Straßenbahnerlebnisse 7

In der Straßenbahn hängt eine Übersichtskarte sämtlicher Linien der Stadt. Leider ist diese etwas ungünstig plaziert, befindet sich nämlich an der Wand direkt hinter dem Fahrer, was bedeutet, daß nur diejenigen, welche die beiden dortigen Sitzplätze benutzen, wirklich genau schauen können, welches Fahrzeug des öffentlichen Personnenhahverkehrs wohin fährt.

Auf dem rechten der beiden Plätze sitzt eine Frau mit ergrautem Haar, scheint sich dort wohl zu fühlen. Denn der Platz links von ihr ist frei, aber durch sie selbst und ihren Körper versperrt. Nichts Ungewöhnliches, soweit.

Allerdings tritt nun eine weitere Dame hinzu, ebenfalls bereits ein wenig betagt. Sie sucht nach Informationen, hat extra vorher die Lesebrille aufgesetzt, um nun den Plan genauestens studieren zu können. Da jedoch der eine Sitzplatz von erwähnter Frau besetzt und der Zugang zum anderen von selbiger versperrt ist, muß sich die Informationssuchende über die Sitzende beugen, um den Plan überhaupt erkennen zu können.

Es sieht befremdlich aus, wie sie inmitten der unregelmäßig fahrenden Bahn in äußerst schrägem Winkel den Plan studiert, während der Bahnruckeleien stetig um festen Halt bemüht, mit dem Zeigefinger den Verlauf ihrer gewünschten Linie nachfahrend.
‚Gleich kippt sie um.‘, denke ich, doch nichts passiert.

Tatsächlich passiert nicht; denn der Sitzenden scheint der Gedanke fremd zu sein, wenige Zentimeter nach links zu rücken, um nicht nur der Gefährlich-Schief-Stehenden die Informationssuche zu erleichtern, sondern auch, um den freien Platz freizugeben.

Nach einer Weile ist es vorbei, die absonderliche Haltung ausgestanden. Die Fahrplanstudierende richtet sich auf und nimmt an anderer Stelle Platz, packte die Lesebrille ein. Die bereits Sitzende dagegen verzieht keine Miene.

Der morgendliche Wurm im Ohr 24

Das Erwachen erfolgte nicht ganz freiwillig, wurde gefördert von den Geräuschen im Haus tätiger Bauarbeiter, die ihre gigantisch große Bohrmaschine in aller Ausführlichkeit am Mauerwerk austesteten. Nicht nur der Lärm setzte meinem Schlafbedürfnis zu, sondern auch die Frage, ob die Wände, in die gerade im Abstand von etwa 20 Zentimetern unzählige Lächer gebohrt wurden, in Wirklichkeit tragend waren und das Gebäude allmählich einstürzen würde, je länger die fleißigen Handwerker daran herumbastelten.

‚Wie spät ist es eigentlich?‘, fragte ich mich und schloß das Fenster. Ein Blick auf mein Telefon bestätigte mir, daß ich noch exakt vierzehn Minuten Zeit hätte, um in Seelenruhe auszuschlafen. Mist. Daraus würde wohl nichts mehr werden. Trotzdem barg ich meinen Schädel noch einmal in den Kissen, entspannte noch ein paar Minuten, bevor ich endgültig aufstand.

Der Wecker, der sich in meinem Mobiltelefon befand, mußte jeden Augenblick klingeln. Wo war nur das Telefon? Ich suchte, fand aber nicht. An einem Tag wie diesen das Handy nicht zu finden, war irgendwie albern.

Ich war mir sicher, daß das Gerät irgendwo in der Nähe meines Schlafbereichs zu finden sein müßte, hatte ich es doch am gestrigen Abend dorthin geworfen. Doch erinnerte ich mich wirklich an diesen Wurf, oder war das Bild in meinem Kopf nur der Wunsch, gepaart mit der Erinnerung an die Tage davor? Ich wußte es nicht, suchte weiter.

Zweifach hatte ich nun bereits die gesamte Schlafumgebung durchwühlt und immer noch nichts gefunden. Der Wecker, der mich dezent auf den Fundort hinweisen hätte können, verweigerte sich mir wohl auch. Ungut.

Ich zog mich langsam an, ging im Geiste noch einmal alle Orte durch, an dem sich das Mobiltelefon aufhalten konnte, wühlte und kramte, doch fand nichts. Die Situation war so befremdlich, daß sie mich schon wieder amüsierte. Ich suchte inensiver, selbst an Stellen, die man so gut einsehen konnte, daß ein Blick genügte, um sie überschauen zu können.

Dann fiel es mir ein. Der Sessel! Ich hatte am Abend ein oder zwei Kleidungsstücke vom Bett entfernt und auf den Sessel gelegt. Vielleicht war ja das Handy versehentlich dabei gewesen. Ich sprang auf, eilte zum Sesel, durchstöberte kurz die wenigen, dort liegenden Kleidungsstücke, wurde nicht fündig. Mist.

Doch ein zweiter Gedanke schoß mir durch den Kopf. Der Kleiderschrank! Und tatsächlich: Kaum hatte ich angefangen, im Kleiderschrank zu kramen, rutschte das Handy mir aus einem Haufen Socken entgegen.

‚Ich bin toll!‘, stellte ich fest.
Wie war das Telefon aber in den Kleiderschrank gekommen?
Welch aufregendes Mysterium!

Nebenbei begleitete mich die ganze Zeit der heutige Wurm im Ohr. Es handelte sich um Lacrimosa mit „Lichtgestalt“.
Ich weiß nicht, wann ich das Lied zuletzt hörte – das dürfte einige Tage zurückliegen -, doch freute ich mich heute über dessen Klang in meinem Gehörgang.

„Lichtgestalt – in deren Schatten ich mich drehe…“

Verrückt

Gestern Abend tauchte G auf, angemeldet natürlich, unwissend bezüglich der Planung des Kommenden. Die Alternativen waren zahlreich aber nicht großartig. Im Stadtpark gab es ein Lichterspektakel namens „LuminArte“, das allerhand [vorwiegend ältere] Besucher anzog. Irgendwo in Buckau fand ein musikalisch sicherlich einigermaßen annehmbares Musikfestival aufstrebender und bereits einigermaßen etablierter Bands statt, das sich „Upgrade Festival“ nannte und nur 5 Euro Eintritt kosten sollte.

Wir hatten außerdem die Möglichkeit, irgendwo den unspannenden Eurovision Song Contest [ehemals Grand Prix de la Dingsbums] mitzuverfolgen und uns somit mit reichlich unspektakulären Musikstücken auseinanderzusetzen oder eine interessante DVD zu entleihen. Auch die Alternative „Kino“ war nicht die schlechteste, wenn man davon absah, daß wir uns entschieden hatten, den neuesten Teil der Star Wars Hexalogie [Heißt das Wort so?] erst anzuschauen, wenn das prollige Dummvolk und die vom Hype gedrängten Massen, sozusagen die erste Zuschauerschwemmen, vorüber waren. Das restliche Kinoprogramm aber ließ auch dieses Vorhaben sterben, weswegen wir uns nach ausreichend langer Diskussion auf den Spontanbeschluß „Factory“ einigten, wo nach einem Konzert von nicht unbedingt erwähnenswerten Bands die „Dominion-Night-After-Show-Party“ stattfinden würde. Das klang doch nicht allzu schlecht.

Jedoch stellt G fest, für diese Lokation nicht angemessen bekleidet zu sein und zumindest das Hemd wechseln zu müssen. Unsere Planschmiedekunst ergab, daß wir zunächst den nötigen Besuch bei meinem Geldinstitut vollziehen würden, um G dann in heimatlichen Zimmern Gelegenheit zur Umkleide zu geben. Gesagt, getan. Die Sparkasse überließ mir freizügig ein paar Geldscheine, und wir gingen zur nächstgelegenen Haltestelle. 22.21 Uhr. Ein Blick auf den Fahrplan überzeugte uns davon, daß in fünf Minuten die Bahn eintreffen müßte, die uns befördern könnte.

„Fünf Minuten?“, fragte G, „Da können wir auch laufen.“

Tatsächlich hatten wir nur die Distanz einer Haltestelle zu bewältigen, um zum großen „Hier-Treffen-Sich-Nachts-Alle-Öffentlichen-Nahverkehrsmittel-Damit-Man-Entsprechend-Einfach-In-Die-Gewünschte-Richtung-Umsteigen-Kann“-Bahnhof zu gelangen. Doch kaum waren wir ein paar Meter gelaufen, sprachen uns zwei Engländer an.

„Do you speak English?“
„A little bit.“, antwortete G.

Sie fragten uns nach unseren abendlichen Vorhaben, die wir einigermaßen eloquent erläuterten. Der Grund für ihre Neugierde war, daß im „Mikrokosmos“ eine Band namens „The Swans“ auftreten würde, die wohl schon in den 80ern ein paar Erfolge gefeiert hatte. Jedoch war – wegen der zahlreichen Veranstaltungen innerhalb Magdeburgs – die Anzahl der Zuhörenden minimal, also fast Null, weswegen wir eingeladen waren, das Publikum zu spielen. Wir sahen uns an, zuckten mit den Schultern, und ich sagte zu.

Innen erwartetens uns zwei abweisende, demotivierte Kassierer und gähnende Leere. Die beiden bereichteten von zwei Bands, die auftreten würden. Erstaunlicherweise war keine Rede von „The Swans“.
„Was soll das denn kosten?“, fragte ich neugierig.
„Fünf Euro.“
„Was? Fünf Euro?“
Ich blickte zu G, er schüttelte mit dem Kopf.
„Nee, das ist uns zu viel.“, meinte ich, und wir verabschiedeten uns.
„Tschüß.“

Wir gingen, erklärten den am Ausgang Stehenden, daß uns fünf Euro zu viel wären, was sie auch verständnisvoll hinnahmen. Auch erläuterten wir, wohin wir gehen würden, daß es dort ganz nett sei und wie sie dorthin kämen. Sie freuten sich und sagten fröhlich Lebewohl.

Wir jedoch sahen in diesem Moment unseren Bus vorbeifahren. G schaute auf die Uhr und stellte fest, daß nur noch wenige Augenblicke blieben, bis alle Busse und Bahnen am Umsteigeplatz losfuhren – und mit ihnen unser Bus. Oh nein!
Wir rannten los, überquerten anarchistisch Ampeln bei Rot, rannten dem Bus hinterher, rannten zum Umsteigeplatz. Außer Atem steigen wir in den Bus ein und lachten. Wir hatten es geschafft, obgleich die schwüle Luft in Kombination mit der Anstrenung uns ganz schön schwitzen ließ.

Gs Mutter schlief vor dem Fernseher, als wir die Wohnung betraten. Warum, war klar: Der Fernseher lief und zeigte den Auftritt der letzten Künstlerin des Eurovision Song Contests.
‚Schlecht, wirklich schlecht.‘, dachte ich, während G sich abmühte, ein ihm gefallendes Hemd zu finden. Das einzige, was er hervorzauberte, war ein zerknittertes, dem noch eine Menge Nässe innewohnte. Trotzdem sollte es das sein.

„Das solltest du bügeln.“, meinte ich.
„Genau das habe ich vor.“. sagte G, meinen wahrlich weisen Ratschlag befolgend.

Und G bügelte. Tapfer. Seine Mutter wachte auf, sagte Hallo, schaute G zu, bezeichnete ihn zärtlich als „Kacker“ und übernahm kurzerhand die Arbeit, weil sie nicht mit ansehen konnte, was G da fabrizierte. Das Bügelbrett stand falsch herum, und dem Bügeleisen fehlte Dampf.
„Aber das Hemd ist doch sowieso noch naß. Außerdem fabriziert der Dmapf immer Kurzschlüsse.“

Dagegen war nichts einzuwenden. Trotzdem ließ Gs Mutter mehrmals vernehmen, daß das Bügeln mit Dampf zehn Mal schneller gegangen wäre. Doch sie hatte gute Laune, und als G mit sauebrem, knitterfreiem und einigermaßen trockenem Hemd im Flur stand, waren alle Beteiligten glücklich.
Naja, nicht ganz, hatten wir doch in der Zusammenfassung ein Stück der wahrlich schlechten Darbietung der Deutschland vertretenden Gracia gesehen und waren demensprechend sicher und enttäuscht, daß Deutschland übermäßig mies abschneiden würde.

Wir verließen die Wohnung, und ich konnte nich umhin festzustellen, daß G und ich in Partnerlokk gekleidet waren: Schwarze Hose [Stoff bzw Cord], weißes Hemd [schlicht, aber elegant bzw im 70er-Stil] und darüber ein schwarzes Jacket [Stoff bzw Samt]. Einzig die Schuhe waren unähnlich, hatte er doch normale Halbschuhe angzogen, ich aber meine Schnallenspringer. Kaum hatte ich diesen Umstand erwähnt, spurtete G wieder nach oben und zog auch seine mit Schnallen versehenen Springerstiefel an. Perfekt.

Als wir aus dem Haus traten, sahen wir den Bus nahen.
„O nein!“, riefen wir und rannten los. DIe Haltestelle war mehrere Hundert Meter entfernt, und wir beeilten und sehr. Der Bus überholte uns, doch wieder gelang es, noch rechtzeitig einzusteigen. Was für ein verrückter Abend!

Am Hasselbachplatz stiegen wir aus, spontan das „Dock 29“ auserwählend, um noch eine Weile gemütlich rumzusitzen. Erstaunt stellten wir fest, daß diese Kneipe geschlossen hatte, vermutlich sogar für immer. Schade eigentlich, denn obgleich wir lange nicht mehr dort gewesen waren, handelte es sich dabei um eine von Gs Stammlokalitäten. Auch der Nachbarladen war durch eine Alternative ersetzt worden, die aber reichlich ausladend wirkte, weswegen wir beschlossen, zurückzugehen und es an anderer Stelle zu versuchen.

Wir entschieden uns für das „Espresso-Kartell“, das sowohl durch Flair als auch durch Angebot zu locken vermochte, setzten uns nach außen, weil es warm genug war, um ein wenig Frischluft akzeptieren zu können und wir außerdem so unsere Bahn im Blickfeld behalten konnten. Das mögliche Verpassen unserer Bahn wurde auch zum Grund dafür, daß wir gleich nach Erhalt der Getränke diese bezahlten. Einem Blitzstart und einem weiteren abendlichen Sprint stand so nichts mehr im Wege.

Doch vorerst saßen wir ruhig und gemütlich, tranken Jever, Heiße Schokolade und Cola und unterhielten uns nett. Eine Frau inmitten einer durchweg weiblichen Meute kam vorbei, auf einem Bollerwagen ein riesiges, eierlegendes Plastikhuhn hinter sich herziehend. Es handelte sich um einen Junggesellenabschiedsabend, im Rahmen dessen sie wohl Wodka-Lemon-Eier zu verkaufen hatte. Ein Euro das Stück. Für fünfzig Cent bekam man allerdings einen Kuß.
„Das ist ja Prostitution.“, grinste ich und beobachtete, wie die beiden Herren am Nachbartisch, die schon zuvor ein paar minderjährige Mädchen aufgefordert hatten, sich zu ihnen zu gesellen, das Angebot in Anspruch nahmen. Ein Ei, ein Kuß und eine Menge geseierten Smalltalks.

G schaute auf seien Armbanduhr und beschloß, daß es nun Zeit sei zu gehen. Wir tranken aus und begaben uns zur Haltestelle. Erstaunlicherweise fiel mir genau in diesem Augenblick ein, daß es sich nicht um die richtige Haltestelle handelte, weil diese sich ein paar Meter entfernt befand. Glück gehabt.

Nun an der richtiegn Straßenbahnhaltestelle wartend erfreuten wir uns des Eintrudelns der Linie 92, die uns zur Factory brachte. Vor der Factory begegneten wir einer Ansammlung von „666“-Kennzeichen. Wahnsinnig evil!
Das Konzert war gerade vorbei, und man war eifrig bemüht, die letzten Aufbauten zu beseitigen. Ein Beamer wurde angeschaltet, der dazu bestimmt war, die neue Project Pitchfork DVD abzuspielen – den ganzen Abend lang. Überhaupt schien die heutige Veranstaltung auf dem Mainfloor dem Release eines neuen Pitchfork-Albums zu gelten, wurden doch haufenweise Songs dieser von uns nicht sonderlich geschätzten Musikgruppe gespielt. Na klasse.

Die Musik war tanzbar, aber nicht bewegend – und vor allem unbekannt. Sie lud uns also nicht unbedingt dazu ein, uns auf der Tanzfläche zu vergnügen. Wir flohen zum Metal-Floor.
‚Endlich Musik!‘, dachten wir und setzten uns. Der Metal DJ schien betrunken zu sein, spielte er doch neben ungewöhnlich guten Klängen auch irgendeinen 70er-Klassiker [„Free Me“] und „The Final Countdown“ von Europe. Wir wechselten hin und her zwischen Main- und Metal-Floor, hielten und aber vorwiegend im metallischen Bereich auf.

Bekannte Klavierklänge klangen an meine Ohren: Die Apokalyptischen Reiter. Ich stürzte auf die Tanzfläche, nicht ohne mich vorher meines Jackets und meiner Brille zu entledigen, und begann, mein Haupthaar zu schütteln. Darauf folgte Eisregen mit „Wundwasser“. Ich schüttelte weiter. Genial. Danach holte ich meine Brille und tanzte gemeinsam mit G zu „Gothic Girl“ von The 69Eyes. Wir waren entzückt. Die „echten“ Metaller wohl eher nicht; denen war das zu lasch. Der DJ entschuldigte sich mit einem Metalklassiker, bei dem alle Haupthaarschüttler auf die Tanzfläche stürmten und rhytmisch ihre Schädel bewegten.

Mir war warm geworden; ich brachte mein Jacket zur Garderobe und besorgte mir einen nicht unbedingt deliziösen Orangensaft. Dabei begegneten wir M, einem Kerl, den wir damals mit zum Cradle Of Filth Konzert mitgenommen hatten. Er war unverständlicherweise wegen der Project Pitchfork Sache hier anwesend und nahm auch an der für mich uninteressanten [Was soll ich denn mit kostenlosen PP-Cds?] Verlosung teil.

„Wie hieß der Sänger von Projekt Pitchfork nochmal?“, fragte mich G.
„Keine Ahnung.“
„Peter.“, meinte G, „Peter irgendwas.“
„Das hätte ich dir auch sagen können.“, lachte ich.

Auf dem Mainfloor traf ich noch D. Besser: Sie traf mich. Sie war mir schon vorher aufgefallen, doch nun sprach sie mich an.
„Hey, hast du nicht irgendwann mal vorgelesen?“, fragte sie mich, bezog ich sich wohl auf meine Lesung im letzten Jahr. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erinnerte ich mich.
„Und hattest du nicht ein ‚Immortal‘-Auto?“, konterte ich.

Sie – mit mittlerweile etwas veränderter Frisur – trank Red Bull [Der widerliche Geruch störte mich ein wenig.] und wir quatschten ganz nett. Ich gab ihr die Adresse meiner Heimseite, die sie wohl vermißte, und wies sie auf mein Weblog hin. Dann beschlossen G und ich, nochmal den Metal-Floor aufzuchen. Gerade zur rechten Zeit, denn es lief Eisregen mit „Scharlachrotes Kleid“. Schon wieder Eisregen. Wundervoll.

Irgendwann beschlossen wir zu gehen. Ich traf D erneut, und sie verabschiedete sich, wollte auch der Factory entweichen. Ich holte mein Jacket, und wir begaben uns zur Straßenbahnhaltestelle. Es hatte geregnet, nieselte noch immer. Die Luft war angenehm warm.

Die Bahn traf pünktlich ein, und wir setzten uns.
An der nächsten Haltestelle stiegen mehrere punkig anghauchte Typen an, kamen wohl gerade vom Upgrade-Festival, waren allesamt mit Bierflaschen bestückt, angetrunken und aggressiv gelaunt. Einer der Anwesenden hatte wohl eine ebenfalls anwesende Dame geschlagen, was dementsprechende Folgen hatte. Sie schubsten sich, warfen sich Beleidgungen an den Kopf, stürzten in die drei herumstehenden Fahrräder.

„Vielleicht hätten wir uns woanders hinsetzen sollen.“, meinte G.

Die Meute schaffte es, sich auseinanderzuklamüsern. Der Älteste von ihnen, in einen hübschen Schottenrock gehüllt, ging dazwischen. Die beiden Hauptstreithähne nahmen Abstand voneinander, doch die Stimmung war weiterhin gereizt, vor allem, weil sich alternative Streiter gesucht und gefunden hatten und gegenseitig angifteten. Erneutes Schubsen hatte erneute Rangelei zur Folge.

Der rocktragende Friedesstifter vermochte diesmal nicht dazwischenzugehen, als die Streitenden sich gegenseitig aus der gerade haltenden Straßenbahn stießen und draußen halbherzig zu schlagen begannen. Viel mehr hatte er sich selbst mit einem der anderen in der Wolle, war aus mir unerklärlichen Gründen zum Aggressionsmittelpunkt geworden.
Der Rest der Meute leistete ihnen Gesellschaft, stand aber teilweise in der Straßenbahntür, so daß diese sich nicht schließen und die Bahn daher nicht weiterfahren konnte. Das war unschön, würden wir dadurch die Anschlußbahn am Umsteigeplatz verpassen.

Ich stand auf, bat die beiden Türsteher aus- oder einzusteigen. Freundlich teilten sie mir mit, daß sie doch – ebenso wie ihre Kumpels – mit dieser Bahn mitfahren wollten. Ein großer, beleibter Kerl mit Kopfhörern im Ohr und langen Haaren kam angestiefelt und schubste die beiden nach draußen, wütende Worte formulierend, die seinen Heimfahrtswunsch ausdrückten. Die beiden sammelten ihre Leute ein und steigen zu. Oder auch nicht. Ich verlor langsam die Übersicht. Auf jeden Fall stiegen welche ein. Einer von ihnen war der Kampfkumpane des Schottenrockmannes. Die andere Partei, also auch der Rockträger, blieb draußen, und die Bahn fuhr endlich weiter.

Alles gut? Von wegen. Irgendeiner der Assi-Punk-Deppen, genauer: der Rockträger, warf eine Bierflasche gegen die gerade geschlossene Tür. Das Glas splitterte. Der im Inneren der Bahn stehende Kampfgegner war empört, erbost, zog kurzerhand die Notbremse, drückte die zersplitterte Scheibe nach außen. Er wollte raus, weiterkämpfen oder wasauchimmer. Die Tür ging auf, er stürmte hinaus. Die Schlägerei ging weiter.

‚O nein.‘, dachte ich, und wir beschlossen kurzerhand, auch auszusteigen. Die Fahrerin informierte schon die Polizei, die uns auch mit Blaulicht entgegenkam, als wir ein paar Meter gelaufen waren.

„Wie kann man so dumm sein?!“, regte ich mich auf.
G äußerte Bedenken, weil er als gelernter Erst-Hilfe-Leister möglicherweise verletzte Personen, die Verlierer des Kampfes, vernachlässigt hatte.
„Willst du zurück?“, fragte ich.
Er schüttelte mit dem Kopf.

An der nächsten Haltestelle stellten wir fest, daß wir noch immer eine Chance hatten, unsere Bahn zu erreichen. Schön. Die Assi-Punks gingen uns aber nicht aus dem Kopf.

Mein Telefon klingelte. A, meine Mitbewohnerin hatte mich soeben gesehen, ein Auto organisiert und offerierte nun die Möglichgkeit, heimgefahren zu werden. Klasse, dachte ich. Wir sollten uns allerdings beeilen.

Und wieder rannten wir. Zum dritten Mal an diesem Abend. A stand mit F dort, einem ihrer Freunde. Und plötzlich stellte sich heraus, daß F und G auch sehr gut bekannt waren. Verrückt [wie G sagen würde]!
Der Autofahrer kam und fuhr uns heim. F und G tauschten Telefonummern aus und verabschiedeten sich. Dann verabschiedeten sich auch G und ich. G lief durch das Dunkel nach Hause, während ich mit A die Treppenstufen hinaufstürmte.

Als ich, bereits im Bett liegend, vier Seiten mit Stichpüunkten über das Geschehene füllte, wurde es draußen langsam hell.

‚Was für ein verrückter Abend!‘, dachte ich, legte den Stift weg und schlief ein.

An der Tankstelle

Die Tankstelle ist nur wenige Minuten entfernt. Ich reihe mich in die Schlange der Anstehenden, Wartenden ein; nur der Nachtschalter ist besetzt. Es ist Sonntag Abend – ich hatte nichts anderes erwartet.
„Pall Mall. Die Roten, bitte.“
„Club Menthol, bitte.“
„Marlboro Lights, bitte.“
Zwischen den Rauchern komme ich mir etwas komisch vor. Bin ich süchtig, weil ich mich extra zur Tankstelle bewegte, weil ich mich aufs Fahrrad setzt und die wenigen Hundert Meter in Kauf nahm, weil ich bereit bin, überhöhte Tankstellenpreise zu bezahlen…?
Ich bin dran.
„Eine Tafel Milka Alpenmilchschokolade, bitte.“

Ein geduldiger Mensch…

In den meisten Dingen, das alltägliche Dasein betreffend, halte ich mich für einen geduldigen Menschen.

Mir macht es nichts aus, Menschen Dinge erklären zu müssen, die sie nicht begreifen und selbst nach mühevoller detailliert ausgearbeiteter Erläuertung immer noch nicht erfassen. Gehen Gegenstände kaputt, bin ich vermutlich der letzte, der ausfallend reagiert, der erschrocken zusammenzuckt oder anfängt zu weinen ob des tragischen Ereignisses. Ich beteilige mich an der anschließenden Aufräumaktion, jedes Trara vermeidend und rede – falls nötig – dem Unfallverursachenden beruhigend zu.

Wird eine Ampel eine geraume Zeit nicht Grün, so bemerke ich es kaum, bin zuweilen zu sehr versunken in meine Träumereien, um überhaupt einen Farbwechsel wahrzunehmen, werde jedoch selbst bei wachem Bewußtsein nicht in Rage geraten und um Sekunden kämpfen, sondern – falls ich in Eile bin – Alternativen suchen oder geschehen lassen, was geschieht. Auch Straßenbahnfahrerei vermag mich nicht meiner Ruhe zu entreißen, obgleich mein Mitbewohner dazu neigt, jede verlorene Sekunde zu verteufeln und jede Umsteigevariante drei Haltestellen vorher zu planen und durchzudenken. Ich dagegen steige dort aus, wo ich es für sinnvoll erachte, und füge mich den eigentümlichen Fahrplänen des öffentlichen Personennahverkehrs.

Nein, ich halte mich nicht für schicksalsergeben, bin bereit zu kämpfen für die Dinge, die ich zu erreichen wünsche, zu fordern, was ich mir denke, bin imstande, über Umpäßlichkeiten zu fluchen und alles anders zu träumen. Doch genug Dinge geschehen, die unfreundlicher Gedanken nicht wert sind, die es nicht wert sind, die Geduld ihretwegen zu verlieren.

Ich neige dazu, zuweilen erst nach dem vereinbarten Zeitpunkt einzutreffen, eine Eigenschaft, die weltweit nicht wirklich geschätzt wird. Sicherlich liegt dieses Verhalten nicht zuletzt darin begründet, daß ich es nicht mag, zu früh anwesend zu sei und sinnlos einige Minuten töten zu müssen, und im Gegenzug fünf Minuten Verzug für unbedeutend erachte.

Wenn ich Menschen in Hast durch die Gegend hetzen sehe, denke ich gerne an die grauen Herren aus Michael Endes Kinderbuchklassiker „Momo“ und frage mich, was die Eilenden mit der gesparten Zeit machen, ob sie – dem Beispiel der grauen Herren folgend – diese zu Zigarren formen und ununterbrochen verrauchen, ob sie sie der inhaltlosen Leere des heimischen Fernsehprogramms opfern – oder ob sie tatsächlich aus den gesparten Augenblicken Gewinn schöpfen können, der jede Hektik rechtfertigt.

Natürlich bin ich mir im Klaren, daß den wenigsten Menschen das Warten auf andere gefällt, und neige dazu, mir gegebenenfalls zeitliche Sicherheitspolster zu schaffen, um rechtzeitig einzutreffen und den Wartenden nicht zu einem solchen werden zu lassen. Im übrigen bin ich dann stets zu früh da, viel zu früh, so früh, daß ich mich frage, warum ich mir so viele Gedanken um mein punktgenaues Eintreffen gemacht hatte.

Doch glaube ich in mir die Fähigkeit zu wissen, einigermaßen geduldig warten zu können. Oft trage ich ein interessantes Buch bei mir, daß jeden zeitlichen Maßstab zu meinen Gunsten zu verbeigen weiß, oder einen Stift und einen leeren Zettel, die kreative Gedanken und Bilder aus meinem Geiste locken und während der Niederschrift jede Wartezeit zu überbrücken wissen, ohne daß diese beginnt, sich unangenehm anzufühlen.

Es gibt jedoch einen Zustand des Wartens, den ich verachte, der mir jeden Nerv raubt, der meine Geduld für nichtig erklärt und behauptet ich wäre das zappeligste Wesen auf Erden, der mich zittern, planlos umherirren läßt, der mich niederringt und jegliches Lächeln aus meinen Mundwinkeln saugt.

Es ist das Kurzdistanzwarten.

Früher, wenn ich mich mit M verabredete, einigten wir uns stets auf einen ungefähren Zeitraum.
„Wann kommst du?“
„Zwischen drei und vier.“
„In Ordnung.“

Jedoch mag ich es nicht, genau wissend, daß ich um eine bestimmte Uhrzeit an einem bestimmten Platz zu sein habe, wenn ich dort stehe und niemand außer mir eintrifft, minutenlang, wenn ich mich extra beeilte, vielleicht sogar Wichtiges vernachlässigte, um dem Termin gerecht zu werden – und nun vergebens anwesend zu sein scheine.

Ich mag es nicht, gesagt zu bekommen, es ginge in wenigen Augenblicken los, um dann festzustellen, daß die Augenblicke sich dehnen, hinziehen, zu Minuten, vielleicht sogar zu Stunden, mutieren, daß ich abreisebereit in den Startlöchern lauere und jenes Zeichen ersuche, daß den Start verkündet.

Ich mag es nicht, wenn ich genau weiß, daß es sich nicht mehr lohnt, sich mit diesem oder jenem zu beschäftigen, weil es sowieso gleich klingeln wird, weil sowieso gleich der Zeitpunkt gekommen ist, um von dannen zu fliehen – und dann nichts passiert.

Ich mag es nicht, wenn ich jedwede Beschäftigung für unnötig erachte und dann feststellen muß, daß nicht nur genug Zeit gewesen war, um sich dieses zeittotschlagenden Mittels in genügendem Maße zu bedienen, sondern auch um noch sinnvolle, nutzvolle Dinge ausführen zu können.

Ich mag es nicht, auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet zu werden, der so nah in der Zukunft liegt, daß ich gar keine andere Wahl habe, als zu warten – und allmählich jede Geduld schwinden zu sehen.

Ich mag es nicht, ungeduldig zu sein, mag es nicht, mich zappeln, hin- und hertigern zu sehen, mag es nicht, einzelne Minutenanzeigen auf verschiedenen Uhren abzulesen und zu vergleichen.

Ich bin doch eigentlich ein geduldiger Mensch…

fang mich nicht

fang mich nicht
nicht meine seele
halte nicht, was dich begehrt
dornenhände
wundenküsse:
trost, der meine tränen birgt

fang mich nicht
nicht meine liebe
sehnsucht, die mein sein zerfrißt
bitterflammen
sonnenbilder:
erinnerung, die mich verbrennt

fang mich nicht
ein leises flüstern
das im traume dich erfleht
geistgedanken
triste führer:
splitterwege mir erwählt

fang mich nicht,
hört‘ ich mich rufen
einst, in der vergangenheit
fang mich nicht
mein schrei erstickte:
ich wollt‘ stets gefangen sein.

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immergrau

zur faust geballte augenlider
den mund zur mauer festgestampft
ein toter ton raubt alle worte
die perle klebt im innennetz.

innenwelt fängt meine sinne
reißt mich nieder
baut mich auf
starr gewandet
tief in tränen
doch ich schweige
lebe nicht.

ignoranz teert alle wege
abgespaltet stirbt der mensch
blindes dasein füttert wunden
atemlos ins ich gehetzt

innenwelt fängt meine seele
lenkt die wege
abgrundtief
tilgt das außen
löscht ein leben
jagt die motten
aus dem licht.

reiß die schreie aus der kehle
zerr die tränen aus dem blick
spreng die immergrauen mauern
finde, was nicht länger sucht.

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[Im Hintergrund: Grabnebelfürsten – „Von Schemen und Trugbildern“]

fragil

wenn du mich fragtest
würde ich lügen
lächeln
mich nicht kennen

wenn du mich fragtest
nennte ich einen namen
dessen sinn ich längst verlor

wenn du mich fragtest
finge ich mich
im netz der falschen wege

wenn du mich fragtest
bemalte ich mein herz
mit glitzerbuntem leben

doch du schweigst
fragst nicht
läßt mich an meiner wahrheit
zerschellen.

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Saturn-Sichtungen

In der ortseigenen Saturn-Filiale boten sich mir zwei Angebote dar, die ein wenig befremdlich.

In der Abteilung „Totale Coole Zubehör-Teile Für Deinen Personal Computer“ fand sich unter „Krass-Geniale-PC-Modding-Features“ ein äußerst kreativ gestalteter CPU-Kühler, dessen Oberfläche mit allerhand stilisierten Flammen versehen worden war. Was ich davon halten sollte, war mir nicht klar.

Noch weniger verstand ich jedoch, was ich in der DVD-Abteilung in dem Ab18-Supersonderangebot-Bereich entdeckte. [Dieser Bereich wurde übrigens so angeordnet, daß nahezu jeder, der sich kaufbare CDs oder DVDs betrachten möchte, daran vorbeizugehen hat – dementsprechend bei entsprechend jugendlichen Bevölkerungsgruppen zuweilen für erhöhtes Interesse an den Saturn-Produkten sorgt.]

Denn für nur 9,99 Euro konnte man eine Schwarz-Weiß-Anti-Kriegs-Dokumentations-DVD mit dem Titel So war der deutsche Landser – Helden oder Schlachtopfer“ erwerben, die merkwürdigerweise mit dem Aufkleber „FUN PRICE“ versehen wurde…