Lächelnd

Sich gelassen in den Sessel fletzend, mit einer albern-häßlichen Mütze auf dem Kopf und einem guten Buch in den Händen, zufrieden Pink Floyd lauschend und Dosenmandarinen futternd …
Des Lebens Schönheit besteht zuweilen nur aus wenigen Dingen.

Türphilosophie

Heute war ich auf dem Campus unterweg. Als ich das Akademische Auslandsamt betreten wollte, fand ich den Türgriff nicht. Er war auf der falschen Seite.
Ich blickte mich um, ob meine In-die-Luft-greif-Bewegung gesehen worden war und untersuchte die Tür genauer, verglich sie gar mit anderen Eingangstüren in der Umgebung.

Tatsächlich waren alle Türen für von außen kommende Rechtshänder konzipiert worden: der Griff / die Klinke / der Knauf befand sich links, so daß man ohne Schwierigkeiten die eigene rechte Hand dazu nutzen konnte, um die Tür aufzuziehen oder – drücken. An „meiner“ Tür jedoch befand sich die Klinke rechts. Es fiel mir merkwürdig schwer, war unangenehm ungewohnt, die Tür derart zu öffnen. Irgendwie war es … falsch.

Dabei stört es mich beim Hinausgehen im Allgemeinen keineswegs, daß sich der Griff / die Klinke / der Knauf auf der rechten Türseite befindet.

Ich sann darüber nach, ob Türdesigner wirklich berücksichtigt hatten, wie man den Rechtshändern, die nunmal einen Großteil der Bevölkerung ausmachen, den Zutritt zu Gebäuden und Zimmern, insbesondere das Öfnnen der entsprechenden Türen, leichter gestalten könnte oder ob es ein Zufall war, daß bei nahezu allen Türen, die ich kenne (abgesehen von der des Akademischen Auslandsamtes und meiner Haustür), der Griff / die Klinke / der Knauf an der linken Seite befestigt wurde und sich die Türangel an der rechten befindet…

Montag Nachmittag ist übrigens eine schlechte Zeit, um das Akademische Auslandsamt aufsuchen zu wollen, weswegen ich unverrichteter Dinge die sich nun links befindliche Klinke betätigte und ins Freie trat.

Kommste jetze!?

Überall gibt es regionale sprachliche Unarten, die einem Hochdeutschmöger Ohrenbluten zu verschaffen vermögen. In der Saalestadt Halle ist der Drang weit verbreitet, jedes Wort mit einem E abzuschließen. Diese eigentlich skurrile und womöglich niedliche Unsitte bedürfte keiner Erwähnung, wäre sie mir nicht neulich aufs Gemüt geschlagen, als ich an der Kasse eines Supermarktes Folgendes erlebte:

Eine Kundin zeigt der Kassiererin den Einkaufswageninhalt zur korrekten Abrechnung der zu erwerbenden Produkte: Zwölf Schokoladenosterhasen und vier Plastikeinkaufsbeutel.
Sie hält einen Osterhasen in die Luft, sagt: „Zwölfe“.
Sie hält eine Tüte in die Luft, sagt: „Viere.“
Und als wäre der Deutschsprachvergewaltigung nicht Genüge getan worden, schnauzt sie noch ihren umherstreifenden Jungen an:
„Kommste jetze!?“
Dieser antwortet genervt: „Jaaa, Muttiiije.“

Schon wieder

Ich hatte gerade das Gebäude betreten, als mir eine junge Frau entgegenkam, ihren Sohn tragend. Während die beiden sich zum Ausgang bewegten, schaute der Junge neugierig über ihre Schultern zu mir herüber. Und bevor sich die Tür automatisch hinter ihnen schloß, vernahm ich noch die Worte des Kleinen:
„Mami, ist das ’ne Frau oder ’n …“
‚Nicht schon wieder!‘, dachte ich und betätigte den Fahrstuhlknopf etwas intensiver als sonst.

[siehe auch hier]

Das Wort des Tages 7

Das heutige Wort des Tages ist eindeutig
anderthalb.

Warum?
Weil es ein tolles Wort ist.
Weil ich nie im Leben auf den Gedanken käme, „eineinhalb“ zusammenzustottern.
Und darum.
[via argh!]

Das Wort des Tages 6

Des gestrige Wort des Tages war eindeutig
schlendern.
Nicht nur, weil es mir in den Sinn kam und spontan gefiel, sondern auch weil ich gestern feststellte, daß das Schlendern eine meiner favorisierten Fortbewegungsarten ist, bietet es doch die Möglichkeit, die Details der Umgebung wahrzunehmen, aufzunehmen und sich ihrer zu erfreuen. Dem Schlendern wohnt eine Unbekümmertheit inne, die sich wohl vor allem auf das Zeitliche richtet, eine Unbekümmertheit Terminen und Planungen gegenüber, eine Spontansorglosigkeit, die in der Hektik der Tage zu oft unterzugehen droht, ein beschwingtes Sich-Treiben-Lassen, das dabei zu helfen vermag, das eigene Ich inmitten des Lebenswirrwarrs wiederzufinden und das Fremde, Bedrohende für einen Augenblick zu vernachlässigen.

Geist

Als ich das Abteil betrat, sahen die beiden alten Leute nicht auf. Eifrig wühlten sie gemeinsam in einer kleinen Tasche und zauberten eine Zeitung und ein Buch hervor. Ich setzte mich, nahm einen Viererplatz in Beschlag und überlegte, in welche Richtung der Zug fahren würde.

Die beiden Alten nahmen keinen Anstoß an meinem Platzraub, an meinen Schuhen auf der Sitzkante, vertieften sich in ihre Lektüre. Heimlich schaute ich hinüber. Keinerlei Reaktion erfolgte. Ich blickte offensichtlich hinüber, wendete demonstrativ Kopf und Oberkörper in ihre Richtung, starrte sie aufdringlich an. Die alte Frau drehte sich zu ihrem Mann und murmelte ein paar Worte. Er antwortete, sie lachte, las weiter. Ich bin ein Geist.

Mein Schnupfen machte sich bemerkbar, machte mich bemerkbar. Ich nieste lautstark. Mehrmals. Anschließend vernahm ich nur Stille, keine Genesungswünsche, keine Regung, keinen Laut aus den Mündern der Alten. Selbst als ich mir die Lunge aus dem Hals hustete, als ich mich keuchend an der Lehne festkrallte, um nicht von mir selbst vom Sitz zu gerissen zu werden, als mir jede Luft zum Atmen fehlte und ich im Geiste flehte, daß dieser Hustenanfall vorbeigehen möge, blickten die beiden Alten nicht zu mir herüber. Ich war unsichtbar.

Heimlich faßte ich in mein Gesicht, tastete nach meinem Leib, befürchtete, mit der Hand hindurchzugleiten. Doch ich spürte mich, war noch da.

Die Alten erhoben sich, halfen sich gegenseitig beim Bekleiden. Sie sahen zu mir – doch sahen mich nicht. Als sie ausstiegen, fragte ich mich, wo ich bin. Noch immer hier?

Ich sah mich, meinen Körper, fühlte mich, konnte mich atmen hören. Verweilte ich noch in dieser Welt? Oder war ich unsichtbar, für mich allein zu sehen, ein Geist, ein Dämon gar?

Der Schaffner trat ins Abteil, wünschte meine Fahrkarte zu sehen.

Ich atmete auf: Ich war noch immer hier.

Vergessene Welten

Gerade eben setzte sich sich der Zug behäbig in Bewegung, begann beschleunigend die Fahrt in meien zweite Heimat. Das Bahnhofsgelände rauscht außen vorbei; ich sehe aus dem Fenster und begegne fremden Welten.

Dieser Bahnhof besitzt zwei Seiten. Die erste kenne ich gut. Unzählige Male hielten sich meine Blicke an den bekannten Gebäuden fest, erfreuten sich heimkehrend der restaurierten Fassade der Bahnhofshalle. Die zweite Seite jedoch verbirgt sich, verblieb bislang unbekannt.

Auf rostenden Gleisen stehen wuchtige Lokomotiven, deren roter Lack allmählich abzublättern beginnt. Unzählige Masten und Signale bilden einen wirren Wald aus Metall. Zerfallene Backsteinbauten stehen herum, mit längst veralteten, verrottenden Schildern bestückt. Überall wuchert wild das Unkraut, entfaltet sich in unkontrollierter Freiheit.

Hinter den Gleisen stehen Häuser. Ihre Scheiben sind längst erblindet oder von Steinen zerschmettert. Grau und tot präsentiert sich das dreckverkrustete Mauerwerk, zeugt von Vergessen. In Reih und Glied warten sie neben den Gleisen wie Veteranen längst verlorener Kriege. Ich kenne sie nicht.

Vielleicht tummelte sich einst Leben in ihnen, Arbeitende, Maschinen, menschliche Stimmen, zu Gelächter geformt, die üblichen Wünsche und Sehnsüchte in den Köpfen träumender Wesen. Vielleicht waren sie einst wichtig, stolze Bestandteile des Bahnhofs, bedeutend für den seinen Betrieb, unentbehrlich für seine Funktionalität.

Heute jedoch wirken sie traurig, leer und kalt, einer Geisterstadt entnommen. Ich entdecke einige Buchstaben – eine einstige Beschriftung vielleicht – doch vermag ich sie nicht zu entziffern, kann mich nicht erinnern, die zweite Seite des Bahnhofs jemals zuvor entdeckt zu haben.

Schon länger bewohne ich diese Stadt, wandle durch ihre Adern, kenne Bauten, kenne Bewohner. Doch die Welt hinter dem Bahnhof kenne ich nicht.

In meinem Kopf befrage ich den Stadtplan, orte den geheimen, vergessenen Bezirk. Schon oft verweilte ich hier, lief durch die Straßen, fuhr zu wichtigen Zielen. Doch niemals zuvor sah ich diese Häuser.

Nur wenige Straßen weiter erblicke ich weitere Gebäude, Wohnhäuser. Ich erkenne sie wieder, glaube mich an einen Mieter erinnern zu können, fände sie sofort, müßte ich danach suchen. Aber das vergessene Zwischenreich, die ungesehene Welt hinter dem Bahnhof, vermag ich nicht zu fassen.

Für einen Moment bedrängt mich der Wunsch auszusteigen, zu erkunden, was längst dem Verfall überlassen wurde, der Wunsch zu entdecken, was so geheim, so fremd, auf der Bahnhofsrückseite verweilt, will berühren, was sich so geschickt vor meinen Blicken verbarg. Schon stehe ich auf…

Am Fenster rauscht die Außenwelt vorbei. Längst liegt die zweite, die myteriöse, Seite des Bahnhofs Kilometer hinter mir. Ich setze mich wieder, versinke im Sitz, in meine Gedanken.

Die Lautsprecherstimme weckt mich. Ich bin bereits am Ziel. Als ich mich erhebe, mir meine Jacke überwerfe, erhasche ich, kurz bevor der Zug zum Stehen kommt, einen Blick nach außen – auf eine weitere Welt jenseits des Bahnhofs, jenseits menschlicher Erinnerung.

Fassunglos steige ich aus, fliehe in die Wirklichkeit.

Mein Bild in deinem Kopf

In deiner Gegenwart fühle ich mich falsch. Wenn ich meinen Mund öffne, spüre ich, daß die Worte, die mich verlassen, dich nie erreichen werden. Dein Ohr verdreht sie. Ein Vorwurf liegt in der Luft, eine Rechtfertigung, eine Erklärung für Dinge, die keiner Erlärung bedürfen, eine Verteidigung meiner Gedanken, obwohl ich mich nicht verteidigen möchte. Und jedes neue Wort gesellt sich zu den alten, rückt mich in eine Ecke, in die ich nicht gehöre. Blind und taub siehst du mich an, hörst mir zu, nimmst mich nicht wahr. Du nimmst nicht wahr, was dich zu erreichen sucht, Gedanken äußert, die nicht in deinen Schädel passen. Ich lächle – wie immer – mit guter Miene zum öden Spiel, fühle mich verletzt, weil dir Verständnis fehlt. Ich erkläre mich, wieder und wieder, versuche es, geduldig. Du drängst mich zurück, ich suche Schutz, finde keinen. Deine Antwort peitscht mir entgegen, zeugt von Unverständnis. Und schmerzt. Mein Bild in deinem Kopf peinigt mich.
Als du gehst, sinke ich zurück. Erleichtert, verwirrt, betrübt.