Der morgendliche Wurm im Ohr 18

Ich liebe es aufzuwachen und nicht zu wissen, wie spät es ist.

Zwar verfüge ich über eine durchaus ästhetische Armbanduhr, doch deren Batterie hat schon vor einem Jahr beschlossen, in Ruhestand zu gehen. Das hat natürlich den Vorteil, daß die Uhr täglich zwei Mal die korrekte Zeit darstellt, wenn auch nur für einen Augenblick. Normal funktionstüchtige Uhren dagegen haben die schlechte Angewohnheit, niemals richtig zu gehen, da sie der „echten“ Zeit immer ein paar Minuten voraus sind oder nachhängen. In diesem Fall kann also der Stillstand gelobt und gepriesen werden.

Habe es ich also am Vorabend versäumt, dem in meinem Handy integrierten Wecker mitzuteilen, wann ich mit nervigen Piep- und Klingeltönen dem Schlaf entrissen werden sollte, erwache ich planlos, ohne ein Wissen um die Tageszeit.

Und erstaunlicherweise, obwohl man meinen könnte, dadurch eine Art Verlorensein in zeitlicher Unkenntnis empfinden zu müssen, ist das ein schönes Gefühl.

Es könnte jetzt um acht sein – oder schon um eins. Es ist egal.
Noch einmal schließe ich die Augen, kuschle mich in meine Bettdecke und lausche dem Wurm in meinem Ohr: Tool ist es heute, doch ich erkenne das Lied nicht. „The Grudge“ vielleicht. Es ist egal.

Ein paar Minuten später erhebe ich mich, langsam, allmählich, suche das Bad – finde den Tag…

Italienische Ninjasterne

1997 war ich in Italien, in einem Ferienlager.

Es war ein schrecklicher Urlaub. Der Reiseveranstalter, Rainbow-Tours, war äußerst unsympathisch, die Betreuer [„Animateure“] faul, desinteressiert und versoffen, das Hotel mies, das Essen schlecht. Die Italiener belaberten alles, was einigermaßen weiblich aussah. Die Mädels, die mit uns mitgereist waren, interessierten sich nur für die überteuerten Diskotheken. Der Strand war langweilig, die Stadt nur für Touristen errichtet.

Ich war neugierig, wollte etwas sehen, hatte wenig Begeisterung übrig für lautstärkeintensive Massentanzveranstaltungen, tendierte schon damals in eher gitarrenorientierte Musikrichtungen, streifte in abendlichen Stunden durch das städtische Kunterbunt, ließ mich von dem Menschengewühl, von Che Guevara Postkarten und Grasverkäufern beeindrucken.

Der erste unserer Ausflüge ging nach San Marino. Ich kann mich an San Marino selbst kaum noch erinnern. Ziemlich burgig, viele Mauern, kleine Gassen, ständig ging es bergauf. Und überall gab es Waffenläden und solche, in denen zuhauf Raubkopien angesagter Musikstücke verkauft wurden. Ich erwarb zwei Souvenire, die sich auch heute noch in meinem Besitz befinden:
Zum einen das Nirvana-Album „Nevermind“. Natürlich auf Kassette, gab es doch in San Marino nichts anderes. Außerdem bekam ich so neue Nahrung für meinen Walkman, Abwechslung von dem Italo-Diskopop-Einerlei.
Zum anderen kaufte ich in einem Waffenladen einen Ninja-Stern. Waffenläden üben auf Jugendliche einen eigenartigen Reiz aus, protzen mit Macht und Gefahr, mit silbernen Klingen und verzierten Pistolenläufen. Ich war begeistert, fasziniert, wollte mir selbst unbedingt irgend etwas kaufen. Doch mangelte es mir sowohl an äußerlich sichtbarer Reife als auch an finanziellem Potential.

Dann sah ich den Ninja-Stern. Dessen scharfe Kanten waren weitaus weniger scharf als sie sein sollten und seine asiatische Inschrift zeugte von äußerst geringer San-Marino-Verbundenheit. Aber er war billig. Umgerechnet 1,50 DM. Ich kaufte den Stern, verwahrte ihn sicher in meinem Portemonaie.

In unserem Hotelzimmer probierte ich ihn aus, Nirvana im Ohr. Er ließ sich gut werfen, flog weit, doch blieb nirgendwo stecken. Nicht scharf genug, mutmaßte ich. Ich überlegte, ob ich ihn auf eine Kette fädeln und umhängen sollte – ein entsprechendes Loch war vorhanden. Doch der Ninjastern war zu groß, zu protzig, zu albern. Ich ließ es sein, verstaute ihn wieder und freute mich, ein derart praktisches Souvenir erworben zu haben.

Der zweite Ausflug brachte uns nach Venedig. Zu keinem Zeitpunkt meines Lebens habe ich jemals Venedig mit „Romantik“ in Verbindung gebracht. Ich war nicht sonderlich interessiert. Für mich war Venedig nur eine ausländische Stadt, die viel Unbekanntes beinhaltete, das auf seine Art und Weise schön war.

Auf der Rialtobrücke wurde vor Taschendieben gewarnt; ich schoß ein Photo von unseren Mädels, beobachtete begeistert ein Krankenboot, das mit jaulender Sirene durch die Kanäle düste. Ich interessierte mich nicht für die albernen Masken, nicht für die dargebotenen Kleidungsstücke und Schuhe. Die Bauwerke waren beeindruckend, oder hätten es sein können – ohne all den Dreck und den Taubenkot.

Auf dem Markusplatz fand unser Stadtbummel ein Ende. Mein Kumpel und ich streiften zwischen den Säulen hin und her; ich trat nach den Tauben, die trotz ihrer Behäbigkeit noch schnell genug waren, um ein paar Meter von mir wegzuflattern und sich in Sicherheit zu bringen.

Wir suchten Chinesen oder Japaner. Ich wollte unbedingt wissen, was auf meinem Ninjastern stand. Die Anzahl an Asiaten war für eine Touristenmetropole erstaunlich gering. Wir brauchten eine Weile, bis wir einen entdeckten. Freundlich sprach ich ihn an:
„Sorry. Do you know what that means?“
Ich zeigte ihm den Metallstern.
Er lächelte, besah sich die Inschrift, überlegte, schaute erneut.
„These are very old characters.“, meinte er, doch hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten, konnte mir nicht weiterhelfen.
Ich war betrübt, doch nicht sehr. Denn eigentlich war egal, was auf dem Stern stand; bis heute weiß ich nicht, ob es sich nun um Japanisch oder Chinesisch oder gar um eine völlig andere Sprache handelt.

Erschöpft ließen wir uns auf den Stufen am Markusplatz nieder, so wie alle Touristen. Wir fanden ein nettes Plätzchen, hatten eine schöne Sicht auf den Dogenpalast, vor dem Touristen in langer Schlange anstanden. Überall waren Tauben, in der Luft, vor uns, hinter uns.

Direkt neben mir saß eine Italienerin. Sie trug ein ärmelloses, beigefarbenes Oberteil und filmte mit einer Kamera die Sehenswürdigkeiten, die Tauben und ihre Familie. Sie redete. Unablässig quoll ein kommentierender Wortschwall aus ihrem Mund, ununterbrochen formte sie für mich unverständliche Laute.

Mit einem Klatsch landete ein riesiger Haufen Taubenkot auf ihrer linken, nackten Schulter. Angewidert, erschrocken, entsetzt sprang ich auf, untersuchte angegekelt mein T-Shirt, meine kurzen Hosen, ob ich nicht eventuell ein paar Spritzer abbekommen hatte, fand nichts, war erleichtert. Die Italienerin filmte weiter, redete weiter, hielt nicht inne, hatte nichts mitbekommen, nichts bemerkt. Auf ihrer Schulter klebte ein grau-weißer Fleck stinkender Taubenfäkalien, doch sie wußte es nicht.

„Was für ein Urlaub.“, dachte ich, „Alles Scheiße, doch keiner merkt’s.“

R-E-S-P-E-C-T

Was genau ist eigentlich ein Buch? Es gibt eine Definition der UNESCO: „Ein Buch ist eine nicht-periodische Veröffentlichung von mindestens 49 Seiten Umfang exklusive des Einbands.“ Es ist sicher nett, was sich die UNESCO so an lauen Sommerabenden zusammendefiniert, aber daß ein Buch generell etwas Bewahrenswertes ist, sagt auch diese Definition nicht. Auch eine Publikation, wo auf der ersten Seite ein Rezept für Serviettenknödel ist, auf der zweiten ein Lob der altchinesischen Frauenfußverstümmelung und auf der dritten eine Anleitung zum Tottrampeln von Zeisigen ist ein Buch, Hauptsache, es folgen noch 46 weitere Seiten. Ein solches Buch kann man m. E. kühlen Gewissens verbrennen. Doch was riefen die Menschen dann? „Wo man Bücher verbrennt, da verbrennt man am Ende auch Menschen!“ würde es tönen, und daß man vor einem Buch wahnsinnigen Respekt haben muß.

Diese, von Max Goldt in seinem Essay „Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt“ geschriebenen Worte kamen mir heute in Erinnerung, als ich mich in das Zimmer meiner Mitbewohnerin begab und mich in Ermangelung einer Sitzgelegenheit auf ihre Liege und somit beinahe auf ein dickes, fettes Buch plazierte, das dort herumlag. Fast schon panisch schrie sie auf, als mein Allerwertester auch nur in die Nähe des Wälzers kam, so daß mir nichts übrig blieb, als mich erneut zu erheben, das Buch beiseite zu schieben, um mich dann ruhigen Gewissen setzen zu können und die Stimmbänder meiner Mitbewohnerin zu schonen.
Verwundert blickte ich sie an:
„Es ist doch nur ein Buch…“
Demonstrativ wollte ich mich nun auf dem Buch plazieren, doch meine Mitbewoherin ahnte mein Vorhaben und öffnete schon einmal präventiv den Mund. Sie verfügt über eine recht markante und vor allem dezibelintensive Stimme, weswegen ich schnell von meinem albernen Vorhaben abkam.
„Es ist doch nur ein Buch.“, wiederholte ich.
Es handelte sich um Ken Folletts „Die Säulen der Erde“, sicherlich nicht schlechteste Buch aller Zeiten, doch war es auf keinen Fall unersetzbar. Für sie schon.
„Ich behandle Bücher mit Respekt.“
Ich lachte innerlich. Meine Mitbewohnerin wollte mir erzählen, wie ich „Die Säulen der Erde“ zu behandeln habe – dabei war es mein eigenes Buch.
„Aber es ist meins.“, sagte ich, „Und es ist nur ein Buch.“
„Trotzdem. Bücher verdienen Respekt.

‚Warum?‘, wunderte ich mich und entsann mich oben erwähnter Worte von Max Goldt. Bloß weil eine Zeilensammlung mindestens als 49 Seiten [exklusive des Einbands] umfaßt, verdienen Bücher mehr Respekt als beispielsweise Hausschuhe oder Kartoffelsalatplastikverpackungen? Bloß weil es sein könnte, daß der Inhalt aus Bedeutsamem besteht [das ist in den seltensten Fällen gegeben – zumindest wenn man die Anzahl existierender Bücher mit der gehaltvoller vergleicht], darf man ein Buch nicht genauso behandeln wie den Rest seines Besitzes?
Noch einmal warf ich einen Blick auf das Buch. Es war abgenutzt und schäbig. Eine alte Taschenbuchausgabe, die ich auf irgendeinem Flohmarkt erworben hatte. Schon damals hatte sie abgenutzt und schäbig ausgesehen, was nicht zuletzt der Grund gewesen war, das Werk zu kaufen, senkte doch das ramponierte Aussehen den Preis erheblich.
Ich hatte ein abgegriffenes Buch erworben, dessen Inhalt, nicht dessen Unversehrtheit mich interessierte. Kaum war ich zu Hause angekommen, fletzte ich mich auf mein Bett und las. Ich neige nicht dazu, Bücher bei der Lektüre zu schonen. Bücher sind dazu da, gelesen zu werden, nicht um schön auszusehen.
Beispielsweise vermeide ich den Kauf von Hardcovern. Der einzige Vorteil, den ich den Werken in hartem Einband abgewinnen kann, ist nicht dessen potentielle Bücherregalästhetik, sondern die von den Verlagen preispolitisch clever erdachte Tatsache, daß neue Werke zuerst als Hardcover erscheinen, sodaß man als Taschenbuchbevorzieher gezwungen ist zu warten – oder eben doch mehr Geld auszugeben.
Meinen Büchern sieht man an, daß sie gelesen wurden. Sicherlich werde ich sie nicht bewußt als Tellerersatz für mein fettiges, tomatensoßengetränktes Abendessen in Benutzung ziehen, doch werde ich mich auch nicht bemühen, jede Seite nur mit Pinzette anzufassen, um keinerlei Abdrücke unsauberer Fingerspitzen oder gar unschöne Eselsohren zu hinterlassen.
Ich lese, wo ich bin. Im Zug, in der Bahn, im Park, in der Uni, in der Mensa, zu Hause, auf dem Klo. Überall. Dementsprechend müssen die leblosen Opfer meines Wortwahns mich überall hinbegleiten. Natürlich bleibt das nicht ohne Folgen.
Ken Folletts Roman umfaßt mehr als 1150 Seiten. Die Lektüre dieses Werkse braucht also seine Zeit. Und ich muß zugeben, von ihm gefesselt gewesen zu sein. Ich wollte ständig weiterlesen, nahm das Buch stets dorthin, wo ich mich aufzuhalten gedachte, ohne mich darum zu kümmern, ob der Einband Kratzer oder Knicke erhielt oder den Seiten minimaler Schaden zugefügt wurde. Ich weiß nicht, wie oft ich das Buch in meinem unsortierten, mit allerhand Kram bestückten Ruckstack verstaute, es wieder herausholte, fallenließ, aufhob, weiterlas, knickte, mit Lesezeichenzettelchen bestückte, irgendwo vergaß und doch wiederfand.
Es war egal, nur ein Buch. Der Inhalt wußte mich zu begeistern, doch um das Äußere sorgte ich mich nicht.

Und nun schrie meine liebe Mitbewohnerin schon bei der Vorstellung auf, ich könnte mich versehentlich auf diesem Buch, das von mir bisher mit wenig Rücksicht bedacht worden war, plazieren, ich könnte ihm irgendwie Schaden zufügen, den nötigen Respekt verwehren.
Gerade wollte ich mich rechtfertigen, wollte Max Goldt zitieren, wollte von den schrecklichen Dingen berichten, die dieses Werk schon mit mir zu erdulden hatte, als ich mich eines Besseren besann, mich in mein Zimmer verzog und las:
Salman Rushdie. „Der Boden unter ihren Füßen“. Preisreduziertes Mängelexemplar. 860 Seiten. Zwei Eselsohren und ein großer Kratzer auf dem Einband.
Trotzdem genial.

Mensa-Zeit

Ich sitze allein an einem Tisch für acht Personen. Eine junge Frau gesellt sich hinzu. Ich bin in meine Nahrungsaufnahme vertieft, hebe kaum den Kopf. Zu der jungen Frau gehören aber scheinbar noch mehr, lauter Universitätsmitarbeiter. Ich schränkte meinen Platzverbrauch ein. Der Tisch wird voll besetzt. Obwohl ich allein sein wollte, ist mir die plötzliche Anwesenheit der anderen nicht unangenehm.

Mit gegenüber sitzt eine Asiatin, eine Chinesin, wie sich herausstellt. Sie redet Englisch mit ihren Kollegen. Dann schaut sie mich an, betrachtet mein Shirt. In Ermangelung sauberer schwarzer Shirts hatte ich mich für ein olivgrünes entschieden, mit einem Drachen und diversen Schriftzeichen bedruckt. Sie zeigt auf die Schrift, als wüßte sie etwas.

„Was bedeutet das?“, frage ich, neugierig geworden.
Sie hat mich verstanden, will antworten, doch ihr Deutsch reicht nicht aus.
„Ich verstehe auch Englisch.“
Ich komme mir dumm vor, den Satz auf Deutsch gesagt zu haben. Sie scheint es nicht zu stören, gibt in fließendem Englisch eine Erklärung.
Das von ihr aus am weitesten rechts befindliche Zeichen heiße „Sonne“, doch in Verbindung mit den anderen beiden ergäbe es das Wort „Zeit“. Es handle sich wohl um ziemlich alte chinesische Schriftzeichen, ergänzt sie.
Ich bin fasziniert.

„Ist das jetzt fashion?“, fragt sie, meint die vielen Mädels (und Jungs), die sich chinesische Schriftzeichen eintättowieren lassen. Ich zucke mit den Schultern. Ich habe das Shirt bestimmt nicht angezogen, um einer Mode nachzugehen. Ich wollte nur nicht frieren.
Als ich mit dem Essen fertig bin, packe ich meine Sachen zusammen und gehe.
„Tschüß.“, sage ich.
„Tschüß.“

Sie lächelt.

Anfang und Ende

Bloggen ist schwierig.

Niemand schreibt einem vor, was ein Blog zu beinhalten hat, wieviele Wörter, Zeilen, Zeichen, Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Bilder, Zitate, Links etc zu einem Eintrag gehören. Das Ergebnis solcher Regellosigkeit sind unzählige Weblogs, deren stündliche Neuerungen aus einzeiligen, inhaltslosen Fetzen bestehen, mit denen maximal der Autor selbst etwas anfangen kann und will.
Ich habe nichts dagegen, doch richte an mich selbst den Anspruch, Inhalte vermitteln zu wollen. Wenn man diesen Anspruch mit dem Wissen kombiniert, daß ich es mag, Wörter aneinanderzureihen, steht umfangreicheren Blogs nichts im Wege.

Doch über irgendetwas muß geschrieben werden.

Sicherlich gelänge es mir, mehrere Bildschirmseiten mit der Tatsache zu füllen, daß mir nichts einfällt, was ich denn schriftlich artikulieren könnte. Aber wenn mir nichts einfällt, ziehe ich es vor zu schweigen, schreibe nicht noch darüber.

Lieber schreibe ich über das Leben, über mein Leben. Das ist nicht allzu schwer, begegne ich ihm doch täglich. Ein kleines Notizbuch sammelt wirre Gedanken und erwähnenswerte Ereignisse, die ich dann zu späterem Zeitpunkt ausführlicher formuliere.

Der Spagat zwischen Ehrlichkeit und dem Weglassen scheinbar überflüssiger Dinge ist nicht einfach zu bewältigen. Theoretisch müßte jede Anekdote, die ich verfasse, mit dem ersten Augenblick beginnen, an den ich mich erinnern kann – oder noch eher. Denn wenn man einen Moment lang über ein Ereignis nachdenkt, stellt man fest, daß mehrere andere Ereignisse dazu beitrugen, daß geschehen konnte, was geschah. Diese jedoch haben wiederum ihre eigenen Ursachen…

Vielleicht fällt es mir deswegen zuweilen so schwer, zum Punkt zu kommen, zu erzählen, was ich eigentlich erzählen wollte: Mich drängt das Bedürfnis, alle Hintergründe aufzudecken, alles zur Erzählung Gehörige aufzuzählen, trägt es doch zum besseren Verständnis, zu einer begründeten Meinungsbildung bei.
Doch nicht nur die einleitenden, zum Ereignis hinführenden Worte gestalten sich zuweilen recht schwierig, sondern auch die abschließenden.

Ein Blog sollte eine Pointe besitzen, einen Knaller, ganz zum Schluß, in der letzten oder vorletzten Zeile, etwas, worauf der gesamte zuvor gelesene Text hinarbeitet, etwas, das ihn schließt, vielleicht zum Anfang zurückkehrt, vielleicht eine Frage in den Raum stellt, vielleicht den Lesenden zu weiterführenden Gedanken bewegt.

Doch berichtet man über das „wirkliche Leben“, erweist sich dieser besondere Abschluß als schwierig. Ich selbst stellte schon fest, irgendeinen Text nicht veröffentlichen zu wollen, bloß weil ein ordentliches Ende fehlte, weil ich zwar über eine skurrile Sache berichtete, doch den abschließenden Knaller nicht fand.

Denn das Leben hört nicht auf. Es gibt keinen pointierten Satz zum Schluß, keinen Witz, keine offene Frage. Es geht immer weiter, neue Geschichten, die sich an die alten anreihen, ohne daß irgendwer zwischendurch so freundlich war, „ENDE“ zu schreiben. Neues gründet sich auf Altem, und selbst wenn das eigene Dasein verblich, wird doch die eigene Geschichte in anderen fortgeführt…

Bloggen ist schwierig.

ENDE

Ekel

Gestern Abend belästigte ich meine Mitbewohnerin ein wenig und sah mit ihr fern. Es kam nichts Besonderes, irgendeine Sendung über verhunzte Schönheitsoperationen. Doch in mein Zimmer zurückzukehren hätte bedeutet, mich der Pflicht widmen zu müssen. Und das wollte ich wirklich nicht.
1999/2000 war ich Zivildienstleistender in einem Krankenhaus. Stationen Dermatologie I-III, beziehungsweise: Haut I-III. Eine recht angenehme Arbeit, wenngleich ich bis heute nicht begreifen kann, wie ich es schaffte, morgens um fünf aufzustehen. Ich glaube, ich haßte es.

Aber ich war der Liebling der Patienten, wurde von älteren Damen mit Vorliebe mit „mein Schatz“ oder „mein Engel“ betitelt, mußte schuften, hatte aber auch Tage, an denen ich nur sinnlos rumhing und mit irgendwelchen Patienten quatschte, bis die Zeit rum war.

In dieser Zeit habe ich allerhand Erschreckendes gesehen und kennengelernt. Ich durfte alte Männer duschen [selten], alte Frauen duschen [ein Mal], sah offene, nässende Wunden [haufenweise]. Ich durfte einer OP beiwohnen, in der einer Frau vom Oberschenkel mit einem rasierapparatähnlichen Gerät Haut vom Oberschenkel entfernt wurde. Dieser Hautlappen wurde dann auf die doppelte Größe gedehnt, um ihn anschließend auf eine vorher operierte Stelle zu nähen. Ich sah [und roch], was passiert, wenn der Plastikbeutel eines künstlichen Darmausganges wegen Überfüllung platzt und sein Inhalt sich im gesamten Zimmer verteilt. Ich sah riesige Nähte, schimmlige Füße. Ich durfte braune Kleckerspuren auf dem Stationsgang aufwischen, durfte schwitzende Menschen berühren, schuppige Haut eincremen.

In wenigen Fällen war der Anblick angenehm, zuweilen fühlte ich mich unwohl, doch alles war erträglich, akzeptabel. Ich konnte damit leben, arbeitete eigentlich sogar gern im Krankenhaus.

Gestern Abend jedoch sah ich diese Sendung im Fersehen, sah, wie Brüste aufgeschnippelt wurden, um irgendeinen Kram unter die Haut zu schieben, sah, wie Menschen während ihrer Narkose behandelt wurden als wären sie totes Vieh. Ich sah, wie einer Frau irgendeine fettlösende Flüssigkeit in die Beine gespritzt wurden, die diese dann aufquellen ließ, sah, wie mit einem Sauger unter der Haut hantiert wurde, wie sich die bewegenden Konturen des Saugers außen abzeichneten, fragte mich, was wohl mit dem abgesaugten Fett geschehen würde [Mettwurst?] – und ekelte mich, wollte nicht länger hinsehen.
13 Monate Zivildienst hatten mich abgehärtet, glaubte ich.

„Schalt bitte um.“, bat ich meine Mitbewohnerin.

Menschen 8

Es regnet. Vor dem Magdeburger Allee-Center entdecke ich ein blindes Mädchen. Sie trägt einen Blindenstock in der Hand, benutzt ihn aber nicht, erhält Führung von einem anderen Mädchen, einer Freundin vielleicht. Die beiden meiden die automatische Drehtür, betreten das Einkaufscenter durch den „normalen“ Seiteneingang.
Im Inneren sehe ich eine Rollstuhlfahrerin. Sie steht vor der Drehtür und rührt sich nicht. Bevor ich einen Gedanken fassen kann, begibt sich das führende Mädchen zusammen mit ihrer blinden Begleiterin zu der Frau im Rollstuhl:
„Brauchen Sie Hilfe mit der Tür?“
„Ach nein, ich komme schon klar.“, antwortet sie, dankbar für die Aufmerksamkeit, „Nur meine Kapuze…“.
Während die hilfbereite Blindenführerin vorsichtig die Kapuze über den Kopf der Dame stülpt, frage ich mich, ob einer von uns „normalen“ Menschen auf den Gedanken gekommen wäre, der Rollstuhlfahrerin Unterstützung anzubieten.
‚Die wenigsten.‘, denke ich und seufze leise.

Ampelmenschen

In Gedanken versunken nähere ich mich der Ampel. Rot. Ich bleibe stehen, grüble. Weitere Wartende gesellen sich zu mir.
Nach einer Weile sehe ich auf. Kein Auto weit und breit. Wie auch? Die Ampel steht inmitten einer Baustelle.
Warum also warte ich? Weil ich unbewußt einem Automatismus frönte? Weil ich gut erzogen bin?
Warum warten die anderen? Weil sie nicht sehen, daß hier keine Autos fahren? Weil sie einer Art Herdentrieb folgen und stehenbleiben, wenn andere auch stehenbleiben? Weil sie als gesetzestreue Deutsche rote Ampeln auch respektieren, wenn sie sinnlos sind?
Ich schüttle die Gedanken ab. Die Ampel leuchtet noch immer in warnendem Rot. Egal. Ich gehe. Die Herdentriebler bleiben stehen.
Als ich die Kreuzung längst hinter mir gelassen habe, drehe ich mich neugierig noch einmal um, sehe, daß sich nun endlich auch die anderen in Bewegung setzen.
Die Ampel leuchtet grün.

Grün, ja grün, …

Als ich eines späten Abends durch die Dunkelheit mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, sah ich einen Streifenwagen von der Sorte, die im Volksmund auch als „Sixpack“ bezeichnet werden, am Straßenrand stehen. Die Polizisten waren ausgestiegen und beschäftigten sich mit einem Radfahrer, den sie augescheinlich angehalten hatten, weil dieser ohne ordnungsgemäße Beleuchtung durch die Gegend zu fahren gewagt hatte.

Ich selbst radelte auch lichtlos und trug zudem noch, in Ermangelung von Taschen oder eines Gepäckträgers, zwei gebrannte CDs in der Hand, deren Inhalte nicht auf „rechtem“ Wege zu mir gelangt waren. Die Aussicht auf ein Strafgeld wegen meines verkehrsunsicheren Gefährts und auf einen Besuch diverser Raubkopiefahnder in meiner Wohnung veranlaßten mich, vorsichtshalber die Straßenseite zu wechseln.

Schon wollte ich mir gratulieren, die Polizisten, welche sowieso durch ihr bisheriges Opfer abgelenkt gewesen waren, clever umfahren zu haben, als ich mich plötzlich inmitten einer Meute aus dreißig grünbetuchten Gesetzesvertretern befand.

Diese hatten mein Ausweichmanöver beobachtet und forderten mich mit bedrohlichen Gesten auf abzusteigen. Ich fuhr nicht nur ohne Licht und war vor einer möglichen Kontrolle geflohen, sondern befand mich nun auch noch auf der falschen Straßenseite. Die CDs hatten sie noch gar nicht bemerkt.

Von allen Seiten vernahm ich nun kritische Kommentare. Was dieses Fluchtmanöver sollte, wollte jemand wissen, wohin ich radelte, warum ich ohne Licht fuhr. Eingeschüchtert behauptete ich, mein Dynamo sei vor wenigen Hundert Metern abgefallen. Tastächlich war meine Beleuchtung voll funktionstüchtig – wenn man vom fehlenden Dynamo absah.
„Warum haben Sie den Dynamo dann nicht dabei?“
„Ich fand ihn nicht – ohne Licht.“

Kritisch beäugten vier oder fünf Uniformierte mein Rad, prüften gewissenhaft jede Kleinigkeit, leuchteten mit Taschenlampen jedes Detail ab, sahen die Lampen, sahen den fehlenden Dynamo, übersahen die defekte Vorderbremse.
Was machten überhaupt 30 Polizisten mitten in der Nacht an diesem Ort? Sicherlich hatten sie Wichtigeres zu tun, als Radfahrer zu belästigen. Und tatsächlich, sie waren abgelenkt, nicht ganz bei der Sache.

Denn noch während sie miteinander diskutierten, bemerkte ich, daß ich nicht mehr beachtet wurde und begann, mich langsam, allmählich, das Fahrrad schiebend, von ihnen weg zu bewegen. Sie hielten mich nicht auf, redeten weiter.

Ich lief, das Fahrrad am Lenker haltend, einhundert, zweihundert Meter. Ständig wollte ich zurücksehen, ob die Polizisten mir hinterherschauten, ob sie gar hinter mir hereilten. Doch ich hielt mich zurück, starrte stur geradeaus, nach vorn – und schob.

Kaum trennte mich eine Kurve von der Polizistenmeute, sprang ich aufs Rad.
„Fickt euch.“, murmelte ich und fuhr eilig davon.

Glücksspiel beim Einwohnermeldeamt

Nachdem ich bei der vorangestellten Informationseinholung äußerst zuvorkommend und freundlich mit nützlichen Auskünften versehen worden war, freute ich mich nahezu auf meinen Besuch beim Einwohnermeldeamt. Doch vor den Pforten des ehemaligen Einwohnermeldeamtes stehend geriet ich in leichte Verwirrung:

Wo war das Amt? Hier befand sich nur ein „Bürgerbüro“, was auch immer sich hinter diesem alles- und nichtssagenden Namen verbergen mochte. Ich lugte hinein und entdeckte eine Tafel mit der Aufschrift „Bitte fragen Sie zuerst an der Information.“

Das zu tun, war ich gewillt. Ich stieg die wenigen Stufen hinauf, um der jungen und einigermaßen attraktiven Informationsdame mein Anliegen vorzutragen. Scheinbar war ich richtig, scheinbar hieß das Einwohnermeldeamt jetzt ganz zwanglos Bürgerbüro – denn die junge Dame reagierte prompt, riß eine Nummer von einer Rolle ab und reichte sie mir: 38.

Ich begab mich in den Warteraum und fand einen freien Platz. Auf der Anzeigetafel leuchtete eine rote 18.

Obwohl ich bei Ämtern prinzipiell grenzenlosem Optimismus fröne und vor Betreten des meist übervollen Wartesaals die stets unpassende Ansicht vertrete, nur wenige Augenblicke mit Warten verbringen zu müssen, fühlte ich weder Enttäuschung noch Überraschung, als ich feststellte, daß ich noch 20 vor mir Aufgerufene abwarten mußte.
Ich hatte ja mein Buch.
Und den Kassenautomaten.

Die früher „menschliche“ Kasse war gegen einen Automaten ausgetauscht worden. Wenn man also aufgerufen wurde und sich zu einem Schalter begab, um irgendetwas zu beantragen, bekam man dort eine Plastikkarte mit integriertem Chip gereicht. Dann hatte man sich zurück in den Warteraum zum Kassenautomaten zu begeben, um dort die Karte einzuführen und den auf dem Display erscheinenden Betrag zu bezahlen. Als Dank dafür bekam man Wechselgeld in Münzen und zwei Quittungen – eine für den Eigenbedarf und eine, die man der Sachbeabeiterin am Schalter reichen sollte, die dann den gestellten Antrag komplettierte und versandfertig machte.

Gerade stellte ich mir die Frage, was wohl passieren würde, wenn der Automat seinen Dienst verweigerte, als eine korpulente Frau mit erstaunlich fröhlichem Lächeln auf dem Gesicht an den Metallkasten herantrat und die Karte einführte. Jedoch spuckte der Automat diese sofort wieder aus. Verdutzt, aber ohne ihr Lächeln zu verlieren, stellte die Frau ihre Handtasche auf einen leeren Stuhl und kramte darin nach ihrer Brille. Mit stärkerer Sehkraft bewaffnet wagte sie einen zweiten Versuch und schob die Karte wieder in den dafür vorgesehenen Schlitz. Einen Augenblick später war die Karte schon wieder draußen.

Noch immer lächelnd begab sie sich zur Information, befragte die schon erwähnte Informationsdame:
„Was muß ich tun, wenn der Automat die Karte nicht will?“
„Rubbeln.“, war die Antwort.

Die Informationsdame nahm ihre Karte, rieb sie eine Weile am rechten Hosenbein ihrer Jeans, trat an den Automaten, schob sie hinein – und wunderte sich, daß sie wieder hinausglitt. Ein zweiter Versuch lieferte das gleiche Ergebnis. Doch wenn die Informationsdame „Rubbeln“ sagt, meint sie es scheinbar ernst: Eine geraume Weile rieb sie die Karte an den Ärmeln ihres Wollpullover. Jetzt aber.

Karte rein. Karte raus. Karte rein. Karte wieder raus. Mist.
Eine zweite Kartenbesitzerin trat herbei, wünschte ebenfalls zu zahlen. Die Informationsdame hatte einen Geistesblitz: Sollte doch die andere ihr Glück versuchen. Sie versuchte. Karte rein. Karte raus.
Ratlos holte die Informationsdame Hilfe, ließ die beiden Kartenbesitzerinnen planlos zurück. Die neu Hinzugetretene probierte es erneut, hatte die vergeblichen Vorversuche nicht mitbekommen. Karte rein. Karte raus. Sinnlos.

Ein Mann trat herbei. Scheinbar hatte er die technisch hochwertigen Worte der Informationsdame vernommen, denn er rieb seine Karte emsig am Hosenbein. Auch er versuchte sein Glück, steckte die Karte in den Automatenschlitz – und sah sie wieder herauskommen. Doch er gab nicht auf. Fast schon wahnhaft rieb er nun seine Karte auf seinem Bauch herum, besser: an seinem gelben Poloshirt. Das mußte doch gehen!
Ein erneuter Versuch. Wer wagt, verliert. Alles Rubbeln nützte nichts, die Karte kam zurück. Der Mann resignierte.

Hilfe eilte herbei. In Form einer Dame mittleren Alters, mit einem Schlüssel bestückt. Diese öffnete den Automaten, friemelte ein wenig in den Innereien herum, zerrte eine Tastatur heraus, startete ihn neu. Ihr Bemühen wirkte ziellos, planlos.
Sie schloß den Kassenautomaten, griff sich die nächstbeste Karte, schob sie ein. Sie kam zurück. Wer hätte das gedacht.

Mittlerweile hatte sich um den Automaten eine Menschentraube zahlungswilliger Kartenbesitzer gebildet. Doch der Automat verweigerte sich ihnen. Eine zweite Hilfe eilte hinzu, doch redete nur, ohne etwas zu bewirken. Der Automat weigerte sich weiterhin. Der Mann mit dem gelben T-Shirt probierte es erneut. Er schien ein sturer Kopf zu sein. Doch selbst das half nicht: Als er seine Karte hineinschob, wurde sie umgehend wieder ausgeworfen.

Und wieder bekam die Menschenmasse Zulauf. Eine etwa 35jährige Frau mit blondiertem Haar stellte schüchtern die Frage, ob denn auch sie es versuchen könnte. Bereitwillig wurde sie durchgelassen. Warum nicht? Die anderen hatten ja nichts zu verlieren.
Die blonde Frau wagte ihr Glück. Der Kassenautomat mutierte zum Glücksspielautomat. Karte rein. Bingo!

Tatsächlich behielt der Automat die Karte. Die blonde Frau freute sich wie über einen Hauptgewinn, als sie ihren Geldbetrag einzahlte. Im Gegenzug rasselte der der Blechkasten wie bei einem Jackpot: das Wechselgeld.

Froh und sichtlich erleichtert verließ der Blondine den Wartebereich, ließ die anderen zurück, die nun ebenfalls danach drängten, ihr Glück nochmal auf die Probe stellen zu dürfen. Und siehe da: Plötzlich nahm der vorher so starrköpfige Automat alle Karten an und kassierte, kassierte, kassierte.

Keinen störte es mehr, 26 Euro für einen Reisepaß ausgeben zu müssen, nein, es war ein Segen, die eigenen Geldscheine im Automaten verschwinden zu sehen. Halleluja, der Automat funktionierte! Nimm unser Geld, auf daß du noch ewig funktionieren mögest!

Nur eine Frage verblieb unbeantwortet: Was würde geschehen, wenn der Automat einmal irreparabel funktionsuntüchtig wäre, wenn kein Glücksspiel, kein Zufall alle Ärgernisse ungeschehen machte, wenn die wartenden Bürger keine Gelegenheit bekämen, ihr sündiges Geld loszuwerden…?