Rosa

Nichts geschah. Nichts, was einer Erwähnung würdig ist.

Na gut, John Irving zählt nicht zu den Autoren, deren Lektüre wertlos ist, seine Romane nicht unbedingt zu den Dingen im Leben, die man als unbedeutend bezeichnet. Doch ich verbrachte den Tag mit nichts anderem, wenn man unzureichende Nahrungsaufnahme und allzu häufige Mailpostfachabfragen vernachlässigt. Stetiger Begleiter waren die beiden unerledigten Hauptsorgen, die nicht verschwinden würden, nur wachsen, sich potenzieren, je länger ich sie verdrängte. Doch Verdrängen ist meine Spezialgebiet. Gute Musik bietet eine willkommene Geräuschkulisse, übertönt die drängenden Stimmen im Kopf. Nur noch soundsoviele Minuten, soundsoviele Seiten, nur noch diese kleine Ablenktätigkeit.

Seit heute morgen lese ich. Der Roman ist noch lang; ich könnte mindestens noch den morgigen Tag damit befüllen, mich in ihn zu verlieren. Doch dann, anschließend, bräuchte ich einen neuen Halt, eine neue rosafarbene Brille, die mich die Welt vergessen läßt.

Oder den Mut, endlich zu beginnen, was längst fertig sein sollte.

spiegelruf

reglos
rastlos
halt den stillstand
fang mich kriechend
wenn du kannst
denk mein denken
sei mein leben
geh voran
so du vermagst

wag die schritte
spreng das wollen
stürz hinauf
verblende mich
find das fliegen
meine welten
sei mein führer
leben
ich.

www.bluthand.de

[Im Hintergrund: Dornenreich – „Bitter ist’s dem Tod zu dienen“]

Filmkritik oder: Bubbles vs. Samara

Hin- und hergerissen zwischen den Optionen, ins Kino zu gehen oder eine DVD zu entleihen, versuchten G und ich, etwas Zeit in den ansässigen Musik- und Filmwarenläden zu vertreiben, hatten wir uns doch schon fast dazu durchgerungen, gegen 20 Uhr „The Ring 2“ betrachten zu wollen. Eine schwere Entscheidung in Anbetracht der Alternativen „Königreich der Himmel“ und „Die Dolmetscherin“, da uns keiner der drei Filme – und diese repräsentierten die auswählbaren Gutfindmöglichkeiten unter dem ganzen wenig überzeugendem Filmangebot des Lichtspieltheaters – wirklich anzusprechen vermochte. Mittels eines raffiniert ausgeklügelten Punktesystems kürten wir „The Ring 2“ [bzw. „o2“, wie ich ihn nannte] zum Sieger, verloren allerdings die prinzipielle Entleihbarkeit von DVDs nicht aus den Augen. Allerdings sei erwähnt, daß die letzten Videotheksbesuche stets in einer „Vom-Schlechten-Das-Beste-Nehmen-Müssen“-Auswahl geendet hatten, weswegen wir diesbezüglich Vorsicht walten ließen.

Kurz und gut. Sowieso inmitten der Innenstadt verweilend, neigten wie dazu, dem erwählten Kinofilm den Vorzug zu geben. Es war halb acht, und mit einiger Überzeugung wußten wir zu behaupten, daß Kinofilme stets gegen 20 Uhr begonnen wurden, was uns die Möglichkeit gab, noch ein wenig schlendernd durch die erwähnten Läden zu streifen.
„Sag mir, daß ich nichts kaufen will, wenn ich etwas kaufen will.“, forderte ich G auf, überfällige Sparmaßnahmen einleitend.

Im „Müller“ druchstöberten wir Metal-CDs, einigten uns auf die Negativität der Monotonie der musikalischen Ergüsse von Dark Throne, amüsierten uns über ein Ozzy-Album, das diesen als düsteren Prinzen betitelte, lauschten einem schrecklich unguten HIM-Liveauftritt und verliefen uns dann in die DVD-Abteilung. [Amüsant: „From Hell“ für 6,66 Euro.]
Plötzlich: Eine Entdeckung. „The Powerpuff Girls Movie“ für nur 4,95 Euro! Das konnte doch nicht wahr sein! Sowohl G als auch ich waren schon längst bekennende Anhänger der süßen kleinen Zeichentrickfigürchen, hatten unabhängig voneinander zu dieser Serie gefunden und waren voller Faszination an ihr hängengeblieben. Besonders Bubbles, das niedlichste der drei Powerpuff Girls, hatte es uns angetan.
Erst vor kurzem hatten wir erfahren, daß es einst einen Kinofilm gegeben haben mußte, wollten aber amazon.de für derartige Albernheiten kein Geld in den Rachen werfen. Doch nun begegneten wir dem Film, begegneten wir einer DVD der entzückenden Powerpuff Girls, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Tag noch vor dem Schlafengehen zu retten.

Der Preis 4,95 Euro überzeugte uns, und wir nahmen die DVD mit. Zwei finster gewandete Mitzwanziger mit einem knuffigen Zeichentrickfilm in der Hand – Grund genug für eine verhüllende Plastiktüte.

Nun aber konnte „o2“ beginnen. Wir stiefelten zum Kino, in die Eingangshalle, betrachtetenden die Vorstellungsausweisenden Monitore. „The Ring 2 – 22.45 Uhr“. Mist.
Es war zehn vor Acht. Ein Zeitplan mußte her:
Kurzer Abstecher zu real. Spätestens 20 Uhr raus. Straßenbahn erwischen. Heimfahrt. 20.30 Uhr. Fernseher organisieren. Powerpuff-DVD schauen. 22 Uhr. Zum Kino fahren. 22.30 Uhr. Perfekt.

Nur widerwillig rückte meine Mitbewohnerin ihren Fernseher raus, wollte sich an der Filmbetrachtung beteiligen, zog sich dann aber zurück, als sie von den „Powerpuff Girls“ hörte. Sie kannte die Serie nicht, kannte nicht ihren Reiz, doch fehlte ihr die Neigung zu Zeichentrickfilmen im allgemeinen.

Der Film war klasse. Bubbles wundersüß. Sicherlich beinhaltete der Film nicht viel mehr als eine Serienepisode in Spielfilmlänge, doch war er maßgeblich wichtig für alle Freunde der Powerpuff Girls, wurden doch die Anfänge erläutert, die Zusammenhänge zwischen Mojo Jojo, der früher nur Jojo war, und dem Professor, die Ursache der Entstehung der Sternwarte auf dem Vulkan, die Mojo Jojo als Domizil dient, ja sogar die Einrichtung des Notfalltelefons [mit großen Kulleraugen und einer rot blinkenden Nase].
Ja, es war ein Film für Kinder [FSK ab 6], wenngleich einige Szenen doch erstaunlich brutal waren [für Kinder, meine ich]. Ja, es gab keine tiefsinnig-philosophische Handlung. Ja, es war „nur“ ein zeichentrickfilm.
Aber er war toll, niedlich, überzeugend.
Und als hätte das nicht gereicht, gab es auch noch wenige, aber exquisite DVD-Extras zu bewundern. Insbesondere die Interviews mit den „Darstellern“ waren äußerst amsüsant…

Doch ich schweife ab.
Ich brachte den Fernseher zurück, so daß meine Mitbewohnerin sich noch in den Schlaf flimmern lassen konnte, und wir begaben uns zum Kino.
Bepackt mit Tortilla-Chips betraten wir Saal 2. Er war leer – und sollte auch während des gesamten Films nur von uns beiden besetzt sein. Unheimlich.

Die unangenehmen Produktinformationen überbrückten wir, in dem wir versuchten, möglichst schnell zu erraten, welche Ware beworben wurde. Aus diesem Spiel ging allerdings kein eindeutiger Sieger hervor. Es folgten die üblichen Filmtrailer und dann – endlich – der Film.

„The Ring 2“ war langweilig, öde, voraussehbar. Nicht spektakulär, für einen Horrorfilm mit erstaunlich wenig Schreckmomenten bestückt. Das Mädchen aus dem Bbrunnen hatte seinen Grusel verloren. Nur der komische kleine Junge, der eigentlich auf der guten Seite stand, war mir unsympathisch.

Insoweit es sinnvoll ist, über Horrorfilmhandlungen zu meckern, will ich das hiermit praktizieren. Schließlich war zwar die Heldin des Filmes so schlau gewesen, nach tiefergehenden [in Teil 1 nicht erfaßten] Ursachen des Horrors zu forschen, gab sich aber schnell mit halben Ergebnissen zufireden, die einen dritten Teil ahnen ließen. Auch agierte sie absolut widersprüchlich [„Ich rette das Mädchen aus dem Brunnen, indem ich sie freilasse, dann sehe ich, was ich angerichtet habe, opfere meinen Sohn, der dann aber doch weiterlebt. Ich muß festsellen, daß das Mädchen aus dem Brunnen – Samara [Der Name erinnerte mich übrigens die ganze Zeit an einen alten Lada.] – auch noch weiterspukt, so daß ich als Heldin und Mami gezwungen bin, mich selber zu opfern, im Brunnen lande, mich zur Verfügung stelle, es mir dann aber doch anders überlege, abhaue und Samara genauso einsperre, wie es ihre Adoptivmutter einst tat – und damit zur Fluchkreation beitrug.“] und albern.
Einzig der Samara-Brunnenwand-Kletterstil war erwähnenswert positiv.

Wir verließen das Kino mit entsprechender Enttäuschung, stellten fest, daß um diese Uhrzeit auch keinerlei öffentlicher Personennahverkehr als wegverkürzendes Transportmittel zur Verfügung stand, und liefen nach Hause, innerlich besänftigt durch das Wissen, zwar mit „o2“ einen miesen, ab mit „The Powerpuff Girls Movie“ einen wirklich guten Film gesehen zu haben.

Und wieder haben die Powerpuff Girls den Tag gerettet…

Der Fotograf

Auf dem Hallenser Bahnhof hatte der Frühling Einzug gehalten. Überall grünte es: Polizisten hatten sich demonstrativ an strategisch bedeutsamen Positionen hingestellt und beobachteten gelangweilt ihre Umgebung. Hin und wieder gesellte sich etwas Blau hinzu: Der Bahnhofssicherheitsdienst oder ein paar redefreudige Schaffnerinnen.

Ich hatte meinen Zug verpaßt. Um zwei Minuten. Bis zum nächsten war noch Zeit. Gelassen orderte ich beim Fahrkartenautomat ein Ticket, beobachtete nebenbei die Polizisten. Diese schauten nur, bewegten sich kaum, wirkten präsent aber nicht bedrohlich.
‚Was wollen die hier?‘, fragte ich mich. ‚Findet heute irgendein bedeutsames Fußballspiel statt?‘
Ich wußte es nicht, wagte auch nicht, einen der Grünuniformierten mit einer entsprechenden Frage zu belästigen. Schließlich bin ich kein Sensationstourist.

Der Buchladen hielt wenig Interessantes bereit. Ich verließ ihn schnell wieder, mich daran hindernd, Geld auszugeben, das ich nicht hatte. Die Polizisten standen noch immer an gleicher Stelle. Wie festgewachsen. Bewegten sich träge im Wind der Vorbeieilenden.

Ich suchte nach einer freien Bank, auf der ich mich plazieren und in mein Buch vertiefen könnte, fand keine. Überall saß schon jemand.
‚Na gut.‘, dachte ich, ‚Dann begebe ich eben schon auf den Bahnsteig, setze mich dort irgendwohin.‘

Kaum hatte ich mich in Richtung des Bahnsteigs gewandt, sah ich in einem Café einen älteren Mann stehen. Keine wirklich gepflegte Erscheinung. Auf dem kleinen Tisch vor ihm dampfte ein Kaffebecher. Eine Schachtel Zigaretten und ein billiges Einwegfeuerzeug leisteten stumm Gesellschaft.
Ich wollte mich schon abwenden, als mein Blick auf den Barhocker fiel, neben dem der Mann Stellung bezogen hatte. Auf diesem, allerdings nicht auf der Sitz, sondern auf der Fußabstellfläche, lag eine Kamera, eine uralte Leica mit einem monströsen Objektiv. Dieses war allerdings mit zahllosen Aufklebern verunziert, was einerseits auf dessen Alter, andererseits auf die Geschmacklosigkeit des Besitzers hindeutete.
‚Ein Fotograf?‘, dachte ich und sprach ihn an.

„Hallo. Ist hier denn irgendwas los?“
„Nee, nee, nur das Übliche.“

Und dann begann sein Monolog. Er berichtete von Bahnhofssicherheitsvorkehrungen [zu denen regulär allerdings meiner Meinung nach kein derart immenses Polizeiaufkommen gehört], von Gepäckdiebstählen, von einer Methode, sich gegen Gepäckdiebstahl zu sichern, indem man einen alten Fahrradschlauch aufschlitzte, einen Draht darin einspannte und das Ganze zu einer Art Schlaufe formte. Er erzählte mir, wann und wo besonders viel geklaut wurde, wo die Leute am wenigsten aufpaßten, daß schon ganze Küchen und Wohnzimmer [Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, daß damit keine komplett eingerichteten Zimmer, sondern die in Pakete verpackten Möbelstücke gemeint waren.] abhanden gekommen seien. Und dann schweifte er ab, erzählte davon, daß man in solchen Fällen einen Fotografen brauchte, daß man sich an die Presse wenden möge, verwechselte Bahnhof mit Flughafen, erzählte, daß er sei 1977 „dabei“ sei, ebenso wie seine Vorfahren, daß die Studenten ja heutzutage alle kein Geld hätten, weil sie 500 Euro bezahlen müßten. Er gab mir Tips, wie man zu Geld käme, redete von lukrativen Einkunftsmöglichkeiten mittels eines Quads oder gar im Polizeiorchester. ‚Bei der Polizei und bei Militär. Da ist das Geld zu holen.‘, meinte er.
Aus seinem nikotingelben Bart quollen unzählige Worte hervor, trieben von einer Thematik zur nächsten, so daß ich Mühe hatte zu folgen. Ich nickte immer nur wieder, stimmte zu, ergänzte seine Standardfloskeln mit weiteren.
„Das ist halt so.“, „Da kann man nichts machen.“, „Naja…“, „Tatsächlich…?“
Ich kam mir wie ein Lügner vor, begriff längst nicht mehr, was der alte Mann denn nun erzählte, wußte aber, daß ich keine Antwort auf meine Frage nach der enormen Polizistenanzahl auf dem Bahnhof erhalten würde.

Von einem Bahnsteig strömten Menschenmassen. Auffallend viele Gestalten, die ich politisch rechten Bereichen zuordnete, verweilten unter ihnen, begleitet von grüngewandeten Polizisten in bulligen Schutzwesten und Helmen.
‚Tag der Beftreiung.‘, ging es mir durch den Kopf, ‚NPD-Demo.‘

Der alte Mann holte gerade Luft.
Ich warf einen Blick auf meine inexistente Uhr.
„Ich muß los.“, log ich, „Mein Zug…“

Er nickte mir zu, verabschiedete mich mit einer kumpelhaften Geste und verschwand bald hinter dem Getümmel der Kahlköpfigen und Behelmten.

Tag der Trapezförmigen Elefantenspringbrunnen

Auf dem Mensatisch entdecke ich einen Flyer.
Am Dienstag, 10. Mai sei der „Bundesweite Tag der Aktienkultur“, entnehme ich ihm.

„Bundesweiter Tag der Aktienkultur?“, frage ich empört in die Runde, „Bitte, was ist denn das für ein alberner Schwachsinn?“
„Wieso?“
„Da kann man ja gleich den Bundesweiten Tag der Trapezförmigen Elefantenspringbrunnen initiieren!“
„Der ist doch am 06. Juni.“
„Ach so.“

Stein

Heute war ich am Grab.

Wenn es um designtechnische Ansprüche geht, habe ich immer zu meckern. Nun ja, nicht zu meckern. Aber mir fällt immer etwas auf oder ein, das verbessert oder zumindest kritisiert werden könnte. Immer. An mir. An meinen Werken. Und natürlich an denen anderer.

Meine Mutter, mein Bruder und ich hatten den Grabstein zusammen ausgesucht. Sie hatte konkrete Vorstellungen, wir beiden nicht. Und doch waren wir schnell einig geworden, gaben meiner Mutter recht, widerprachen ihr, fanden bald eine Steinsorte, eine Steinform, die uns alle befriedigte [insoweit Grabstein Befriedigung verschaffen können].

Die Inschrift sollte kurz gehalten werden. Vorname, Nachname, Geburtsjahr, Bindestrich, Sterbejahr. Meine Mutter wünschte es so. Ich sinnierte darüber, sinnierte über die Angabe des genauen Datums, über die Angabe der zusätzlichen [nie genutzten] Vornamen. Und entschied mich dagegen. Gab meinem Bruder, gab meiner Mutter recht.

Sie wollte Platz lassen. Für sich.
Auf dem Grabstein ihres Mannes sollte Platz gelassen werden für ihren eigenen Tod, den ich mir in weiter Zukunft vorstellte, ja eigentlich nicht vorzustellen vermochte. 50 ist kein Alter.
Na gut, 47 auch nicht.

Ich war dagegen, protestierte, fand es lächerlich und unästhetisch zugleich. Eine leere Hälfte, die auf den Tod meiner Mutter wartete. Das ängstigte mich.
Sie ließ sich überzeugen. Nicht von mir. Aber von den Steinmetzen. Immerhin.

Nur die Schriftart mußte noch ausgewählt werden. Zu diesem Zeitpunkt war ich fern. 100 Kilometer weit weg.
Ich hatte meine Vortsellungen geäußert. Kein sinnloses Geschnörkel, nichts Altmodisches. Meine Mutter gab mir recht. Mein Bruder sowieso.

Heute war ich am Grab.
Die Schriftart sah anders aus als in meinem Kopf. Doch nach zwei, drei Blicken stellte ich fest, daß sie gut aussah, paßte. Zum Stein. Zu meinem Vater.

Vielleicht hätte man Kapitälchen nehmen sollen, dachte ich. Und verwarf den Gedanken. So wie es war, war es gut.
Ich hatte nichts zu meckern. Schwieg. Weinte.

Auf dem Grab standen drei Schalen. In ihnen welkten Blumen vor sich hin. Ein trauriger Anblick. Gehendes Leben über gegangenem.

Ich hatte keine Blume mitgebracht. Wollte keine Vergänglichkeit auf dem Grab niederlegen. Höhnisch wäre ich mir vorgekommen. Falsch. Ich überlegte, ob mein Vater Blumen gewünscht hätte, wußte es nicht.

Alles ist vergänglich, wurde mir bewußt. Warum also keine Blume? Das nächste Mal, versprach ich mir. Tut mir leid, entschuldigte ich mich.

Ich hockte vor dem Stein. Der Weg war zu schmal. Mein Rücken streifte den Grabstein hinter mir. Weitere Tränen warteten in meinen Augenwinkeln.

Ich redete. Redete unsinniges Zeug. Redete mit einem Stein. Weinte.

Bei der Beerdigung hatte ich festgetsellt, daß ich niemals akzeptieren können würde, daß er, sein Leib, in Pulverform ein Metallgefäß füllen würde, irgendwo unter mehreren Lagen Erde. Nicht er, nur irgendetwas, das an ihn erinnern sollte, vielleicht. Nicht er.

Und nun redete ich mit einem Stein. Spürte, wie sehr er mir fehlte. Fand keine Worte. Redete trotzdem. Weinte wieder.

In vielen Momenten ist er mir nah, begegnet er mir. Bilder aus der Vergangeneheit. Ich erfreue mich daran. An jedem einzelnen. An jeder Erinnerung.

Doch hier ist Erinnerung Schmerz, Leere, Ewigkeit. Das Bewußtsein über die fehlenden Schritte zurück. Das Wissen von einer unvollständigen Zukunft.
Liebe, die brennt und kein Echo mehr findet.

Als ich gehe, perlen noch immer Tränen über meine Wangen.

Rückblick

Abseits der lärmenden Masse, des trunkenen Trubels sich einen Platz zu suchen, umrandet von Elbarmen und grünendem Geäst, inmitten wohlgesonnener Gemüter, in der Wärme glimmender Holzkohlebriketts, den Klängen der Klamphe, den tiefherzigen Falschtongesängen zu lauschend, einzustimmen, zu schweigen, zu betrachten, das eigene Lippenlächeln zu bewundern und eigene Gedanken auf fremden Lippen wiederzuentdecken, die harsche Geschwätzgewalt, die unwerten Rauschworte in den Hintersinn verschiebend, im Rausch der vereinzelter Augenblicke trauter Teil zu werden, im Schweigen einen Freund zu finden und trotzdem zu lachen, die munteren Masken der anderen zu sammeln und zu mögen, zu erwachen im geteilten Raum, Fremdatem erahnend, nicht fern, nicht nah, doch vertraut, für Momente gewünscht, mit Wonne beschenkt, als wäre der Tag ein guter.