Beschwerde

Ich beschwere mich. Ich habe allen Grund, mich zu beschweren.

Seit November letzten Jahres sitze ich an meiner Studienarbeit und komme nicht voran. Sicherlich wäre es hochnäsig, meine Arbeitsweise als eifrig und zielorientiert zu bezeichnen; schließlich bin ich ein lahmer, fauler, sich selbst ablenkender Nichtswisser, wenn mich etwas nicht zu fesseln vermag. Doch anfangs war ich gefesselt, war eifrig dabei, suchte Fakten, fand keine, suchte weiter und weiter, drang tiefer in die Materie, sammelte Material, Informationen, fühlte mich stolz, etwas zu leisten.

Zwischendurch hatte ich Prüfungen zu absolvieren, Ferien zu ignorieren und immer wieder meinen „Mentor“ zu besuchen, der jedesmal nach gleichem Prinzip agierte. Wollte ich mich mit ihm treffen, so hatte ich das telefonisch oder per Mail anzukündigen, erreichte ihn aber nur selten oder erhielt in den wenigsten Fällen eine Antwort. Falls doch, lag der Termin zumeist am Ende der nächstfolgenden Woche, und eine Menge Leere war bis dahin zu überbrücken.
Wenn ich zu dem vereinbarten Termin bei ihm eintrudelte, blieb ich meist nur drei bis fünf Minuten in seinem Zimmer; er bombadierte mich mit Aufgaben [allesamt im Stil von „Finden Sie heraus…“ oder „Kümmern sich sich mal um…“], die ich im ersten Augenblick für sinnvoll erachtete.

Doch zu Hause, vor dem heimischen Rechner, wenn ich dann – da es keine Informationen zu meinem Thema in handelsüblichen Printmedien zu geben scheint – eifrig recherchierte, stellte ich entweder fest, das schon lange in Erfahrung gebracht und ihm teilweise sogar schon überreicht zu haben oder daß ich nciht verstanden hatte, was er nun eigentlich forderte, mit seiner wirren, undeutlichen Ausdrucksweise nicht klar zu kommen. Hinzu am, daß ich mich darüber ärgerte, daß er mir sämtliche Fragen auch schon anderthalb Wochen vorher hätte stellen können, daß ich also die Leere mit Sinnvollem befüllt haben könnte.

Wenn ich dann das Erforderliche darbot, ihm zur Ansicht vorlegte, beschaute er es kurz, ohne es zu bewerten [Es war tatsächlich egal, ob ich zwei oder zehn Seiten vorlegte.] und stellte dann eine neue Aufgabe, einer neuen Idee folgend, wieder mit dem nötigen Zwischenzeitraum und der allgemeinen Planlosigkeit der Situation bestückt.

Eines meiner Probleme jedoch ist, daß ich nur Theorie bearbeite, daß ich versuche, Anleitungen udn Hinweise zu finden, Gedanken vorantreibe, die auf keinen fruchtbaren Boden stoßen, weil sie nur theoretisch ins Nichts geschwafelt werden.

Schon im Dezember überreichte ich ihm eine Bestelliste, um auch die praktische Seite fördern zu können. Doch bis heute geschah nichts; ich halte nichts in den Händen, womit ich arbeiten kann, aus dem Erkenntnisse zu gewinnen wären, welche die Theorien bestätigen oder verwerfen. Vielleicht ist alles richtig, vielleicht alles falsch; wer weiß.

Mittlerweile weiß ich nicht mehr weiter. Ich bin nicht länger willens, seine zuletzt gestellte Aufgabe zu erfüllen, da ich nicht fühle, daß sie mich voranbringen wird, daß mich überhaupt irgendetwas voranbrachte. Ich fühle nicht, wie es weitergeht, fühle nicht, daß ich irgendwann die Studienarbeit abschließen werde. Ich sehe nicht den Tag, an dem ich das theoretisch Erforschte praktisch aufbauen werde, an dem ich mich mit den Fehlern und Tücken der Wirklichkeit herumzuschlagen habe.

Studienarbeiten sollten drei Monate dauern. Mehr nicht. Eine Verlängerung ist möglich – auf vier Monate. Mittlerweile jedoch befindet sie sich im siebten Monat – natürlich unangemeldet. Mein Dasein stagniert, weil ich nicht fähig bin weiterzudenken, weiterzuplanen. Die Stuienarbeit schwebt im Kopf und blockiert alles Denken.

Ich beschwere mich. Nicht unbedingt über diese Studienarbeit, nicht unbedingt über den „Mentor“, nicht über das „Schicksal“, das mich mit dieser Trägheit versah.

Nein, ich beschwere mich über mich selbst, über die vielen Vorhaben, die in meinem Kopf herumschwirren, ohne verwirklicht zu werden. Müde und ausgelaugt krieche ich durch die Tage, durch die Zeit, krieche ich voran, bastle ein wenig – einem Alibi gleich – an der Arbeit, doch bin nicht fähig, meinen Blick woandershin zu richten, nicht fähig aufzusehen.

Ich wollte mich um mein Praktium kümmern. Im Juni soll es losgehen. Doch wo? Bei wem? Ich habe keine Ahnung, regte mich nicht. Warum auch? Ich bin ja mit der Studienarbeit beschäftigt. Eigentlich sollte dioese bis dahin erledigt sein; doch wer weiß…

Ich wollte meine restlichen zwei Prüfungen absolvieren, wollte dafür lernen, mich anmelden, sie einigermaßen gut bestehen, endlich sämtliche Prüfungen meines Studiums abgeschlossen haben. Doch ich klebe an meiner Studienarbeit, nutze sie als Ausrede für meinen Stillstand.

Und so viel mehr wartet auf mich; kreative Wünsche, Gedanken, Vorhaben, Ideen, die nicht umegsetzt werden, weil ich vor dem Bildschirm hocke, auf nutzlose Seiten starre und nicht vorankomme, weil ich Zeit vertrödle, die nichts wert zu sein scheint, mit Dingen, die nichts beinhalten, nichts bedeuten.

Ich beschwere mich über mich selbst, über mein Leben, das keines ist, sondern nur eine lächerliche Nichtexistenz, ein Gedankensuchen und Traumweltenschaffen, ein Innenzauber, der den äußeren nicht zu beeinflussen vermag.
Ich beschwere mich über meine Willenlosigkeit, mein Kraftlosigkeit, meine Antriebslosigkeit, meine ewigen, nutzlosen Optimismus, meine Blindheit.
Ich beschwere mich über meine fehlenden Worte, meinen fehlenden Wunsch, mich zu beschweren, mein Umfeld zu verbessern, mich selbst zu verbessern.

Ich beschwere mich, weil ich mein Heil in der Flucht suche, im Nichts, im stillen Schweigen, im Nichtbegreifen, im Nicht-Sehen-Wollen, in der Ignoranz meiner Selbst.
Ich beschwere mich, weil ich mich ablenke, mich beschäftige, um Beschäftigung zu haben, um nicht denken, nicht wissen zu müssen.
Ich beschwere mich mich, weil ich nicht der bin, der ich zu sein glaube.

Ich beschwere mich!

Maskerade

Begegnet man anderen Menschen, zeigt man ihnen eine Maske, eine Oberfläche, die das subjekt bewertete, bestmögliche Bild von sich selbst repärsentiert. Nur selten hat man das Glück, Menschen zu kennen, bei denen man sich so fühlt, als bliebe das Selbst an der Oberfläche, nicht versteckt hinter einem falschen Lächeln, hinter einer Fassade, die zuweilen durchschaubar, zuweilen aber unerhört natürlich zu sein scheint.

Doch wenn man zu suchen beginnt, beginnt man sich zu fragen, ob die Person, die man für sich selber hält, jenes Wesen ohne Masken, nicht vielleicht auch nur eine Maskerade ist, nur eine weitere Schale, unter der sich irgend etwas verbirgt.

Was also ist dann das wahre Ich? Gibt es ein solches überhaupt, bedenkt man, daß die Masken in jeder Situation unverrückbar auf dem Eigengesicht kleben, vielleicht sogar, wenn das eigentlich, wirkliche Anlitz zum Vorschein kommt? Oder ist das wahre Ich ein Märchen, ersonnen, um uns zu beruhigen, um all die Lügeln, alle Masken erträglicher zu machen, das Wissen vorzugaukeln, man bräuchte nur alle Fassaden durchbrechen und fände dann die Wahrheit – hinter allen abgelegten Masken? Vielleicht gibt es kein wahres Ich.

Vielleicht aber doch. Vielleicht ist das wahre Ich auch ebenjene Ansammlung von Masken, mit der man sich bedeckt, mit der man der Welt begegnet. Vielleicht ist das wahre Ich tatsächlich das, was wir sind und nicht das, was wir unter der Oberfläche zu finden glauben.

Es ist einfach: Die Masken begleiten uns; ständig, überall. Es gibt Wege, sie loszuwerden, doch lebt es sich leichter mit einem falschen Lächeln auf den Lippen, mit einer Maske, die den anderen genehm ist. Das Leben besteht aus Masken. Warum sollten diese also nicht zum wahren Ich gehören?

Zudem sei erwähnt, daß die Wahl verbleibt. Die Maskierung ist nicht Pflicht. Und wo eine Alternative bleibt, für oder gegen die man sich entscheiden kann, birgt die gefällte Entscheidung das wahre Ich des Wählenden.

Sich selbst mit allen Masken als wahres Ich zu akzeptieren bedeutet demnach nicht, jeder Fassade, jeder Maskierung Zuspruch zu gewähren. Denn obgleich die Masken, die Wahl der Masken, dem wahren Ich angehört, ist dieses leichter zu erfassen, leichter zu begreifen, wenn nicht erst Umwege und Umleitungen begangen, Lügen erforscht und Falschgesichter hinterfragt und durchschaut werden müssen.

Die Masken verraten sich selbst. Doch nur der Suchende kann das Gesicht dahinter erblicken.

Danke an G.

graugemäuer

als wär der leib ein graugemäuer
stadtkernfern am scheideweg
insel stummer lichtgeburten
irgendwann vergangenheit

längst zersplittert alle scheiben
keine sonne glitzert stumm
tote augen suchen leben
stöhnen trauer mit dem wind

wege
wirre bröckeltreppen
gänge
hohl und menschenleer
doch kein anfang führt nach innen
doch kein echo schreit sich taub

in den rahmen welken bilder
sinnverwesung näht ein kleid
leben rieselt von den wänden
zeichnet träume in die furcht

reiß mich nieder!
fahle stimme
spinnenbein zu klang verformt
reiß mich nieder!
hauchgemäuer
staub soll sein, was schatten war…

www.bluthand.de

[Im Hintergrund: Grabnebelfürsten – „Von Schemen und Trugbildern“]

In Scherben

Du kannst mich nicht halten. Niemand kann mich halten. Randlos stürzt der Abgrund auf mich hernieder. Fang mich nicht. Halt mich nicht. Find mich nicht.

Als der Boden mich berührt, zerbreche ich in Tausend Spiegelscherben.
Irgendwo könntest du mein Lächeln finden, alt, verwelkt, doch meines, doch für dich.
Halt mich nicht.

Wenn ich deinen Namen rufe, erklingt er ewig, schallt hernieder auf meine Seele, durch die Zeiten, in meinen Tränen, fängt sich in den glitzernden Scherben auf dem Boden, läßt sie verschwimmen, zerrinnen.
Halt mich nicht.

Halt nicht, was dich findet, halt nicht, was dich sucht.
Wohin der Weg mich führt, ich entfliehe, entweiche.

Wären meine Schwingen Flügel, könnte ich tanzen, könnte ich brennen, irgendwann, irgendwo.

Als ich Feuer fing, zersplitterten meine Gedanken zu Erinnerungen, zu Träumen in einsamen Dunkelheiten, zu Namen, die zu rufen ich vergaß.

Halt mich nicht, wenn ich unter deinem Anlitz schmelze, im Lächeln meiner Sehnsucht.
Halt mich nicht, wenn gläserne Kanten glänzend rotes Leiden wecken.
Halt mich nicht, wenn der Schmerz sich in meiner Hoffnung bricht.

Als ich den Boden berührte, gefror ich zu Vergangenheiten, gefror ich zu Gedanken, gefror ich zu Stille.
Eines einzigen Wortes hätte es bedurft, eines Windhauchs wilder Blüten, eines flackerwarmen Augenblicks.
Mein Antlitz zersplitterte, als zerbräche ein Leben.

Durch Sonnen schleiche ich, suche dein Bild, suche mich in Tausend glitzerkalten Scherben, suche dich inmitten vergessener Ewigkeiten.
Durch Tage krieche ich, als wären sie mein Leben, als wären sie ich.
Durch Küsse wandle ich, das Schmelzen begehrend, das Splittern findend.

Wohin, wenn nicht in die zarte Berührung lächelnder Gedanken?
Wohin, wenn nicht in das versehrte Antlitz einer samtenen Göttin?
Wohin, wenn nicht in die Flucht, die immerwährende, die sorglos glimmende, die unerreichbare?
Wohin, wenn nicht zu dir?

Halt mich nicht.
Halt mich.
Fest.

für dich

schenk der innenwelt ein seufzen
spür mein herz im trippeltakt
trippelschritte
flüsterwege
folgend deiner wolkenspur

sehnsucht um dein herz gefaltet
schleich ich sternen hinterher
pflück dein lächeln aus der sonne
leb für dich
für leben nur.

www.bluthand.de

[Im Hintergrund: Anathema – „A Natural Disaster“]

vielleicht

Ich hatte dich noch nicht erkannt, als ich schon von dir träumte.
Dein Herz sprach von Schmetterlingen, deine Blicke lächelten wie erwachende Sonnen. Wäre ich haltlos, hätte ich geflüstert, von Sternen gesungen. Wieviele Namen hat ein Leben?
Am Ende des Anfang erfand ich die Sehnsucht, entflammte ein Bilderfeuerwerk träumender Rauschbegierden. Was wäre gewesen, wenn? Kein Wort verläßt die Seele, doch mein Schweigen erzählt von dir.
Ein Märchen vielleicht.

Menschen 10

Eine Rentnerin auf einem Fahrrad, mit dem üblichen Fahrradkorb hinter sich, die sich eine Steigung hinaufquält und dabei vor Anstrengung das Gesicht verzieht, ihre schiefen Zähne zeigt. Als ich vorbeifahre, wird sie sich ihrer Grimasse bewußt und versteckt ihre entblößten Zähne wieder, normalisiert ihr Gesicht und schaut mich unschuldig an.

Der Fahrradweg ist schmal. Mir kommt eine junge Frau entgegen, auf der falschen Straßenseite fahrend. Das stört mich nicht weiter; ich halte mich so weit wie möglich rechts. Die junge Frau jedoch hat genau denselben Teil des Fahrradweges für sich erachtet. Im letzten Augenblick mache ich einen Schlenker und weiche ihr aus, verwundert darüber, daß sie nicht nur auf der [von ihr aus gesehen] linken Straßenseite fuhr, sondern sich auch noch auf dem Weg [von ihr aus gesehen] links orientierte.
Dann wird mir bewußt, daß das Rechts-Fahr-Gebot nur eine von unzähligen Regeln darstellt, die mir von kleinauf eingetrichtert wurden, daß ich vollgestopft bin mit Vorschriften, die jeder für normal erachtet, deren Beachtung aber nicht immer zwingend notwenig ist.
Heimlich lächle ich über die – vermutlich unbewußte – Anarchistin.

Auf der neugebauten Sternbrücke schlendern zwei Mittvierziger entlang, beide mit Bierbauch und Schnaubart verziert. Einer von ihnen bleibt stehen, mustert die blauen Stahlträger der Brücke argwöhnisch, klopft prüfend darauf und murmelt:
„Was das alles wieder gekostet hat…“

Nicht…

Nicht zu schlafen, nicht dem dämmrigen Begreifen des Jetzt, nicht den eigenen Gedanken, nicht dem Bewußtsein der Daseinslosigkiet gegenüberzutreten, nicht die Blicke der Gegenwart zu entreißen, die Augen zu schließen und in gleichem Morgen erneut öffnen zu müssen, nicht haltlos zu fallen aus dem Heute in die Fremde, nicht das Wissen, die Hoffnung um den Eigenwert zu verlieren, neu suchen zu müssen, nicht zu vergessen, im Traum, im Taumel, neu zu finden, neu zu erfinden, nicht zu fliehen, vergeblich, der Leere im Herzen ausgesetzt.
Laßt mich nicht schlafen, nicht ruhen, nicht wissen, nicht träumen. Laßt mich nicht weichen, nicht für die Neugeburt sterben, nichtdas flackernde Licht loslassen müssen. Laßt mich nicht begreifen, niemals begreifen, was ist, was ich bin.