und der andere Häscher setzten den Eimer ab, verschränkten die Arme, versuchten, bedrohlich zu wirken.
Ich spreizte die Beine, stand sicher, in machtvoller Pose, den Dreizack haltend, setzte an zu meiner Rede. Meine Stimme schallte über den Strand, war voller Wut, voller Herrlichkeit. Ich war Neptun, Gott, Herrscher, König, Erhabener, Richter, hatte den langen Weg vom Grund der Meere, aus den versunkenen Trümmern von Atlantis, gemacht, um Rache zu üben, um Recht zu sprechen, um Unheil auszumerzen, um zu bestrafen. Alle anderen waren Opfer, Sündige, Schuldige, waren niederes Gewürm, nichtig und klein, sollten vernichtet werden, zertreten.
Ich verkündete, was geschehen sollte: Stellvertretend für alle sollten einige besonders garstige Bösewicht die Strafe erhalten, die ich ihnen zugedacht hatte. Hinterhältig grinsend rührte M in der Ekelbrühe herum, ließ sie plätschernd von der Kelle in den Eimer träufeln.
Als ich den ersten Namen verlas, geschah nichts. Das Mädchen wußte nicht, daß es besser war für sie, zu rennen, zu fliehen, hinfortzueilen, wußte nicht, was ihr bevorstand. Die Häscher hatten keine Mühen, fingen sie, hielten sie fest, legten sie auf den Sand.
Ekelbrühe füllte eine Kelle, fand ihr Gesicht, ihre Lippen. Sie wehrte sich, doch vergebens. Der zweite Häscher hielt sie, M schüttete, immer wieder. Irgendwann erreichte die Ekelbrühe ihren Mund, ihre Zunge. Angewidert verzog sie das Gesicht, spuckte aus, schluckte noch mehr.
Ich zückte die Taufurkunde, verlas ihren Taufnamen, wies die Häscher an, sie ins Meer zu stürzen, auf daß sie sich dort ihrer Sünden bereinigte. Die Häscher legten sie vorsichtig ins Wasser, vermieden jede Verletzungsgefahr. Wütend, angeekelt verzog sie das Gesicht, nahm ihre Urkunde in Empfang, war sprachlos. Doch es mußte weitergehen.
Ein weiterer Name sollte verlesen werden. Die Jugendlichen starrten mich an, gespannt, ängstlich vielleicht. Ich konnte das Grinsen nicht unterdrücken. Der Nächste war der Junge, ein dicklicher, überheblicher Fratz, eigentlich sympathisch, aber stetig den Mittelpunkt suchend, ein stachliger Kugelfisch. Er hatte begriffen, was ihn erwartete, hatte begriffen, daß eine Flucht sinnvoll wäre – und sobald ich seinen Namen aufgerufen hatte, rannte er, rannte er zum Wasser, am Meer entlang.
Er kam nicht weit. Sein Kumpel, Häscher 2, war schneller, fing ihn, ergriff ihn, hielt ihn. M trat hinzu, und der Kugelfisch wurde zu seiner Taufe getragen. Das gleiche, schreckliche Spiel.
Das letzte Mädchen rannte auch, doch nur kurz, war nicht schnell genug, nicht wirklich willens zu fliehen, wußte bereits um die Vergeblichkeit ihre Bemühungen. Die Häscher hatten sie bald. Wir tauften auch sie.
Dann war es vorbei. Der vorletzte Tag ging zur Neige. M, der Häscher und ich, entledigten uns unserer Kostüme, gingen baden, versuchten vergeblich, die Farbe zu entfernen. Ich war erleichtert. Beglückt. Nicht alles war perfekt, doch es hätte tausendfach schlimmer werden können.
Die Jugendliche gesellten sich zu uns, stellten neugierige Fragen. Was war in der Brühe [wir verrieten nichts – außer „Rattenkadaver und Plumskloablagerungen“]? Warum war Häscher 2 gewählt worden? Warum war der-und-der nicht getauft worden? etc.
Die Stimmung schwenkte um – in unsere Richtung. Plötzlich waren wir nicht mehr die Bösewichte, sondern Helden, hatten ein Erlebnis verschafft, das einmalig war. Die Taufurkunden wurden gewürdigt; und schließlich wollte jeder getauft werden – ohne Ekelbrühe natürlich.
M und ich grinsten uns an.
Neptun und seine Mannen hatten Geschichte geschrieben.
zu staub
was, wenn ich nicht träumte
dich nicht sähe
schmerzend spürte
als wär ein teil von mir
verloren
was, wenn ich nicht träumte
mit blassem wort
dein antlitz malte
in meinem kopf
in deinem licht
nicht hoffte
nicht begehrte
was, wenn ich nicht träumte
dein leben
licht
verlör
nicht wüßte
deine träume
nicht sehnte
spürte
dich
was, wenn ich nicht träumte
wenn fern des lebens
leben wär
ein leuchten
dort
auf anderer seite
unerreicht
doch
ungesucht
was, wenn ich nicht träumte
mein lächeln nicht
in dir
verlör
wenn strahlend mir der himmel bliebe
die sonne jedoch
stets
verwehrt
Der Orkan
Mit dem Fahrrad hektisch, eilig, angetrieben von der Wut auf die eigene Unfähigkeit, auf die Unfähigkeit aller, durch die Stadt rasend, düsend, rücksichtslos, riskant, mir alles abverlangend, kraftvoll in die Pedalen tretend, nicht sitzend, immer stehend, tretend, trampelnd, schneller, schneller. Menschen zischen vorbei, ihre Gesichter unförmige Schemen. Kein Ausdruck, keine Mienen. Knappe Gesten, ungesehen, unbemerkt. Ich höre empörte Worte, irgendwo hinter mir, weit hinter mir. Schneller, schneller, keinen Atem findend, keuchend, Ampeln ignorierend, durch Menschenmassen schlängelnd, im letzten Moment ausweichend, vorbeizischend, haltlos, entfesselt, jagend, ein Sturm auf Metall.
Irgendwo am Straßenrand stehen Polizisten, sehen mich zu spät, rufen mich zu spät, ich bin vorbei, längst vorbei, enteilt, dem Gesetz entflohen, meinem Stillstand entflohen, meiner Ruhe. Haltet mich nicht, fangt mich nicht, ich bin der Orkan…
Phobophobie
Phobophobie – die Angst vor der Angst.
Menschen 9
Aus der Drogerie tritt ein Mann, achtet nicht auf den Weg, nicht auf die Umgebung. Seine ganze Konzentration gilt dem Päckchen, das er in der Hand trägt, das er nun sorgsam öffnet: Entwickelte Fotos. Vorsichtig holt er die Bilder aus ihrer Verpackung, betrachtet sie, nimmt sich Zeit für jedes einzelne, beschaut die Motive, beschaut scheinbar jedes Detail. Dann fängt er an zu schmunzeln, zu grinsen. Zu lachen.
Ich gehe vorbei, er sieht auf und lacht mir ins Gesicht, ausgelassen, fröhlich.
Ich lache auch, innerlich, wünsche mir einen Photoapparat, um diesen Augenblick festzuhalten und immer wieder neu in stilles Gelächter ausbrechen zu können.
Abgehetzt und grimmig betrete ich die Apotheke. Es ist kurz vor acht am Samstag Abend, kurz vor Ladenschluß. Bevor ich den Atem für Worte finde, lächelt mich die Apothekerin freundlich an:
„Wollen Sie ein Glas Wasser?“
Ich schaue erstaunt, vergesse meinen Unmut, schüttle zögernd mit dem Kopf:
„Bin … nur … recht schnell … gefahren … Danke …“, keuche ich.
„Sie hätten sich doch Zeit lassen können. Wir haben doch noch zehn Minuten auf.“
Ihr Lächeln steckt an.
„Ich wußte ja nicht … wollte noch … brauchte noch was Eßbares … für morgen.“
Sie läßt nicht locker.
„Ich kann Ihnen ein paar Bonbons anbieten.“
Dankend lehne ich ab, grinse von einem Ohr zu anderen.
‚Warum‘, frage ich mich, als ich die Apotheke wieder verlasse, ’sind Menschen viel freundlicher, wenn ich schlechte Laune habe…?‘
Das Wort des Tages 11
Das Wort des heutigen Tages [egal, ob damit der vergangene oder der kommende gemeint ist] sei:
Honigkuchenpferd.
Ich denke, es gibt kaum ein niedlicheres Wort, so süß und knuffig. Gern grinse ich wie ein solches oder betitle es mit dem unpassenden, aber amüsanten Attribut „kariert“…
Ferienlagererlebnisse, Teil 4
1996 war ich in Spanien, wieder in einem Kinder- und Jugendferienlager.
Ich war mit meinem besten Freund gereist, mit meinem Bruder und dessen bestem Freund. Das Zeltlager war toll, die Betreuer „cool“, das Essen schmeckte, die Sonne schien. Das Zeltlager hatte uns große Freiheiten erlaubt; täglich konnte man sich entscheiden, ob man sich den Unternehmungen diverser Betreuer anschloß, ob man bei den Zelten blieb, an den Pool oder ans Meer ging. Ich war glücklich.
Am vorletzten Tag stand das unvermeidliche Neptunfest an. Ich hatte nichts zu befürchten, war ich doch weder besonders auffällig, noch besonders unauffällig gewesen. Ich setzte mich an den Strand, ohne mich zu entkleiden, harrte fröhlich der Dinge, die da kommen mochten.
Vom Meer her kam ein Schlauchboot mit Außenborder. Ich kannte das Boot; wir hatten selbst diverse Fahrten darauf unternommen. Ich kannte auch Neptun, die Nixen und die Häscher. Letztere waren diesmals allerdings keine Betreuer, sondern kräftige Jugendliche, die Ältesten von uns.
Alles lief ab wie gewohnt. Die Opfer waren schnell, doch die Häscher waren schneller. Jedesmal. Nur einer floh ins Meer, doch hatte keine Chance. Wohin wollte er auch schwimmen? Afrika?
Ein Nescafé-Wagen kam vorbei, verteilte Probedosen. Der Eiskaffee schmeckte mir nicht, doch war kostenlos – und kühl.
Dann hörte ich meinen Namen. Ich konnte es nicht glauben. Die konnten nicht mich meinen, meinten jemanden anderes mit ähnlichem Namen, hatten mich sicherlich verwechselt! Doch die Häscher rannten auf mich zu, ohne Rücksicht auf die Sitzenden, ohne Rücksicht auf Handtücher und Rucksäcke.
Ich sprang auf, rannte los, vom Meer weg, durch den Sand. Schnell, schneller. Noch immer trug ich meine Schuhe. Das war mein Vorteil. Bald war ich auf einem betonierten weg. Ich lief nach Norden parallel zu Meer. Immer weiter. Ich lief so schnell ich konnte. Die Häscher blieben zurück. Ihre nackten Füße klatschen auf den heißen Asphalt. Ich hatte Schuhe, ich rannte, gab alles. Kühler Wind wehte mir entgegen, Passanten schauten mich vberwundert an. Ich rannte.
Irgendwann hatte ich die Häscher abgehängt. Sie waren zurückgefallen, würden mich nicht mehr einholen. Ich triumphierte innerlich.
Doch was nun? Ich konnte zum Zeltlager zurückkehren, doch meine Sachen lagen noch am Strand. Ich konnte einfach im Zeltlager warten, bis alles vorbei war. Ich konnte in die Stadt fliehen. Ich hatte kein Geld, doch das machte nichts, würde mich nicht verlaufen. Die Häscher würden mich nie finden, nie fangen. Niemals.
Doch all das hielt ich für feige, für sinnlos. Ich hatte gewonnen. Das wußte ich. Das mußten auch die Häscher wissen. Ich hatte gewonnen, war entkommen, sah keinen Sinn mehr darin weiterzufliehen. Ich konnte mich nicht ewig verstecken, nicht ewig wegrennen.
Ich kehrte um. Langsam, die nackten Handflächen zeigend, ging ich auf die Häscher zu. Ich lächelte, hatte gewonnen. Nichts konnte mir noch schaden.
Als die Häscher sahen, daß ich mich ergab, sprinteten sie zu mir, faßen mich grob an Beinen und Armen, schleiften mich durch den Sand. Ich wehrte mich nicht. Mein Lächeln blieb. Sie packten mich härter, zerrten mich den langen Weg zurück. Ich wäre auch allein gelaufen, doch sie wollten nicht, glaubten mir nicht, befürchteten wohl, ich könnte wieder fliehen.
Ich wäre nicht geflohen. Wozu? Wohin? Ich hatte längst gesiegt.
Die Häscher brachten mich zu Neptun. Die Antrengung war auf ihren Gesichtern zu lesen. Sie hielten mich fest, dudelten keine Bewegung. Ich bat darum, daß mir die Brille abgenommen, meine Schuhe ausgezogen würden; mein letzter Wunsch wurde mir gewährt.
Neptun tat, als wäre er wütend; die Häscher waren wütend. Meine Welt war nur noch ein verschwommener Buntbrei. Geduldig lauschte ich den Worten Neptuns, sah die Kelle mit der Brühe auf mich zukommen, preßte die Lippen zusammen. Ich würde das Ekelzeug nicht trinken. Eine Hand umfaßte meinen Unterkiefer, Finger bohrten sich in meine Wangen. Der Schmerz riß mir den Mund auf; die ekelhafte Flüssigkeit schwappte hinein. Immer wieder. Ich konnte nicht mehr atmen, hustete, spuckte, versuchte, Luft zu holen, fiel auf die Knie, keuchte. Ein Hand klopfte mir auf den Rücken. Dann wurde ich gepackt und ins Meer geworfen.
Dort blieb ich, holte Luft, wusch mir das Gesicht, die Arme, spülte den unappetitlichen Geschmack in meiner Mundhöhle mit Salzwasser aus. Als ich das Wasser verlies, wurde mir eine Urkunde in die Hand gedrückt:
„Dr.h.c. Fisch“
Ich grinste. Ich war als einziger entkommen, war freiwillig zurückkehrt und bekam nun nichts Schlimmeres als einen fischigen Doktortitel, ehrenhalber?
Meine Augen brannten vom Salzwaser. Auf meiner Zunge schmeckte ich noch immer die ekelhafte Brühe. Ich zitterte vor Kälte; das nasse T-Shirt klebte an meinem Leib. Die Welt war noch immer verschwommen; und ich rang um Atem.
Doch ich grinste:
Ich hatte gesiegt.
Ferienlagererlebnisse, Teil 3
Ein für mich bedeutsamer Bestandteil meines ersten Ferienlagers war das Neptunfest.
Diese Festivität war typisch für ostdeutsche Ferienlager: Am vorletzten Tag versammelten sich dabei alle Ferienlagerkinder am nahegelegenen Strand, vorsorglich mit Badesachen bekleidet. Sinnlos standen wir in der Gegend herum und harrten der Dinge, die kommen würden. Ich wußte nicht, was mich, was uns erwartete und war gespannt.
Dann vernahmen wir Motorenlärm, entdeckten auf dem See ein reichlich mit Keppapier bestücktes Boot, das langsam auf uns zukam. In ihm saßen Neptun, Nixen und Häscher – allesamt eigentlich Ferienlagerbetreuer, die mit Farbe, Kreppapier und allerhand Krimskram ausstaffiert worden waren. Sie boten einen durchaus beeindruckenden, ja beängstigenden Anblick. Die Häscher schleppten einen riesigen Kessel, in dem eine undefinierte Flüssigkeit hin- und herschwappte.
Das Meeresvolk plazierte sich am Strand. Neptun verlas mit lauter Stimme eine Rede, an deren Inhalt ich mich nicht mehr entsinne. Ich denke, es ging um unsere „Sünden“, die bestraft werden müßten.
Dann wurde der erste Name verkündet. Inmitten der Kinder entdeckte ich ein erschrecktes Gesicht, das sofort verschwunden war. Der Junge floh, rannte wie der Wind.
Es gab nicht viele Möglichkeiten zu fliehen. Entweder man rannte links um den See, rechts um den See, zurück ins Bungalowlager oder man wagte es, sich in den See zu stürzen und schwimmend die Flucht zu ergreifen. Der Junge rannte nach rechts.
Die Häscher, allesamt groß, kräftig und wesentlich älter als wir, warteten gedudlig einen Augenblick, gaben dem Jungen Vorsprung. Dann spurteten sie los. Sie brauchten sich nicht anzustrengen. Der Junge hatte keine Chance zu entkommen. Im Nu hatten sie ihn erhascht, trugen ihn zurück zu Neptun.
Dieser beschuldigte den verängstigt blickenden Jungen diverser Tätigkeiten und Untätigkeiten und gab den Befehl zur Taufe. Ich weiß nicht genau, was in der ekelhaft aussehenden Flüssigkeit enthalten war, aber glaube, daß der übliche Tee und Zahnpasta entscheidende Anteile bildete. Mit einer großen Kelle wurde dem Jungen das Zeug ins Gesicht, in den Mund geschüttet. Er schluckte angewidert, während sein neuer Name verlesen wurde. Dann trugen die Häscher den besudelten Jungen zum See, warfen ihn hinein, damit er sich bereinigen konnte und die Taufe rechtskräftig wurde.
Zurückgekehrt nahm er eine Taufurkunde in Empfang – und hatte es überstanden.
Wir anderen jedoch warteten, aufgeregt und ängstlich. Wer würde der nächste sein?
Nacheinander wurden zwei weitere Namen verlesen, zwei weitere Kindern rannten weg, wurden gefangen, bekamen Brühe ins Gesicht, wurden ins Wasser geworfen, erhielten die Taufurkunde mt ihrem Namen. Ich war erstaunt, mit welcher Mühelosigkeit die Häscher die Kinder fingen, stellte fest, wie sinnlos jeder Fluchtversuch war.
Dann hörte ich meinen Namen. Ich begriff nicht, konnte es nicht glauben, war doch das erste Mal in einem Ferienlager. Mein Gedanke war: Renn weg! Renn weit weg! Doch ich wollte nicht rennen, wußte mittlerweile um die Vergeblichkeit solcher Bemühungen. Die Häscher jedoch rannten los, glaubten mich gesehen zu haben, rannten in verschiedenen Richtung um den See herum, unglaublich schnell und kräftig.
Ich stand in der Masse, unter all den anderen Kindern, und wartete. Sie würden mich fangen, das wußte ich, doch ich selbst entschied, wann. Nach einer Weile trat ich in die Mitte des Kreises, trat ich zu Neptun. Erstaunt blickte er mich an, erkannte mich, rief seine Häscher zurück.
Sie packten mich, grob, wohl verärgert, weil sie sinnloserweise losgerannt waren, weil sie mich nicht erhascht hatten, weil sie noch nie so lange gebraucht hatten, um jemanden zu fangen. Während Neptun seine Worte sprach schütteten sie mir die Ekelbrühe ins Gesicht. Eine Kelle, zwei Kellen. Doch mein Grinsen verschwand nicht. Irgendwie hatte ich gewonnen.
Als ich aus dem See wieder herauskam, las ich meinen Taufnamen:
„Schleichender Wasserfloh“ – weil ich ständig zu spät kam.
Bis heute frage ich mich, ob die Neptunfigur nicht vielleicht doch ein bißchen Göttlichkeit in sich gehabt hatte, ob sie wußte, daß der Taufname bestimmend für mein späteres Leben sein würde, ob ich schon damals Züge meines heutigen Ichs zeigte.
Denn noch immer komme ich zu spät. Ständig.
Wie ein schleichender Wasserfloh.
Ferienlagererlebnisse, Teil 2
Ich war gerade 8 oder 9 Jahre alt, als mich meine Eltern in mein erstes Ferienlager schickten. Das war nichts Ungewöhnliches, denn die schulischen Sommerferien reichten aus, um sowohl ins Ferienlager zu fahren als auch zusammen mit meinen Eltern ihren schwer verdienten Urlaub zu genießen.
Mein Bruder, der mich in späteren Ferienlagern stets begleitete, war noch zu jung, um mitzukommen. Mein erstes Ferienlager. Unzählige unbekannte Menschen. Und ich war allein.
Ich kann mich an einen schlichten, dunkelbraun gestrichenen Holzbungalow erinnern, den ich mit sechs oder acht anderen Jungs teilte. Die für uns zuständige Betreuerin schlief mit uns in einem Raum. Immer blieben ein paar von uns auf, um zu warten, bis sie sich auszog und ins Bett legte. Man sah nichts; es war zappenduster, aber allein die Vorstellung einer unbekleideten Frau schien einige meiner Kumpanen irre zu machen.
Einen wesentlichen Bestandteil dieses Ferienlagers bilden in meiner Erinnerung Pfirsiche. Jeden Tag gab es Pfirsiche, zum Mittagessen, zum Abendbrot, riesige, saftige Dinger, von denen ich gar nicht genug bekommen konnte. Ich nahm die Früchte der anderen entgegen, als diese sie nicht mehr sehen konnten, bunkerte sie unter meinem Bett. Ich werde niemals den Geruch am letzten Tag vergessen, als wir gezwungen waren, den Bungalow zu bereinigen, als ich gewzungen war, den süßlich stinkenden, schimmelnden Matschhaufen aus dem Dunkel hervorzuholen und zu beseitigen.
Vielleicht trug das dazu bei, daß wir in einer abschließenden Preisverleihung für den saubersten Bungalow den allerletzten Platz belegten. Der erste Platz erhielt eine schlichte Urkunde, wir jedoch jeder einen großen Scheuerlappen. Ich war stolz, stolz auf mich, stolz auf uns.
Zu Hause packte ich den Scheuerlappen aus und zeigte ihn meiner Mami:
„Die anderen Bungalows haben nichts bekommen. Aber ich gewann das.
Für dich.“