Eindringlinge

Da mir die Vorstellung gefiel, inmitten von Vogelgezwitscher und Sonnenschein den eigenen Gedanken hinterherzuhorchen, hatte ich mir ein wunderschönes Plätzchen am Elbufer ausgesucht, an dem ich es mir gemütlich machte. Ich zückte mein kleines Notizbuch, einen funktionsfähigen Kugelschreiber und schrieb munter drauflos, sinnierte über Liebe, über Abhängig- und Unvollständigkeit. Hin und wieder klackerten hinter mir ein paar Nordic Walker den Kiesweg entlang, unterhielten sich zu laut, übertönten sogar das Dröhnen des tschechischen Lastschiffs, das langsam vorbeikroch. Ich schrieb, hielt inne, schrieb weiter, hörte mich im Kopf die eigenen Worte dozierend verlesen, lächelte bei diesem Gedanken, lächelte ob meiner guten Laune und der angenehmen Umgebung.

Dann hörte ich Stimmen.
Die Zeit war wie im Flug vergangen; eine Stunde lang hatte ich nur dagesessen, geschrieben und zuweilen selig auf die Elbe gestarrt. Doch nun hörte ich Stimmen. Sie kamen rasch näher.
‚Die werden doch nicht…‘, dachte ich.
„Da sind schon Leute.“, hörte ich.
‚Leute?‘, dachte ich und erwiderte das begrüßende Kopfnicken der Neuankömmlinge so freundlich, wie es jemand vermochte, der soeben aus tiefsten Gedanken gerissen worden war und nun keine Möglichkeit mehr sah, dorthin zurückzukehren.

Die beiden Störenden hielten sich an den Händen, tauschten intensive Blicke. Ich hatte wohl ihren romantischen Stammplatz belegt. Das jedoch störte sie nicht; sie entfalten eine karierte Kuscheldecke, ließen sich darauf nieder und kuschelten sich eng aneinander, begannen, sich zu küssen, zu streicheln.

Ich sah weg, wollte nicht länger hier sein, versuchte vergeblich, mich unsichtbar zu machen. Noch ein paar abschließende Worte träufelten aus meinem Geist aufs Papier, bis ich es nicht mehr aushielt.

Ich habe nichts gegen Liebe, gönnen jedem Liebenden das persönliche Glück, freue mich gar, wenn Paare ihre tiefe Zuneigung zueinander zum Ausdruck bringen. Doch mich stört es, wenn mir derartige Liebesbekenntnisse aufgedrängt werden, ohne daß ich ihnen angehöre, wenn ich meiner kleinen Eigenwelt entrissen werde, um in den Strudel einer fremden zu geraten, deren Teil ich nicht sein möchte, nicht sein sollte. Mich stört es, wenn ich mich an scheinbar wohligem Platz plötzlich überflüssig fühle, wenn mir deutlich gemacht wird, daß ich, in dessen heimliches Reich andere eingebrochen waren, auf einmal als Eindringling gelte, obwohl ich nichts weiter gesucht hatte als stille Abgeschiedenheit und die Stimme meiner eigenen Gedanken.

Die Stimme war verstummt, durch fremde ersetzt worden.
Ich klappte mein Notizbuch zu, zog die Schuhe an, stieg auf mein Rad und raste von dannen…

Generationsgedanken

Mitten in der Nacht erwachte ich, von abstrusen Gedanken geplagt. Einer davon lautete derart:

Da es im allgemeinen üblich ist, Dinge und Personen bestimmten Schubladen zuzuordnen, sollte das doch ebenso mit Personengruppen funktionieren, die nichts weiter verbindet als die zufällige Gleichheit des Geburtszeitraumes.

Es wurden bereits mehrfach Versuche unternommen, Generationen zu benennen, albernen Überschriften unterzuordnen, als wären alle im selben Zeitraum Geborenen unverwechselbar gleich, mit den gleichen politischen und sozialen Umständen aufgewachsen und hätten demnach allesamt dasselbe erlebt und zu erzählen.
‚Generation Golf‘ und ‚Generation iPod‘ stellen solche Versuche dar.

Doch das ist noch steigerbar.
Auch muß man sich nicht die Mühe machen, kreative Ideen fließen zu lassen und alle einer Generation Angehörigen bestimmten Produkten oder Werten zuzuordnen.

Einfacher wäre es doch, durchzunumerieren oder besser: durchzualphabetisieren.
Irgendwann beginnt man mit „A“, bezeichnet wahllos eine Generation als „Generation A“ und nennt die danach folgende „B“, die darauffolgende „C“ usw.

Bleibt die Frage, wo man beginnen sollte, da es irgendwie vor jeder Generation schon einmal eine gegeben haben muß. Das alte Huhn-oder-Ei-Problem.

DIe Lösung ist einfach:
Ich möchte, daß meine Generation mit „D“ klassifiziert wird.
Ich bin ein Teil der D-Generation.

[Im Hintergrund: Tool – „Aenima“]

Keine Zeit

Als Reaktion auf einen Weblogeintrag bei Irgend Link kamen mir folgende Worte in den Sinn:

Ich urlaubte schon dreimal auf der Insel Kreta. Ich würde gern behaupten, ich verweilte abseits touristischer Einflüsse, aber das wäre eine Lüge. Aber ich war in einem Dorf, wo keine Monsterhotels standen und nur zwei Souvenirläden existierten.
Ich bewunderte in diesen Urlauben immer wieder die griechische Gelassenheit, die Ruhe, mit der sie alle ihre Tätigkeiten angehen. Das färbte sich ab.

Zumeist hielt die Abfärbung nicht lange. Kaum war ich in heimtliche Lande zurückkehrt und ein paar Tage der Hektik anderer ausgesetzt gewesen, verlor ich alle aufersehnte Gelassenheit, alle Ruhe.
Nun aber, nachdem ich drei Mal dort verweilte, nachdem ich mein Grundstudium längst hinter mir ließ und mich immer wieder frage, ob mein Weg denn der richtige sei und beruhigt feststelle, zu keiner Lösung kommen zu können, bemerke ich die Gelassenheit in mir.

Ich trage keine Uhr. Zu terminlichen Verpflichtungen versuche ich selbstverständlich pünktlich zu sein, doch lasse es mir nich nehmen, vorher in Ruhe zu lesen oder zu frühstücken. Es gibt keinen Grund, sich über einen verpaßten Bus zu ärgern oder mit dem Auto waghalsig durch die Innenstadt zu düsen – nur um fünf Minuten eher vor dem heimischen Fernseher sitzen und Sendungen wie „Die Burg“ schauen zu können.

Es ist das Wissen, daß alles seinen Weg gehen wird, daß es keinen falschen Weg geben kann, einfach weil das eigene Leben nur über einen Weg verfügt und keine Möglichkeit besteht, zurückzugehen und anders zu wählen oder zu schauen, was bei anderen Daseinsvarianten herausgekommen wäre.

Ich will nicht behaupten, daß deswegen alles prinzipiell richtig ist; aber ich habe aufgehört, mich um vieles zu grämen.
Beispielsweise studiere ich ein Fach, das zwar interessant ist, aber mich zuweilen nervt und zweifeln läßt, ob ich in späterer Berufswelt mich mit derartigem auseinandersetzen möchte. Ich beschäftige mich mit anderem, nebenbei, und freue mich darüber, in Zukunft, wenn ich mein Studium abgeschlossen haben werde, nicht nur einen [den geradlinigen], sondern unzählige Wege vor meinen Füßen liegen zu sehen. Und jeder ist irgendwie der Richtige.

Das nimmt mir zuweilen viele Ängste und schenkt eine Ruhe, die mir das Gefühl gibt, von der Welt um mich herum abgeschottet zu sein, in Eigenzeit eingeschlossen, die langsamer verläuft, doch mehr Platz hat für mich selbst…

Und noch während ich das schreibe, rennt meine Mitbewohnerin mehrmals hektisch an meinem Zimmer vorbei. ‚Keine Zeit!‘, murmelt sie, als ich sie verwundert anblicke…

Straßenbahnerlebnisse 6

Ich stieg aus.

In Indien ist es nicht üblich, den eigenen Kindern beizubringen, daß man zuerst die Leute aus der Bahn herauszulassen habe, bevor man selbst einsteigt. In Deutschland schon. Ob das gut ist oder nicht, weiß ich nicht.

Festzustellen war jedoch, daß sich, als ich versuchte, aus der Straßenbahn auszusteigen, mich mit einer vielköpfigen Menschenmasse konfrontiert sah, die in kompletter Form in die Bahn hineinzugelangen versuchte. Dabei war wichtig, dem Nebenmann keinen Zentimeter Platz zu gönnen; vielleicht wäre er sonst derjenige, der den letzten freien, guten Sitzplatz vor der eigenen Nase wegschnappte.

Die Masse drängte hinein; ich wollte hinaus, stand schon der Tür, doch gleichzeitig auch vor einem nahezu undurchdringlichen Hindernis. Der Menschenleiberpulk wurde angeführt von einer ganz in Schwarz gekleideten, beleibten jungen Dame, die ihre Handtasche wie einen Schild vor sich hielt. Auch die Handtasche war schwarz. Allerdings hatte sich der Designer der Tasche wohl gedacht, daß Schwarz allein wenig Stil mit sich bringe und etwas Buntes, Glitzerndes, Witziges, Frisches, Peppiges hinzugefügt werden müßte. Und so funkelten auf der Tasche in riesigen pinkfarbenen Glitzerbuchstaben die Worte „PINK BAG“. Ich schaute hin, wunderte mich, schaute nochmal. Tatsächlich; die Tasche war noch immer schwarz, tiefschwarz, und einzig die alberne Glitzerbuchstaben verfügte über eine Pinkfärbung.

‚Haha!‘, wollte ich denken, als die Menschenmasse über mich hereinbrach, mich überrollte, mich in die Bahn zurückdrängte, auf die freien Sitzgelegenheiten quoll, hastete, als gäbe es nichts Wichtigeres.

Ich floh, eilte durch den Wagon nach hinten, zur letzten Tür, stieg aus, frei, unbelästigt, unbehelligt, ohne Platznot, mit dem Bild einer schwarzen Handtasche im Kopf, die von sich behauptete, pink zu sein.

Mit mir zusammen stieg eine ältere Frau aus, welche die Sechzig schon überschritten hatte. Ihre letzten Worte an den gerade verabschiedeten, scheinbar befreundeten Fahrgast waren:
„Ich schreib dir ne Mail.“

Verdutzt blieb ich stehen, sah der grauhaarigen Dame nach und bemerkte nicht, wie sich hinter mir die Türen schlossen und die Straßenbahn davonfuhr.

Das Wort des Tages 14

Das Wort des heutigen Tages sei
Geifer.

Bevor ich die geifernden Stimmen aus dem imaginären Publikum vernehme, die sich darüber auslassen, wie eklig dieses Wort doch sei, biete ich eine kleine Erklärung an:

Ich wohne im Dachgeschoß. Dächer verfügen über die zuweilen unerfreuliche Eigenschaft, sich in den oberen Regionen eines Bauwerkes aufhalten zu wollen, weswegen meine Etage nur über inexistente Fahrstühle oder unzählige Treppenstufen erreichbar ist.

Einhundertunddrei. 103. Das ist die Zahl der Stufen, die ich täglich mehrfach begehe. Hoch und runter. Runter und hoch.

Wenn ich mich beeile, schaffe ich es, in weniger als zwei Minuten den Müll runterzubringen. Wenn ich aber einen schlechten Tag erwische, benötige ich deutlich länger, krieche die einzelnen Stufen herauf, schleiche mühevoll an von der Putzfrau übersehenen Einkaufszettelfetzen und unter das Geländer geklebten, durchgekauten Hubbabubba-Kaugummis vorbei, ärgere mich über den gehässigen Feuermelder, der mir anzeigt, daß ich noch zwei weitere Etagen, also vierzig unüberwindbare Stufen, zu erklimmen habe.

Heute war kein schlechter Tag, doch meine Mitbewohnerin begleitete mich, vom Mensaessen gesättigt und mit innerer Trägheit überflutet. Den Wohnungstürschlüssel in der rechten Hand haltend [Ich hatte meinen versehentlich vergessen.] schlich sie die Stufen hinauf, bei jedem Treppenabsatz aufstöhnend.
Ich hatte genug Zeit, nebenbei den prozentualen Anteil bereits hinter uns gebrachter Stufen zu dem noch zu besteigender im Kopf ins Verhältnis zu setzen und mit allerlei Zahlen zu jonglieren, die Namensschilder der unter uns Wohnenden intensiv zu betrachten, den orangfarbenen Kaugummi einer gründlichen Musterung zu unterziehen und die Dreckkrümel auf dem Boden zu zählen.

„Was ist DAS!?“, fragte meine Mitbewohnerin angewidert und deutete auf einen schwarzen Fleck am Boden.
Im ersten Augenblick hielt ich es für Schmutz, für irgendeine organische Flüssigkeit, die sich nach mehreren Tagen in eine feste, schwarze Substanz verwandelt hatte.

„Ein Brandfleck?“, mutmaßte meine Mitbewohnerin.
Ich gab ihr recht, denn tatsächlich sah der schwarze Fleck aus, als wäre er eingebrannt worden. Nun ja, nicht ganz, eher, als wäre das Linoleum der Treppenstufe kurz Zeit großer Hitze ausgesetzt gewesen – allerdings nur an dieser einen Stelle, deren Durchmesser vielleicht drei Zentimeter betrug.

‚Säure!‘, dachte ich plötzlich, stellte mir vor, wie ein verrückter Wissenschaftler mittels einer Pinzette ein paar Tropfen hochkonzentrierter Schwefelsäure auf den Boden träufelte und wohlig sabbernd die vom verkohlten Linoleum aufsteigenden Dämpfe inhalierte.

Moment. Sabber? Säure? Da war doch was!?
Na klar: Aliens!

Und nun war alles klar.
Kein Brand, keine verderbliche Flüssigkeit, kein verrückter Wissenschaftler hatte zur Entstehung des mysteriösen schwarzen Flecks beigetragen. Nur ein riesiges, häßliches, von Sigourney Weaver verschontes Alienmonstrum, das im Treppenhaus heimlich arglosen Mietern aufgelauert und dabei seinen ätzenden Geifer auf irgendeiner der 103 Stufen verteilt hatte…

Und schon setzte sich das Wort Geifer in meinen Schädel und verleitete mich zu der Feststellung, daß es nicht nur einen interessanten und ungewohnten Klang besaß, sondern unbedingt zum Wort des Tages gekürt werden sollte.

Allerdings werde ich wohl in der nächsten Zeit nicht mehr Rad fahren. Wer weiß, was sich im Fahrradkeller versteckt…

Begleitservice

Eine meiner Aufgaben als Zivildienstleistender im Krankenhaus war es, Patienten zu Röntgen, Computertomographie, Ultraschall etc zu begleiten. In den meisten Fällen war das nötig, wenn der Patient sich alleine nur mühsam oder unsicher [oder gar nicht] fortbewegen konnte oder die Gefahr einer Irrwanderung inerhalb des riesigen Krankenhauskomplexes bestand.

Diese bestand immer. Meine ersten Wochen als Zivildienstleistender waren ein navigatorischen Greuel. Auf meine Orientierungsfähigkeiten war noch nie sonderlich Verlaß gewesen, doch die Ratschläge der wegweisenden Schwestern taten ihr Übriges, um mich komplett zu verwirren. Schließlich waren die meisten genannten Wegziele seit Jahren schon nicht mehr nicht dort anzutreffen, wo sie nach Meinung der Wegweisenden hätten sein sollen. Unterwegs irgendeine weißbekittelte Gestalt zu fragen, war zum einen einigermaßen respektlos [Ich war nur Drecks-Zivi, und bei meinem Gegegnüber konnte sich womöglich gar um einen Chefarzt oder Professor – oder beides – handeln…] zum anderen aber auch erstaunlich erfolglos.

Die wenigsten Krankenhausangestellten wußten tatsächlich wo das Röntgen war, wo ich neue weiße Wäsche bekam, wohin man sich wenden mußte, wenn man diesem oder jenem Arzt etwas zu überreichen hatte.

Ich fragte mich durch – andere Zivis halfen weiter -, suchte, probierte, riet. So viel hatte ich nicht zu tun, als daß ich nicht das ganze Gebäude allmählich durchstöbern konnte. Tatsächlich schlenderte ich eines Tages gelassen den Hauptgang entlang, als mir meine vorgesetzte Oberschwester über den Weg lief, mich herumschlendern sah und verbissen fragte:
„Sie haben wohl nichts zu tun, oder wie?“

Ich hatte tatsächlich nichts zu tun, wenn man von einem Gang zur Apotheke absah, nach dessen Rückkehr mir Langweile drohte. Doch ich schwieg, zeigte auf die Apotheke. Zuzugeben, daß man nichts zu tun habe, konnte desaströs enden.
„Naja, denn…“, giftete die Oberschwester und eilte von dannen. Sie hatte es immer eilig. War immer gestreßt. Und sie konnte mich nicht leiden.

Dazu gab es auch allen Grund; schließlich neigt ein gelangweilter 18Jähriger in einem zehngeschössigen Bauwerk schon einmal dazu, sämtliche Knöpfe im Fahrstuhl zu drücken, bevor er hastig aussteigt – und gerade noch sieht, wie die Oberschwester diesen Fahrstuhl betritt und ihm einen mißtrauischen Blick zuwirft, der später in eine unangenehme Unterredung münden sollte…

Einer der unangenehmsten Wege, die ich innerhalb des Krankenhauskomplexes zu erledigen hatte, war der Auftrag, eine beleibte Frau aus arabischen Landen zum Röntgen zu bringen. Diese verstand zwar kein einziges Wort Deutsch, war aber immer sehr freundlich gewesen und hatte ständig versucht, allen Krankenschwestern, Ärzten und Zivis ihre nicht unbedingt wohlschmeckenden Kekse anzudrehen.

Der Weg zum Röntgen dauerte seine Zeit. Ging ich alleine, konnte ich mit etwa drei bis fünf Minuten Fußmarsch rechnen – ohne Berücksichtigung der Auf-Den-Fahrstuhl-Wartedauer. Mit Patienten dauerte der Weg natürlich wesentlich länger; denn diejenigen, die ihn in gleicher Geschwindigkeit wie ich zurücklegen konnten [und davon gab es glücklichereise genug], waren auf meine Begleitung nicht angewiesen. Der Rest brauchte eben eine Weile.

Die Araberin ging langsam, gemächlich. Das hätte mich nicht weiter gestört, wäre sie nicht in ihren Traditionen und Bräuchen verhangen gewesen, die ihr befahlen, aufzwangen, hinter einem Mann [und sei er noch so jung] hinterherlaufen zu müssen, Abstand zu wahren.
Zuerst begriff ich nicht. Ich ging los, doch sie rührte sich nicht, kam erst allmählich nach. Sie bewegte sich langsam; doch wenn ich anhielt, um sie aufholen zu lassen, blieb auch sie stehen.

Wir kamen kaum voran. Schließlich war es meine Aufgabe, die Frau zum Röntgen zu begleiten, nicht wie ein albernes, berädertes hölzernes Kinderspielzeug hinter mir her dackeln zu lassen. Ich hatte den Auftrag, sie zu führen, ihr, wenn nötig, behilflich zu sein.
Doch sie lief hinter mir, langsam. Immer wieder sah ich mich um, lächelte ihr aufmunternd zu. Doch sie sah mich nicht an, ging weiter und weiter, achtete immer auf den Abstand zwischen uns.

Wenn ich um eine Ecke bog, kam sie mir erst nach, wenn sie sicher sein konnte, daß ich weitergegangen war und nicht auf der anderen Seite wartete. Wenn ich jemanden traf, den ich kannte und mit ihm ein paar Worte wechselte, blieb sie stehen, als gehörte sie nicht zu mir, und ich mußte immer wieder zurückschauen, um mich zu vergewissern, daß sei noch hinter mir war.

Ich glaube, daß ich – noch nicht einmal, wenn ich [gegen die Arbeitsauflangen verstoßend] allein ein gefülltes Krankenbett durch die Gänge karrte – noch nie derart lange für den Weg von der Station zum Röntgen gebraucht habe.
Zum Glück sollte ich die Frau nur abliefern, nicht auf sie warten und sie – vorerst – nicht abholen.

Ich hatte mehr als eine halbe Stunde sinnlos vertrödelt, einzig mit Warten, Schauen und langsamem Gehen.
‚Gute Leistung.‘, dachte ich, meldete mich auf Station ab, ging mit meinem Zivi-Kumpel erst einmal eine geschlagene Stunde lang Essen, wohnte dann noch dem ausgiebigen Kaffekränzchen der Schwestern bei und durfte mich dann umziehen, durfte nach Hause gehen.

Auf dem Heimweg jedoch fühlte ich immer wieder den Drang in mir, mich umzudrehen, glaubte einen Schatten hinter mir gesehen zu haben, der mir unaufhörlich, in stetig gleichem Abstand folgte…

Gesammelte Weisheiten

Um mir die Mühe zu ersparen, Einzelkopien anzufertigen, gebe ich hier einfach eine Auflistung aller in meinem alten Weblog gesammelten „Weisheiten“ preis.

plötzlich begriff ich, daß ich nur hier war, um woanders sein zu wollen…
[04.02.2005]

vielleicht ist all dies vergebens gelebte zeit, in der ich nicht in deinem herzen weile…
[06.02.2005]

erwartete worte sind immer zu wenig…
[20.02.2005]

Ich bin kein Pseudo. Ich tu nur so.
[09.03.2005]

„Wenns am schönsten ist, soll man gähnen.“
[Die wahrscheinlich beste Antwort auf die einem willkürlichen Gähnen folgende Frage, ob einem langweilig sei, obwohl einem überhaupt nicht langweilig ist.]
[23.03.2005]

Verlorenes gefunden
Auf Fetzen der Vergangenheit fand ich mein Verlorensein.

[30.03.2005]

Der von mir genutzte Duschkopf speit Wasser aus insgesamt 44 Löchern, die in drei konzentrischen Kreisen zu 8, 16 und 20 Löchern angeordnet sind.
[01.04.2005]

Cocktails ohne Alkohol sind wie Bratwürste aus Tofu.
[04.04.2005]

An Scheißtagen treffe ich auch nur Scheißleute.
[08.04.2005]

Umzug der Vergangenheiten

Der Umzug von myblog.de/morast zu morast.twoday.net gestaltet sich aufgrund des mir eigenen Perfektionismus als einigermaßen aufwändig, bin ich doch willens, mein altes Weblog [Noch immer bin ich mir über das Geschlecht des Wortes „Weblog“ im Unklaren…] nahezu komplett zu übernehmen, was im ersten Moment wenig sinnvoll klingt, weil niemand sich für dreihundert veraltete Einträge interessieren wird, doch für mich insofern Bedeutung hat, als daß unter diesen dreihundert Einträgen viele sind, die mir zusagen, mich bewegen oder mich bewegten. Sie einfach zurückzulassen [Na gut; sie sind auch irgendwo auf meiner Festplatte gespeichert…] gliche einem Verrat am eigenen Schaffen.

Nicht alles, was ich schreibe, denke, kreiere ist wunderschön, lesenswert, perfekt; doch das soll es auch nicht, bin ich doch nur Mensch, nur ich. Doch fand ich beim Importieren einiger „älterer“ [die ältesten sind vom Januar 2005] Texte, die mich dazu einluden zu verweilen, noch einmal zu lesen und in Eigengedanken zu schwelgen.

Schließlich wirken diese eigenen Gedanken, aus dem Blickwinkel der Gegenwart betrachtet anders, fremdartig, als wären sie von anderem verfaßt worden – aber doch noch immer bekannt und nahegehend genug, um zu ergreifen, um Gedanken und Gefühle zu erwecken, um zu berühren, zu erinnern, um zu weiterem Denken zu bewegen.

Ich verliebe mich kurz in meine Zeilentrauer, in mein Wörterlachen, in ein früheres Abbild meiner Selbst, das Ich genug ist, um in meinem heutigen Dasein wiedererkannt zu werden, das mir gleicht bis aufs Detail – und doch abseits steht, ein wenig fremd wirkt.

War ich das, der so dachte? Denke ich noch immer so? Fühle ich noch immer so? Wäre ich imstande, heute, jetzt, ähnlich Bewegendes zu verfassen, ähnlich Schönes/Schlechtes/tragisches/Mitleiderregendes/Langweiliges/…?

Ich glaube nicht; ich glaube nicht, daß ich imstande bin, mich selbst zu kopieren. Doch das ist weniger Ausdruck einer persönlichen Weiterentwicklung [die aber auch stattgefunden haben kann] als vielmehr der Beweis, daß das Schreiben dem Moment entspringt, dem eigenen Inneren, dem Seelenleben, der augenblicklichen Gefühlsslage. In anderen Augenblicken denke ich anders, forme ich andere Worte zu anderen Sätzen, lächle anders, weine anders, bin anders.

Meine Vergangenheit sonnt sich in der Wärme meiner Rückblicke; und mich überkommt das Wissen, daß ich nichts zurücklassen darf, was nicht des Zurücklassens würdig ist.

Viel zu tun; doch ich freue mich darüber, lauert doch hinter allem ein fremdbekanntes Ich, Wortwelten des Gewesenen und trotzdem noch immer Gültigen…