Mailkontakt

Heute verfaßte ich folgende Mail und verschickte sie an drei Emailadressen.

Sei gegrüßt, ehrenwerte A.

Ich könnte sagen (oder besser: schreiben), es nervt, doch das trifft es
nicht. Schließlich nervt es keineswegs, sondern amüsiert mich eher; einzig
die bisherige Ergebnislosigkeit stört mich ein wenig.

Ich fange am besten von vorne an.
Ich heiße Morast und kenne M, der dir hoffentlich ein Begriff
ist [wenn nicht, bin ich vermutlich an der falschen Adresse gelandet – mal
wieder].
Jener M berichtete mir von dir, gab zwar überaus positive, allerdings
auch relativ wenige Worte von sich.
Jener M fragte mich, ob ich daran interessiert sei, dich
kennenzulernen.
Jener M behauptete, einst mit dir sogar auf meiner Heimseite
herumgestöbert, ja sogar ein paar Worte über meine Wenigkeit verloren zu
haben.

Leider war jener M am Tage dieses Dialoges … äh … nicht mehr ganz
bei der Sache, weswegen er, als er mir deine Mailadresse gab, einen
klitzekleinen Fehler hineinbastelte, meiner Ansicht nach ein E vergaß.
Zu Hause angekommen überlegte ich nicht lange und schrieb einfach an beide
– „falsche“ und „richtige“ – Adressen ein paar freundliche Zeilen.
Sofort erhielt ich Antwort – eine Fehlermeldung; die von M
aufgeschriebene Adresse war inexistent.
Die korrigierte Variante mit dem zusätzlichen E allerdings produzierte
niemals eine Antwort.

Ich gab mich damit zufrieden; schließlich konnte dein Interesse aus
verschiedensten Gründen ja durchaus gleich Null sein. Eines Tages jedoch
wurde mir durch eine dritte Person zugetragen, daß M sich bei der
Angabe deiner Mailadresse vertan habe. Nicht gmx sei der Provider, sondern
aol.

‚Nun gut.‘, dachte ich, und schrieb eine weitere Mail an die nun aber
richtige Adresse. Eine Fehlermeldung folgte sofort. Ich gab auf, fragte
M per mail um Rat.
Allerdings wußte ich nicht, daß M mittlerweile keinen Internetzugang
mehr hatte, demnach meine fragenden Sätze nicht lesen konnte.

Letzten Samstag traf ich ihn durch Zufall wieder. Und prompt fragte ich
ihn nach der Mailadresse.
Er konnte sich wieder nicht so recht an die wirklich zutreffende
Mailadresse entsinnen, korrigierte seine bisher gemachten Angaben minimal
und überließ es mehr oder weniger mir, die richtige herauszufinden.
Er scwürde mir eine SMS schreiben, meinte er. Doch bis heute erhielt ich
nichts und glaube auch, daß nichts mehr kommen wird.

Leider besitze ich keine seiner Telefonnummern, um nachzufragen; werde
aber, sollte dieser Versuch wieder fehlschlagen, mir die Mühe machen, die
Nummer über Dritte in Erfahrung zu bringen, um dann zu ihm Kontakt
aufzunehmen und zu hoffen, daß er dann die richtige Mailadresse zu
diktieren vermag.

Ich glaube, daß all das sicherlich einfacher zu lösen gewesen wäre und
weiß noch nicht, inwieweit diese Geschichte, die – wenn ich mir den obigen
Text betrachte – doch schon recht umfangreich geworden ist, positiv
verlaufen wird, doch bin neugierig und amüsiert genug, um das Beste zu
hoffen.

Ein Teil dieser Hoffnung beinhaltet, daß du, so du dich mit diesen Worten
irgendwie angesprochen fühlen solltest, mir eine kleine Antwort zukommen
läßt.

Ich bin gespannt…

Morast

Sofort nach dem Abschicken der Zeilen erhielt ich drei Fehlermeldungen…

Nutzlosigkeiten

Meine Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.
Das Wissen von der Nutzlosigkeit des Wissens von der Nutzlosigkeit meiner Angst ist nutzlos.

Vakuum

der Stille deinen Namen schenkend
der Leere
die im Arm mir schwelt
ein Wattehauch aus Möglichkeiten
vorbei
vergebens
unbeseelt

dein Wortflüster heimlich suchend
trinkend
was im Geiste quellt
im Tanze deinem Fehlen folgend
dem Augenblick
der dich enthält

der Stille deinen Namen schenkend
‚Verbleib!‘
sehnt blasses Ich-Gesicht
ein Zitterfinger sucht Berührung
die leere Form
erkennt mich nicht.

www.bluthand.de

Unter Federn

Tageslicht entweicht in Schatten
Formen geben sich in Grau
ein Gedicht liegt auf den Lippen
lächelnd schweigt das wahre Wort.

Blindheit tobt auf Tränenaugen
Silhouettentanz im Kopf:
ferne Nähe spürt mein Lächeln
lockt ein Flüsterlicht hervor.

Tief geschlossen alle Blicke
Innenpforte öffnet sich
‚Halt mich fest‘
dein zartes Wispern
als das Träumen mich verschlingt.

www.bluthand.de

The Return of the Yellow Zettel

‚Ich werde den gelben Zettel wieder an den Monitor kleben.‘, denke ich mir.

‚“NO!“ soll er schreien, wenn ich mich mit den Weiten des Internets abzulenken versuche.‘
Ein guter Gedanke. Ich krame den Zettel unter einem Berg unbdeutenden Krimskrams hervor, befühle die Klebefläche.
Sinnlos. Sie klebt nicht mehr.

Haftnotizzettel verfügen prinzipiell nur über eine geringe Klebkraft, dessen bin ich mir bewußt. Doch meine scheinen mit einem Minumum an Haftbarkeit auskommen zu wollen. Benachrichtige ich meine Mitbewohnerin mittels derartiger Klebenotizen über einen ihr entgangenen Anruf, kann ich damit rechnen, daß der Zettel wenige Minuten nach dem Befestigen an der Tür auf dem Boden zu finden ist – mit der Schrift nach unten natürlich, damit man nicht auf den Gedanken kommt nachzulesen, was denn darauf geschrieben steht.

Doch geschenkten Haftnotizzetteln schaut man nicht auf die Klebefläche, weswegen ich mich erbarme, ihm, dem erwähnten „NO!“-Zettel, ein zweites Leben zu gewähren, ihn noch einmal an den Monitor zu kleben – und sei es mittels haftunterstützendem Klebestreifen.

Mein Klebestreifen scheint übrigens mit meinen Haftnotizzetteln verwandt zu sein, ist doch die Bezeichnung „Klebe“streifen ein wenig zu euphemistisch. Ich würde behaupten, der Klebestreifen [Mir ist zu Ohren gekommen, daß nur wir ehemalige DDR-Bürger das Wort „Klebestreifen“ benutzen, während es woanders „Tesa-Film“ oder sonstwie heißt – selbst wenn es sich nicht um ein Produkt der Firma Tesa handelt…] haftet etwa so gut wie ein normaler Haftnotizzettel. Wenn überhaupt.

‚Das sollte ausreichen.‘, denke ich und freue mich darüber, mir das Lernen mit eiserner Gewalt aufzwingen zu wollen – schließlich ist es mittlweile nötig, derart zu agieren.

Ich beginne zu wühlen. Das Kuddelmuddel auf meinem Schreibtisch verweigert sich jeder ordnenden Struktur; doch das soll mich nicht von meinem Klebestreifenspenderauffindvorhaben abhalten, soll mich nicht davon zurückhalten, endlich einigermaßen diszipliniert zu lernen. Ich wühle, schiebe Hefter beiseite, den Koran, Federtaschen, Gläser, eine halbvolle [wie optimistisch…] Cola-Flasche, das Telefon, eine Fernbedienung, Lineale, Zeichnungen, Briefumschläge, Kalender, Aufkleber, Telefonrechnungen, Folien, Disketten, Lesezeichen, …

Kein Klebestreifen. Mist.

Ich suche an anderer Stelle in meinem Zimmer. Finde nichts. Nirgendwo. Setze mich verzweifelt wieer vor den Rechner.

‚Was ist das nur für eine Welt,‘, frage ich mich, ‚in der fehlender Klebestreifen Entscheidungsgewalt über das Bestehen bedeutsamer Prüfungen und somit über mein Studium und mein weiteres Leben besitzt…?‘

Von brennenden Giraffen, schlechter Musik und rosafarbenen Deppen

Nachdem man um Mitternacht am Magdeburger Bahnhof anläßlich einer Dalí-Ausstellung acht Giraffen zu Klängen von Pink Floyd [„Shine On You Crazy Diamond“ (Live-Version)]“ in Brand gesetzt worden waren und ich mich an den Reflexionen der Flammen in sämtlichen Scheiben und dem dadurch entstehenden Eindruck einer zu angenehmen Klängen brennenden Welt erfreut hatte, fuhren wir kurz zu C, um seiner Verzweiflung über den zu vermutenden Verlust seiner EC-Karte zusätzlich Nahrung zu geben. Ohne seine Karte gefunden zu haben, begaben wir uns in die lokale Schwarzmusikdiskothek, die Factory, die Cs Motivationslosigkeit mittels „Synthetic Pleasures“ verschwindne lassen sollte.

Doch die Musik war schlecht, so schlecht, daß ich binnen weniger Lieder [welch euphemistische Bezeichnung für diese monoton basslastige Krachklangstücke!] am Tiefpunkt meiner Laune angelangt war und infolge dessen sontan beschloß, mich zu mir völlig unbekannten Stücken zu bewegen, unabhängig von Gefallen oder Nichtgefallen. Doch die Monotonie ließ noch nicht einmal ein bewegungsintensives Ausleben lernstreß- und lärmbedingter Unlaunen zu, vermochte nicht wirklich aufheiternd zu wirken, sondern zog mich tiefer in einen Strudel aus Stirnfurchen und innerem Unmut.

Ich floh, floh in den „Club“, wie die zweite Tanzfläche genannt wurde, wo „Goth’n’Hard“ oder ähnliches angesagt war und vorerst nur alberner Batcave gespielt wurde, zu dem niemand seine Füße schwang und nur die Plattenauflegerin vergnügt ihren teilrasierten Schädel bewegte. In späteren Momenten wechselten die Klänge zu hartmetallischer Bösmusik, und ich war einigermaßen froh, nicht nur mit irgendeinem, flüchtig beannten Metaller zu kommunizieren

„Was warn das?“
„Hypocrisy.“
„Ach so.“
„Das dritte Lied von der neuen Scheibe.“
„Und was ist das? Kommt mir bekannt vor.“
„Keine Ahnung. Haggard vielleicht.“
„Nee, Dimmu Borgir.“
„Von der neuen Scheibe, oder?“

, sondern auch mehrere [zwei] mir bekannte Song vernehmen zu können, die ich zwar nicht unbedingt mochte, aber immerhin dazu einluden, mein Haupthaar ausreichend zu schütteln.

Und so wechselte ich den gesamten Abend zwischen mir unbekannter und oft mißfallender Gitarrenmusik und monoton stampfender Rumsbumsklänge, floh von einem Raum in den anderen, stetig hoffend, „auf der anderen Seite“ mit Angenehmerem erfreut zu werden, floh von einer Schlechtmusik zur nächsten, hüpfte zuweilen über irgendeine Tanzfläche und bemühte mich, meine beiden Begleiter nicht völlig zu vernachlässigen.

Die Zeit verging; Lied für Lied prasselte auf meinen Schädel nieder. Auf einer Leinwand bewegte sich eine Ansammlung inhaltsloser und widerlich unästhetischer 3D-Animations-Filme und vor uns ein in erstaunlich enge, weiße Klamotten gespreßtes, übergewichtiges Hiphoptussiimitiat, das sich alle Mühe gab, ihren aus den Kleidern quellenden Leib möglichst sexy in Bewegung zu setzen.

Ich wollte nicht gehen. Eigenillusionen und unzerstörbare Hoffnungen waren schon immer dbeutsamer Teil von mir und überzeugten mich auch heute wieder, daß das nächste Lied mein favoristiertes sein würde.
Meine Begleiter jedoch sahen auf ihre Handy-Uhren, mindestens ebenso mißmutig wie ich, hatten sich bereits zu einigermaßen interessanten Rumbsbumsklängen bewegt, doch auch noch keine „Erfüllung“ finden können. Es wurde Zeit zu gehen.
„Noch zwei Lieder.“, meinte A.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hoffte zwar, doch wußte andererseits auch, daß mein Hoffen auf Gutmusik vergeblich sein würde. Einen letzten versuch wagend floh ich in den „Club“, verweilte wenige Augenblicke, wartete das neue Lied ab und wich erneut enttäuscht. Nun war auch ich bereit zu gehen.
Es war halb vier, als wir heimkehrten, wenig begeistert vom erlebten Schwarzdiskoabend.
Um zehn sollte der Wecker klingeln. Ich hatte zu lernen.

Kurz nach neun rief meine Mami an, hatte Probleme mit ihrem von der Telekom eingerichteten Telefonanschluß, mit der Eumex. Ich konnte nicht weiterhelfen, war noch zu verpeilt, zu gedankenlos, kroch aus dem Bett und begab mich unter die belebende Dusche.
Ein problemlösender Gedanke kroch durch meinen Kopf. Langsam wurde ich wach.
‚Es ist noch viel zu früh.‘, dachte ich und freute mich – blieb doch so mehr effektive Lernzeit für mich.

Weitere Telefonate ereigneten sich, führten zu einer Klärung. Meine Mami hatte in dem Kabelgewirr zwei Enden zueinander geordnet, die nicht zusammengehörten und daraus ein Problem konstruiert, das keines war.

Minuten später. Das Telefon klingelt erneut.
Mein Bruder war bei meiner Mami eingetroffen, kümmerte sich sorgend um die Eumex. Sie funktioniert noch immer nicht, schien defekt, denn trotz scheinbar korrekter Anschlüsse an NTBA und Stromnetz weigerte sich die grüne Diode „T-ISDN“ aufzuleuchten. Ich war ratlos, vermochte am Telefon keine Ferndiagnosen zu erstellen, legte auf.

Eneutes Telefonklingeln.
„Alles in Ordnung.“, sagte mein Bruder, “ Die Telekom ist ein räudiger Drecksverein!“
Das war maßlos untertrieben, hatte doch der Telekom-Installateur den Stromnetzanschluß der Eumex einfach in einen Modem-Anschluß gesteckt. Depp!
Nun schien aber alles zu funkionieren.
„Na hoffentlich.“, meinte ich.

Die Hefter und Bücher lugten zu mir herüber, als wollten sie mir ihre Dringlichkeit verkünden. Ich wandte mich ab und stopfte genüßlich das restliche Frühstück in mich hinein.

Stoppeln und ein gelber Zettel

Der gelbe Zettel hatte seine Bedeutung verloren. Ich sollte mich schämen.

Die Zeit verflog; irgendwann im Laufe des heutigen Abends würde Besuch hier eintrudeln und ein einigermaßen aufgeräumtes Zimmer erwraten. Na gut, sowohl „erwarten“, als auch „einigermaßen aufgeräumt“ ist übertrieben. Schließlich erwartet der Besuch, längst mit meinen Daseinsgewohnheiten vertraut, nicht wirklich, ein tadellos aufgeräumtes Zimmer vorzufinden. Allerdings würde ich, selbst wenn ich mir alle Mühe gäbe, so etwas wie Ordnung zu produzieren, an der Unmöglichkeit dessen verzweifeln. Zwar häuften sich weder Müllberge oder Geschirrstabel noch Dreckwäscheklumpen oder vielbeinigig krabbelnde Mitbewohner in meinen vier Wanden, doch herrschte in diesen auch nicht viel mehr als das, was ich als eine Art „kreativer Basisreinheit“ bezeichnete. Alles war auffindbar – irgendwann.
Trotzdem plante ich, eine gewisse Grundordnung herzustellen und sogar den Staubsauger in Benutzung zu ziehen, nicht, um mich in ein bessere Licht zu rücken, sondern um meinem Gast den Aufenthalt hier halbwegs erträglich zu machen.
Nachdem ich also auf der Gitarre herumgeklimpert hatte, viel zu lange einkaufte und meine Wäsche wusch, hätte ich mich wohl dem wenig Angenehmen widmen sollen, um anschließend noch die lästigen Stoppeln aus meinem Anlitz zu entfernen, mir sättigende Abendspeise zuzubereiten und – zu lernen.

Lernen. Seit Tagen machte ich kaum etwas anderes, verbot mir, außer Haus zu gehen, verbot mir, den Sonnenschein zu genießen, Freunde zu treffen, verbot mir, spannende Bücher zu lesen, mit meiner Mitbewohnerin fernzusehen, verbot mir, mich allzu lange im weltweiten Netz zu tümmeln, verbot mir sogar, Musik zu hören. Ich mußte lernen, und mit jedem Tag, mit jeder Minute wurde das „Muß“ drängender, größer, bedeutsamer, beängstigender.
Ich lenkte mich ab. Wieder und wieder.
Mittlerweile hatte ich nahezu alle Bücher gelesen, die mich brennend interessierten; sie stellten keine Gefahr mehr dar. Mittlerweile hatte ich die Gitarre und die Nerven meiner meiner Nachbarn so oft strapaziert, daß ich keien Lust mehr darauf hatte. Mittlerweile hatte ich freiwillig beschlossen, keine Musik mehr hören zu wollen, weil ich mich ohne besser konzentrieren konnte. Mittlerweile freute ich mich über jeden Anruf bei meiner Mitbewohnerin, der mich aus ihrem Zimmer scheuchte.

Heute morgen schuf ich den Zettel. „NO!“ krakelte ich auf ihn. Groß. Schwarz auf Gelb. Unübersehbar. Ich heftete ihn an den Monitor.
„NO!“, rief der Bildschirm, wenn ich überlegte, ob ich mal meine emails abrufen sollte. „NO!“, wenn ich mich in Erwägung zog, bei wikipedia.org einen mir unverständlichen Begriff nachzusehen. „NO!“, wenn ich meinte, an meinem Weblog basteln zu müssen.
Der Zettel hatte recht.
Udn doch verlor er. Als ich das dritte Mal ins Netz ging, riß ich ihn hab, schmiß ihn irgendwo in mein Schreibtischwirrwar und vergaß ihn. Die ersten beiden Male hatte er mich ungemein gestört, blockierte er doch einen großen Teil des Sichfeldes. Doch das sollte meine Strafe sein; meine Strafe für Ungehorsam mir selbst gegenüber.
Das dritte Mal wollte ich mich nicht mehr strafen. ‚Nur kurz.‘, dachte ich und begann, mich in den unendlichen Gefilden des weltweiten Netzes zu verheddern, fand keinen Ausweg, vergaß den knurrenden Magen, das unaufgeräumte Zimmer, die häßlichen Stoppeln im Gesicht, vergaß das Drängen des noch Ungelernten.
‚Ich bin frei.‘, dachte ich kurz, reihte Worte aneinander und erfreute mich ihrer Eleganz. ‚Ich bin frei.‘, dachte ich, tauchte in meine eigene Welt, versank in mir selbst, wo kein „Muß“ herrschte, wo ich lächeln konnte, ohne im Nacken den kalten Atem des Kommenden zu spüren.

Als ich erwachte, saß ich vor meinem Rechner. Der krumme Rücken schmerzte. Worte blinkten auf dem Bildschirm, ergaben keinen Sinn. Die Sonne war längst untergegangen; Dunkelheit verdeckte das Chaos meines Zimmers. Mein Magen meldete sich.
„Jaja.“, murmelte ich, stand auf und stolperte zum Lichtschalter. Die Glühbrine flammte auf, grellweiß, blendete mich kurz, warf ihren hellen Schein auf das Sammelsurium am Boden, auf Hefter und Bücher, auf Blöcke und Notizzettel.
„Gleich.“, sagte ich beschwichtigend zu den fordernd blickenden Lernmaterialien, zu mir selbst.
„Gleich. Erstmal muß ich was essen.“
Selbst in meinen eigenen Ohren hörte sich das wie eine Ausrede an.
Ich schaltete das Licht wieder aus. Bücher und Hefter verwanden.
Erleichtert floh ich aus dem Zimmer.

Arbeitsmoral

Mich zu Dingen zu bewegen, deren Wichtigkeit zwar erkenntlich, doch derart unangenehm ist, daß nur ein immer wiederkehrendes Verdrängung und Leugnen unabstreibar nahender Tatsachen den eigenen Tag mit einigermaßen beruhigten Zitterfingern und stillgelegtem Gewissen zu befüllen weiß, war noch nie eine meiner Stärken, eine meiner herausragenderen Eigenschaften, neige ich doch dazu, in allen Ecken und Winkeln meines Daseins Dinge zu finden, deren Inhalt und Oberfläche derart beschaffen ist, daß sie mich zu fesseln, ja zu begeistern vermögen, daß sie Zeiten zu schlucken und Bedeutsamkeiten zu vernachlässigen wissen, auf daß ich tiefer und tiefer in ihnen versinke, den Bezug zu den drängenden, möglicherweise rettenden Fäden der Wirklichkeit verliere, die mühsam erzeugte Motivation für spontane Kreativität und scheinbar nutzlosen Wissensdrang aufbrauche und nichts weiter von mir selbst übrig lasse als das nachträgliche Bedenken der Ineffikivität meines fruchtlos-unterhaltsamen Zeitvertreib und die an mich selbst gestellte, unerfüllbare Forderung, am nächsten Tag, beim nächsten Mal alles anders, ja besser zu machen, aus verschwenderischen Erfahrungen zu lernen und diese Kenntnisse effektiv zu nutzen, um die restliche, verfügbare Zeit noch konzentrierter, noch intensiver zu arbeiten, als es die ursprünglichen, mittlerweile enttäuschten Absichten vorgesehen hatten…

Haut

Wenn ich ihr begegne, ertappe ich mich zuweilen, wie ich heimlich ihren Bauch betrachte, den schmalen Streifen Haut zwischen Hosenbund und Oberteil, ein blasses Land, auf dem ich vergeblich ihren Bauchnabel zu finden glaube. Dieser jedoch weilt woanders, weiter oben, unter dünnem Stoff versteckt, meinen Blicken entzogen.

Nicht ihren Mund, nicht ihre Lippen, ihre Wangen, nicht ihr Gesicht möchte ich dann küssen, sondern nur ihren Bauch, das schmale Stück Haut, das sich mir zeigt, zwischen Stoffteilen hervorlugt und mich zu verspotten scheint. Ein Gedanke findet den nächsten, sucht eine Kette der Möglichkeiten. Wie wäre es, diese weichen Schenkel auf meinem Schoß zu spüren, wie wäre es, ihren Oberkörper an meinen zu pressen, wie wäre es, wenn sie sich bewegte, wenn die Worte aus ihrem Mund sich in leises Stöhnen wandelten, wenn meine Hände ihre Hüften umfaßten und sie zu mir zögen, näher, tiefer…

Leuchtend blitzt mir ihre Haut entgegen, verlacht mich. Ich lache auch, lache mich aus, in meiner Bewegungslosigkeit versunken, von unsichtbaren Barrieren gehalten, in Träumen gefangen, die ihren Reiz in ihrer Unerfüllbarkeit finden.

Ich wundere mich über die formlosen Mauern, halte inne, höre sie reden, starre auf ihren Bauch und frage mich, warum ich nicht aufstehe, mich einfach treiben lasse, mich führen lasse von meinem Verlangen, warum ich sie nicht mit mir bedecke, sie aus ihrer Wirklichkeit, aus ihrem falschen Bild reiße, warum ich nicht die Grenzen durchbreche, Gedanken zur Tat wandle und dem inneren Begehr folge, warum ich mich weigere, einem Trieb nachzugeben, der nur allzu verlockend scheint.

Denn das ist es, was mich heimsucht: nur ein Trieb, ein stilles, austauschbares Verlangen. Einer Puppe gleich steht sie vor mir, verliert jede eigene Form, mutiert zu einem schlichten, aber schönen Körper, meiner Lust dienend, sich selbst verlierend. Ich sehe mich, wie ich sie betrachte – abwesend, Eigengedanken folgend, höre, wie ihr flacher Bauch eine süße Geschichte erzählt, an deren Ende nur Leere winken kann, spüre, wie einzig ihre räumliche Nähe sie für einen Augenblick zu derjenigen verwandelt, die ich zu suchen glaube.

Ich lache mich aus, lache im Herzen, weil ich erneut begreife, was die Barrieren, mein Zögern, meine Reglosigkeit mir offenbaren: Sie, deren schmaler Hautstreifen mich lockend ruft, war nie und wird auch niemals sein, was ich mir in Tausenden Worten, in träumerischen Gedanken ersehnte, erschuf.

Ich bleibe sitzen, nicht länger ihren Bauch betrachtend, sehe ihr in die Augen und lächle ihr zu. Sie lächelt zurück, als wäre nichts geschehen.