Als ich am heutigen Morgen erwachte, wuselte mir ein Liedchen durch den Kopf, das ich schon eine geraume Weile nicht mehr vernahm. Mal wieder war ich darüber belustigt, weder einen inhaltlichen noch einen musikalischen Bezug zu meinem Dasein herstellen und somit irgendwelche Gründe für das Vorhandensein des Liedes in meinem Schädel finden konnte.
Annett Louisan – „Das Gefühl“
Monat: März 2005
Aus der beliebten Reihe: „Firmen, die anders heißen sollten“
Als ich heute einen ungewöhnlichen Rückweg von der Mensa wählte, kam ich an einem Briefkasten vorbei, der vom Sitz einer Firma kündete, deren Namensgeber entweder viel oder keinen Humor hatten [oder einfach des Englischen nicht mächtig waren]:
ASS GmbH.
Menschen 4
Ich sitze auf einer Couch inmitten einer Kneipe. Die Stimmung ist gut, die Musik gedämpft. Ich kann meine Nachbarn reden hören. Ein Mädel erzählt von dem Jugendbekleidungsfachgeschäft „Olymp & Hades“. Die Thematik allein mag verwerflich sein, doch wesentlich schlimmer ist, daß sie versucht, die Wörter zu anglifizieren. „Ollimp änt Häjds“. ‚O mein Gott!‘, denke ich und korrigiere mich: ‚O meine Götter!‘. Denn die griechischen Götter an den ebenso griechischen Orten hätten sich bei derartiger Verunglimpfung ihrer Wohnstätten bestimmt die Haare gerauft und Zeus angefleht, ein paar gehörige Blitze zu werfen. Vorsichtshalber wechselte ich meinen Sitzplatz.
Gerade versuche ich herauszufinden, wann die nächste Straßenbahn an dieser Haltestelle eintrudeln würde, als zwei Gestalten auf mich zugehen bzw -torkeln. Beide sind in einer Art HipHopStyle gekleidet, der aber ziemlich billig aussieht – in jeglicher Hinsicht. Der erste, mit modischem Schirmstirnband auf Schädel nuschelt eine Frage in meine Richtung. Ich erahne, daß es um die Bitte nach Zigaretten und/oder Alkohol geht. Ich habe nichts, gebe das zu verstehen. Der nächste Versuch der Ausformulierung einer Frage bezieht sich auf die Straßenbahn. „Noch drei oder vier Minuten.“, sage ich. Der Freund tritt hinzu, erkundigt sich ebenfalls nach der Straßenbahn, möchte zudem noch die Uhrzeit erfahren. Ich gebe bereitwillig Auskunft und wundere mich, warum seine Lippe so blutig ist. Währenddessen pinkelt HipHopper Nr.1 in einen Hauseingang. Beide stelle angewidert aber belustigt fest, daß Urin stinkt. Nr.1 bückt sich und klaubt einen Zigarettenstummel vom Boden auf. ‚Wie dreckig muß es einem gehen, damit man so etwas tut?‘, frage ich mich. Er reißt den Filter ab und versucht, den kümmerlichen Rest anzuzünden. Die Bahn nähert sich. Das Feuerzeug streikt. Nr.2 hilft aus. Die Feuerzeugflamme versengt mehr Haut als Tabak. Die Bahn beginnt zu bremsen. Noch immer ist der Stummel unangezündet. Noch immer bemühen sich die beiden. Für einen Zug. Für einen lächerlichen Zug an einer alten, weggeworfenen Zigarette. Die Bahn hält. Nr.2 steckt sein Feuerzeug ein, geht zur Tür, findet unterwegs noch einen Zigarettenstummel im Rinnstein, steckt ihn ein. Die beiden setzen sich. Hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Mitleid suche auch ich einen Sitzplatz – am anderen Ende der Straßenbahn.
Menschen 3
Ich ging an einer Frau vorbei. Sie klagte seufzend über diverse Krankheiten und Wehwehchen, und ich fragte mich, ob ich auch sämtliche Gespräche mit dieser Thematik füllen werde, wenn ich älter bin. Gerade meinte sie „…da wurde mir ganz schwarz vor Augen…“, als ihre Gesprächspartnerin desinteressiert einen von diesen säuberlich frisierten, winzigen Hunden am Halsband packte, hochhob und sich unter den Arm klemmte, als wäre er nichts weiter als ein unebdeutendes Plüschtier, ein modisches Spielzeug mit einer lächerlichen Schleife im Fell. Als ich weiterlief, sah mir der Hund traurig hinterher, fast, als wäre er sich seiner Bedeutungslosigkeit bewußt.
Eine Straßenecke weiter begegnete ich einem weiteren Hund. Ausgelassen wühlte er in einem riesigen Stoffwechselendproduktberg herum und ignorierte sein glatzköpfiges Herrchen, das verärgert nach ihm rief: „Bitch! Bi-itch!!!“ Für einen Augenblick war ich verdutzt. Wie konnte man seinen Hund derart titulieren? Doch als ich der wörtlichen Übersetzung des Begriffs gedachte, erschien die Namensgebung plötzlich weniger skurril. Verschmitzt lächelnd ging weiter.
Das Wort des Tages 8
Heute kommen gleich drei Worte in Frage, die ich allesamt in einer Mail verwendete, weswegen sie mir überhaupt erst bewußt wurden.
Das erste ist
fletzen.
Mein Duden kennt diese transitive Verbform erstaunlicherweise nicht, weswegen ich davon ausgehe, daß es sich um regionales Idiom handelt. Schön finde ich das lange E vor dem TZ, was irgendwie ungewöhnlich anmutet. [Vor einem TZ erwarte ich normalerweise einen kurzen Vokal]. Nicht minder schön finde ich, daß das Wort genauso bequem klingt wie seine Bedeutung.
Das zweite Wort des Tages heißt
vergraulen.
Mein weiser Duden behauptet, das wäre Umgangssprache. Immerhin kennt er es. Mir fiel auf, daß es nicht häufig verwendet wird, dabei doch einen recht interessanten Klang hat.
Das dritte und letzte Wort des heutigen Tages ist
Durchlaucht.
Diese Fürstenanrede klingt derart lächerlich, daß ich sie unbedingt mal erwähnt wissen wollte. Die Assoziation zu grünem Lauch will mir dabei nicht aus dem Kopf weichen…
Staubsaugen am Abend
Es ist kurz vor Zehn. Abends. Ich saugte gerade mein Zimmer. Zumindest Teile davon.
Derartiges Verhalten sollte verboten werden. Ich meine nicht das dezibelintensive Staubsaugen um diese späte Uhrzeit. Das stört bestimmt niemanden; schließlich übertönt meine laute Musik den Krach des Gerätes. Nein, ich meinte den irrwitzigen Gedanken, zuerst monatelang gelagerte Papierstapel wegzuräumen und anschließend gar Möbelstücke zu verrücken, nur um ein wenig Dreck zu beseitigen. Leider entpuppte sich nämlich das erwähnte „bißchen“ als eine immense Unratansammlung, in der sich neben Staub, Papierschnipseln, alten Rechnungen, Schrauben, Styroporkrümeln und leeren Batterien erstaunlich viel Nützliches befand. Dieses bereitet allerdings enorme zusätzliche Mühe, weil es auch erst einmal ordentlich verstaut werden will, bevor ich mit dem Saugen fortfahre.
Ach egal, ich deponier das Zeug einfach in irgendeiner Ecke, dort, wo ich in den nächsten Tagen garantiert nicht saugen werde.
Ärgernis
Ich begreife es nicht. Unzählige Menschen haben sich seit Jahren, vielleicht sogar seit Jahrzehnten, darüber beschwert, doch bis heute hat sich nichts daran geändert:
Betrachtet man die Rückseite einer CD (früher: Musikkassette) oder DVD (früher: Videokassette), um mehr über den Inhalt zu erfahren, um in Erfahrung zu bringen, welche Titel auf dem Datenträger vertreten sind oder um einfach nur die Gestaltung der Außenseite zu würdigen, stellt man immer wieder fest, daß die bedeutsamsten Textstücke und Bilder stets von einem preisbenennenden oder werbenden Aufkleber verdeckt sind, einem Aufkleber, der nicht nur unangenehm schwer zu beseitigen und übergroß dimensioniert worden ist, sondern der sich auch auf allen CDs/DVDs/Kassetten an gleicher Stelle befindet, so daß noch nicht einmal der Blick auf ein Ersatzexemplar etwas nützt.
Ein stetes Ärgernis, das abgeschafft werden sollte!
Von Batman bis Bambi
Ich bin 23 Jahre alt.
Vielleicht stimmt es, daß Männer nie erwachsen werden. Vielleicht stimmt es auch, daß ich eine Macke habe. Oder mehrere. Auf jeden Fall bestand heute mehrfach Anlaß, an meinem Geisteszustand Alter zu zweifeln. Schließlich verschlug es mich beim Besuch der örtlichen Karstadt-Filiale mal wieder in die Spielzeugabteilung [fadenscheinige Ausrede: Die ist gleich neben der Musik-/Video-Abteilung…].
Ich weiß nicht, wie lange ich vor dem Regal stand, aber ich muß gestehen, daß ich eine geraume Weile brauchte, um zu realisieren, daß ich plötzlich den innigen Wunsch hegte, mir eine Batman-Actionfigur zuzulegen [inklusive funktionstüchtigem Bat-Signal!]. Und nicht meine Vernunft, mein erwachsenes, rationelles Denken, vermochte es, mich vom Kauf abzuhalten, mir der Unsinnigkeit meines Wunsches bewußt zu werden, sondern nur der lächerliche Umstand, daß ich ein wenig unzufrieden mit einigen Kleinigkeiten des Figur-Designs war.
Hastig eilte ich weiter. Eine riesige SpongeBob-Figur thronte auf einem Reagl und forderte mich auf, seine Nase zu drücken. Ich zögerte nicht und drückte.
„Oooooh, meine Nase!“, wunderte sich der plüschige SpongeBob.
Ich kicherte lautlos, drückte erneut.
„Tröööt!“
Nochmal.
„Hey, laß meine Nase los!“
Ich wette, meine Augen leuchteten vor Vergnügen. Doch ich tat SpongeBob den Gefallen, ließ seine Nase los und ging.
Im Saturn setzte ich mich auf ein bequemes Möbelstück, das vor dem Fernseher positioniert war. „Bambi“ lief. Verwirrt realisierte ich, daß ich noch nie in meinem Leben „Bambi“ gesehen hatte. Gebannt starrte ich auf den riesigen Bildschirm. Ich hörte nichts, doch das, was ich sah, beeindruckte mich, weckte den Künstler in mir, der die Details, die Kunstfertigkeit des 63 Jahre alten Films bewunderte. Ich wußte nicht, worum es ging, hatte den Großteil des Filmes verpaßt [Bambi war längst erwachsen], doch konnte mich nicht abwenden.
Erst als neben mir zwei Teenager kicherten und auf mich herabblickten, als wäre ich meines Verstandes beraubt worden, löste mich verwundert von den bunten Bildern und stand auf.
Vielleicht sollte ich niemals erwachsen werden.
Die Schöne und ?
Aus der Sicht eines Mannes:
Begegnet man einer bezaubernd schönen Frau, die merkwürdigerweise mit jemandem zusammen ist, der ihr – was das Aussehen angeht – keineswegs gerecht wird, denkt man verwundert:
„Was will die denn mit DEM !?“
Nimmt eine solche Frau sich allerdings jemanden, der auch erstaunlich gut aussieht, denkt man verächtlich:
„War ja klar, daß die sich so einen Schönling krallt !!“
Vermutlich besteht der einzige Ausweg für die schöne Frau, es dem kritischen Betrachter recht zu machen, darin, IHN zu erwählen.
Blöd nur, wenn es mehrere kritische Betrachter gibt…
Matschepampe
Die Mensa bot heute wenig Erbauliches an. Einzig die „Fernöstliche Pfanne“, kleingeschnittenes Schweinefleisch mit undefinierbarem Gemüse in unappetitlich brauner Soße, schien genießbar zu sein. Sättigungsbeilagenalternativen zu Kartoffeln standen aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit nicht mehr zur Auswahl, doch störte mich das nicht. Ich wählte noch einen leckeren Quark als Nachtisch, bezahlte und begab mich an einen abgelegenen Tisch in der Ecke. Unangenehm berührt mußte ich feststellen, daß in der gesamten Mensa Wesen herumlungerten, die ich nicht zu sehen wünschte. Ich holte das Buch aus dem Rucksack und legte es auf den Tisch.
Jahrelange Mensaerfahrung hatte mich gelehrt, wie man spannende Lektüre mit soßenfleckminimierter Nahrungsaufnahme kombinieren konnte: Ich brauchte nur sämtliche Nahrungsmittelkomponenten kleinzuschneiden und zusammenzurühren. Heute hatte ich also nur die Kartoffeln zu zerquetschen und mit dem braunsoßigen Geschnetzelten zu vermengen. Anschließend konnte ich das Mittagessen geistesabwesend mit Löffel oder Gabel in den Mund schaufeln, ohne für Zerkleinerungsprozesse oder Beilagenauswahlverfahren vom Buch aufsehen zu müssen: Meine Fernöstliche Pfanne war ein einziger Haufen Matsch.
‚Ich mag Matschepampe!‘, ging es mir durch den Kopf, und ich mußte mir recht geben.
Schließlich liebe ich es, das, was im Magen sowieso zusammentreffen wird, schon vorher zusammenzurühren, zu einer homogenen Masse zu verbinden, der es dann zwar an Ästhetik, aber nicht an Geschmack mangelt. Ich liebe es, das Messer wegzulegen und einfach nur schaufeln zu können. Ich liebe Quark, Pudding und Joghurt, liebe Geschnetzeltes jeder Art, liebe Aufläufe, Bauernfrühstück, Rührei und dickflüssige Suppen.
Deswegen mißtraue ich auch Spaghetti: Der Aufwand, der für die Nahrungsaufnahme betrieben werden muß, ist das Essen zuweilen gar nicht wert. Ähnlich erging es mir früher mit Caipirinha. Dieses endlose Rühren, Stochern und Durch-Den-Strohhalm-Saugen bedeutete mir viel zu viel Mühe für den nicht überzeugend guten Geschmack. Auch Raclette beurteile ich ähnlich: ein Essen in winzigen Raten, die allesamt eher appetitfördernd als -stillend wirken.
Dabei erstreckt sich meine Abneigung nicht auf eine gemütliche, zeitintensive Nahrungsaufnahme. Ich selbst speise eher genießerisch [= Euphemismus für „lahmarschig“] und mag es, wenn nach dem Essen nicht alle gleich aufspringen und sich in verschiendenen Ecken der Wohnung verteilen oder gar übereifrig auf den Abwasch stürzen. Ich liebe es sogar, eine Forelle ihrer Gräten zu berauben, den kompletten Knochenbau in einem gründlich vorbereiteten Streich zu entfernen, um sich dann genüßlich dem Verbleibenden zu widmen.
Doch es gibt Augenblicke, in denen ich mich schon während des Essens zurücklehnen möchte, in denen ich meiner Faulheit nachzugeben suche, in denen der Prozeß der Nahrunsgmittelaufnahme möglichst aufwandsreduziert ablaufen sollte. Ein Löffel genügt, und die zu einem unappetitlichen aussehenden aber äußerst wohlschmeckenden Brei verrührte Speise findet ihren Weg in meinen Mund.
Fast, als wäre ich im Schlaraffenland…