WG-typisch

Will ich die Toilette aufsuchen, so ist diese besetzt. Steige ich jedoch wenige Augenblicke später nackt und klatschnaß aus der Dusche [Wir besitzen zwei Bäder.], so ist niemand mehr anwesend, der auf die stürmisch läutende Klingel reagieren könnte, so daß ich selbst gezwungen bin, mir hektisch irgendwelche Klamotten überzuwerfen und – noch immer tropfend – die Stufen hinunterzustürmen, um ein Paket für meinen Mitbewohner in Empfang zu nehmen.

[Im Hintergrund: Dimmu Borgir -„Death Cult Armageddon“]

Mit uns.

Und plötzlich spricht ein bekannter Mund Worte, die seltsam und normal zugleich anmuten und mich fragen lassen, wie wirklich die Gedankenwelt ist, die ich täglich um mich baue.
„Sie hat ja jetzt einen Freund. Ich dachte immer, daß das mit euch was werden würde.“

Mit uns.
Es gab Zeiten, da vermutete ich ähnlich, da sehnte ich mich danach, da interpretierte ich jede zufällige Berührung, jedes gesprochene Wort, jedes gefundene Lächeln in diese Richtung, in Richtung einer Hoffnung, deren Erfüllung, mir verwehrt wurde. Ich war nicht betrübt, nicht enttäuscht, deswegen, erwartete nahezu nichts anderes. Die Nähe, die ich erträumte, war illusorisch.

Ich interpretierte sie, die Nähe, als allgemeines Bedürfnis nach aktiv und passiv gelebter Liebe, hineinprojeziert in sie, die ein geeignetes Gefäß zu sein schien, akzeptierte ihre Ferne als Teil der Wirklichkeit, derer ich nicht Herr zu werden vermochte. Wenn ich des Nachts in die Behaglichkeit des Schlafes sank, sandte ich zuweilen einen angenehmen Gedanken in ihre Richtung, fast so, als könnte sie ihn ergreifen, in sich aufnehmen und verstehen, fast so, als wäre die Hoffnung berechtigt.

Doch das war sie nie. Ich bin, war und bleibe ein Wesen, das fremd zu sein scheint in dem Element, das ihn umgibt, das sich andere Plätze schafft, Gedanken, die über die Wirklichkeit hinausragen und mir aus weiter Ferne ein Lächeln herbeizaubern. Mein Dasein ist eine Flucht vor mir selbst und dem Heute, und jeder Schritt, den ich im Hier und Jetzt wage, erscheint mir falsch zu sein, ungute Richtungen einzuschlagen.

Sie dagegen hatte die Geradlinigkeit für sich gepachtet, wußte, was sie wollte, wußte, wie dies zu erreichen war, wußte sich nicht mit dem Bekommenen zufrieden zu geben, sondern stets Höheres, Größeres anzustreben, neuerliche Erfolge, die sie aufbauten, weiterbrachten und die Optimalbasis für potentielle Zukünfte schufen.

Wir paßten nicht zusammen. Zu oft redete ich an ihr vorbei. Sie mochte den Klang meiner Stimme, doch schien es mir, als wäre es egal, was deren Inhalt war, was zu berichten, zu bemängeln, zu bewundern ich wußte. Ich hätte ihr Geschichten erzählen können, und sie wäre mit seligem Lippenlächeln ins Land süßer Träume entschlummert. Doch das tat ich nicht.

Und auch sie redete, redete von Dingen, die ich zu oft für fragwürdig hielt, die ich mit kritischen Blicken beäugte wie ein fremdes Tier, dessen Fremdheit ausreichte, mich davon abhielt, es kennenlernen zu wollen. Ich besitze Fantasie, finde immer Gründe, etwas abzulehnen, wenn ich meine Unsicherheit verbergen, irgendeine Meinung äußern will, die ich an einem anderen Tag gekonnt zu widerlegen weiß.
Nicht alles, was sie erzählte, war in meinen Augen falsch oder ohne Belang. Zuweilen glühte ich auf, eiferte mit, fand die Worte, die aus ihrem Munde perlten und vereinigte mich mit ihnen. Ihre Augen leuchteten, und ein Weg schien gefunden zu sein.

Hin und wieder schloß ich meine Lider, um sie besser betrachten, sehen, zu können, um ihren schlanken Leib entlangzustreifen, sie heimlich in Gedanken zu berühren, ihre Haut zu liebkosen, als wäre sie leicht zerbrechlich, ihren warmen Duft einzuatmen, der mich an meine Sehnsucht erinnerte, an Worte, die ich nie sagen, Gesten, die ich nie wagen würde.

Unsere Nähe beängstigte mich. Fanden wir sie, so wollte ich sie nicht verlieren, doch verlor sie wenige Augenblicke darauf. Zuweilen verzehrte ich mich nach ihr, doch kam kein entsprechendes Wort über meine Lippen. Warum sollte ich sprechen, war doch das Mögliche fern, endlos fern. Sie würde nicht verstehen, ein freundliches Wort der Zurückweisung finden und mich meiner Träume berauben. Das wollte ich nicht, schwieg ein trauriges Lächeln in mich hinein.

Ich hatte Angst vor ihrer Nähe, Angst davor, in ihren Augen nur igendwer, einer von vielen zu sein, denen sie die gleiche Nähe zu schenken bereit war. Für mich bedeutete sie etwas; doch was bedeutete sie ihr? Ich wußte es nicht, konnte es nie in Erfahrung bringen, wollte nicht, aus Furcht, den zarten Glanz meiner Sehnsucht für ein zerspittertes Fragment geborstener Gedanken aufgeben zu müssen.
Was konnte schon passieren? Zuviel, das zu ertragen ich nicht bereit war.

Und ich wartete, wartete auf ein Zeichen, irgendetwas, das Gewißheit verkündete, mich einen Schritt aus meinem Versteck hervorwagen ließ. Doch ihre Nähe war flüchtig, kurz nur, wie ein warmer Sommerwind, der vorüberzieht, einen wohligen Geschmack auf der Haut hinerläßt, die Idee von etwas Größeren, das nie geschehen wird. Ihre Worte waren klar und stark, ließen die ersehnte Spur, das ersehnte Zeichen vermissen.

Ich fragte nicht, ließ irgendwann auch meine Träume sterben.

„Ich dachte immer, daß das mit euch was werden würde.“
Wenn andere, Außenstehende, derart dachten, warum wurde es nichts? Lag es an mir? An ihr? An uns? Waren wir einander aus dem Weg gegangen, aus Angst, uns ineinader zu verlieren? War das Schweigen nur ein Warten auf das gegenseitige Zeichen gewesen? Ich weiß es nicht.

„Sie hat ja jetzt einen Freund. „
Ich beruhige mich. Es lohnt nicht, weitere Gedanken über verronnene Möglichkeiten auszugießen, lohnt nicht, das Gewesene zu hinterfragen, auf der Suche nach einer Spur, die genausogut meinem Geist entsprungen sein kann.

Es wäre nichts geworden, versuche ich mir einzureden, doch höre mir nicht zu. Warum auch? Sie ist fern und wird es bleiben. Ich dagegen verweile hier, als wäre ich tief verwurzelt in vergifteter Erde.

FFFfF: Eiskalt

Der Versuch, auf die Erstsemesteranfangsparty der Geisteswissenschaftler zu gehen, scheiterte daran, daß erstaunlich viele Erstsemestler [und andere] sich dazu entschlossen hatten, sich geduldig in die Reihe der vor dem Eingang Wartenden einzugliedern und sich von der Aussicht auf Ausgelassenheit innerhalb der Gemäuer so sehr verlocken ließen, daß sie nicht umhin konnten zu ignorieren, daß sie sich minutenlang keinen Zentimeter nach vorn bewegten. Wir, G und ich, stellten uns ebenfalls an, gaben aber schon bald auf und kehrten in heimatliche Gefilde zurück, so daß ich schon jetzt, zum Anbruch des neuen Tages die Welt mit einem aktuellen Fred-Comic beglücken kann.

Fiel Froide.


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[Im Hintergrund: Samsas Traum – „Nostalgia“]

Datendiebstahlsmöglichkeiten

Der Datenschutz unserer Universitätsbibliothek ist ein befremdlicher Phänomen. Der zufällige Finder [oder weniger zufällige Dieb] eines modernen Magdeburger RFID-Chip-Studentenausweises vermag nicht nur den darauf geladenen Geldwert in der Mensa oder am Kopierer ungefragt verprassen, sondern auch unzählige Bücher auf den fremden Namen aus der Universitätsbibliothek entleihen, ohne daß jemand mißtrauisch die Nase rümpft. Denn das identifizierende Paßfoto [das übrigens bei mir sechs Jahre alt ist und demnach meinem heutigen Ich nur teilweise ähnelt] interessiert die Bibliotheksmitarbeiter unterstützenden Ausleihautomaten nicht im Geringsten.

Benutze ich einen der vielen zur Verfügung stehenden Bibliotheks-Katalog-Rechner, um auf meinen Namen Bücher vorzubestellen oder zu verlängern, so wird mir empfohlen, das mit den persönlichen Daten vollgestopfte Fenster zu schließen. Benutzt dann der nächste Nutzer denselben Rechner und will auch er persönlichere Anwendungen ausführen, so werden ihm beim Einloggen die bisher, von den Vorgängern genutzten Bibliotheksausweisnummern zur Auswahl angeboten. Ich weiß nicht genau, wozu das dienen soll, doch ist es auf jeden Fall hilfreich, wenn man diese Information mißbrauchen will. Schließlich entspricht das Standardpaßwort in der Universiätsbibliothek den ersten vier Buchstaben des Nachnamens – und die meisten Studenten sind zu faul, selbiges abzuändern. Ein kurzer Blick auf einen fremden Ausweis [oder die zufällige Kenntnis des Nachnamens des Besitzers] in Kombination mit der Beobachtung, an welchem Rechner er seine Bücher verlängert oder neue bestellt hat, genügt, um – mit einem Quentchen Geduld, sich in das persönliche Bibliotheksnutzerkonto eines anderen einzuschleichen. Mißbrauch fällt leicht; persönliche Daten liegen hier offen.
Viel kann nicht passieren, das gebe ich zu, kann man doch auf dieser Ebene wenig mehr machen als zu verlängern oder zu zu bestellen. Doch dem gewitzten Datendieb wird schon etwas einfallen, wie er sich diese Informationen profitabel zunutzen machen wird.

Klinge ich paranoid? Mag sein. Wahrscheinlich sogar. Schließlich habe ich heute beobachtet, daß ich nach einer Anfrage im Bibliothekskatalog entweder das Fenster stets schließe und neu öffne, damit meine Anfrage für den Nächsten nicht mehr nachvollziehbar wird, oder daß ich Pseudo-Anfragen starte, die nichts mit dem zu tun haben, was ich wirklich suchte. Es ist erschreckend, sich dabei zu beobachten, wie man unbewußt jeden verdächtigt, mit den eigenen Daten Unsinn treiben zu wollen.
[„Bloß weil ich nicht paranoid bin, heißt das nicht, daß ich nicht verfolgt werde…“]

[Im Hintergrund: Die Schröders – „Silver Surfer“]

FFFfF: Winter

Ich bin müde. Deshalb gibt es heute kein Vorwort. Ätsch.


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[Im Hintergrund: Janus – „Vater“]

Es werde Licht…

Als ich den Raum betrat, war es noch dunkel. Geistesabwesend tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn, fand einen weiteren. Und noch einen. Verdutzt halte ich inne, vergrößere den Türspalt um das fahle Flurlicht einzulassen.

Ich entdecke fünf Schalter, vier davon Doppelschalter. Jalousien, elektrisch kippbare Fenster – und fünf Mal Licht. Die Beschriftungen sind wirr und unverständlich.

Ich lasse es klicken, mehrmals, durchschaue das System schnell. Es folgt einer Logik, die leicht nachzuvollziehen ist. Vorn, Links Mitte, Rechts Mitte, Links Hinten/Vorn, Rechts Hinten/Vorn.

Und mit einem Grinsen stiehlt sich ein Gedanke in meinen Kopf: Wie wäre es, eine ähnliche Raumbeleuchtung zu installieren, bestehend aus unzähligen [Neon-]Leuchten, die über eine von der Leuchtenanzahl verschiedene Menge Schalter gesteuert werden können.

Doch darf hinter der An- und Ausklickerei keinerlei erkennbare Logik stecken. Betätigt man Schalter 1, so kann es passieren, daß Lampe 1 erstrahlt. Genauso gut können aber drei oder vier beliebig im Raum verteilte Lampen zu leuchten beginnen. Oder gar keine.

Die anderen Schalter, die allesamt mit unnützen, kyptischen Beschriftungen [„Süd-Süd-Ost-Mitte-Links“, „Regenbogensonne“, „Nicht drücken“, „Licht“, …] versehen sind, folgen natürlich anderen, aber gleichsam undurchschaubaren Gesetzen wie Schalter 1.

Und dann möge es dunkel sein und lichtsuchende Raumbetreter anfangen, mit den Schaltern zu kämpfen und ihnen die Optimalbeleuchtung zu entlocken. Wie ein hämischer Blubberkasten würde ich danebenstehen und in mich hinein grinsen…

[Im Hintergrund: Dorn – „Schatten Der Vergangenheit“]

FFFfF: Herbst

Da ich zu der üblichen Comic-Veröffentlichungszeit, kurz nach Mitternacht beim Anbruch des neuen Tages, bereits versuchte, mich unter Decken zu begraben und durch Träume zu wandeln, gibt es den 37. „Fledermaus Fürst Frederick fön Flatter-Comicstrip heute zu einer recht ungewöhnlichen Uhrzeit. Ungewöhnlich für mich natürlich, der schon monatelang nicht mehr um diese Uhrzeit aufzustehen brauchte. Es ist schrecklich.

Andererseits ist es aber auch gut. Ich habe mich durchgerungen, eine wahrhaft unschöne Vorlesung für ein nicht minder unschönes Fach, durch dessen Prüfung ich bereits einmal rauschte, zu besuchen [Ja, bei uns gibt es so etwas, auch bei einer Vorlesung für das 8. Semester: Vorlesungsbeginn morgens kurz nach sieben.], mich meiner Abneigung zu stellen, etwas lernen, verstehen zu wollen – und mein Gesicht und somit meinen guten Willen dem Vorlesenden/Prüfenden zu zeigen.

Wenn ich nach Hause kommen werde, wird es bereits halb elf sein, vermute ich, also ungefähr die Uhrzeit, zu der ich normalerweise aufgestanden bin, gesättigt und geduscht vor dem Rechner sitze und jeden Internetzeitvertreib [Blogs lesen, Mails checken, Nachrichten durchgehen….] abgearbeitet habe.
Danach könnte ich mich meiner Studienarbeit widmen, sowohl sonst als auch heute. Der Tag ist dann noch jung…

Nun ja.


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Ablichtung

An der Straßenbahnhaltestelle begegnen sich zwei Menschen. Nichts Ungewöhnliches soweit, doch es ist offensichtlich, daß der einen Hälfte der an dieser Begegnung Beteiligten selbige unangenehm ist.

Sie kennen sich, vermute ich, doch nicht gut, gerade gut genug, um über ein Thema reden zu können. Handball. SCM. Bundesliga. Heimspiele. Champions-League.

Person A, er sieht aus wie ein Günther [„Mit T-H, bitte.“], trägt eine Brille, die in intelligenter wirken läßt als seine Worte klingen. Er lispelt ein wenig, und seine Kleidung erweckt den Eindruck, daß sie den Körper bedecken, nicht irgendwie aussehen muß. Die braune Cordhose soll mit ihren unzähligen Taschen vielleicht modern sein, deformiert aber Günthers Körper noch mehr als seine graue, stillose Jacke.

Person B, ein forscher Kerl, ich nenne ihn Ralf, freut sich sichtlich über die Begegnung. Seine Stimme ist laut und biergestählt. Die hochgewachsene Gestalt kompensiert die Rettungsringe, die sich unter einer Jeansjacke verstecken. Jeans scheint sowieso das zu sein, was Ralf am liebsten trägt, und betrachtet man seine sportliche Erscheinung, so könnte man meinen, daß das zu ihm paßt.

Ralf ist selbstsicher, er lacht grob, begrüßt den fast eingeschüchterten, mit leiser, sprachfehlergequälten Stimme antwortenden Günther überschwenglich, legt gleich los mit dem Gespräch, dessen Thematik minutenlang in demselben, einseitigen Brei herumdümpelt.

Ralf ist ein begeisterter SCM-Fan, ist mit seinen Kumpels bei jedem Spiel dabei, trinkt dabei gern die Menge Bier, die es braucht, um lauthals seine Meinung in der vollbesetzten Sporthalle kundgeben zu können, wenn der Scheiß-Schiri mal wieder Mist baut.

Günther ist eher der rationale Typ. Er ist zu alt, um sich noch zu ändern, steckt fest in seinem langweiligen Beruf, in seinem sich wiederholenden Tagwerk, das er nun gerade beendet hat, als er Ralf begegnet – ünrigens zum ersten Mal seit langer Zeit, denn außer Handballfreuden teilen die beiden nichts.

Vermutlich wirken bei ihm zwei Bier Wunder, dann läßt er sich gehen, schließt sich Leuten wie Ralf an, brüllt seine Ansichten umher und darf mal kurz alle Bedenken beiseite werfen. Er mag Ralf nicht sonderlich, doch er mag Handball, und er mag es, sich mit Ralfs Kumpanen zu einer Gruppe zugehörig, stark fühlen zu können.

Und weil er in der Halle hin und wieder die Sau rauslassen, sich selbst vergessen, kann, hat er sich eine Jahreskarte besorgt. Denn wie alle gebeutelten Deutschen muß er sparen und hat flink errechnet, daß er, wenn er für jedes Spiel einzeln löhnt, wesentlich mehr zu bezahlen hat als mit einer Jahreskarte.

Günther ist stolz auf seine schlauen Überlegungen, stolz auf seine Jahreskarte, und kann dadurch etwas berichten, das Ralf, der immer alles zu wissen glaubt, noch nicht weiß. Ralf schaut verdutzt und fragt nach dem Preis einer solchen Jahreskarte.
Der stolze Günther, dem Zahlen eigentlich sehr lieb sind, freut sich, die Antwort geben zu können, nennt irgendeine krumme Zahl, die Ralf schnell wieder vergißt. Zu hoch, zu viel Geld, das auf einmal ausgegeben werden müßte.

„Hast du eigentlich ’nen Spielplan?“, fragt Ralf, der sich um solche Sachen erst kümmert, wenn sie ihm einfallen. Günther dagegen ist bestens vorbereitet auf die neue Saison, nickt stolz.
„Kannste mir einen mitbringen?“, fragt Ralf, der nicht einmal daran denkt, daß es außer Günther sicherlich leichtere Wege gibt, einen Spielplan für seinen Lieblingshandballverein aufzutreiben.

„Nee.“, antwortet Günther leise, „Ich hab nur einen.“
„Machste mir ne Ablichtung?“, fragt Ralf, und es klingt fast wie ein Befehl.

[An dieser Stelle stutze ich. Das Wort „Ablichtung“ als Synonym für „Kopie“ begegnete mir noch nicht häufig.]

Günther nickt, doch ist verwirrt. Er weiß nicht, wohin er die Kopie schicken soll, will aber sein Unwissen nicht zugeben. Er kennt Ralf doch schon so lange, allerdings ohne zu wissen, wo er wohnt oder wie er heißt.
Doch Ralf hilft ihm aus der Patsche:
„Bringste mir dann mit, die Ablichtung, ja? Beim nächsten Spiel. Wir sehen uns ja dann.“

Erleichtert nickt Günther erneut. Kein Ort, keine Uhrzeit ist ausgemacht. Die Bördelandhalle faßt 8.000 Zuschauer, aber Günther weiß, wo er Ralf finden wird. An der Bar, rechts vom Eingang, wie immer. Zusammen mit seinen Kumpels.

Eine Straßenbahn nähert sich.
„Das ist meine.“, sagt Günther und deutet auf die Bahn. Ralf nickt, muß in die andere Richtung.
„Wir sehen uns ja dann.“, verabschiedet er sich und überquert die Gleise.

Als die Bahn hält, steigt Günther ein, ein wenig zu hastig. Das Gefährt schließt die Türen, bewegt sich, fort von Ralf, der zu laut, zu fröhlich, nüchtern kaum erträglich ist, der alles besser zu wissen glaubt, aber doch nicht recht hat.

Hinter der Straßenbahn wird Ralf kleiner und kleiner, verliert seine Bedeutung. Günther schiebt seine Brille hoch, doch blickt nicht zurück.
Als die Bahn an der nächsten Haltestelle stoppt, steigt er aus und gesellt sich zu einer gesichtslosen Gruppe schweigend Wartender.

[Im Hintergrund: Ensiferum – „Ensiferum“]

hier

verweilte ich noch immer hier

auf diesem bitterschwarzen stuhl
dessen holz mein antlitz zerfetzt
dessen ritzen meine tränen sieben

in diesem bilderleeren raum
dessen balken mein denken spalten
dessen fenster grau nur zeigen

in diesem atemkalten jetzt
dessen stille mein rückrat bricht
dessen schweigen durch die augen kriecht

verweilte ich noch immer hier

so vermißte ich die brennenden schwingen
so träumte ich von bebender ferne
so verlöre ich mich längst.

[Im Hintergrund: Ensiferum – „Iron“]

Über die Schönheit

Nicht was Schönheit ist, wie sie erwirkt werden kann, sondern wozu, aus welchem Grund, es sie gibt, sollte hinterfragt werden.

Evolutionstheoretische Grundlagen, die schon in fachliterarischen Genialitäten wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ Erwähnung fanden, bieten eine scheinbar ausreichend erklärende Lösung: Wer schön ist, wirkt anziehender, hat größere Chancen auf einen Partner seiner/ihrer Wahl und somit auf Nachwuchs. Schönheit könnte also ein Mittel der Natur sein, eine den Sinnen vorgegaukelte Narretei, sein, die einzig und allein der optimierten Fortpflanzung dient. Hielten wir und jedoch an Darwinsche Prinzipien, so müßten nun, nach Millionen Jahren menschlicher Evolution, auf diesem Planeten paarungswillige Schönheiten umherspazieren, soweit das Auge reicht. Das jedoch trifft keineswegs zu.

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Das läßt die Schlußfolgerung zu, daß die Natur [Es ist befremdlich, von der Natur als ein denkendes, mit Zielen und Bewußtsein ausgestattetes, übermächtiges Wesen zu schreiben.] eine weitere Narretei ausheckt, nämlich beabsichtigt, ebenfalls der besseren Fortpflanzung dienend, Menschen zusammenzubringen, deren zusammengewürfeltes Erbgut die kommende Generation im Vergleich zur derzeitigen verbessern soll. Finden sich also zwei Menschen, die einander als schön empfinden, so mag es tatsächlich sein, daß ausgerechnet diese beiden aufeinandertreffen mußten, um gemeinsam besseres Erbgut zu schaffen.

Doch das klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn was ist mit dem allgemeinen Sinn für Schönheit, mit dem wir Menschen bestückt sind, jener, der uns in gemeinsamer Euphorie die Schönheit von Models, Schauspielern oder Popstars bejubeln läßt – oder einfach nur dafür sorgt, daß mehrere Jungs eines Alters gleichzeitig in das klassenstufenschönste Mädchen verliebt zu sein glauben?
Betrachten wir Menschen, Dinge, so können wir Urteile über deren Schönheit bilden. Und auch wenn dieses zuweilen geringfügig voneinander abweichen, läßt sich doch feststellen, daß es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt, daß also der Mensch ein bestimmtes Bild von Schönheit mit sich herumträgt.

Wie läßt sich das erklären? Wozu dient dieses Bild?

Wenn man bei obiger Annahme bleibt, daß zwei evolutionär optimal zueinander passende Wesen einander als schön empfinden, so hieße das doch, daß es, betrachtet man die Anzahl offenkundig schöner Wesen auf diesem Planeten, unzählige Kombinationsmöglichkeiten gibt. Daß dabei jedesmal das Optimum an Genen der nachfolgenden Generation zu erwarten ist, darf also bezweifelt werden.

Hinzu kommt, daß Schönheit hochgradig oberflächlich ist. Sicherlich ist es möglich, vielen Menschen den Umfang ihrer Intelligenz auch äußerlich anzusehen, doch kann Schönheit im allgemeinen keine Aussage über Intelligenz und „innere Werte“ machen, was vermuten läßt, daß diese Faktoren bei der Schaffung künftiger Generationen, dem Plan von Mutter Natur folgend, keine Rolle spielen müssen, oder daß die Theorie der durch Schönheit unterstützten, optimalen Partnerfindung schlichtweg Unsinn ist.

Welcher Zweck birgt also die Existenz von Schönheit? Dient sie einfach nur der Freude, die sie beim Betrachter auslöst, dem Gefühl, an etwas Größerem, vielleicht Göttlichem teilhaftig zu werden?
Wohl kaum. Götter sind von Menschen geschaffen worden – nach dem Vorbild der Schönsten unter ihresgleichen. Und die Freude, die Schönheit bewirkt, vermag sie auch zu rauben – sobald der Blick in den Spiegel oder auf das eigene Schaffungstalent bezeugt, im Vergleich zu Schöneren/Schönerem minderwertig zu sein bzw Minderwertiges zu schaffen.

Denn Schönheit ist nicht grundsätzlich positiv. Sie und ihr Gegenteil sind bedeutsame Teile diskriminierender Anschuldigungen und Maßnahmen. Schönheit wird gleichgestellt mit Göttlichkeit, mit „Gut-Sein“. Wer schön ist, stellt etwas Besonderes dar. Der Trugschluß liegt nahe, daß alle anderen, oder gerade jene, deren Äußeres jegliche Schönheit vermissen läßt, gottesfern und schlecht seien – und demnach Grund gäben, das Unwohlsein, das ihr unschöner Anblick auslöst, mit eigener Schlechtigkeit zu spiegeln.

Hinzu kommt der Aspekt der Wandelbarkeit der Schönheit. Denn das Bild, das Menschen von Schönheit mit sich herumtragen, ist nicht nur durch allgemeine Vorstellung oder die eigene Sicht auf die Welt bestimmt, sondern auch durch etwas wie Zeitgeist, durch temporär auftretende Merkmale, Eigenschaften, die von den Menschen dieser Epoche als schön erachtet werden – obgleich Vergangenheit und Zukunft anderes behaupten.
Es ist also nicht nur die Frage, wofür es Schönheit überhaupt gibt, sondern warum es nötig ist, daß sich das Bild der Schönheit über die Jahre, Jahrhunderte, wandelt.

Nicht minder interessant ist die Frage, warum sich Menschen darum bemühen, das eigene Äußere zu optimieren, einem derzeit geltenden Schönheitsideal anzupassen. Um sich selbst zu gefallen? Um anderen zu gefallen?
Doch wenn jeder sich verbessert, bleiben dann die schönheitsspezifischen Unterschiede zwischen den Individuen nicht gleich?
Und wenn es gelänge, jeden Menschen mit perfekter Schönheit auszustatten, sähen wir dann nicht allesamt identisch aus? Das kann doch kein Ziel sein, insbesondere weil dann, wenn jeder Mensch unendlich schön ist, das Bild der Schönheit sich wandelt, so daß plötzlich derjenige, dem ein Makel anhaftet, etwas Besonderes, auf befremdliche Art Schönes darstellt.
Das Erreichen von Schönheit erscheint demnach ein nutzloses Ziel zu sein.

Der einzig nutzbare Effekt, den Schönheit erwirkt [wenn man von den albernen Ehrungen besonders schöner Menschen und dem dadurch entstehenden Bekanntheitsgrad derselben absieht], ist der einer größeren Zahl potentieller Partner. Dient Schönheit also doch einer bevorzugten Partnersuche?
Doch wenn dem so ist, wenn der oder die Schöne die Möglichkeit bekommen soll, unter größerer Auswahlmenge den optimalen Partner zu finden, stellt sich noch immer die Frage nach dem „Wozu?“.

Heißt die Antwort doch „Evolution“? Sind schöne Menschen die besser angepaßten, diejenigen, die es verdienen, sich fortpflanzen zu dürfen, weil nur mit ihren Nachkommen die menschliche Entwicklung vorangetrieben wird? Wohl kaum.

Ich finde keine Antwort auf die Frage, wozu Schönheit dienen soll. Und wenn es tatsächlich keine Antwort gibt, wenn der Schönheit kein Sinn zugrunde liegt, und wenn ein jeder diesen Umstand zu begreifen beginnt, wird die Schönheit an sich entmystifiziert, für nebensächlich erachtet werden. Doch das soll nicht das Ziel meiner Ausführungen sein.
Aber mich beeindruckt, daß es genügt, dem eigentlich Naheliegenden zu folgen, daß es ausreicht, den Zweck von Schönheit finden zu wollen, um mit der scheinbaren Antwortlosigkeit den täglichen Wahn, der uns umgibt, den permanenten Drang nach Schönheit, egal in welcher Form, in Frage zu stellen.

[Im Hintergrund: Mortal Love – „All The Beauty“]