Im November startet Frau Paulchens Lyrik Monat. Ähnlich wie beim Inktober ist jeder dazu eingeladen, täglich ein lyrisches Werk zu kreieren. Jeden Tag liefert Sophie in ihrem Blog einen freundliches Impuls, der als inpiririerende Basis dient. Das Ergebnis möge dann unter dem Hashtag #frapalymo in die Welt gesandt werden.
Ich verfolgte den Lyrikmonat im letzten Jahr und war begeistert von den vielen zauberhaften Werken, die entstanden. Und in diesem Jahr möchte ich mich beteiligen!
Ob ich tatsächlich 30 Gedichte kreieren werde, kann ich nicht sagen, doch nehme #frapalymo nur allzu gern als Anlass, mich mal wieder in lyrische Gefilde zu begeben.
Um mich bereits jetzt ein wenig einzustimmen, schrieb ich untiges Werk:
Sonnengruß
[27.10.2017]
wie tapfer sich die letzten Strahlen
des Herbstes Graugewands erwehren
fragil in Pfützen schimmernd
sich zwischen Wolken schieben
wie kostbar doch die lichten Stunden
zwischen Dämmerungen ragen
welkend Wärmen mir entsendend
Sommeratem in sich bergen
wie wohl glimmt mir das Himmelshaupt
wenn mein Lächeln sonnenwärts
die zarten Strahlen innig atmend
gar selbst zu Gleiß erwächst!
Der folgende Text sollte gar keine Romanlänge bekommen. Es geschah aber trotzdem, weswegen ich zur Orientierung klitzekleine Kapitelüberschriften einfügte. Zur Belohnung für’s Lesen gibt’s am Ende bunte Bilder.
Damals I
2016 war das Geburtsjahr deutscher ComicCons. Überall erblühten sie, ausgerichtet von verschiedenen Veranstaltern, die auch noch ähnlich hießen.
Kaum hatte ich vernommen, dass für die erstmalig in Stuttgart erscheinende ComicCon noch Künstler gesucht wurden, die ihr Können und Zeug an einem der zahlreichen Künstlertische verkaufen wollten, sagte ich ohne Zögern zu und begann die Vorbereitungen. Ich kreierte und ließ drucken – und hielt mich für bereit.
Am Morgen des ersten Messetags jedoch brach ich jedoch beinahe zusammen: Zu wenig Verkaufsprodukte hatte ich, zu provisorisch sah mein Stand aus, alles war katastrophal. S beruhigte mich, und dank ihr gelang es innerhalb weniger Minuten, einen einladenden Künstlerstand mit allerlei Verkaufsmaterial herbeizuzaubern.
Wir saßen am Anfang des Künstlerbereichs. Die Leute gingen vorbei, blickten auf meine Zeichnungen, und ihnen erblühte ein Lächeln im Gesicht. Wir mussten sie locken, rufen, ihnen Postkarten und Kalender präsentieren, sie werben, mit Sympathie und guten Produkten davon überzeugen, ein paar Euros bei uns zu lassen.
Es gelang, und als wir am Sonntag Abend abbauten, waren wir ausgesaugt und leer, strahlten jedoch vor Wärme und Begeisterung. Es war nicht weiter verwunderlich, dass wir uns auch für 2017 anmeldeten.
Damals II
2017 kam, die Comic Con Stuttgart begann, und wir fanden uns wieder in Nähe von Fressbuden und Treppenstufen. Die gesamte ComicCon-Anordnung war optimiert worden. Selbst die Rückwände waren schöner, weißer, heiliger. Ich war jedoch gemischter Gefühle. Unsere Standposition war fragwürdig. Die weißen Rückwände schimmerten durch das Tuch hindurch, das unser Hintergrund sein sollte, ließen die Farben erblassen.
S beruhigte mich erneut, und mit ein bisschen provisorischer McGyverität, Nachbarschaftshilfe und Kreativität war erneut ein knuffiger Fred-Stand auf der Messe erblüht. Wir nutzten die Erfahrungen aus der letzten Messe und lernten weiter dazu.
Am Sonntag Abend schließlich waren wir mehr als zufrieden, hatten Mundwinkelmuskelkater vom vielen Lächeln, trugen das Gefühl ins uns, etwas Großartiges geleistet zu haben und gleichzeitig unzähligen zauberhaften Menschen begegnet zu sein.
Voller Optimismus meldeten wir uns für die ComicCon Berlin an.
Heute I
Hinter der ComicCon Berlin stand jedoch ein anderer Veranstalter als hinter der in Stuttgart. Statt Comic Con Germany waren wir nun German Comic Con. Und das merkte man auch: Denn was ich in Stuttgart für selbstverständlich gehalten hatte, funktionierte in Berlin gar nicht. Organisatorisches kam oft spät oder nur auf Nachfrage. Bereits im Vorfeld war ich besorgt.
Andererseits: Anfängliche Besorgnis hatte bereits Tradition, und so fuhren wir guter Dinge am Samstag Morgen zum Messegelände, um exakt 7 Uhr mit vollgestopftem Auto in der Warteschlange zu stehen und auf die Organisationsdame zu warten, die anscheinend Verspätung hatte. Parkplätze auf dem Gelände waren Mangelware, doch wir hatten Erfolg. Halle 3.2 war noch nicht geöffnet, und wir sahen panisch unsere wertvolle Standaufbauzeit davonrinnen.
Das Innere der Hallen war, grob gesagt, enttäuschend. Alles war so … leer. Sollte hier noch etwas aufgebaut werden, oder erwartete man solche Besuchermassen, dass die Gangbreite überdimensional groß sein musste?
Wir bauten auf. Stand F5 zeigte in Richtung Außenwand. Gegenüber war nichts. So etwas war immer schlecht, gab es doch den Vorbeilaufenden zu viel Platz zum Ausweichen und Ignorieren. Auch die Main Stage direkt nebenan machte mir ein wenig Sorgen.
Der Aufbau jedoch war wundervoll. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl perfekt vorbereitet zu sein. Dafür hatte natürlich S gesorgt, die uns nach eifriger Recherche mit einem raffinierten Gitter-Regal-Stecksystem ausgestattet hatte. Außerdem besaßen wir nun ein schickes Roll-Up-Display, das unseren fehlenden Hintergrund mit unterwasseriger Buntität füllte. Und mit meinem Namen.
Heute II
9 Uhr eilte herbei, und wir waren bereit. Die Besucher jedoch fehlten. Anscheinend durfte man um diese Uhrzeit nur mit Spezialticket hinein, erfuhren wir später. Wir nutzten die Zeit, um unsere rechte Nachbarin beim Umzug zu unterstützen. Anscheinend hatte sie einen besseren Stand gefunden und hinterließ rechts neben uns eine freundliche Leere. Wir sprachen mit dem superfreundlichen und genialen Bertram von www.byrdylicious.com, der einen Tisch weiter saß, und Minuten später war die Leere mit unseren gemeinsamen Produkten befüllt, als wäre es immer so gewollt gewesen.
Dann begann die Eintrudelei. Besucher kamen, wollten begeistert werden. Wir mussten erst warm werden, warfen zunächst nur zögerliche Lockrufe in Richtung der Vorbeilaufenden. Unsere erste richtige Besucherin war dann auch eine alte Bekannte: In Stuttgart hatte die hasenbegeisterte Dame bereits das ganze Postkartenset des knuffigen Monsteralphabets erworben und war nun bereit für den hyperfetzigen Fredkalender 2018. Der erste Verkauf, zauberhafte Kundschaft – was konnte jetzt noch schief gehen?
Tatsächlich lief es gut. Natürlich riss die Bühne mit ihren Panels und Talks ein paar Besucher weg, und wenn Biff aus Back To The Future überlaut ins Mikrofon zischte, konnte ich kaum noch meine eigene Stimme hören. Die Gänge waren leerer als erhofft und hin und wieder kam ein Rauchschwall durch die geöffnete Tür hereingefegt.
Doch das war unbedeutend, denn jeder, der an unseren Stand kam, machte das tausendmal wett. Die Begeisterung in den Augen der Besucher, wenn sie durch die Kalender blätterten, wenn sie versteckte Buchstaben suchten oder über erfundende Feiertage lachten, wenn sie ihren Anfangsbuchstaben in den Monsterchenpostkarten fanden, wenn sie die letzten der wunderschönen Fred-Taschen einheimsten, wenn sie die Comics im Reddy-Heft oder im Fredbuch lasen – all das ließ mein Herz gleißen.
Und dann die Bekanntschaften, die Gespräche, die Begegnungen! Langjährige Fans kamen vorbei, wurden von uns begeistert begrüßt. Neue Fans entstanden plötzlich, erwarben das halbe Sortiment innerhalb von Sekunden, während ich noch an der ersten Signaturzeichnung saß. Kaufbeauftragte, Cosplayer, Facebook-Verfolger. Visitenkarten-Sammler, Skizzensammler, Redebedürftige. Nette Töchter, kreative Söhne, charmante Eltern. Alle möglichen Leute kamen vorbei, erzählten mal mehr, mal weniger, kauften mal mehr, mal weniger, schenkten uns aber immer ein Lächeln.
Wenig Zeit blieb uns, um unsere Nachbarn, die ArtistAlley oder gar beide Hallen auszukundschaften. Ruhige Minuten nutzten wir für Nahrungsaufnahme – und natürlich für Zeichnungen, für Momentkrakeleien und alberne Wortspiele. Unsere Regale und die sozialen Medien füllten sich stetig mit frisch Kreiertem.
Michael Madsen und Pamela Anderson ließen sich nicht bei uns blicken, dafür jedoch Erdbeerfröschchen und Gänseblümchen, die mit ihrem wundervollen Stand „Erdbeerblümchen“ (siehe www.erdbeerbluemchen.com/) nicht nur Fast-Nachbarn waren, sondern auch zugaben, seit Äonen Fredfreunde zu sein. Mir fehlten die Worte angesichts so viel liebevoller Freude über diese Begegnung.
18 Uhr atmeten wir auf. Matt und beglückt warfen wir eine Decke über unser Hab und Gut und fuhren nach Hause, die Augen kaum offenhalten könnend.
Heute III
Am Sonntag begannen wir später. Unser Stand war bereits aufgebaut, bedurfte nur minimaler Korrekturen. Der Tisch rechts neben uns war noch immer frei, und lud uns ein, ein kunterbuntes Tuch auszubreiten. Ich erwarb sogar noch noch einen übersuperen Druck vom fetzigen Fabian Marscholik. Der Tag konnte beginnen!
Einer der ersten Gäste hielt sogleich die schönste Überraschung bereit: Es war ksa, der seit einem Jahrzehnt täglich den Fredcomic las und kommentierte, der jeden Kalender bestellte und mich hin und wieder anstupste, wenn etwas mit dem Comic nicht stimmte – und dem ich noch nie zuvor begegnet war. Und wie sollte es auch anders sein: Auch ksa war zaubernett, seine Frau war zaubernett, und ich brachte vor Glück kaum ein Wort heraus. Tausendfaches Danke für den Besuch!
So wie der Tag angefangen hatte, ging er auch weiter, als wollte er die Angenehmität des vorherigen noch übertrumpfen: Wir verkaufte Aufkleber und Postkarten, Jahreskalender und Postkarten, die allerletzte Tasche, Notizbücher, Fredbücher, Inselwitz-Bücher. So ziemlich alles, was wir anboten, sorgte für Begeisterung, zog Leute an, die sich an Nettigkeit in nichts nachstanden. So kamen willige Käufer vom Vortag zurück und setzte ihre Shopping-Tour fort. Ich durfte für ein zukünftiges Baby zeichnen und es mit meinen Kalendern schon jetzt willkommen heißen, kreierte eine schnuffige Auftragsarbeit als Überraschung für den Herzensliebsten und hatte zwischendurch sogar Zeit, den ersten Beitrag für den Inktober zu ersinnen.
Und dann, am Ende des Tages, als die letzten Besucher die letzten Münzen durch Gegend geworfen hatte, bekamen wir erneuten herzlichen Besuch von Erdbeerfröschlein und Gänseblümchen. So gingen nicht nur zwei hyperfetzige Fredkalender 2018 in begabte und sorgsame Hände über, sondern der wundervolle Messetag bekam noch ein sonniges Krönchen aufgesetzt. Danke, ihr zwei.
Überhaupt: Danke!
Danke an alle, die uns besuchten, die mit uns quatschten, uns ein Lächeln schenkten, die bastianische Dinge erwarben, die sich schmunzelnd gekrakelte Signaturen kreieren ließen, die an uns dachten, die auf Twitter (hier oder hier), instagram (hier oder hier), Facebook (hier oder hier oder hier) und überall an unserem Stand Anteil nahmen. Danke an euch.
Ich grinse noch immer wonnig in mich hinein und freue mich bereits auf die nächste Messe.
Danke gilt vor allem aber der allersüßesten S, die jeden Atemzug verschönert, jede Tat erleichtert, die ich nicht genug mit Liebe und Küssen überschütten kann. Danke, mein Herz.
Der Bezug des Zimmers löste in mir eine Kette von Erinnerungen aus: Schließlich hatte ich diverse Jahre lang in WGs gelebt, wusste, wie man sich mit vier weiteren eine Toilette teilte und sich dennoch Privatsphäre bewahrte. Nun jedoch musste ich feststellen, dass es einen immensen Unterschied zwischen einer Wohngemeinschaft und der euphemistisch „Pension“ genannten Behausung, die mir derzeit zweite Heimat war, gab:
Zettel.
Zettel waren zweidimensionale Stellvertreter für Regeln. Und Regeln gab es anscheinend überall und für alles. Hätten diese Zettel sich in einer WG befunden, hätte ihre Lebenszeit keine zwei Tage betragen. Nur allzu rasch hätten aufsässige Gemüter die Wände von mahnenden Zwängen befreit und – im Idealfall – den Papiermüllcontainerinhalt um mehrere Handvoll fröhlicher Schnipsel erweitert.
Doch hier in der Pension hingen die Zettel offensichtlich seit Jahren und blichen langsam vor sich hin.
Manche der Zettel, manche der Regeln, waren in ihrer Lebenszeit korrigiert worden, Zeilen waren mit Korrekturflüssigkeit übertüncht, andere nachträglich, handschriftlich, ergänzt.
Überhaupt: Handschrift. Während einige der Zettel durchaus den Innereien eines Farbdruckers entsprangen und dann mittels Schere zu klebbarem Format zurechtgestutzt worden waren, überwogen doch die handbeschriebenen. Mit Buchstaben, die an Sütterlin erinnernd das Alter der Regelsetzenden verrieten und sich der letzten Neuerungen deutscher Rechtschreibregularien verweigerten, gemahnte nahezu jede Wand der Pensionsetage der Dinge, die befolgt werden mussten:
Essensreste durften keineswegs im gelben Sack landen, die Dusche war nach Benutzung zu reinigen, der Duschvorhang so zu justieren, dass Wassertropfen keine Chance hatten, den Kachelboden zu benetzen. Flaschen gehörten in den Eimer, Abwaschreste nicht ins Waschbecken.
Manche der Regeln entsprangen reinem Menschenverstand. Doch allein ihre Niederschrift erweckte in mir Widerspenst: Ich wollte faulige Pflaumen in den Gelben Sack werfen, wollte die Haustür bei Anbruch der Dunkelheit aufreißen, wollte einen Kärcher mieten und beide Bäder mit Wut und Wasser fluten.
Mein Zimmer war ein Heiligtum. Hierhin hatte sich kein Zettel, keine Regel, verirrt. Hier war ich sicher.
Als ich jedoch eines Tages nach langem Tagewerk heimkehrte, mit lächerlich grobem Schlüssel meine lächerlich dünne Zimmertür öffnete und die wenigen Quadratmeter betrat, die mir vorübergehend Unterschlupf boten, bot sich mir ein Anblick des Grauens.
Auf grauem, grauenvollem Teppichboden lag ein Stück linierten Papiers, fünf Zeilen handgeschriebenen Mahnens.
Eine Anrede gab es nicht, keinen Abschiedsgruß, nur eine Unterschrift der Vermieterin.
Und einen Hinweis, der weniger Hinweis als viel mehr Drohung war:
Bei Toilettentätigkeiten, die größeren Papierbedarf hatten, wurde mir geraten, das Papier im beistehenden Mülleimer zu entsorgen, nicht in der Toilette selbst. Diese neigte anscheinend zu Verstopfung.
Zahlreiche Fragen sprangen in meinen Kopf.
Wieviel war zuviel?
Hatte jeder Bewohner einen solchen Zettel erhalten?
Oder nur ich?
Hatte man mich als Schuldigen ausgemacht?
Wenn ja, wie?
Wurden meine Badezimmeraktivitäten überwacht?
War die Toilette tatsächlich verstopft gewesen?
Oder war das eine Warnung?
Hatte ich in den letzten Tagen überhaupt papierintensive Tätigkeiten ausgeübt…?
Antworten brauchte ich nicht.
Ich schloss die Tür mit mehr Inbrunst als nötig, griff mir einen Apfel und vertilgte wütend sein Fruchtfleisch.
Nur kerngefüllte Innereien blieben übrig.
Ich warf einen letzten Blick auf den Zettel, wickelte den Apfelrest ein und warf ihn in den Gelben Sack.
Rot, alles Rot. Das Navigationsgerät sprach mit deutlichen Bildern. Stau nahte, massiver Stau, und es gab nur wenige Optionen. Bleiben, stehen und schimpfen – oder abfahren, auf’s Land, ins Unbekannte.
Abenteuer!, dachte ich grinsend und fuhr ab.
Ich war nicht der einzige Abenteurer, und kraftlose Tentakel des Autobahnstaus erfassten auch die Landstraßen. Mein Auto schlich dahin, wackelte durch Kopfsteinpflasterdörfer, Baustellenampeln und enge Kreisverkehre, kämpfte sich frei und warf mich schließlich, endlich!, in höhere Gänge, aufs Land, zwischen Felder und Wälder. Das Gefährt raste dahin, trieb nach vorn. Doch kaum waren die Drehzahlen ausreichend angewachsen, warf sich Schönheit vor meine Augen, und in mir drängte es nach wieder Stillstand, nach Innehalten und Einatmen:
Nebelschwaden wälzten sich wohlig auf den Äckern, schlängelten sich zwischen Stämmen hindurch, verspeisten genießerisch Büsche und Getreide, Gepflanz und Getier gleichermaßen. Hinter mir erhob sich gülden die Sonne aus tiefem Schlaf, lenkte ihr Licht auf die samtgrauen Bodenwolken, entlockte ihnen schwammige Silhouetten von Bäumen und Gebäuden. Links und rechts der Straße wogte weich das Nebelmeer, gebar mich aus seiner Mitte, eine Insel dröhnender Eile.
Halt inne!, rief der Moment, verweile!. Doch ich schüttelte den Kopf, preschte voran, hinein in die Schwaden, durch unbekanntes Land, den Sonnenaufgang im Rücken, der wärmend die Fahrtrichtung bestätigte.
Prachtvoll und schwer hing die Silbersichel des Mondes in meinem Außenspiegel, klebte imposant im erwachenden Himmel und mahnte mich zum Innehalten. Ich schüttelte den Kopf, keine Zeit!, und gab Gas. Die Straße dröhnte unter meinem Fahrzeug dahin, bog sich sanft dem Mond entgegen. Mein Blick glitt nach oben, hielt in Erstaunen inne. Wie schön er war, der Mond, wie wahrlich wunderschön. Und über ihm, als wäre er seiner Umarmung entflohen, glomm ein weiterer Lichtfleck, zu groß für einen Stern, zu starr für ein Flugzeug.
Ich schaute, nach oben, zum Mond, zum Licht, nach unten, zur Straße, nach links, rechts, in alle Spiegel, wieder nach oben. Bist du die Venus?, fragte ich das Leuchten, doch mein Blick sprang wieder nach unten, zur Straße, die sich wieder wand, mich lenkte, ablenkte, zu den Leitlinien, die zu überqueren ich gerade im Begriff war.
Ein letzter Blick nach oben, auf das Doppelgestirn. Ein letztes Kosten astraler Pracht.
Danke, flüsterte ich im Geiste und donnerte davon.
Es war eine Doku, die ich als erstes bemerkte, als ich das Zimmer betrat. Eine Naturdoku, um genau zu sein. Wüsten und Schlangen und Sonne.
Ich hätte auch den Geruch bemerken können, die nach Fensteröffnung schreienden Überbleibsel ehemaliger Bewohner, die einstigem Tabakkonsum gedachten. Doch die Doku dominierte das Zimmer.
Ich musste zugeben: Viel zu dominieren gab es nicht. Die von der Vermieterin angegebenen 10 Quadrameter hielt ich für eine optimistische Schätzung.
Dennoch: Zwischen Fenster, Dachschräge und Tür passten ein Bett, ein Stuhl, ein Tischchen, ein Sessel, ein Nachttisch, eine Kommode und ein Kleiderschrank – und es gab immer noch genug Freiraum, um meinen Koffer auf dem taubengrauen Teppichboden zu öffnen, um seinen Inhalt an den Kleiderschrank zu übergeben.
200 Euro pro Monat, hatte die Vermieterin gesagt, inklusive 5 Euro Internetkosten. Die 5 Euro waren gut investiert, denn der Handyempfang schwankte fröhlich zwischen null und zwei Balken und ließ jedes Gespräch zur Tortur werden. Whatsapp-Telefonie sollte mein Freund werden. Leise WhatsApp-Telefonie, um genau zu sein, denn Türen und Wände stellten keine Hindernisse für Akustik dar.
Die Doku war auf Englisch, bemerkte ich erst jetzt. Britisches Englisch, um genau zu sein. Und sie kam aus dem Nachbarzimmer, drang nahezu ungehindert durch die Wand hindurch zu mir.
„Das erspart mir den Fernseher.“, scherzte ich und warf einen Blick auf das klobige Röhrengerät unter der Dachschräge, das ein ähnliches Baujahr zu haben schien wie ich selbst.
Ich vernahm Türgeräusche, blickte zu meiner eigenen, doch sah nichts außer dem dunkelbraunen Brett, dessen Schloss mit primitivsten Buntbartschlüssel nur eine fadenscheinige Idee von Sicherheit zu erwecken vermochte. Meine Tür hatte sich nicht bewegt; das Geräusch kam von außen.
Dann: Stille. Die Doku schwieg, machte anderen Geräuschen Platz: ein Lichtschalterrelais klackte, Schritte füllten den Korridor hinter meiner Tür, eine weitere Tür klapperte, ein Schlüssel drehte sich in einem Schloss. „Bad!“, vermutete ich.
Eines der beiden Bäder befand sich direkt neben meinen Zimmer.
Jemand spülte die Toilette. Erneutes Schlüsseldrehen, erneute Schrittgeräusche auf dem Flur, erneutes Türklappern.
Dann wieder die Doku. Es hatte seit Montaten nicht geregnet, schrie mich der britische Erzähler durch die Wand an.
Ich verstöpselte meine Ohren mit Kopfhörern und warf mich aufs Bett.
„Willkommen zuhause.“, dachte ich.
Natürlich war mein Budget mit 200 Euro knapp bemessen, und die Zahl der Wohnungen, die sich mir in dieser Preislage darboten, war überschaubar. Null, um genau zu sein.
Doch ich wollte keine Wohnung, brauchte nur ein Zimmer. Das klang nach wenig, doch wenn ich mir einen Moment Zeit nahm, um darüber nachzudenken, was zur Ausstattung dieses Zimmer gehören sollte, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen, dann merkte ich schnell, wie das kleine Wort „nur“ vor „ein Zimmer“ rasch dahinschmolz.
Ich brauchte ein Bett. Das war das erste, was mir, was jedem einfiel. Der wichtigste Grund, eine Unterkunft zu suchen. Dann, auf Platz 2 der Prioritätenliste, drängte sich bereits „Internet“ in mein Denken. Ohne Internet würde ich die kommenden Wochen kaum überstehen können. Dann erst dachte ich an „Bad“, an die Notwendigkeit von heißem Wasser, an eine Toilette. Und an einen Schrank. Oder ein Regal. Oder ähnliches. Notfalls konnte ich aus dem Koffer leben.
Ein Schreibtisch wäre wundervoll, fing ich zu träumen an. Zumindest irgendein Tisch, an dem man essen, arbeiten oder einfach nur sitzen konnte. Also auch einen Stuhl. Und natürlich Steckdosen, Licht, ein Fenster. Uff.
An eine Küche hatte ich noch nicht gedacht, doch als mir „essen“ durch die Gedanken krabbelte, stellte ich die große Frage: Was würde ich essen? Eine Küchenzeile wäre perfekt. Also ein bisschen Herd, ein bisschen Waschbecken, ein bisschen Telleriges, Besteckiges. Und ein Kühlschrank. Und.
Ich hielt inne. Starrte auf die vor mir liegende Liste potentieller Mietbarkeiten. Auf die Zimmerpreise. Auf die mangelhaften Angaben zur Ausstattung. Und dachte an mein Budget, besser: an die 200 Euro, die mir mein Arbeitgeber monatlich zur Verfügung stellte, damit ich hier in der Kleinstadt nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen konnte. Zumindest vorübergehend.
Das Budget würde nicht reichen, stellte ich fest. Ich würde zuzahlen müssen, stellte ich fest. Ich würde nicht nur die allwochenendliche Heim- und Rückreise zahlen müssen, sondern auch noch den Luxus, nicht nur hausen, sondern tatsächlich wohnen zu wollen.
Ich starrte auf die Liste, rief an, sprach auf Anrufbeantworter, bekam Absagen. Dreißig Minuten später hatte ich ein Zimmer. Mit Bett, Internet und allem.
Für exakt 200 Euro.
Ich stand gerade vor dem Spiegel und betrachtete kritisch mein Äußeres, als mich der Weihnachtsmann besuchte
„Hohoho!“, sagte er mit tiefer, warmer Stimme, und es fühlte sich ein bisschen an, als käme ich nach Hause.
„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“, fragte er mich, ohne lange zu zögern.
Ich zögerte auch nicht lange. Diverse Wunschzettel hatte ich bereits mit diesem einen Wunsch befüllt. Er lag mir auf der Zunge, glitzerte in meinen Augen, schwebte in jedem Wort, das ich sprach:
„Ich wäre gerne wunderwunderschön!“
Der Weihnachtsmann sah mich, musterte mich von oben bis unten. Seine gütiger Blick wurde kritisch, doch ich fühlte mich nicht unwohl, sondern vielmehr wie … gestreichelt. Es war, als krabbelten drei Meerschweinchen über mich hinweg.
Dann war es still. Der Weihnachtsmann hatte aufgehört, mich anzusehen und dachte nun nach. Unter der flauschigen, roten Bommelmütze bildete seine Stirn eine tiefe Denkerfurche.
Zeit verging, rannte davon, neue Zeit kam herbei, verging ebenfalls.
Dann nickte der Weihnachtsmann.
„Du warst in diesem Jahr besonders artig. Daher werde ich dir deinen Wunsch erfüllen.“
Sein weicher Lederhandschuh fuhr über mein Gesicht. „Schließ die Augen.“, sagte der Weihnachtsmann, und ich hörte das sanfte, gütige Lächeln, das in dieser Aufforderung steckte.
„Wenn du die Augen wieder öffnest, wirst du wunderwunderschön sein.“, versprach der Weihnachtsmann.
„Eins.“
Der Weihnachtsmann hatte zu zählen begonnen.
„Zwei.“
Ich fühlte ich warmes Kribbeln in meiner Brust.
„Drei.“
Ich öffnete meine Augen. Blickte in den Spiegel.
„Aber…“, sagte ich, schaute auf mein Spiegelbild, schaute auf den fröhlich lächelnden Weihnachtsmann, schaute wieder auf mein Spiegelbild.
„Ich sehe ja aus wie du!“
Der Weihnachtsmann nickte. „Wunderwunderschön“, sagte er zufrieden.
Er hatte recht.
Eines Tages begegnete ich einer Weihnachtskarte.
Vielleicht hatte jemand sie liegen gelassen, vergessen. Vielleicht hatte jemand sie einfach nicht gemocht und einfach an erstbester Stelle unauffällig entsorgt.
Die Karte jedenfall wirkte traurig. Sehr traurig sogar. Zwei kleine tränenfeuchte Flecken wellten bereits das Papier, und es lag mehr als nahe, besorgt zu fragen: „Geht es dir gut?“
„Nein.“, schniefte die Weihnachtskarte. „Mir geht es gar nicht gut.“
„Was ist denn los?“
„Ach.“, sagte die Karte. „Eigentlich nicht viel.“
Die Karte schniefte erneut. Das Papier wurde feuchter.
„Es ist nur … Ich fühle mich nutzlos. Ich liege hier, und niemand braucht mich. Ich fühle mich so unendlich leer.“
Die Weihnachtskarte blickte mich an.
„Ich wünschte, jemand würde diese Leere füllen.“
Die Karte schniefte ein drittes Mal.
„Ich wünschte, jemand würde mich beschreiben.“
Ich betrachtete die Weihnachtskarte. Sie war wirklich hübsch. Das Papier war fest, hochwertig und hatte Struktur. Auf der Vorderseite war eine dicke Schneeflocke mit riesigen Kulleraugen abgedruckt, die „Frohe Schnei-Nachten“ rief. Im Inneren befand sich nichts, nur eine riesige weiße Fläche, die sehnsüchtig darauf wartete, dass jemand sie mit Buchstaben und Wörtern füllte.
„Okay.“, sagte ich zu der Weihnachtskarte. „Ich werde dich beschreiben.“
„Wuhuu!“, freute sich die Karte und drehte mir ihre Innenseite zu.
„Du bist eine Weihnachtskarte im Format DIN A6, einfach gefaltet, aus schwerem Papier, vermutlich 210 Gramm pro Quadratmeter. Auf deiner Vorderseite befindet sich ein hochwertiger Vierfarbendruck, der niedliche Schneeflocke zeigt…“
Ich redete ungefähr 23 Minuten lang.
Ich hatte ein Talent für Beschreibungen.
Eines Tages begegnete ich einem Pups.
Er roch nicht sehr gut.
„Tut mir leid.“, sagte der Pups leise. „Ich rieche nicht sehr gut.“
Ich wollte antworten, doch war zu beschäftigt damit, die Luft anzuhalten.
„Ich kann nichts dafür.“, sagte der Pups.
Ich zuckte mit den Schultern. Viel mehr blieb mir nicht übrig.
„Wenn es nach mir ginge“, fuhr der Pups fort, „würde ich nicht stinken. Sondern ich würde wunderschön duften.“
Ich nickte langsam.
„Genau!“, bestätigte sich der Pups. „Ich würde gerne weihnachtlich duften.“
Prustend atmete ich aus. Ich konnte mich nicht länger zurückhalten.
„Du duftest bereits weihnachtlich!“, erklärte ich.
„Waas?“, fragte der Pups, und ein dicker Stinkschwaden kroch in meine Nase.
„Naja.“, sagte ich. „In der Weihnachtszeit essen die Leute besonders viel und besonders schwer. Logischerweise müssen sie dadurch auch mehr pupsen.“
Ich widerstand dem Drang, mir die Nase zuzuhalten.
„Es gibt also nichts Weihnachtlicheres als Pupse!“
„Wuhuu!“, freute sich der Pups und umarmte mich innig.
Ich hielt erneut die Luft an.