Geist

Als ich das Abteil betrat, sahen die beiden alten Leute nicht auf. Eifrig wühlten sie gemeinsam in einer kleinen Tasche und zauberten eine Zeitung und ein Buch hervor. Ich setzte mich, nahm einen Viererplatz in Beschlag und überlegte, in welche Richtung der Zug fahren würde.

Die beiden Alten nahmen keinen Anstoß an meinem Platzraub, an meinen Schuhen auf der Sitzkante, vertieften sich in ihre Lektüre. Heimlich schaute ich hinüber. Keinerlei Reaktion erfolgte. Ich blickte offensichtlich hinüber, wendete demonstrativ Kopf und Oberkörper in ihre Richtung, starrte sie aufdringlich an. Die alte Frau drehte sich zu ihrem Mann und murmelte ein paar Worte. Er antwortete, sie lachte, las weiter. Ich bin ein Geist.

Mein Schnupfen machte sich bemerkbar, machte mich bemerkbar. Ich nieste lautstark. Mehrmals. Anschließend vernahm ich nur Stille, keine Genesungswünsche, keine Regung, keinen Laut aus den Mündern der Alten. Selbst als ich mir die Lunge aus dem Hals hustete, als ich mich keuchend an der Lehne festkrallte, um nicht von mir selbst vom Sitz zu gerissen zu werden, als mir jede Luft zum Atmen fehlte und ich im Geiste flehte, daß dieser Hustenanfall vorbeigehen möge, blickten die beiden Alten nicht zu mir herüber. Ich war unsichtbar.

Heimlich faßte ich in mein Gesicht, tastete nach meinem Leib, befürchtete, mit der Hand hindurchzugleiten. Doch ich spürte mich, war noch da.

Die Alten erhoben sich, halfen sich gegenseitig beim Bekleiden. Sie sahen zu mir – doch sahen mich nicht. Als sie ausstiegen, fragte ich mich, wo ich bin. Noch immer hier?

Ich sah mich, meinen Körper, fühlte mich, konnte mich atmen hören. Verweilte ich noch in dieser Welt? Oder war ich unsichtbar, für mich allein zu sehen, ein Geist, ein Dämon gar?

Der Schaffner trat ins Abteil, wünschte meine Fahrkarte zu sehen.

Ich atmete auf: Ich war noch immer hier.

Vergessene Welten

Gerade eben setzte sich sich der Zug behäbig in Bewegung, begann beschleunigend die Fahrt in meien zweite Heimat. Das Bahnhofsgelände rauscht außen vorbei; ich sehe aus dem Fenster und begegne fremden Welten.

Dieser Bahnhof besitzt zwei Seiten. Die erste kenne ich gut. Unzählige Male hielten sich meine Blicke an den bekannten Gebäuden fest, erfreuten sich heimkehrend der restaurierten Fassade der Bahnhofshalle. Die zweite Seite jedoch verbirgt sich, verblieb bislang unbekannt.

Auf rostenden Gleisen stehen wuchtige Lokomotiven, deren roter Lack allmählich abzublättern beginnt. Unzählige Masten und Signale bilden einen wirren Wald aus Metall. Zerfallene Backsteinbauten stehen herum, mit längst veralteten, verrottenden Schildern bestückt. Überall wuchert wild das Unkraut, entfaltet sich in unkontrollierter Freiheit.

Hinter den Gleisen stehen Häuser. Ihre Scheiben sind längst erblindet oder von Steinen zerschmettert. Grau und tot präsentiert sich das dreckverkrustete Mauerwerk, zeugt von Vergessen. In Reih und Glied warten sie neben den Gleisen wie Veteranen längst verlorener Kriege. Ich kenne sie nicht.

Vielleicht tummelte sich einst Leben in ihnen, Arbeitende, Maschinen, menschliche Stimmen, zu Gelächter geformt, die üblichen Wünsche und Sehnsüchte in den Köpfen träumender Wesen. Vielleicht waren sie einst wichtig, stolze Bestandteile des Bahnhofs, bedeutend für den seinen Betrieb, unentbehrlich für seine Funktionalität.

Heute jedoch wirken sie traurig, leer und kalt, einer Geisterstadt entnommen. Ich entdecke einige Buchstaben – eine einstige Beschriftung vielleicht – doch vermag ich sie nicht zu entziffern, kann mich nicht erinnern, die zweite Seite des Bahnhofs jemals zuvor entdeckt zu haben.

Schon länger bewohne ich diese Stadt, wandle durch ihre Adern, kenne Bauten, kenne Bewohner. Doch die Welt hinter dem Bahnhof kenne ich nicht.

In meinem Kopf befrage ich den Stadtplan, orte den geheimen, vergessenen Bezirk. Schon oft verweilte ich hier, lief durch die Straßen, fuhr zu wichtigen Zielen. Doch niemals zuvor sah ich diese Häuser.

Nur wenige Straßen weiter erblicke ich weitere Gebäude, Wohnhäuser. Ich erkenne sie wieder, glaube mich an einen Mieter erinnern zu können, fände sie sofort, müßte ich danach suchen. Aber das vergessene Zwischenreich, die ungesehene Welt hinter dem Bahnhof, vermag ich nicht zu fassen.

Für einen Moment bedrängt mich der Wunsch auszusteigen, zu erkunden, was längst dem Verfall überlassen wurde, der Wunsch zu entdecken, was so geheim, so fremd, auf der Bahnhofsrückseite verweilt, will berühren, was sich so geschickt vor meinen Blicken verbarg. Schon stehe ich auf…

Am Fenster rauscht die Außenwelt vorbei. Längst liegt die zweite, die myteriöse, Seite des Bahnhofs Kilometer hinter mir. Ich setze mich wieder, versinke im Sitz, in meine Gedanken.

Die Lautsprecherstimme weckt mich. Ich bin bereits am Ziel. Als ich mich erhebe, mir meine Jacke überwerfe, erhasche ich, kurz bevor der Zug zum Stehen kommt, einen Blick nach außen – auf eine weitere Welt jenseits des Bahnhofs, jenseits menschlicher Erinnerung.

Fassunglos steige ich aus, fliehe in die Wirklichkeit.

Mein Bild in deinem Kopf

In deiner Gegenwart fühle ich mich falsch. Wenn ich meinen Mund öffne, spüre ich, daß die Worte, die mich verlassen, dich nie erreichen werden. Dein Ohr verdreht sie. Ein Vorwurf liegt in der Luft, eine Rechtfertigung, eine Erklärung für Dinge, die keiner Erlärung bedürfen, eine Verteidigung meiner Gedanken, obwohl ich mich nicht verteidigen möchte. Und jedes neue Wort gesellt sich zu den alten, rückt mich in eine Ecke, in die ich nicht gehöre. Blind und taub siehst du mich an, hörst mir zu, nimmst mich nicht wahr. Du nimmst nicht wahr, was dich zu erreichen sucht, Gedanken äußert, die nicht in deinen Schädel passen. Ich lächle – wie immer – mit guter Miene zum öden Spiel, fühle mich verletzt, weil dir Verständnis fehlt. Ich erkläre mich, wieder und wieder, versuche es, geduldig. Du drängst mich zurück, ich suche Schutz, finde keinen. Deine Antwort peitscht mir entgegen, zeugt von Unverständnis. Und schmerzt. Mein Bild in deinem Kopf peinigt mich.
Als du gehst, sinke ich zurück. Erleichtert, verwirrt, betrübt.

Die bösen Medien und das Volk

Die intensive Beziehung zwischen Politik und Medien ist längst bekannt und anerkannt. Niemand wundert sich mehr darüber, wenn ein Kanzler Schröder gewinnend in die Kamera lächelt, wenn das Treffen bedeutsamer Staatsmänner medienintensiv ausgeleuchtet wird, wenn der US-Präsidentschaftskandidat ein Kleinkind in den Armen hält oder über die neueste Frau des Außenministers hergezogen wird. Medien sind Teil der Politik, sorgen als Informationsübermittler dafür, daß politische Entscheidungen dem gemeinen Volk nahegebracht werden.

Daß dadurch den Medien große Macht innewohnt, dürfte auch niemanden mehr überraschen. Einseitige Berichterstattung, polemisierende Schlagzeilenrhetorik, imagevernichtende Privatgeschichten der Volksvertreter – die Liste der Möglichkeiten, durch Medien bestimmte Meinungen zu bilden, ist lang. In den letzten Jahren jedoch setzte sich eine Art der Meinungsbildung durch, bei der das Volk als richtungsweisender Souverän bewußt außen vor gelassen wurde. Medienspektakel zelebrierten Negativereignisse und stellten mit riesigen Lettern die Frage, wann endlich etwas dagegen geschehen würde.

Die Politik reagierte prompt – mußte ihr Gesicht wahren, initiierte Presseversammlungen, Gesetzesentwürfe und zuweilen auch -änderungen. Den Medienstimmen wurde genüge getan, ein Opfer dargebracht. Das grausame Raubtier Meinungsbilder jedoch sucht bereits nach dem nächsten Stück Fleisch, auf das zu stürzen sich lohnen könnte – natürlich in Abhängigkeit von Auflagenstärke und Einschaltquoten.

Jedoch stellt sich die berechtigte Frage, inwieweit der Medienrummel überhaupt politisierend sein darf.

Wenn unkontrollierbare Wolfsnachfahren Menschen verletzen, inszeniert die Medienlandschaft ein Bild aus Schrecken und Bedrohung – Kampfhundgesetze werden gefordert. Die Menschmassen ist alarmiert, reagiert entsetzt, wendet sich an die Politik. Doch auch die Politker lesen Zeitung, sehen ihr Image in Gefahr, beratschlagen.

Wenn möglicherweise verfassungswidrige Gruppierungen zu Volksvertretern mutieren, stöhnen alle Medien, erinnern zaunpfahlwinkend an die blutige Geschichte der Nation und fordern Gegenmaßnahmen. Das Volk ist polarisiert, die Politik erst recht. Beschränkungen der Versammlungsfreiheit werden ausdiskutiert; der Verfassungsschutz läßt sein wachendes Auge kreisen.
Wenn dem einstmals befreundeten Ausland Terrorgefahr zu drohen scheint, spielen die Medien bewußt und manipulativ mit Angst und Schrecken, schüren das alte Feuer der Angst. Der Terrorismus muß bekämpft werden – auch im eigenen Land, wenn möglich präventiv. Die Politik reagiert. Die zitternde Masse dankt für Maßnahmen, die sie in friedlicheren Zeiten als Bedrohung empfunden hätte.

Wenn in den Vereinigten Staaten eine Komapatientin, deren gehaltlose Scheinexistenz nur noch von Maschinen ermöglicht wird, aufgrund des Willens des Ehemannes, vielleicht gar aufgrund ihres eigenen Willens, von ihrem Dasein erlöst, ihres Lebens beraubt, werden soll und ihre Eltern sich hilfesuchend an höhere Politiker, gar an den Präsidenten selbst, wenden, dann ist die Zeit gekommen zu handeln. Zugunsten eines einzigen Menschenlebens werden die Belange von Millionen vernachlässigt – das sensationsheischende Medienauge übt Zwänge aus, denen man sich nicht zu entziehen vermag. Die Politik muß eilig reagieren; in höchster Geschwindigkeit wird die unfreie Meinung des Volkes durch entsprechende Gesetze untermauert: Terri Schiavo soll leben, egal ob sie es wollte oder nicht. Hugh, die Medien haben gesprochen.

Groß ist die Gefahr des Mißbrauchs; leicht kann die wankende Meinung in falsche Richtungen neigen, von Medien auf falsche Wege gelenkt werden. Medienfreiheit darf nicht beschränkt werden. Jegliche Verantwortung aber liegt auf Seiten des Konsumenten.

Ein trauriges Schicksal: Der blonde, blauäuige Peter Stein wurde von einem bösartigen Vetreter jüdischen Glaubens mißbraucht und brutal zerstückelt. Auf allen Fernsehsendern sieht man die reindeutschen, blutveschmierten Körperteile und das grimmige Antlitz des hinterhältigen Juden.

„Hitler hatte recht!“, proklamieren die Medien, „Die Juden sind unser Unglück!“.

zu dir

mit gehauchtem kuß
ein lächeln
in dein antlitz
zu flüstern
dinge zu spüren
die keine namen haben
atemlos deinem atem
zu lauschen
dich zu kennen
als wärest du ich
dich zu betrachten
als fühlte ich
mein herz
in deiner brust

mit schlendernden schritten
der sonne entgegen
ins nichts
ins alles
zu dir.

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